Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- Heft 1356 (19.11.1922)
- Date
- 1922-11-19
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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v » ' ft ' M " ’ ' -1 > ' 7 f ‘ . 1 1 > » ' ' " I ' '-, ■fe-1856 Wie«, Sonntag Wiener Morgenzeitnng. 19. Nopember 1932 Seite 6 vom ein - bis im teinsten WienerPelxiftrarenmarkt Breitfeld & Lander, Wien,?!. ICLSgierssg ®2am$fÄ*OiS KL»» eLEvlldsLLL 8 s vl8-g-?Ir V l>io!elllewYarkJ Zagesbericht. GMersaWe. An ebnem der wenigen sonnigen Tage des heurigen Herbstes schleirderte ich meiner alten Gewohnheit gemäß 'das rechte User des Dpnankanals entlang. Ich weidete den Blick an den schöllen Farben, mit denen die absterbende Natur sich schmückt. In seltener KLarheit ftaub der Kahlenberg über dem Stadtbild mrd mit abgeklärter Ruhe zogen die grünen Wellen der ,-blauen Donau" dahin. Doch neben diesem friedlichen Bilde, bloß von einer dünnen Schicht Gartenerde und ein wenig Zement bedeckt, geht langsam e;n Riesenkadaver der Verwesung lutb Vergessenheit entgegen: die Wiener Stadtbahn. Ja, auch Wien hatte ciitft eine Stadtbahn. Gilles schönen Tages hatten die GölvaltHen die Gleichung Zeit ist Geldgesunden itub bautM unter. Aufwand von viel Zeit und Geld eine Stadtbahn. Wie es sich voll selbst verstand, wurden bei ihrer Anlage mehr strategische Bedürfnisse berücksichtigt als die der Bevölkerung. Trotzdem hatte aber die Stadtbahn bereits lärrgst ihren Platz im Wiener Leben gewonnen mW scholl wollten Projekte, die chre Umwau'dlung in eine Untergrundbahn nach dem Muster westlicher Großstädte bezweckten, greifbare Gestalt annehmen, schon sah man sich im Geiste auf dem Stephansplatz in einer Versenkllng verschwinden, llm fünf Minuten später vor dom Warenhause von Gerngroß in der Malckchilferstraße wieder auszutauchen, als dieselben Ge- 'wattigen einen Krieg begannen mit Völkern, denen Zeit nicht Gold, sondern rnore than money, mehr als Geld ist. Fm Kampfe mit diesem Komparativ mußte der bedächtige österreichische Positiv den kürzeren ziehen, und so kam es zur „Devdorfung" Wiens, über die schon viel geklagt wurde. Ein nettes Gegenstück zu dieser Vevdorsmlg bildet die — wenn man so sagen darf — Verstädterung der Äa-ndbevölkerung in Kleidung und.Schmuck, die der aufmerksame Beobachter Leicht allenthalben in der österreichischen Provinz findet. Parteifanatismus freilich und die Sucht nach einem Sündenbock sicht das Ueberhandnehmen des Luxus zu allererst Lei denen, deren Elendquartiere da drüben liegen, bei den Bewohnern des Wiener Judenviertels. Die LeoptckdstaÄL und chr rasch flügge gewordenes Junge, die Brigittenau, bilden die Jlldenstadt Wiens — und doch sind sie nichts weniger als jüdisch. Rein äußerlich schon deshalb nicht, weil ihre Häuser sich nur in geringem Maße in jüdischen Besitz und jüdischer Verwaltung befinden. Schon in Mchensjvhven gab es in Seinem Wiener Bezirkso viele Häuser, in denen Mische Mietparteien prinzipiell keim Aufnahme fanden, wie in der Leopoldstadt, und wohl mvgends beugten sich die Mieter so unter der Fuchtel des Hausbesorgers wie die jüdischen der Leopoldswdt unter der Allgewalt ihres christlichsozialen Hmlskommundanten. Scheu wir aber dorr äußeren Kriterien ab, so können wir noch -weniger behaupten, 'daß das Wiener Judenviertel wirklich jüdisch sei. Mögen sich diese Leopoldstädter Inden auch sonst für ,Mte JMn" halten, es mangelt ihnen doch an Mischer Lebensauffasfimrg und sie und ihr Viertel sind Misch nur dom'Namen nach. Doch hallt, sind