Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- Heft 1363 (26.11.1922)
- Date
- 1922-11-26
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1363 Wien, Sonntag rechts nicht 'versäumen ivollen, «und uttt fetait Wohltvollen jener Demokraten, di-e in erster Linie bürgerliche Geschästsinteresseupolttik betreiben und dam» erst an ihre VemokrMche Gesinnung Lenken, so wird mit dem einhelligen V-ertramn aller Novem- >bechLNwkvaden die bisherige Fühluirgnahmv der einsichtigen bürgerlichen Kreise mit der deutschen Arbeiterschaft abgebrochen Lnd ein ausgesprock)eu bürgerliches Kabinett ausgestellt. Die schärfste Opposition der Sozialdemokratie ist ä>ic Folge dieser Politik. Hat Wirch m den Tagen nach der Rathenan-Ermordnng dcis Losungswovt aller ehrlichen Demolvaten in der Parole „Der Feind stcht rechts!" gesunden, so mird — voraussichtlich nicht mit Unrecht — bald der Aittvalt der Rechtsbourgeoisie, Hrrr Cnno, mit der Losung „Der Feind steht links!" auswarten können. So sorgt die deutsche Bourgeoisie für die' RävWlisi>mmg der Arbeiterschaft und die Mm'k weiter. Der Mntagsminister. Cunos Eruährnngsminister znrückgetreten. Berlin, 25. Roverniber. Wie im Reichstag verlautet, ist der neue ReichsernährmMnttmstsr Müller zurückgetveten. Minister Müller, bisher Direktor der agrarischen Bauernbanken, in Bonn, stand an der Spitze der rheinländischen Separatisten. Er'leitete die Betvegung zur Schaffung einer rheinischen SonderrepiEk und es besteht der VeBacht, dag er unter französischem Einfluß ©eftau'ben ist. Müller. Hai sich auch trotz oder loegen seiner: Zugehörigkeit zur Deutschen Bbttspavt'ei offen äks Gegner der deutschen Republik bekannt. Er hat seinen rheinischen Separatismus gnt urit Monarch isnrus zri vereinigen 'getoußt und feine Tätigkeit wurde schon in der A'strigen Sitzung dos Reichstages, unmittelbar nach der Programmredo Cunos, von dm: SozialÄeinokvaten Dr. Brritscheid gerügt. Auch das Zentrum :rahm dlrrch den Abgeotzd- »reten Marx schroff Stellung gegen Müller. Die Reqierungserklärung angenommen. Berlin, 25. dlovember. (Wolfs.) Der Reichstag hat den Antrag der Demokraten, wonrit die Erklärung der Regierung gebilligt wird. Mit großer Mehrhe it angenommen. Gegen ihn stimmten mir die Kommunisten und die kleinen antrsemtischen Gruppen, die llch vor kurzem von der douffchnattonalen Partei abgetrennt haben. Sefterreich. Die Berabschledung der Genfer Gesetze. Hächlsitzung im Nationalrat. Zar einev) bis in die späten Nachtstunden währenden Dauersitzung hat der Nationalrat gestern auch das zweite Gssttzeswert des Genfer Sanierungsprogrammes, das Wioderaufbangesetz samt den Refornr- und Finanz? Programmen, gegen die Stimmen der Sozialdemokraten a n g e n o m m e n. Die Sitzung wurde in zwei Abschnitten durchgefühvti. Anr Vormittag uahnr das Hans, das sehr stark besetzt war, einstimmig den Antrag Seist auf Abänderung Wiener Morgenzeirung, 26. November 1922 Seite 8 Neu lensvjem Aren. I. Scdoitemwg r (Zenfiak Ucrbinauig ««cd »11 « KicMuna«») Bocbxeiten « Diners * Ueranstaltungen üorzöglicbcHücb*'. eigene Konditorei u Ke creien Mdrlmmcr. Pmcfttiäk Livlie Pr<is«i Direktion: Bondy d €o. der Geschäftsordlnmg an. Nach dem Antrag muß die Einberufung des .Hauses binnen vier Dagen erfolgen, wenn sie von einem Viertel der Mitglieder verlangt. wird. Sodann wurde die Generaldebatte über das Wiederaufbäuge setz fortgesührt und nach einem lebhaften Wortstreit zwischen Agrariern rmd Sozialdemokraten beendet. Um sechs Uhr abends begann dann die Speziali^batte, in der die wüstesten Wald- und Wiesenreden gehalten wurden. Der Großdeutsche Dr. U r s i n schwätzte über alles Mögliche und Unmögliche, über, die Spitäler und den Beamtenahbau