Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- Heft 1377 (10.12.1922)
- Date
- 1922-12-10
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seile 9 Dien, Sonntag Lvrener NMsenzerr««-. w.-L)e?>ewoer cv'-2 m: W*"- f «juv «’w» h Von Prof. Artur Freund.*) III. Mt dieser Konstellation der Dinge wirk such, die künftig! Zionistische Politik rechnen müssen. Die englischen Staatsmänner-im Kabinett Aoyd Georges haben sich trotz aller Schwierigkeiten bemüht, ihrer prozionistischen Politik die Treue zu wahren. Aber die Umstände, stärker als ihr guter Wille, haben sie zu einer Taktik der mittleren Linie und der Interpretation gedrängt, welche die Balfour-Erklärung In ihrem Inhalt abzirschwächen sucht, um sichs mit tten Arabern nicht zu verderben. Die Politik Sir Herbert Samuels, die in dem englischen Weißbuch Chmchills zum Ausdruck gebrachte Tendenz — all dies spricht eine deutliche Spmche. Der Ausgleich mit den Arabern, eine jüdisch-arabische Verständigung, ist also nicht nur eine absolute Notwendigkeit für den Zionismus, welcher die Verwurzelung eines starken jüdischen Kerns in der asiatischen Heimat zum Ziele hat, sondern auch eine Aufgabe, die keineswegs ihre Spitze gegen England kehrt. Die Lösung dieser unumgänglich nötigen Aufgabe setzt die Durchdringung der zionistischen Masten mit einer bestimmten und deutlich ausgeprägten Ideologie voraus. Wir müssen mit der unsinnigen und naiver: Vorstellung brechen, die dem Zionismus die Aufgabe des „Wächters -am Suezkanals" zumeist, eine Mission, die anszufübren er in absehbarer Zeit nicht imstande sein wird und deren Formulierung eine Spitze gegen die Volker des Ostens enthält. Eine von England keineswegs gewollte Hyperloyalität um jeden Preis und selbst gegen die zionistischen Interessen ist keineswegs die Zweckbestimmung der zionistischen Politik, die den Einklang mit den Völkern Asiens suchen muß. Eine wirkliche Formel für die sogenannte Verständigungspolitik mit den Arabern wird sich wohl schwer aufstellen lasten, aber die Voraussetzung dafür bildet auf zionistischer Seite das Aufgeben jener Anschauungen und die Abkehr von jenem falschen Knlturdiinkel des Europäers, der' in dem „Eingeborenen" ein Wesen minderer Art sieht. Diese geistige Assimilation au Europa, das unbewußte Kopieren einer Art von Rassentheorie, ft-eht den Zionisten wahrlich schlecht genüg an, „Panasörtisrnus" mag ein von Eafehcmsliteralen in Mißkredit gebrachtes Wort'sein; soferne es die Forderung nach Schaffung einer die Juden umfassenden asiatischen Kultürgemeiickchaft. deren Voraussetzung, gewiste Brüderlichkeits- und Gefühle geistiger Solidarität bilden-müssen, meint, wird er als Programm nicht zu umgehen sein. Der Chaluz, der nach Paläste kommt, muß esvermeiden, sich, gestützt auf Balsour-Erklärung und Mandat, als „Eroberer" - zu fühlen und die Araber als „Eindringlinge" anzusehen, in welchem Gefühl sich gegenwärtig beide Teile begegnen. Bei dieser geistigen Umorientierung, die nur ein Produkt der Erziehung in Europa sein kann,' wird man auf sozialistischzionistischer Seite auch gern auf äußere Manifestationen verzichten, die in jenem.Milieu gegenwärtig leicht störend wirken, ohne daß darum der Gesinnung irgendwie Abbruch geschehe, und man wird sich durch die Erlernung des Arabischen bemühen, durch direkten Verkehr mit allen Bevölkerungsschichten eine Sphäre des Einverständnisses und des menschlichen Vertrauens zu schaffen, deren Fehlen bisher so schädlich geworden ist. . Die zionistische Politik der Vorkriegsperiode hat die Notwendigkeit begriffen, in Konstantinopel eins polilische Expositur zu etablieren und zir erhalten; gegenwärtig besteht eine-solche bloß in London, während es notwendig wäre, in Jerusalem und Cairo, in Damaskus und in Metra;zionistische Agenturen .zu. errichten. Die Politik der Verständigung mit den Arabern ist über den ersten