Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- Heft 1354 (17.11.1922)
- Date
- 1922-11-17
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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ti'itc 4 Wie», Freitag Wiener Morgenrettnna. 17. Növemver 1922 Nr. 1354 Litauen. Zer Jüdische Natloualrat gegen die Sacht, wahllommisiion. Kowno, 14. Nowember. (I. C. D.) In der Schlußütznng der neunten Session des Jüdischen Nationalrates für Litauen v.mrde eine Resolution einstimmig ang'nommen, in welcher erklärt wird, der Beschluß der Hauptwahlkommisston, der auf eiirer fatschen Interpretation des Wahlgesetzes basiere, und das von der Verfassung gesicherte Prinzip der proportiomüen Wahlen zerstört, -.b:raubt alle nationalen Minderheiten in 2bmuett des Rechtes einer, richtigen Dertreterschaft im Sejm. Die Parteien, die dirfen Beschluß durchsetzten, haben den nationalen Ätindechertetr die Möglichkeit genonrnren, ihre Rechte im Parlament zu verteidigen und ihr Teil zum Aufbau des Staates s ei^ltragen. Durch diesen Schritt wurden die Grundlagen von Gesetzlichkeit und Gerechtigkeit erschüttert und den Interessen X-s Staates großer Schaden zugefügt. In dem vollen Bewnßsein des Ernstes der Lage für die iüdifchc Bevölkerung in Litauen und im G fühl der auf ihr nchen-den großen Verantwortung beschließt der Nationalrat, die jüdischen Doutierten zn instruieren: 1. daß sie zur Eröffnung d e s S e j m e r f ch e i n e it und die Beseitigung der begangenen Ungesetzlichkeiten fordern sollen; 2. sich dann so lange an den Arbeiten des Sejm nicht zu beteiligen, als dies« Ungesetzlichkeit sortbesteht. > , ■ Ferner beschloß der Nationalrat, sich an die jüdische Bevölkerung mit einem Ausruf über die-bestehende politische -Lage >u wenden. Die Frage wegen der Nominierung eines Ministers für jüdische Angelegenheiten wurde dem ArbeitS- ^r.sschuß übergeben. ___ WWm. Zie jüdische kinwanderrrg in PMMa. , London, 15. November. <J. C. B.) Wie das .-tolornalamt mitteilt, sind im Laufe der letzten neun Monate, das heißt vom 1. Jänner bis 30. September l. I. 5889 Juden nach Palästina eingetvandert. Unter ihnen -raren 2554 Männer, 1748 Frauen Uttd 1o87 blinder. Die Transporte aus Polen. Wir habw bereits berichtet, daß im Monate November Ue Transit-Wanderung polnischer Emigranten über Rumänien nach Palästina begonnen hat. Dir Wanderung bereits in ein bestimmtes System, gebracht worden. In jLifunft werden monatlich durchschnittlich zwei Transporte aus Polen Rumänien passieren. Die Transporte werden vom Palästina-Amte in Warschau abgrferligt und wit einem Begleiter bis zur Ausgangsstation Sniathn geschickt, wo sie vom Palästina-Amte Czernowitz übernommen und mit einem Begleiter nach Galatz geschult roerden. An der Grenzstation Ghica Boda (Nepolokoutz) (:it das Czernowitzer Palästina-Amt eine Labeftation eingerichtet, wo die Emigranten wahrend Gepääsab- vtigimg und Paßrevision kostenlos verköstigt werden. Die :£\etfe von Warschau bis zum Ausgangshasen Galatz - anert dvei Tag;. Am 7. d. ist ein Transport von 48 Fami- - -en (Handwerker und Chalnzim) mit zusammen 73 Periinlen aus Warschau eingetrossen. Der nächste Transport bürste Ende November einlangen. 