und meinte dann, uwn müsse endlich mit dem Abbau des jüdischen Geistes beginnen. Präsident Seist rief ihm zu: „Jetzt, nachdem Sie das Geschäft mit den» jüdischen Banken gemacht haben!" Heute soll noch das Gesetz über die Generalvollmacht erledigt und die dritten Lesungen über die Genfer Vorlagen vorgenommen werden, womit der Nationalrat das ganze Sanierungswevk verabschiedet haben wird. Den ganzen Tag über war das Parlamentsgebaude wegen der Demonstration der Kommunisten von einem starken Wacheaufgebot besetzt, das jedoch Wineu Anlaß zum Einschreiten fand. Aus dem Sitzungsbericht wäre folgendes erwähnenswert: Während der Speziäldebatte kam es zu großen Lärmszenen, als der sozialdemokratische Abgeordnete Doktor Deutsch behauptet«, daß die vom Hreresminrster vorgelegten Ziffern über den. Stand der Wehrmacht in Steiermark und Tirol nicht richtig seien. Die Christlichsozialen und Großdeutschen überschütteten Deutsch mt einer Menge beschrmpender Zwischenrufe. Äbgi. Schürf rief Doktor Deutsch zu, er selbst habe als Staatssekretär so hohe Offiziersstände gezüchtet. Heeresminifter V a u g o i n sucht die Differenz zwischen seinen Angaben und denen des Dr. Deutsch damit zu erklären, daß die Angaben des Dr. DÄttsch aus dem September stammen, während er selbst Ziffern von Mitte Noverrcker mitgeteilt habe. Abg. Schürf rief: Deutsch ivrll der Erttente Material in die Hand geben. Diese Worte lösten einen riesigen Tumult aus. Um diese Stunde machte sich bereits die Wirkung des Alkohols, der in nicht geringen Mengen den ganzen Tag über im Parlanlentsresmnrant genossen Ivorden rvar, ziemlich stark geltend. _ . . 1 . Einige Christlichsoziaft schrien ans Deutsch ein: J ud. Jud, Juden bub! Die Sozialdemokraten Sever und Forstner replizierten in kräfttgen Zwischenrufen. Der Lärm im Saal überdauerte die Rede des Heeresministers, und selbst.der nächste Redner, Kletzmaher, konnte sich erst nach geraumer Zeit Gehör verschaffen. Die Sozialdemokratm versuchten im Laufe der Nacht Obstruktion zu markieren und meldeten sich zahlreich zum Wort, so daß sich die Sitzung bis in die Morgenstimdvn hinzog. Gegen die Genfer Protokolle. Für gestern nachmittags hatte die kommunistische Partei einen Massenaufmarsch ihrer Angehörigen auf denr Platz vor der Votivkirche angesetzt. Der Zweck der Demonstratton war, in letzter Stunde einen Druck aus den Nationalrat auszuüben, damit die Annahme der Sanierungsgesetze auf Grund der Genfer Protokolle unterbleibe. Dieser' Zweck konnte nicht erreicht werden; ba die Beratungen im Parlament infolge des mir den. Sozialdenwkraten abgeschlosienen Paktes schon vor gestern die Entscheidung erreicht hatten, da die Protokolle in zweiter Lesung angenommen worden waren. ' Die Demonstration verlief teils infolge dieses Umstandes, der sie gegenstandslos machte, teils infolge des kalten Wetters höchst rnager. Etwa 8000 bis 10.000 Menschen fanden sich auf dem Platz ein und hörten die von der Partei gestellten acht Redner an. Dann formulierte sich ein Zug, der am Parlament, das zu dieser Zeit nicht versammelt war, vorbei zur Bellaria zog und sich dann m Ruhe auflüste. . ,, Sie Znnsbmcker Hakenkreurler. Innsbruck, 25. November. (Tel. der „Wr. Morgen* zettung") Das Befinden des bei einem Neberfall verletzten sozialdemokratischen Landeshauptmann-Stellvertreters Dr. Grüner ist anhaltend zufriedenstellend. Trotz der nrit allem Eifer eingeleiteten Nachforschungen ist es bisher noch nicht gelungen, die Täter zu eruieren. Zweifellos stellt sich der Ueberfall als ein politisches Attentat dar. Von den Parteifreunden Dr. Grüners ivird erklärt, daß die Attentäter Mitglieder der H e i m w e h r e n seien und an Dr. Grüner Rache