Ansatz nicht hinweggekommen, als den man den Beschluß des Karlsbader Zioniflenkongresses ansehen muß. Auch diese Resolution an sich ist schon von Bedeutung, aber sie bleibt ohne Wirkung, wenn nicht mit der Realisierung des darin enthaltenen Programmes begonnen wird. Alle künftige Tätigkeit wird systematisch darauf einzustellen sein, daß der Zioiismus als Wegbereiter der neuerwachenden vorderasiatischen Kultur und Wirtschaft in den Orient ernziehen will. Diese Formel umfaßt ein ungeheures Programm und eröffnet eine Politik auf weiteste Sicht. Es wäre aus die Dauer verhängnisvoll, sich völlig «inseitß; auf die Maudatarmachl zu stützen und die Realitäten schlankweg zu übersehen. Denn auch die Form des Mandats ist nur als Urbergaugsform gedacht, die 'gelten soll, bis das Land zur Selbstregierung genügend entwickelt ist, und die während der Weltkompagne abgeführte politische Diskussion in England, in welcher Vorschläge zur Liquidierung des „valäsnuensischm Experiments" nicht fehlten, kann, wenngleich jene Forderungen bloß als Wahlpropaganda geioertet zu werden verdienen, darüber belehren, wie kurzatmig und gefährlich eine Politik wäre, welche die Araber völlig als Quantite negligeablc ansehen wollte. In Palästina und dem übrigen Orient bietet sich dem n.Nenvaclfeirden jüdischen Genius der weiteste Spielraum: Eine Voraussetzung für ein» gedeihliche Arbeit bildet die völlige Ausmerzung jener Ideologie, die sich in der „Wacht am Snczkanal" ihre typische Formel geschaffen hat. 3. d. *) Siehe Nr. 3370 der „Wiener Morgenzeitung" vom f Werbet AbormentensAdie I,.Wiener MMMÜMN" Dir in Paris erscheinende, den Interessen der Inden auS Rußland gewidmet« Zeitschrift „8a Tribüne Juive" veröffentlicht intcressante persönliche Erinnerungen von N. S o r i n über den Feldzug der Sowjets gegen die Religionen, in welchen manches bisher unbekannte Detarl zutage kommt.. Im Marz 1921 wurde.S o r i n, wie er erzählt, in Jekaterinodar im Kubandistrikt vor dcm dortigen Direktor des Justizdepartements Krasnüschkin, dem er als einer der Rechtssachverständigen beigegeben war, berufen, der ihm kategorisch'erklärte: „Ich habe die Trennung der Kirche vom Staat durchzuführen begonnen, wie sie seinerzeit in Frankreich von Combes und Waldeck-Rousseau durchgefÜhrt wurde. Meine Aufgabe ist schwer, ich muß alle Kirchen meines Distrikts, die rechtgläubigen und die anderen Plündern. Ich werde mit den Synagogen beginnen, damit die Bevölkerung nicht sage,' daß die Plünderung der Kirchen ein Werk der Jude» sei. Die Moscheen darf man nicht an rühren, ich habe* Geh ei mbefehlausMoskau, die Mohammedaner in Frieden zu lassen. Die Regierung von A n g o r a hat der uuserigen erklärt, sie würde die mit uns geschlossenen Verträge annullieren, wenn wir die Mohammedaner behelligen und würde'-' üns den heiligen Krieg erklären. Dies ist auch die Ursache, weshalb wir erklärt haben, daß die Priester sämtlicher Bekenntnisse zu öffentlichen Arbeiten verpflichtet sind, mit Ausnahme der mobammedanischen. Ich werde demnächst die Synagoge von Jekaterinodar aufsuchen und die Juden verdrängen. Jetzt brauche ich Sie für ein andere Sache. Um die Trennung der russisch-orthodoxen Kirche vorn Staat in Angriff nehmen zu können, habe ich der Tscheka (revolutionäre Geheimpolizei) den Auftrag gegeben, die angesehensten Mitglieder des Diözesanrates zu verhaften. Ihre Inhaftnahme hat das ganze kirchliche Leben lahmgelegt. Die Orthodoxen haben Angst, neue Wahlen vorzunehmen, und ohne Kirchenrat werden die Popen nicht mehr' ihre Bezüge erhalten, das gesamte kirchliche Leben wird unterbunden sein . . . Ich habe mit der Durchführung meines Planet schon ZU -einer Zeit begonnen, als die Mitglieder des Kirchenrates, die sich--dPlM.ZM.,.hr- Freiheit befanden, an has Rechtsdepartemenr ein besuch richteten, mit der. Bitte, sie wissen zu lassen,' ob die