2er Handel zwischen England ltnd Palästina. London, 15. November. (I. C. B.) Während des vergailgulen Jahres waren zwischen Großbritannien und Palästina verschiedene .Handelsabschlüsse zustandege-. rammen, die eine Summe von 845.000 Pfund Sterling >. strafen. In diesem Jahre sind unbeschadet der Kriegs- Ereignisse im nahen Osten Handelsabschlüsse über eine 2 umme von 1,200.000 Pfund Sterling erfolgt. PalWna-Reise Sr. Weizmannr. London, 15. November. (I. C. B.) Der Präsident der zionistischen Weltorganisation Dr. Chaim Weizmann i -itt eine Palästina-Reise an. In seiner Begleitung reist Colonel K. Fish, der wahrscheinlich dauernden Aufenti .1 ft in Palästina nehmen wird. Rundschau. Re deutsche Regierungskrise. Cuno mit der Kabinettsbildung betraut. Berlin, 10. November. (Wolfs.) Wie das volksparteir.ihs Blatt „Tie Zeit" erfährt, hat der Generaldirektor der .'apag, Cuno, den Auftrag des Reichspräsidenten, das wtchskabinett zu bilden, angenommen. (Cuno ist von der <nnn;s-Partoi als Nachfolger des ermordeten a t f; c n a u präsentiert worden.) Berlin, 10. November. (Tel.-Komp.) Cuno beabs'.chrigt ohne Fühlungnahnie mit beit Parteiführern sein •abütdt zusammenzustctlen, um möglichst schnell zu einer -osuirg zu koMnren und dann auch um parteipolitische Bel enfett durch voll;ndete Tatsachen zu überwinden. In den Nachmittagsstlmderl wurden bereits gerüchtweise die Kabinertsmitglieder genannt. Danach soll das Mitglied der Bayrischen Bolkspartei Stvegl Postmipister, vleichk-wirtschastsminister Raumer, Innenminister Köster tverden. Justipilinister bleibt Radbruch. Das Außernninislerium soll den: Pariser Boisthaster Dr. Mayer angeboten werdest. Salzsäure und Hundspeitschen Am unsarlfchen GefSnsniffen. AuS Budapest wir. uns berichtet: Die Verhandlung in dem so viel besprochenen L a nd au-Prozeß vor dem Vudapester Militärgerichtshos — ein Teil her Beschuldigten untersteht der militärischen Gerichtsbarkeit — förderte wieder neue Einzelheiten über die grauenhaften Zustände in den ungarischen Gefängnissen, zutage. Wie in der Verhandlung vor dem Zivilstrafgericht haben auch m der Mittwoch-Verhandlung die Angeklagten vor dem Militärstrafgcricht einen Zynismus zur Schau getragen, der beweist, wie tief diese Horthy- Militärs gesunken sind. Der erste Angeklagte, Unterleutnant Paul Lieszkovsky, erklärt zunächst, daß er sich nicht schuldig fühle, weil er auf höheren Befehl handelte und weil sein Haß gegen das Judentum und die daraus entsprungene Tat höheren Orts als patriotisch qualifiziert wurde, und schließlich, weil er sich dessen nicht bewußt ivar, daß seine Handlung ein Verbrechen darstelle. Der Verhandlungsleiter unterbricht den "Angeklagten mit der Bemerkung, daß der Haß gegen jemanden noch nicht dazu berechtige, den Eigenrichter zu spielen, und nurcht ihn auflnerksam, im Verhandlungssaal keine solchen auf Stimmungsmache abzielenden Ausdrücke zu gebrauchen, und daß er das Ansehen des Gerichtes und die öffentliche Moral berücksichtigen.möge. Lieszkodskh fährt dann in seinen Angaben fort: Ich saß am 21. November 1920 mit einigen Kameraden in der Präsidialabteilung C des Honvedministeriums, als jemand meldete, es seien drei Juden hereingebracht worden, ich möge ihnen Furcht einjagen und Injektionen verabreichen lassen. Ich rief nun den Gouda und trug ihm auf, die Injektionen zu geben. Inzwischen kam Dok? in das Zimmer, und, nachdem man mich aufmerksam machte, daß Dobe kein Jude, sondern ein anständiger Herr sei, befahl ich dem Gonda, zwei Flaschen Wasser zu bringen. Als die Juden die eine Flasche auSgetrunken hatten, fragte ich sie: Hat es geschmeckt? Jawphl, antworteten sie. Dann mußten sie n o ch e i n e Flasche austrinken. War's gut? fragte ich abermals, und Dcbe bemerkte lachend: „Schmeckt der Jzsaket Wein?" Dann mußten die Juden das antisenlitische Lied „Erger, Berger, Schoßberger" niederschreiben und nachher a b s i n g e it. Auf dem