nehmen wollten. Nach Angaben der Frau Dr. Grüner waren an dem Ueberfall zwei Personen beteiligt, die dem Abg.'Grüner nachschlichen, während eine Gruppe, die sich in der Nähe befand und zweifellos A u fpasserdienste leistete, eilends flüchtete. Nach dem Ueberfall ergriffen auch die beiden Attentäter unter denr Schutz der Dunkelheit die Fürcht. ---.. e Werbet AboMenten für Me I I „Wiener Morgenzeitms" I BILLIGKEITREKORD HB Anxugstoffe, rein Wolle, 140 cm br. K 49.000 Doubli-Raglans, rein Wolle . . K 590.000 Regenmäntel, la .... K 168.000 bür Schiff mann IU Taborstraße 48 Telephon 47>t>79 Eli gros En detail ilHilWl Bon Professor Dr. Wilhelm Stein. Die inneren Verhältnisse im heutigen Fvcmkreich sollten unser Jnteresie nicht allein lvegen ihres Einflusses auf die Gestaltung Europas und die neu aufgerollte oriertialische Frage. erregen. Mindestens ebenso sehr muß der überhitzte Chauvinismus dieses soitst so wichtigen Ktllturirögers bic' Aufmerksamkeit aller derjenigen erregen, die die geistesgaschiÜMche Funktion der natiortalen Idee erkannt haben und sie in ihrer reinen Form znm Fundament einer gerechten, darimr dauernden politischerr und kttltttrellett Ordnung machen wollen. Es ist zweifellos richtig, daß die Auswüchse des Mtionalismns in fast allen Ländern attgenblicklich den nationalen Gedanken höchlichst konPromittieren und daß sich das Grillparzersche Angstwort, daß der Weg von der Human ität über dir Nationalität zur Bestialität führe, zu bewahrheiten scheint. Mer man kann eineir deuttichett, recht deutlichetr Trerrmutgsstrich ziehen zlvischen /den Wahnfinnsanfällr» . eines gepeinigten Volkes, wie des deutschen, und den brutalen chauvütisttschen Bersttegenheiten solcher Völker, die iwch in dett Kinder- oder auch schon Flegeljahren. ihres Wachsiunts stehen, einerseits, und all dem, was sich auf der anderen Seite in Frankreich mnd Italien zuträgt. Dabei braucht matt den Nattonalismus der Franzosen noch gar nicht zu werten, also abzuurtrilen oder 51t loben, wenn man hinter der häßlichen und den Weltfrieden so gefährlichen Manifestationen des nationalen Gedairöens einen Wesenskern findet, der uns, wenn auch wilder Willen, zu Liner gewissen Anerkennung zwingt; inan denke nur an die bevsptellose Zähigkeit, mit der gerade die Fmnzosen im Weltkriege, trotz der schmerzhaftesten Blutopser, bis ztnn Eintreffen der englischett und dann der amerikanischen Hilfe atlsgeharrt haben. Diese Willensanspannung ist von vielen nur als Hysterie bezeichnet Wochen, gleichwie die chauvinisttschrn Mtßexungsformen von heule. Niw doch steht eine unge- »witr interessante,^ wenn auch oft abstoßende Entwicklung vor dis'er Willensanspannung und ist gerade für die jüdischen llLationalisten Positiv lehrveiA in ihrem W-Wtz und negativ lehrreich in ihrer tatsächlichen Cvscheimmgdweis«- Lassen wir selbst jede Diskussion über die uinuittel-- bave Schuld am Weltkriege beiseite, so steht doch außer jedem Zweifel, daß Fvaukreich den Weltkrieg hat kommen sehen und sich auf ihn vorbereitet hat. Allerdings setzten die ersten zwei, drei Jahrzehnte nach denr Kriege 1870—'71 die pessimistische Stimmung fort, wie sie sich in der Literatur bei Fkttibert und der parnassischen Schule schon gezeigt hattt. Aber die Niederlage, der Sturz des Kaiserreiches und der blutige Mrrgerkrieg beleuchteten grell di« Erkrankung des Willens des Volles, die Erschütterung der nationalen Lebeitsenergre. Die Prvbbrme des Verfalles beschäftigten ebenso sehr Historiker und Kuitttrphilosophen in der. Art Renaus und Taims — mau. vergleiche die Parallele , ztt Spenglers „UnterWng des Abendlandes" — wie die Dichter von Baudelaire bis Tula. Ein ästhetisches Genießertmn, dvs künstlerische