orthötzoxe Kirche nach den in Kraft befindlichen Erlässen und Verfassungsbestimmungen noch ein Existenzrecht besitze. Ich hätte dieses Gesuch in den Papierkorb geworfen, wenn nicht einzelne kirchenfreundliche Herren im Departement gedroht hätten, die Sache nach Moskau zu berichten. Ursprünglich wollte ich diese Arbeit Ihrem Kollegen M a l j a n 1 o w i t s ch, ehemaligem Justizminister, anvertrauen, obgleich er ein schlechter Marxist ein Menschewik, aber immerhin Marxist ist. Aber, weiß Gott, was dieser zusammenschreiben würde! Ich habe auch, an B e r n st a n, ehemaligem Vizepräsidenten der Advokatenkammer von Petrograd gedacht, aber dieser entsprach noch weniger, da er der volkssozialistischen Gruppe, der Partei der kleinen Borgeoisix angehört. Was nun Sie betrifft, so werden Sie wohl, obgleich Sie Jude sind, eine geharnischte Antwort zu verfassen wissen. Ich empfehle Ihnen vorher die Zeitschrift „Revolution und Kirche" zu lesen, die von ihrem früheren Kollegen, dem Petersburger Advokaten K r a s s i k o w redigiert wird. Er ist ein genauer Kenner dieser Materie. Ich gebe Ihnen eine Woche Zeit für die Verfassung dieser Rechtsbelehrung."' - Ich erlaubte mir, dem Nachfolger von Eombes und Wald'eck-Rousseau einige. Einwendungen zu machen, allerdings mit der gebotenen Vorsicht, da ich es nicht außer Acht ließ, daß mein Gegenüber ein sehr mächtiges Mitglied der Tscheka ist. Was die Synagogen betrifft, so legte ich ihn: dar, werde die „Reform" keinerlei Erfolg erzielen, da die Sowjetnmcht hier offene Türen einrenne. Die jüdische „Kirche" war Lereitsirn alten Regime separiert, sie ff u Berlin, 6. Dezember. Das Twillen der monarchistischen Reaktion und der naiionassozialvstisch-ant'isemitvschen HaLenkrouzler in der bayrischen ,/Ordmuiigkzelle" lenkt schon seit längerer Zeit die Anij'merffani.keit aller fortschrittlichen Elemente in Deutschland auf sich. Die Nachrichten von einem bevovstcheniden Putsch der Rcaiktion wollten in den letzten Tagen nicht verstummen und die Dementis aus Rogiernngskreisen waren nicht imstande, dieses Mißtrauen zu bannen. ES bleibt für bayrische Zustände charakteristisch, daß sich der seit Jahr und Tag steckbrieflich verfolgte Ehrhardt ungeschent in Bayern hevmntveillen durfte und keinerlei Bedenken trug, von Bayern ans sein« Fäden zu spinnen, um nichts weniger als einen allgemeinen Umsturz vorznllereiten. Ein Unternehmen, daS keineswegs an Teutfch'andS Grenzen halt machen sollte. Die bayrischen HakeiiEreuzumsturzler halten Beziehungen zu allen möglichen veaftionäven Kreisen und Parteien und hallen in Wiener -leichgssinnten Kreisen gute. Fvermde, was durch eine ihrer letzten Veranstaltungen Wk.mneMxt wivd^ «tf der der Wiener Anführer der SfofcJ erhält heute ebensowenig eine Subvention vom Staat» wie damals. Die „Plünderung" der Synagogen werde sich nicht als einträglich erweisen, da die Synagogen keinerlei wirklich wertvolles Objekt besitzen. Dazu kam noch, daß ich. nachdem die Sowjetmacht die Synagogen von Jekaterinodazj bcsi ihrem Feldzugsplan übersehen hatte, mich bis zu einem gewissen Teile an der Bildung von „gläubigen-Gruppen" aktiv beteiligte. Die gläubig«» Grupppm wurden als juristische Personen angesehen; mit denen die Exekutivkomitees eurer ftden Stadt im Sinne eines Sondererlasses Abmachungen betreffend die Uebergabe der Synagogenverwaltung und per Synagogen guter in ihre Hände treffen können. Auf solche Weise hätte die formelle Trennung der Synagogen vom Staat ohne Reibung durchgeführt werden können. Krasnüschkin erwiderte mir, daß ich wohl juristisch recht haben mag, daß aber „das Leben Mächtiger sei als die Form" und daß die Plünderung der Synagogen aus innerpolitischen Rücksichten notwendig sei. Dieser Kommunist führte die Sprache P i eywes. Ich wendete noch ein, daß es wenig überzeugend wirke, wenn ein Jude eine Nechtserklärurrg über die Rechte der orthodoxen Kirche schriebe, alles war nutzlos. Die Tatsache, daß ich Jude war, schien ihm im Gegenteil für den Fall von Vorteil zu seiw ' ■ .