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Wiener Morgenzeitung · 1922-12-12 · Heft 1379 (12.12.1922) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
4 (1922)
Issue
Heft 1379 (12.12.1922)
Date
1922-12-12
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Der Rektor der Wiener Universität eröffnet in der „Reichspost" die öffentliche Diskussion über die bekannten Forderungen der deutscharischen Studentenschaft, wonach Juden, zu akademischen Funktionen überhaupt nicht, zur Ausübung des Lehramtes und als Hörer nur zu 10 Prozent zugelassen werden dürfen. Ein anderer Rektor hätte diese Frage nicht öffentlich besprochen. Er hätte doch einige Rücksicht auf, Takt gelegt und es vermieden, während seiner Amtszeit'sich in das Getriebe der politischen Parteien hineinzustellen. Dieser Rektor aber sindet es mit der Würde seines Kleides für vereinbar, auf dew Närki zu gehen. Er spricht eine Ansicht aus, die sich im Munde eines Mannes der Wissenschaft zumindest befremdlich ausnehmen würde. Da aber die Wissenschaft diesen Diener sehr wenig kennt, so mag es ' hingehen, daß der Rektor sich die Nomenklatur des Lerpr ziger „Hammer" und des „Völkischen Beobachter" in München ganz zu eigen macht. Er hält es erstens für begreiflich, daß die Studentenschaft nur einen deutschen Gelehrten „arischer Abstammung" zum Rektor gewählt wissen will, er sindet zweitens den Wunsch der bodenständigen' deutschen Studentenschaft begreiflich, Vorlesungen nur bei deutschen Professoren zu hören und er sindet es Drittens für notwendig, die Zahl der ausländischen jüdischen Studenten aus Polen, Rumänien und Rußland „aus legale Weise" einzuschränken. Dies sei um so eher gerechtfertigt, als die polnischen Universitäten selbst die Zahl der jüdischen Studenten auf einen sehr geringen Prozentsatz beschränkt haben. Das ist zwar nicht wahr, dient aber, dem Rektor.als Begründung für seinen Schlüß'/Haj der Universität Wen Wviß nicht zu- Ä WMn Hstne, „daß.sie - landsremde Elemente die M eigener Staat nicht zum Hochschulstudfmn.zuläßt". Ein 'anderer Rektor würde gerade solchen Opfern politischer Hetze die Hochschule öftnen. Dieser Rektor aber ist mit dem Rowdytum der ganzen Welt solidarisch. Wie überhaupt ' seine ganze Wissenschaftlichkeit, wenn sie vorhanden sein sollte, hinter dem offenen Bekenntnis zum Parteimann znrücktritt. Man höre, ein österreichischer Rektor beklagt es: . . es dürste schiver sein, Abhilfe zu schaffen, so lange infolge der gellenden Habilita tionsvorschristen ausschließlich die wissenschastiiche Qüalisikatton maßgebend sein darf." Ein Mann der Wissenschaft dürfte ja gar keine andere Qualifikation als maßgebend anerkennen. Dieser Rektor fteilich ist kein Mann der Wissenschaft, fottbetit das Gegenteil. Wie man sieht, verschmäht es der Rektor, die durch Stellung und Eid gebotene Objektivität feftzuhalten. Er fällt nicht aus dem Rahmen, den ihm die Hintermänner seiner Paradearier gezogen haben. Er hat den ganzen Entwicklungsgang getreulich durchgemacht. An der Exportakademre hatte , ein jüdischer Hörer die Verwendung von Hilfsgeldern nach gleichem Maß verlangt. Als er von einem Arier deshalb beleidigt wurde, beleidigte er diesen. Er wurde gerügt. Zlber die Arier fanden Plötzlich, daß dieser Sachverhalt hinreiche, das deutsche Voll in Gefahr zu sehen, und sie rannten zuni Rektor der Universität. Dieser rügte die gesamte..jüdische Studentenschaft, auch die der Universität, die an der Sache gar nickst beteiligt war, und erklärte gleichzeitig ein ihm vorgelegtes Memorandum über den Numerus clausus als die geeignete Grundlage für weitere Verhandlungen. Als