denn ihre Namen auch wirklich . Misch? Sehen wir uns nur einmal die. Namen auf den Geschästsschitdern dieser Jndenstadt an! Bei einem Haus Kohn kam man zur Not noch cm einen auf dem Umwege über die Septuaginta germanisierten und gehörig zugestntzten Jochanan Hakohen denken. Was soll man ober zu Walter oder Kurt Löwh und ähnlichen, allem Geschmack und NationalgesAhl hohnfprechenden Namenspaarungen sagen? Unser Fveuud Abraham Schwadron hat diese „Schande unserer Namen" treffend gegeißelt. Gründlicher Wandel hierin ist leider erst' von. dem. belebenden Fluidum zu erwarten, das aus dem.Lande der Väter auf unsere Diaspomgsmeinden strahlen und alles Krankhaft^ an unserem Volkskörper heilen wird. Das alte „Nomen est omen" gilt auch in der Umkehrung: Dev Jude mu^schon an seinem Namen den Mut aufbringen, die Zugehörigkeit zu seinem Volkstum zu dokumentveven, am Vornamen ebenso wie am Familiennamen. Diese vielgeschmähten Mischen Familiennamen, was ist nicht schon alles über sie gesagt, geschrieben und gewitzelt worden! Von allen möglichen Gesichtspunkten wurden sie beleuchtet, erklärt-und klasiifiziert. Und doch hat bisher noch niemand versucht, diese Namen auf die ihnen innewohnende. Verpflichtung für ihre Träger hin zu untersuchen. Man kämss oft zu überraschenden Resultaten, wenn mall diese Namen einmal unter dem Gesichtswinkel des „Noblesse.oblige" zu betrachten anfinge, . Dann müßte jeder Kohn sich für's' ganze Leben der--. bunden erachten, ein wirklicher Priester und ein dienendes Glied im Pnestervolke Israel zu sein, und jeder Sohr würde streben, in den Tugenden Judas zu glänzen, den Lichtstrahl jüdischen Geistes aufzunehmen und in die Zukunft verstärkt weiterzuleiten. Und wenn ein Träger des Namens Bach weiß, daß dieser Name durchaus nichts mit! dem deutschen Gattungsnamen Bach gemein hat, sondern aus den Anfangsbuchstaben der zwei. hebräischen Wörter Beth chadasch besteht, deur Titel des Werkes des Rabbi Joel Sirkes, der im siebzehnten Jahrhundert in Krakau wirkte, müßte ihm dieses Bewußtsein nicht die Lebensaufgabe nahelegen, selbst mitzuarbeiten an der Aufrichtung des „neuen Hauses" für den Genius seines, unseres Volkes? Oder gibt es einen höheren Adel als den im Namen „B a ck" liegenden, einem Namen, der aus den Anfangsbuchstaben der Worte „ben ansche kedoschim" (Sohn von Heiligen oder Märtyrern) Zusammengesetzt ist? Einer freilich weilte einst unter uns, der in seiner königlichen Vornehmheit das Programm, das in seinem Namen lag, im Leben verwirklichte und mit seinem Sterben besiegelte. Auf deur Döblinger Friedhof harrt, was sterblich an ihm war, der Vollstreckung seines Testaments; er hieß Herzl, aber mehr noch als sein Herz gab er seinem Volke: seine ganze Seele, sein ganzes Vermögen, sein ganzes Sein... Schon in meiner Kindheit suhlte ich instinktiv eine Regung des Widerspruches, wenn davon gesprochen, wurde,! daß'die Juden dieser oder jener Stadt „noch" nach jüdischer Sitte leben, daß dieser oder jener Mann „noch" fromm sei oder seinen Kindern „noch" jüdische Namen gebe. Ich konnte , mich auch eines gewissen Aergers nicht erwehren, als ich einft' erfuhr, daß einer meiner Verlvandten, der vor mehreren Zähren verstorbene Reb Abraham Frankl, von den Eisenstädter Juden scherzweise „der Ende-Zaddik" genannt wurde. In diesem Wörtchen „noch" liegt die ganze Schwäche des Eriljudentums, denn auch ' die Leopoldstädter Juden sind nichts anderes als, Nochjnden oder betrachten alles Jüdische als „noch jüdisch". Ganz anders berührt das Streben der