« Ich mußte also eine Note verfassen, die jedoch, bis sie fertiggestellt war, sich zü einer förmlichen Verteidigungsschrift für die Existenzberechtigung der orthodoxen Kirche gestaltete. Ich las meine Arbeit meinen Kollegen vor, die sie gut -hießen. Der Direktor des Justizdepartements jedoch schnaubte vor Wut und drohte, mich verhaften zu lassen Drei Tage später erhielt ich den Besuch eines Unbekannten, der sich mir als der Sekretär des Bischofs von Jekaterinodar vorstellte, und mir dessen Dankesausdrücke und Segenswünsche überbrachte. Ein Funktionär des Departements, von dessen Bewohnern 99 Prozent Antibolschn wiken waren, bekam im Bureau des Direktors meine Abq Handlung zu Gesicht, übersandte eine Abschrift an den Bischof, indem er die Erklärung hinznfügte, daß diese Arbeit von einem Juden verfaßt wurde, und gab auch die Umstande, unter denen sie zustande kam, bekannt.- Wir kamen aus die Rolle der Juden in der Revolution, auf dwMöglich. keit künftiger Pogromen und dergleichen mehr zu sprechen. Ich war ganz überrascht, zu hören, daß mein Besucher meine Ansichten vollkommen teilte und über den Gegenstand Gedanken entwickelte, wie sie ein Jude nicht anders hätte auseinandersetzen können. Kurz, der Bischof erblickte in der Tatsache, daß ein antikommunistischer Jude die russische Kirche verteidigte, ein Unterpfand dafür, daß iry künftigen Rußland die Judenfrage gewissenhaft gelöst werden wird. Nach einiger Zeit gelang es mir, nach Moskau zu entkommen. Aus Furcht vor „Unannehmlichkeiten" verheim. lichte ich selbst meinen Freunden in Jekaterinodar meine Adresse. Wie groß war nun meine Ueberraschung, den Besuch eines Mitgliedes per KirchenrateS dieser Stadt zu empfangen. Es stellte sich nun heraus, daß die jüdischst Tscheka-Lente, empört darüber, daß ich die Synagoge von Jekaterinodarvor einer Plünderung bewahrte, sich für meine unbedeutende Persons internieren. In der Umgebung des Bischofs hingegen war mau der Meinung, daß die Nachforschungen der Tscheka darauf zurückzuführen seien, daß ich die russische Kirche Verteidigt habe, und man beschloß, mich durch rechtzeitige Warnung zu retten. Um der mir drohenden Gefahr züvo^llkommen, wurde ein Sonderbote nach Moskau entsendet, wo er nur unter großen Mühen mein Quartier ausfindig machen konnte. Der Kirchenrat erachtete es M eine Ehrenpflicht, einen Juden, der die verfolgte ruffische Orthodoxie offen und freimütig verteidigte, vor der ihm drohenden Gefahr zu retten. tionalsozialisten Dr. Riehl, der Gefolgsmcmn Wallers/ das Wort ergriff. Es Mcht den Eindruck, als wäre selbst den MimchÄver MachtihuDern das tolle Tvekben zuletzt einigermaßen gefährlich geitvooden; anders kam man sich nichts gut die Tatsache erklären, daß es endlich, bald nach Amtsantritt eims rechtsorientierten Kabinetts, gelamgen. ift,! des so lange verfolgten Ehrhardt habhaft, zu werden, was unter -der Ministerschaft mehr als eines Bürgerlichen oder sozialistischen Linken sich als unnrägilich erwies. Selbstverständlich treibt die schärfere Tonart, welche in der letzten^ Zeit von Frankreich ackgoschlagen wich, die Dvohnn-g der Besetzuln>g des RuhrUellietes und die Slchneforderung fiir die Exzesse gegen Ententeoffiziere, neues Wasser auf die ALühlen der Hetzer. So veranlstalleten die Nationalsozialisten vor einigen Tagen in den größten Sä'len Münchens Maffenversinnml-umgen, m denen gegen die Drohung Poinoares, das Ruhv-- gelllet zu besetzen, protestiert werden sollte. Me zu evwvrten war, gestalteten sich di<r ÄeranstaltnMn zu wüsten atttislnritischen KundFebungen. Der Führer der Nationalsozialijten Adolf Hitler flthr rm Auto von Versamnllung zu! NeriMMnllir« nsid ibellMptete in semeu AnLvvächert» die Na-^