Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- Heft 1359 (22.11.1922)
- Date
- 1922-11-22
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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ffWf?1 Nr. 1069 w.-& Wien, DWvsch WV'T" Wiener Morneyzeitun^ SMurger Arbeiterkammer. Salzburg, 21. November. In der gestrigen Vollversammlung der Arbeiter- und Angestelltenkanmler, der auch die Denkschrift derösterreichischen Arbeiterkammer über den G-cnser Devtvag vorlag, kam es zu erregten Auseinandersetzu ngen zwischen den einzelnen Parteien. Schließlich wurde die Denkschrift gegen sechs Stimmen der Chvistlichsoziälen Md Nationalsozialisten angenommen. Nach einem Referat des Sekretärs Dr. B a l t i n e st e r beschloß die Kammer, den Laiidtag aufzustchern, den Moholrwißbvauch durch entsprechende ^andjsgesetze zu bekämpfen. Me Debatte über das Budget. Pya^ 21. November. Das Abgeordnetenhaus hat heute' Vke Generaldebatte über das Budget beendet. WaMhvown (Kommunist) verurteilt den Streik der UmbersitDshörer ^und verlangt das Einschreiten der staatlicheft Behörden. Ueber dve Politik'gegenüber den Deutschen erklärt Redner, daff das deutsch-tschechische Problem sicher die ernsteste Frage dieses Staates sei, aber mit Pu he auf b e i d e ft Seiten gelöst werden mußte. Die hierfür notwssnüige Mhige Attnosphäre sei noch nicht vorhanden, und daher habe man das Verlangen nach einem besonderen Ausschuß abgelehnt. Die Garantie, daß dieses Problem zur Zufriedenheit beider Teile gelost werden wird, sei die Arbeiterklasse beider Völker. Jugoslawien. Me «ngarisch-ruUch'türkischr Gefahr. Belgrad, 20. November. (Tel. der „Wr. Morgenztg") Wie Regierungskrise, die. noch vor kurzem unabwendbar schien, ist jetzt beseitigt, falls nicht neue Ereignisse eintreten, die aber nicht als ausgeschlossen gelten können. Der Hönze Balkan befindet sich heute in einem Zustand höchster Nervosität, der nicht nur durch die drohende Haltung der rüMchen Nationalisten, sondern weit Mehr durch die Gefahr eines bolschewikischen Vorstoßes verursacht wird. Die bolschewikihhe Propaganda hat laut zuverlässigen Meldungen bereits in Bulgarien mit aller Macht eingesetzt. Auch in Serbien beginnt sich die starke, nie ganz unterdrückte Kommunistenpartei lebhaft zu rühren. Das Wesentliche - der Gefahr besteht jedoch nicht darin, sondern in. der großen Wahrscheinlichkeit, daß Ungarn die erste Gelegenheit, die größere Unruhen am Balkan ergeben würden, benützen wird, um seine verlorenen Landesteile irgendwie wieder an sich zu reißen. Man will wissen, daß Ungarn, obzwar es wohl das kommunister^eindlichste Land, ist, mit Bulgarien einig geht, um den von Moskau unterstützten Aygora-Leuten den Weg mit allen Mitteln zu ebnen. Es handelt sich hier um sehr greifbare Anzeichen, denn auch in London spricht man die gleichen. Befürchtungen aus. Ungarn hat nie auf die abgetretenen Gebiete verzichtet, Mch heute, nachdem Stephan Friedrich den Faszismus so gut als es geht nac^umachen versucht und mit den deutschen Hakenkreuz-Nationalisten zusammenarbeitet, ist der Versuch, Siebenbürgen und das Banat gewaltsam zurückzunehmen, durchaus möglich. In Serbien ist waunftf der Mt: Der setbische' Gesaydte/kam disser Tage aus^uhapest zuKck,äum. seiner .Regierung Mer die Ausbreitung der Friedrich-Bewegüng zu berichten. Inzwischen erklärte Paste, die Skupschtina müsse noch ctntgje wichtige Gesrtztesfinänzieller Natur durchberaten. Es handelt sich um die Bewilligung des Invaliden- und Kriegsschädengesttzes, sowie um eine Vorlage, welche die direkten Steuern be- Eine' Verschiebung der Kräfteverhältnisse in der Skupschtina stehe unmittelbar bevor. Die Radi^Partei tritt aus