urrd seelische Reize nur mitkosten wollte, für sittlich: Werte rmd begeisternde Ideale aber keinen Sin mehr hatte, wuchs in beängstigender Fülle enrpor und mfizttrte auch-die gesimderen Vollsschichten, besonders aber die Jugend. Und die den Weg nicht fanden zur überlegenen Satire' eines Anatole France oder stets negierenden Kritik Jules Lenmitres, di: also, welche es im Leben nicht zum lächelnden Dilletantismus brachtet:, zogen sich früh enttäuscht und willenstnüde in den hoffiurngslosen Pessimismus Schopenhauers oder auch ihren eigenem zurück. Noch ein übriges tat die Wiffenschaft, die damals ungehindert die bedingungslose Gelttmg der Naturgesetze auch innerhalb der menschlichen Seele und der Gesellschaft und damit die Ausschaltung.des fteien Willens und der freien Persönlichkeit predigte. Die positiven Kräfte, die hinter dieser prffinrifrischen Fm de siecle-Stimmnng rtnsichtbar am Werte waren, brachte erst die Dreyfus-Krise zur Auslösung. Die wilden Kämpfe, ivelche der Streit um Schuld oder Unschuld des jüdischen Hauptnmnnes im öffentlichen Leben entfesselte, offenbarte sowohl dem Verteidigern, als auch ven Anklägern, die weiffortgeschrittene Zersetzung des ' Jdealisntüs des Willens und drr Tat. Den einen ging es um die noch erh^rltenen festen Institutionen des Volles, wie Staat, AWM» AutoMt. die anderen aber ttimpsen Dr die zweite j Sette des französischen Wesens, um seinen Freiheitssimt und seine Gevechtigkeitsliebe. Nicht, daß die Ertreuerung Frankreichs aus drr Dreyfus-Krise stammt, wohl tte lehrtv sie Me, gewisse Werte und Ideen aufzurichten und an sie mit ganzer Seele zu glauben. Die traditiomllen rmd stark religiösen einerseits, und die mehr frecheitlicherr und fortschrittlichen andererseits. Es gab wieder Werte, wo bisher mn Pessimismus, RattoMismns und Egoismus geherrscht hätten. Künftige Historikrr werden einmal der interessanten Fmge nachzngehen haben, irr welchen zeitgeschichtlichen Eroiginffen sich aus dein Erleben von Idealen das Nationalgesühl um geformt hat; die einzelnen Stadien!fts Verhält,riffes zu Deutschland, besonders feit der Marokko- Krise, werden als Wegloeiser dienen Wunen. Freilich wird man sich dieser geistigen Erneuerung erst in der Zeit von 1910 bis 1914 deutlich bewußt. In der Vorrede zu den „Dramen des Glaubens hat Romain Rolland die längst heworbrechenden Strömungen 1913 ftstzust:llen versucht, wenn er von der religjösen und nattonalen Begeisterung spricht, und auch vom Rausch . der Vernunft, die auch ein Glauben ist. In allen drei Dramen die Glut, ein Opfer zu brmgen, aber ausrecht und kämpfend; die doppelte Reaküon gegen die Feigheit im Denken und die Fffgheit im Handeln, gegen Lvn Skeptizismus und gegen die „Mehr von den großen Schicksalen des Vaterlandes". Mmr kann da ganz leicht ein paar repräsentative Namen der Literattw nennen, so Gide, Claudel, Peguv oder auch Bergsou, d'er in der Philosophie der rnatsrnrlistischen und nrechanistischen Richtung den Krieg Elärte, um das schöpferffche Handeln, den Lcbensfchtoung, die Gefühlskvast, zu verherrlichen Und schließlich zeigten Umfragen, die bei der fvauzösischen Jugend um 1912 angestellt, und von A g a t h 0 n und Gaston R i 0 n in Mer Büchem hemusgegeberr wurde:,, den Geist des neuen Fmnkreichs: Heroismus, BaterÜMdsliebe, sittlicher Wille, Glauben, werden von den befragten Tlkademitem. bejaht. Bis in den Syndikalisnnrs, der modernen srarrzöstschen Form des Sozialisnms, reicht dieser Unffchwung hinein, wahrend schon ftüher Ernst Seilliere eine philosophische Begründung iteS Imperialismus geliefert hatte. Soweit ■ wir diesen tiefen seelichen Unffchwung bis | nun überschauen —, Pas wilhelminische Detzffchland W ■rß-iz': 1