Tische lag eine große Kehrbürste, der alte Landau mußte über meinen Befehl mit dieser Kehrbürste seinen Schnurrbart bürsten. Dann entfernte ich mich, die Landau sind noch dort geblieben. Was weiter mit ihnen geschah, weih ich nicht. Berhandlungsleiter: Wa8 ist das mit der Injektion? Angekl.: Das heißt, sic wurden mit Salzwasser eingeschmiert. Es ist das ein schlechter Scherz, der in allen Gesangenhäusern angewendet wird. Bei uns wurde dieses System von einem Oberleutnant eingeführt. Staatsanwalt: Es hat sich nicht um unschuldiges Salzwasser, sondern um - eine starke Salzsäurelösiirig gehandelt. . Angekl.: Das stimmt. Staatsanwalt: Die zugeteilteu Rechercheure der Staatspolizei haben das im Honvedministerium eingeführt und in der Präsidialabteilung C stand immer eine solche Flasche mit starker Salzsäurelösung bereit. Angekl.: Jawohl. Staatsanwalt: Aber nicht nur Landau mußte das antisemitische Lied singen, alle übrigen haben rnitgesungen. Angekl.: Ich habe nicht gesungen, denn ich habe ein schlechtes musikalisches Gehör. Berhandlungsleiter: Reden Sie doch nicht so daher. Zum Singen des „Erger, Berger" braucht malt kein gutes musikalisches Gehör. Es folgte nun dte Einvernahme des Angeklagten Ladislaus Gonda, der angibt, daß Lieszkovszkh ihm den Befehl erteilt habe, zwei Flaschen Wasser hereinzubringen. Hingegen stellt er in Abrede, die Injektion gegeben zu haben, da er angeblich nicht einmal wisse, was es bedeutet. Verhandlungslciter: So war die Sache nicht, denn beide Landaus haben die Injektion doch bekommen, zu welchem Zwecke man sie auf den Anstandsort führte. Hierauf folgte die Zeugeneinvernahme. Anton Gal, der auch in der Verhandlung vor dem Zivilgericht als Zeuge einvernommen wurde, versucht anfangs, seine damaligen Angaben abzuschwächen, mußte jedoch, vom Staatsaulvalt in die Enge getrieben, schließlich zugeben, daß die Militärrechercheure, von Oberleutnant Danszky aufgenmntert, die Landau und die übrigen jüdischen Häftlinge. mit Stöcken und Hundspeitschen blutig schlugen. Der nächste Zeuge Johann Kirchner, der als Profos Dienst machte, erzählte, daß Sipos von ihm den Stock verlangte, mit dem er seine Opfer prügelte. Als der Stock am Körper der Landaus zerbrach, mußte er eine Hundspeitsche bringen. Die Verhandlung wurde sodann auf den nächsten Tag vertagt. ~ " 0mm Die Fraktionen haben erst nach Schluß der Beratungen im Plenum ihre-offiziellen Sitzungen anberaumt, doch herrschte bereits in den Nachmiltagsstunden reges Leben in den Fraklionszimmern. Zur Betrauung Cunos erfährt „United Telegraph", daß sowohl die deutsche Volksparttt. als auch dir Sozial-, demokraten-keine ernsten Bedenken erheben und auch dw Demokraten nichts.gegen ihn einzuwenden haben. Dos Zentrum ist gleichfalls für die . Betrauung Cunos, da er dieser Partei sehr nahe steht, doch sind innerhalb des Zentrums Stimmen laut geworden, die eine Unterstützung Cunos für eine Desavouierung der gestrigen Beschlüsse erklären, wonach die Fraktion keine andere Zentrumskandidatur als dir Dr. Wirths unterstützen wolle. Bei der bestehenden Bereitwilligkeit der ührigen Parteien rechnet man jedoch damit, daß das Zentrum einem Kabinett Cuno seine Zustimmung unh Mitwirkung nicht versagen wird. ras RadllU-StuLkntentum. Die Prager Nationalen. Prag, 15. November. .Die Agitation der Prager deutschnational-antisemitischen Studentenschaft gegen den Rektor der deutschen Universität Professor Dr. Steinherz, einen Inden, hat heute mit dem Streik und der Verhinderung der Vorlesungen an den Universitätsinstihrten ihren Höhepunkt