ihrer Abstinenz heraus und will noch irl hiesen Tagen in die Skupschtina einziehen. Ihre 61 Stimmen würden die Opposition außerordentlich verstärken, so daß eine Neubildung der Regierung in Kürze notwendig werden wird. Re NlMentsAaftchme. Warschau, 80. November. (Tel. der „Wiener Morgenzeitung".) Die Frage des, künftigen Staatsoberhauptes wird in polMchen Kreisen stark diskutiert. Auf gewisser Seite wird behauptet, daß Pilsudski nicht wehr auf die Stellung des Staatspräsidenten aspiriere und lediglich die Stelle des Oberkommandierenden der Armee behalten wolle. Auf der rechten Seite werden verschiedene Kmnbinanationen in Erwägung gezogen, ohne daß von einer einheitlichen Stellungnahme der Rechten die.Neve sein könnte. Unter anderem taucht auf dieser Seite der Name des Pariser Gesandten Grafen Z a m o j s k i auf. Die linken Parteien verhalten sich bisher in der Präsidentenfrage sehr reserviert. Dies: Zurückhaltung erflact sich daraus, daß die Linke genräß den Wahlergebnissen allein nicht imsmnde.ist, in der Präsidentenfrage aktiv vorzugehen, daß sie sich vielmehr mit dem Block der Minoritäten diesbezüglich einigen müßten Bisher ist ein Schritt in dieser'Richtung nicht erfqlgt und es hat den Anschein, als würde die' Linke sich vorerst scheuen, den Minoritätenblock zu diesbezüglichen. Verhandlungen einzuladen. Sollte die Linke hei dieser Haltung beharren, so würde die' Initiative in der Präsidentenfrage völlig der Rechten zufallen. Geor«, Halyem in VMM«. . Jerusalem, 20. November. (I. C. B.) Hier sst vo« einige« Tagen der Direktor der jüdischen > Kolö'malbauk und Mitglied des Zionistischen Wirtschaftsrates, Georg Holpern, Ängetrosfem Rem Smndfteknlemng i« Salfoukia. . Aus Jerusalem uns berichtet: Am 2, d., dem fünften Jahrestage der Balfour-Deklaration, fänd in Anwesenheit des High.Commissioners die GmndsteitMMg für ein neues Viertel, bestehend aus 30 Häusern, in der vor drei Jahren von der Zion Commonwealth in Palästina gegründeten Kolonie Balfouria statt. Das Departement für landwirichaftliche Kolonisation der palästinensischen Zionistischen Exekutive hm beschlossen, sich am weiteren Ausbau der Kolonie Bolfouvia zu beteiligen und zu diesem Zwecks für 25 Familie« Darlehen von je 100 Pfund zu gewähren, außer de« von der Zion Common- 22. November 1922 Seite 0 l .. .■ M ■1 »»■■■—■ 11 - "N 1 >■ •mmiikmmni'i,, .... ■ - * 'wealth gewährten Unterstützungen für.die Erbauung von je einem Haus und Stall pro Familie. Auch'für >die Wasserversorgung, Straßenerrichtung und sanitäre Fürsorge kommt die Zion Commonwealth auf. Kne Kolonie de« Misrachi. ' Jerusalem, 20. November. (I. C. B^) Die Jugendorganst sation „Hamisrachi hazair" traf die - ersten Anstalten zur Gründung einer treuen Kolonie in der Nähe. Jerusalems, die den Namen »Hakphar haiibri" (das jüdische' Dorf) tragen soll. Die Organisation hat in der Nähe der historischen Statte „GibäS Schaul", einige Kilometer von Jerusalem' entfernt, tausend Dnnam Boden angekauft. / Me Mische AmteschM kn PMUna. Jerusalem, 80^ November. (Tel. " d. ,Men«r Morgenzellung.) Laut einer bis zum Juni d. I. durchgeführten Statistik leben in Palästina im ganzen 173 jüdische Äerzte, von denen 72 im Dienste der medizlnisch-hygienischen Organisation „Hadaffah" tätig sinh, und 71 eine Privatpraxis ausüben.1 Außerdem nehmen M Aerzte ösfontliche Stellen in den Kolonien ein und nur sechs stehen im Dienste der Regierung. Me paWiuMsche Seife«M«ftriL. AuZ Jerusalem wird uns geschrieben: Der Bericht iifcer den ägyptischen Außenhandel von Ende Juli verweist auf den bemerkenÄverten Fortschritt der palästinensische» S e i f e n i n d u st r t e. Die meiste nach Aegypten importierte Seife