dann die Nachricht auftauchte, der Verein zur Erhaltung der Wiener Universität wolle entsprechend der Haltung dieses Rektors seine Sammlungen einstellen, steckte der Rektor um und ließ — wo denn sonst? — in der „Neuen Freien Presse" versichern, er habe gleich gesagt, die Forderungen der völkischen Studentenschaft' seien unmöglich; als dann berichtet wurde, der besagte Perein habe über - die Anregung, die Unterstützung einzusteÜen, bloß erst diskutiert, steckte der Rektor wieder um. Das Substrat dieses Umsteckens ist der hier zitierte Artikel in der „Reichspost". Sollte der genannte Verein seine Diskussion mit dem Beschluß auf Einstellung feiner Tätigkeit beendigen, so darf man schon heute darauf neugierig sein, was Herr Diener unternehmen wird. Wie immer er sich aber entschließen wird, fest steht, daß sein Charakterbild kein schwankendes ist. Er ist aber in dem in der „Reichspost" entwickelten Gedankengang nicht so logisch, wie man dies bei einein Rektor wohl fordern dürste. Er will den Abbau der Ostjuden, deren „Kultur, Bildung und Moral tief unter jener der bodenständigen deutschen Studentenschaft stehen". Man Hai zwar noch nie etwas davon gehört, daß ostji'ldische Studenten eine fremde Mensa überfalle» Me deutschen ReparatunsvUschliige Frankreich derlangt die Besetzung der Main-Linie und der Rnhrlohlen- Metes. London 11. Dezember 1 Uhr mittags. (Reuter.) Die alliierten Minister haben die Vorschläge der deutschen Regierung betreffend die Wiedergutmachungen abgelehnt. Me Londoner Konferenz unterbrochen — Fortsetzung in Paris. L o ndon, 11. Dezember. (Hadas.) Die Nachmittagssitzung der Konferenz war nm 6 Uhr zu Ende. Die Kon f e r e n z b e r a t u ng e n wurden unter b r o ch e n. Erst am 2. Jänner 1923 werde.n sie in Paris Wiede r a u f genommen, wo dann eine B e rft ä n d i g nn g e r f o l g e n soll. Unmittelbar darauf wird eine umfassendere Konferenz stattfinden, bei der die kleine Entente v e r t r e t e n sein wird. Der Ort der Tagung wird wahrscheinlich nicht London, sondern Paris sein. War PoiyWe ioaert. . - Lon d o n, 11. Dezember. (Wolff.) Nach dem diPlomatifchPU PWHterstrchter des „Observer" waren die beidSG^Haupthindernisse, auf die man bei der gestrigen Konferenz stieß, die französische Forderung nach der Main-Linie und nach dem Rnhrkohlengeviet sowie der Streichung dev interalliierten Schulden. Bonar Law habe einem der schwierigsten Probleme gegenübergeftanden. Die gestern von Poincarc zunächst unterbreiteten Vorschläge hätten von der britischen Regierung nur um den Preis einer europäischen Katastrophe angenommen werden können; doch sei die Alternative, sie zurückzuweisen und mit Frankreich zu brechen, ebenso unmöglich gewesen. Es habe sich daher die Frage ergeben, ob ein Kompromiß gefunden werden könne. Eine Brüsseler Konferenz werde nicht stattfinden, wenn die Alliierten auf der Londoner Konferenz sich nicht einigen und nicht eine gemeinsame Politik Deutschland gegenüber beschließen können. Die Brüsseler Konferenz könne daher, falls sie stattfinden sollte, nichts weiter sein als die Uebertragung einer in London beschlossenen Politik in die diplomatische Form. Es könne als sicher angenommen werden, daß ein Moratorium von mindestens zwei Jahren werde garantiert werden. England gegen die stanMchm BesetzvngrpMe. S o tt d o n, 11. Dezember. (Wolfs.) Wie der „Daith Telegraph" «reldet, ist die Konferenz der vier Premierminister in ein ernstes Stadium getreten. Poineäre habe gestern keinerlei Neigung gezeigt, seinen Plan, die baldige Besetzung des RtthrgeVietes, aufzugeben. Sein Standpunkt sei, daß die Politik der