erreicht. Die antisemitischen Studenten hatten bereits kurz nach 7 Uhr früh die Gehäuse der deutschen Universität besetzt und es dadurch der übrigen Studentenschaft unmöglich gemacht, dix Vorlesungen zu besuchen. Nur auf einzelnen Kliniken konnten Vorlesungen abgehalten werden. Am bedwhlichsten war die Situation vor dem deutschenanatomischen Institut in ber Krankenhausgasse, wo es zu einer förmlichen Schlägerei mit jüdischen Hochschülern kam, bei der einige Studenten blutig geschlagen wurden. Auch der Zugang . zmn Rektorat wurde von den antisemitischen Studenten bese.tz.1 gehalten. Im Laufe des . Vormittags erschien bei dent Rektor eine Abordnung der a ntisemitischen Studentenschaft, die eure Entschließung verlas, worin der Rück dr i t t d e s R e k t o r s verlangt ivurde. Der Rektor erklärte der Abordnung, daß er diesem Verlangen nicht Nachkommen utrd daß der akademische Senat weitere Berfiögn-idgen treffen werde. Eine Abordnung der assimilatorischen Studentenschaft legte gegen die Einschränkung der Freiheit Vevwahvung ein. Der Rektor erklärte, die Studenten mögen das Vorgehen der Dentfchnationalen als ein E l e m e n t a r e r e i g n i s betrachtert und es unbeachtet Effert. Um 5 Uhr nachmittags.trat der akademische Senat zu einer Beratung zusammen. Er befaßte sich nut den Vorgängen des heütigen Tages und beschloß, zur Wiederherstellung geordneter Zustände die Uebrurgen und Vorlesungen auf sämtlichen Fakultäten auf wenige Tage zu unterbrechen. Die Strchentcn werden aufgefordert, sämtliche 'Ilniversitätsräunre sofort freizugeben und der Ableitung von Prüfungen und den dazu-notwendigen Vorarbeiten auch während der Zeit der Sistiernug der Vorlesuirgen keine Schwierigkeiten zu bereiten. \ Prag, 16. November. (Tel. d. „Wr. Morgenzeitung".) Heute herrscht an der Universität Ruhe. Alle Vorlesungen sind sistiert. Die Regierung hat eine sünsgliedrige Komnnssion zur Untersuchung der Vorfälle eingesetzt. . Steine und Schlagringe. Budapest, 15. Novernber. Gestern abends war die in der Budapester Tierärztlichen Hochschule nntergebrachte Pr.-ßbnrger Universität der Schauplatz heftiger antisenntischer Ausschreitungen. Die jüdischen Hörer, die an einem Bortrage im physiologischen Laboratorium teilgenvmmeu hatten, ^wurden nach Verlaßen des Laboratorinnis im dunklen Garten der Hochschule mit Ste'nen und Schlagringen überfallen und blutig geschlagen. Die Angegriffenen sandten eine Deputation zum Dekan, der die Bewachung des Uuiversitätsgebäudes in Aussicht -stellte. Dte Angreifer konnten nicht cruieri werden. Der gewesene türkische Grotzrabbiner als llnterhündler der Angora-Reglernng. London, 16. November. (I. C. B.) Der frühere Hauptrabbiner der Türkei,' Rahbi C h a i m N a h u m Efendi ist auf der Reise nach Lausanne zur uahen Qsten-Konfercuz-in London ciugetrofsen. Er wird in Lausanne als Privatmann weilen, aber in Wirklichkeit als der Ratgeber der k e m a» listischen Delegation und als inoffizieller Vertreter der Angora-Regierung fungieren. Chaim Nahum Efendi führt gegenwärtig in London mit' der englischen Regie r u n g U n t c r h a n d l u n g e n über deren Verständ.guug mit der kemalistischen Negierung. j Gerüchte besagen, daß Nahnm Efendi zunr türkischen Botschaft^ in Washington ausersehen sei, wo er vor kur;er Zeit Besuch geweilt hat, Die Angom-Demokratte. Paris, 16. Novernber. (Wolfs.) I s m e t P a s ch a erklärte gegenüber Pressevertretern, die neue Türkei, sei nicht nur ein militärisch siegreiches &utb, sie sei auch eine Nation, die vom Geiste der Befreiung und der Wieder-