stamme aus Palästina. Im Anschlüsse daran sei darauf verwiesen, daß auch nach Syrien und Mesopotamien bedeutende. SMstnmengen aus Palästina-exportiert werden. Gemäß dem Handelsbullotin der palästinensischen Regierung betrug die Gesamtausfuhr der Haushaltungsseife während der ersten sechs Monate 1,673237 Kilogramm, davon 1,386.336 Kilogramm nach Aegypten. Außerdem wurde auch noch eine .beträchtliche Meng?, von Toiletitenseifen in Palästina hergestelü und ebsnsalls nach den verschiedenen Ländern exportiert. Ar Stodtanleihe von Tel-Awiw. Die Stadtverwaltung von Tel-Awiw hat Wie bekannt vor. kurzem eine von der palästinensischen Regierung genehmigte Anleihe von 75.000 Pstizid ausgeschrieben und hat in der Höhe dieses Betrages Obligationen herausgegeben. Ee jetzt aus New-Dork gemeldet wird, hat dort Richter B. A. Rosenblatt, Mitglied der Zionistischen Exekutive und Vertreter von Tel-Awiw ein Abkommen mit der h^annten Bankfivma Harvey Fiske und Sons getroffen, wonach diese die moralische Garantie für diese Obligationen in Amerika übernimmt. Die Obligationev werden mit 6,5 Prozent verzinst. Paris, 21. November. (Wolfs.) An der Sorbonne sst em neuer Lchvstuhl für Geschichte des Weltkrieges geschaffen worden. Die Initiative hierzu Acht von der Gesellschaft für die Geschichte des Weltkrieges aus. Zum Dozenten wurde Pere Renouvrn bestellt, ein Krieg srnivalide, der Privätdozeirt für Geschichte war und jetzt Konservator der Bibliothek des Kriegsmüsoums ist. Er hat zusammen mit dom elsasstschen Historiker Charles Appuhn die kritische Ein» leitung zu den Geschichtstabellen Wilhelms des Zweitey verfaßt. Amugstoffe, rein Wolle, 140 cm br. K 49.000 Doublfr’Raglaiis, rein Wolle . . K 590.000 RegenmSiit«i. la 3 K 198.000 Komette. Die 125. Wiedeickehr des Tages, an dem Franz Schubert im Hause „Zum roten Krebsen" des Himmelpfortgrundes (heute Nußdorserstraßr 54) geboren wurde, mag wohl die äußere Veranlassung für das Schubertfest gewesen sein, das die Gesellschaft der Mufikfteunde genninsayt mit d;r- Konzerthailsgesellschast veranstaltet. Im iibrigen bedarf hie Aufführung des Wieners Schubert im Wiener Konzertsaale keiner Rechtfertigung und jede vollendete Aufführung sriner Wiener Musik wird t-~ auch ohne Jubiläum — zum Feste. In einer Reihe von Konzerten gelangt" eittr Auswahl seiner bedeutendsten Schöpfungen auf dem Gebiete per Chor- und Orchester--, der Lied- und Kammermusik zur AuMhruug, ein mächtiges Lebenswerk, das von eifter unerbittlichen Parze in einen: Lebensalter durchgeschnittenwurde, da Beethoven eben erst seine erste Symphonie vollendet halte. Wir hörten in festlicher Wichen galw das MMöll-Quartett und das D-Moll-Quartett mit den weihevollen Variationen über „Der Tod und das Mädchen", vom llfta i r e ck r r - B u x b a u u^Quartett mit warmer Jnmgkett gespielt, nn Oktett vereinigte es sich mit Mitglieder:: der Bläservereinigung der Staatsoper zu echt wien?«ischem Klangfrobsinn. Im Eröfiuungskonzert dirigierte Pastl von Klenau die Ouvertüre zur Schubert- Oper „FLejwabaraS", die eine sagenhafte Liebesgeschichte am Hofe KaA 'deS Großen behandelt. Bei allem Melodiereichtmn ist dj-.Ouvxrtüre wrrt weniger inspiriert als die große Es-Dür»Mrsse, die Klenau voll Umsicht-und Klarheit unter Mitwirtttng der vortrefflichen , Solisten Maria Rajdl, Emflie Bittner, Carl Aagard-Oestvig, Wilhelm B r stLn e r und Josef Ma n o todrda und des wohldiszjpttnserteü Chores der Singaksdemie zur Aüfführüng brachte. Es ist die fünfte von Schuberts sechs Messen, ei» Wiener Kind, das 6n d«« Gedanken an den lieben Gott keine „Arme-Sünder-Mi rne" aussetzt» sondern die schönsten Melodien anstimmt, darunter auch im „Agnus dei" das