palästinensischen Juden, ihre aus den verschiedenen Ländern mitgebvachteu Namen zu hebräisieren. Da fühlt man: hier bereitet sich ein Geschlecht vor, das nicht „noch", sondern schon jüdisch ist. Altneuland wird so zum Schmelztiegel, in dem die verschiedenen Dialekte und Riten, Namen und Anschauungen, Gebräuche und Trachten des ganzen zerstreuten Volkes sich zu einer neuen Einheit formen. . Und ganz im Sinne attjüdifcher Spruchweisheit wird, dort der goldene.Mittelweg gefunden werden, auf dem der neue Hebräer stolz und demütig zugleich zu seinem Gotte emporsteigen wird als erwählter Wegweiser einer in Liebe geeinten Menschheit. __ L. Moses. Die letzte« türkischen sultane. Nach 623jähriger Herrschaft soll nun, wenn der Wille Kemal Paschas siegt, das Sultanat als weltliche/ Repräsentanz der türkischen Nkvcht zu bestehen aufhören. Der Stamnchäuptliug der SeNschuken, Os man, war der erste, der inr Jahve 1299 unserer Zeitrechnung sich Sultan und sein Volk Osmanen nannte. Seitdem herrschten die Sultane. Das Wort Sultan bedeutet eigentlich hoher Herr, in Wirklichkeit lautete die Benennung der türkischen Herrscher Suttan-es-Salatin (Sultan der Sultane)). Seit dem Jahve 1517 führte der Sultan auch den Namen Kalif, was so viel bedeutet wie Nachfolger, und ist als solcher auch das Oberhaupt der'Mvhamnredanffchen Religion. Wie die russischen Zaven, deren keiner, schon vor dem tragischen Ende des letzten Zaren, eines natürlichen Todes starb, so sind in den letzten Perioden der türkischen Geschichte die Sultane reicht als Sultam aus dom Leiben geschieden, «tveil sie fast alle noch bei Lebzeiten entthront wurden. Der jetzt entthronte Sultan Mehamed de-r Fünfte ist der. dritte Sohn des Sultans Abdul Medschid. Der heute 78 Jahre alte Mann stand vor feiner Thronbesteigung als Reschad Efendi unter der Herrschaft des Abdul Hamid dem . Zweiten viele Jahre hindurch unter streirger Bewachung» weil er Anhänger der jungtürkischen Politik, d, h. der Modernisierung der Türkei und der . parlamentarischen Regierung war. Am 27. April 1909 rückten die Juugtütken mit Euver Bei und Kemal Pascha an der Spitze mst dew Säloniker Armeekorps in Äonstantinopel ein, nahmen iw Ijlldizkiosk Sultan Abdul Hamid' gefangen, nachdem ihv das Parlament des Thrones für verlustig erklärt h^tte. Abdul Hamid wurde damals, 67 Jahve alt, in der Billa des Juden Alatini in Saloniki interniert. Abdul Hamid erweckte trotz seiner Tragik nicht geringe Heiterkeit in der ganzen Welt durch seinen Wunsch, eine Anzahl von ihm ausgewählter Haremsdamen mit in die Verbannung nehmen zu dürfen. Ihm folgte damals Mehemed der Fünfte^ 'der unmehr in diesen letzten Tagen entthront wurde. Dtt Vorgänger Abdul Hamid des Zweiten, Murad der Fünfte, hatte am 30. Aiai 1876 den Thron bestiegen, den er im ganzen 60 Tage laug inne hatte. Sein eigener jüngerer Bruder und Nachfolger/Mdnl Hamid, der damalige Kronprinz, ließ ihn für verrückt erklären und zu nächtlicher Zeit von Soldaten mit aufgepslanztem Gewehr in das Tschira-- ganpalais einsperren. Dieser Sultan Murad nmßte feino 90tägige Herrlichkeit schwer büßen, demr noch ehe er den Thron bestieg, wurde er von seinem Vorgänger und älteren Bruder, dem Sultan Abdulx Aziz, gefongen gehalten, weil dieser von den europäischen Auschauurrgen Mumds und seinem Einfluß auf die jungtürkische Generation groß« Angst l)atte. Am 30. Mai 1876 brach jedoch auch gegen den Sultan Abdul Aziz eine Palastrevolution aus, er wurde in der Nacht entthront und nunmehr von seinem Nachfolger Murad in das