Besetzung des Ruhrgebietes durch eine alliierre Aktion oder sogar durch eine alleinige Aktion Frankreichs von ihm. nicht aufgegeben werden könne, ehe nicht eine andere Garantie seitens Deutschlands gegeben werde. Bonar Law habe Poineäre klar und endgültig' erklärt, daß die'britische Regierung und die britische öffentliche Mei° und dort die Teller zerschlagen hatten; es' ist rwch me vorgekommen, daß ostjüdische Studenten ein Mädchen unter/.Pezug auf feine geschlechtliche Ehre beschimpft hättest. Auch dürfte ihre allgemeine Bildung mit jener der Abiturienten aus einem Gymnasium des MühlkreisvierLels noch einen Vergleich anshalten. Aber jei's drum. nung sich dem von Poineäre vorgeschlagenen Plane vollkommen widersetze. MMolinis BorschMe. Paris, 11. Dezember. (Havas.) Wie „Matin" aus London erfährt, mache Ministerpräsident Mussolini den Vorschlag, die deutschen C-Bons und die interalliierten Schulden Zug nm Zug zu annullieren. Wie „Petit Parisien" ans London meldet, habe Mussolini dem Ministerpräsidenten Poineäre die Beschlagnahme der deutschen Staatswälder sowie der staatlichen Bergwerke vorgeschlagen. Poineäre habe ihm seinen Dank ausgedrückt, aber darauf hingewiesen, daß die Pfänder, die im letzten August bei einem Moratorium von einigen Monaten genügt hätten, bei einem langfristigen Moratorium ungenügend wären. tziu stanMMr MtlratkvMbeücht. P ar i s, 11. Dezember. Die Ageuee Ha» väs meldet aus Londons Die Premierminister werden ersi-nachmittaas znsammentreten. Man glaubt, daß die Konferenz infolge her parlamentarischen Verpflichtungen Bonar Laws heute abends oder morgen vertagt und entweder vor Ende Dezember oder zu Beginn des Jänner in London oder Brüssel oder Paris unter Mitwirkung der kleinen Entente wieder ausgenommen werden wird. Die Alliierten werden die Antwort auf die deutsche Rote für den 16. Jänner, dem Zeitpunkt der nächsten Fälligkeit^ abfassen. Da die Gewährung eines Moratoriums s i ch e r e r s ch e i u t, wird es dann zur Besetzung -er Ruhrkohlenbergwerke kommen, die Poineäre als unerläßliches Gegengewicht und als Unterpfand der Loyalität des Deutschen Reiches bei der Durchführung der Finanzreform verlangt. Es scheint nicht, daß man die von „Daily Telegraph" der belgischen Delegation zngeschriebene Lösung in Erörterung ziehen wird, wonach eine „elastische" Besetzung des Rheinlandes und stufenweise Räumung desselben stattfinden soll, je nachdem Deutschland seine Verpflichtungen erfüllen würde oder nicht. Diese Lösung würde auf den Widerstand Poineares stoßen und auch die Zustimmung Bonar Laws nicht finden. Irr erwartete Beschluß des englische» Ministerrates. Paris, 11. Dezember. (Tel.-Komp.) Nach dem Verlauf der gestrigen Sitzung der Londoner Konferenz wird das Ergebnis des englischen Minifterrates mit größter Spannung erwartet. Man glanbt hier, daß Poineare die Besetzung des Rnhrgebietes fallen lassen wird, wenn ihm von englischer Seite bestimmte Zugeständnisse gemacht werden. Die Rnbrbesetzung würde ohnehin automatisch in Kraft treten, wenn Deutschland mit der Durchführung seines Sanierungsprogramms im Verzüge bliebe. Der französische Stand-- Punkt hängt wesentlich davon ab, wie weit England zur Streichung der französischen Kriegsschulden bereit ist. Se. Magnifizenz will sie nicht. Was hat dies aber mit der Dozentur zu tun? Es hat an der Wiener Universität jüdische Professoren gegeben — und sie standen wissenschaftlich durchaus höher als Herr Diener —, die aus dem Osten kamen. Aber selbst dies aus der Betrachtung ausgeschieben — weshalb dann die bittere Klaasüber

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