Thetzm des „Doppelgängers". Eine ganz wunderbare JnstruMentolsPrache ertönt, ein üppiger- Farbenreichtum breitet sich aus, dazu eine Fülle gewaltiger Fugen, die bald gelehrte Arbeit häufen, bald wieder wie in der kolossalen B-Dür-Fnge des „Gloria"' oder im ,Pharma" in der Allnracht'der Tonsppache die Allgewalt der Gottheit ahnen lasser:. lieber eine weitere Reihe von Schuberi^-Festtonzerten —•» Orchesterkonzert Furüvängler, Liederabende Dichau, Schumann, Mayr — kann leider nicht berichtet werden,' da die Gesellschaft der Musikfrrunde trotz wiederholten Ersuchens.— Mündlich, schriftlich mrd durch Mittelspersonen. — es prinzipiell ablehnt,' der »Meners Morgen- - zeitung" Referatskartest beizüstellem Die Begrürtdung des Kanzleidircktors, daß für ihn das „Leserpublikum der „Wiener Morgenzritung" keinerlei Interesse habe^, bringen wir zur öffentlichen Kenntnis Und bemerke^ dazu, daß von ihm keine andere Wiener Tageszeittrng mit eiüem derartigen ^Privilegium odiosum" bedacht wurde. * ,■ v Opernsänger Karl Fischer-Nie man si, dessen mächtige Stimme sich nur schwer m Bewegung setzk und sich erst nach hartem Kampf mtt dem .Ansätz zu strahlender Tenorhöhe durchringt, gab . gemeinsam mit Fräulein Ella Fl e s ch einen Opernabend. Der jungen Sängerindie von Fmu Elizza ausgebildet wurde, sind in der Staatsoper de» retts große Sopvanpartien zugewiesen, die Leulhtkvast und Wärm« ihres Organs, die Leichtigkeit, der Songebung weisen auf eine' besondere Naturbegabung hin. Eine- Stimme von seltener Schönheit, der natürlich noch die letzte technische Rundung abgeht, und die eindrucksvolle Erscheinung verkünden eine« neu ausgehenden Bühneystern. Bon der Bühtte kommt auch Kammersangerm Charlotte \U TaborstraBe 48 Talephon 47-1-79 Ea gro» Bw dätal Brunner, eine junge heitere BloMne mit warmer Heller Stimme, die technisch viel kann, reizende Kopftöne besitzt und ihren shmpctthischen Bortrag durch eine diskrete Mimik reizvoll unterstützt. Sie sang Lieder von W. G r o s die in chrem toert ausholenden akkordischen Klavirrfatz von Marx und Schreker beeinflußt sein könnten. Darüber breitet sich eine Singstimme, die durch ihre nnheünlch hohe Lage uranche Sopvanisttn adschräken wird. Routine und Eklektzisnms sind stärker als der'ursprüngliche lvedmäßige Einfall. — Frau Mihacsek mä Herr I5lli waren die gewandten Interpreten recht konventioneller Lieder von Dr. Richard Maux. Das Liebeslied", mit. französischem Parfüm besprengt,, redet die unzeitgemäße Tonspvache Massensts. An einem Liederabend von Corrh N e r a, einer rassigen Brünette mit. hübsch gebildeter dmckler Sopvanstimmr, hörte man Lieder von Siegfried Kallenberg, in denen eine gute alte harmonische Musiksprache ganz überflüssig und unorganisch durch modern sem sollende scharfe Dissonanzen verziert, bezw. verunstaltet wird. Neuere Lieder von StrawinSky und Ravel sang Fmu Rnzena Herlinger; mit zielbewußte« Energie setzt sie ihr« Konzertkarriere fort, unbeachtet der Dürftigkeit ihres Tonmaterials, die ste durch Intelligenz und DortmgKkunst wettzumachen sich bemüht. Ihr angenehmer Bortrag fand auch diesmal lebhafte Aperckennung. Claudio A r r a u - zahlt zu den begabtesten jungen Pianisten. Erfreulich ist die scharst Plasttk, mit der er profiliert, manulrch ist der Ton und die Darstellung, dir alles GeMige vermeidet. In kleinen Pveeen von Ehopw - Hot er Kabinettstücke von. Borlmgskunst, in Schuberts BÄur-Trio, das er im Vereine mit Mai recke r und B wr b a u m vortmg, kam die Schubertsche Innigkeit zu ihrem Recht, E der Wiedergabe des „wohltempnrier-. ten Klaviers"^ das Lr-vollständig vorführt bewährt er sich als Meister des Augenspiels. Ein hochquaNsizierter Pianist,