Tschrraganpalais verbannt, wo Mdül Aziz fünf Tage später von Midhat Pascha erdrosselt wurde. Murad tvar also sowohl vor als auch nach seiner 90täglgev Regierung Gefangeuer des Tschiraganpalais, wo er im Jahre 1904 starb, Murad der Fünfte, Abdul Haw.id der Zweite und Mehemed der Fünfte ivaren Brüder und Söhne des im Jahve 1&61 verstorbenen Abdul. Medschid, der, wie erwähnt, im Jahve 1876 erdrosselte Abdul Aziz war der Onkel dieser drei Brüder und Sultane. Die letzten vier Sultane haben Wohl als Sultane den Thron bestiegen, wurden jedoch alle entthront und eingesperrt. Mehemed der Fünfte hat, offenbar um nicht das Schicksal seiner Brüder und Vorgänger zu teilen, rechtzeitig.die Flucht ergriffen und sich auf ein errglisches Kriegsschiff begeben. Orient-' Teppiche aller Art - Möbel Decken. Vorhänge; Baumrootl- und Leinenroaren.. Unter chllenischen BANme«. Von Colin Rotz (Berlin). Valparaiso, 13. November. Zu dem Erdbeben in Chile wird noch , gemeldet: Auch An Valpa-- raiso hat ein stärkerer Erdstoß die Bevölkerung erschreckt, aber in der Stadt keinen größeren Schaden angerichtet. Aus dem Zentrum Coquiimbo-Seren'a' fehlen Nachrihten. Es handelt sich um eintektonisches Beben, das in östlicher Richtung aus dem Stillen - Ozean anscheinend die Küste nördlich Cogmmbo-Serena getroffen hat. Die Gegend tvurde immer unheimlicher. Die Schutthalden, über die das Lokomotivchen der schmalspurigen Bahn von Antofagasta nach Uyuni mühsam hinaufkeuchte, hatten aufgehört. Wir fuhren jetzt über reine Lava. Bor langen Zeiten mußten diese breiten Lavaströme medergegangen sein. Sie waren längst tot und kalt,. ja es wucherte auf ihnen eine Art rötlicher Fetthenne, die dem schwarzen Stein einen Merkwürdigen Bluthauch gckb. Aber die Vulkane, ans denen die Lava geflossen, tvareid noch immer in Tätigkeit. Bor dem Horizont standen sie aufgepflanzt, ungeheure Fels- und Eisriesen, und der tveiße, eisige Panzer, der ihre. Kuppe deckte, kontrastierte seltsam zu den heißen, gellen Schwefeldämpfen, die aus ihnen quollen.. Jmnrer überwältigender wurde die Landschaft, und als wir die schneeweißen, kristallglitzernden Boraxseen pasirert und unmittelbar am Fuße des größten der Vulkane, des Olla'gue, hielten,., ertrug ich es nicht länger und stieg aus dem Zug, ohne zu wissen, ob es irgend welche. UnteMnfts- und Verpflegsmöglichkeiten gab, Damals — es ist etwa zwei Jahre her — stand ich Mitten unter jenen furchtbaren Gewalten, die heute Herd >nnd Ursache der chilenischen Erdbebenkatastrophe sind. Es e hatte iu der argentinischen Provinz Mendoza ein Beben ge- ■ geben, von dem ich in Chile nur die Ausläufer gespürt. Ein fast grotesker ZuM hatte die Katastrophe ausschließlich aus die argentinische Seite der KordAeren beschränkt, Mhrend heute das Umgekehrte eintrat, nur in viel furchtbarerer Weise. Denn in Chile tritt bei jedem Beben zu deur grauenhaften^ Wanken des festen Landes noch die aufsteigende, sich überstürzende Fültwelle des Meeres. In Ar-: EPPICHHAUS ¥ien,LBauermnarkt12-14 , - gentimen brachen damals Wohl in den betroffenen Geö6t.6ULNIUNg8g6gLNLlllNllL bieten unverumtet siedend heiße Quellen in armstarkeu 1AUS*MOBELHAÜS Strahlen aus dem Boden, die die davon betroffenen Unglücklichen verbrühten. In Chlle aber erhob sich eine einzige Flutwelle, zerschellte die auf den offenen Reeden liegenden Schiffe und, drang verheherend 2000 Meter iveit ins Land. 'Coquimbo, Copiapo, Tattal, Antofagasta, über sie alle TEi.eroN.N& 63-5-30 die Katastrophe hinweggegangen. Ich fuhr.damals di^ / 278335