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Wiener Morgenzeitung · 1922-11-16 · Heft 1353 (16.11.1922) · p. Seite 4

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
4 (1922)
Issue
Heft 1353 (16.11.1922)
Date
1922-11-16
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Leite 4 Wien, Donnerstag Wttrrev GftgtftftfseUttng« m m | mg iniei wU« s m Hp I # mm Ula I g 1 hb Im Ai toi I b La gaä , 19. November 1922 , Nr. 1S5Z Wiener Pelzwa^enmarkt Breitfeld &Lander, Wien, II.KB. Sperlg asse 3 (:«,») üMa«Q9_ aan «ieti*aa 43«a-<ao Eacporii Tagesbericht. Irr RauLansM aus dem Schottenring. Der räuberische lleberfall auf die 71jahrige Frau Regine Fellner, der am Dienstag vormittags in der Wohnung ihrer -.'Uchte, der Geschäftsfrau Rosa Fellmek, auf dem Cchotttitting 'Nr. 32, ausgeführt worden ist, war sehr ernst gemeint, und es vt nur der kräftigen Konstitution der allen Frau zu darrten, -.reim sie keinen ernsteren Nachteil,davontrug. Frau Fclliver war in die Wohnung ihrer Nichte gekommen, um die Wirtschaft zu besorgen und das Mirlagmaihl vor- - übereilen. Etwa um 10 Uhr war der unbekannte Mann zur Tür aekommeu und harte geklopft. Er wollte eine Bestellung auf Urboitsmäntsl machen. Die älre Frau öffnete die Türe aus 'Vorsicht nicht und wies ihn in das Geschäft. Der Fremde trollte iich. Etwa 20 Minuten später kam die angebliche Hausgehilfin Fchanna Bergmann und klopfte an der Tür. Frau Fellner 1^8 auch sie nicht ein, sondern rief ihr zu, sie solle draußen auf Frau Jellinek warten. Das Mädchen erwiderte, es habe einen Zettel von der Frau Jellinek. Nun erst offnere die ake Frau einen Spalt,- um den Zettel zu übernehmen. Diesen -'lngvnblick benützte die Person, um sich ms Vorzimmer zu Gängen. Ihr folgte unmittelbar der junge Mensch von vorhin, uttö verschloß di« Türe hinter sich. Ehe Frau Fellner einen ‘jcnti von sich geben konnte, hatte der Mami sie mit beiden ernten umklammert. Was in den nächsten Sekunden Tschechen ist, weiß Frau Fellner nicht; denn sie verlor die Benummg. Erst nach etwa zchn Minuten ist sie wieder zu sich gekommen und har sich im anstoßende n Kinderzimmer auf dem Boden gefunden. Der Fremde kniete auf ihr und hielt Ujt mit beiden Händen den Mund zu, um sie am Schreien zu biudevlt. Als sie trotzdem etwas Luft bekam, bar sie ihn, er sollte sie in Ruhe lassen, da sie eine alte Frau sei. Der Ddanu versprach ihr, ihr kein Leid zuzufügen,. wenn sie sich ruhig verhalte. Dabei nahm er ein Messer aus der Tasche, öffnete und zeigte ihr, wie er es ihr durch den Hals stechen wevde, mcnu sie schreie. Damit schücherte der Mann sie vollends ein. 'vctmt steckte er das Messer wieder ein UrÄ> erzählte ihr, daß or - .d) feit seinem siebenten Lebensjahre mühsam selbst forvbringen tuüsse, daß das Mädchen, seine Schwester, schuldtvagend l.'i, daß er'so weit gesunken ist, und daß er froh wäre, eingespcrrt zu werden, damit er Ruhe habe. Indessen hatte das Mädchen mÄ einem Teil der Beute die Wohnung Verlässen. Auch der Mapn schickte sich an, wogz.'.gchen. Da bat ihn Frau Fellner, ihr doch die Wäsche, die nicht ersetzt weiden könne, zu lassen. Augenscheinlich von Mitleid erfüllt, brachte ihr der Räuber ©iirtbel mit Wäsche aus dom Vorzimmer ms Zimmer und lie sie großmütig dort. Auch dm Wohnungsschlüssel ließ er zurück. Nur mit einem schwems- '.cdernen Koffer verließ er die Wohnung. Nun war die Greisin allein, aber furchterfüllt und eingeschüchdert. Sie sperrte die Wohnung cvb und wollte erst die Rückkehr -der Nichte erwarten. Diese kam erst um halb 2 Uhr ahnungslos nach Hause und hörte entsetzt die Geschichte des Ueberfalles. Sie wusch der altem Frau das blutige Gesicht und sah sich dann in der Wohnung um, um fest zustellen, was eigentlich geraubt worden ist. Dann erst ging sie zum Stadtkommisscrricü und machte die Anzeige. Interessant ist, daß sich in der Wohnung ein kleiner Rattler befand. Als die angebliche Bergmann eintrat, .hat der Hund ein wenig gebellt; allein di« Räuberin streichelte ihn freundlich, worauf, sich das Tier sofort beruhigte. Die Erhebungen haben bisher kein Ergebnis gchckbt. Abends wird uns berichtet: Der Eyausseur, der die angebliche Hausgehilfin Bergmann nach der Tat zum Hchel Schwarzinger in der-Dunklergasse geführt hat, ist bereits ermittelt. Seine ungemein wertvollen Aussagen, die er im Sicherheitsbureau gernacht hat, zeigen, daß die Genossin des Räubets einen Grad von Unverschämtheit und Gaunerfrechheit erwiesen hat, wie er in der Kriminalgeschichte fast emzrg dastcht. Der Lenker des Autos rst Friedrich Ncdoma. Er hat seinen Standplatz an der Ecke des Schottenringes und der Gonzagagasse. Zu ihm war Dienstag mittags die angebliche Bergmann gekommen; sie hatte die Einkaufstasche und den schweinsledernen Handkoffer mit, "und trug schon den geraubten Mantel. Sie nahm das Auto ans und gab dem Besitzer den Auftrag, sie zum Hanse Schottenring Nr. 31 zu fahren, das ist das Haus, in dem eben der Raub vollführt worden war. Sie gab Herrn Nedoma dm Auftrag, er solle im zweiten Stock den „Herrn Alfred" Holen.'Nedoma ging ins Haus^ während das Mädchen, im Auto sitzen blieb, u.n'd rief mehrmals kräftig „Alfred!" Der angebliche Alfred hielt bei. der Ueberfallenen in der Wohnung Wache. Nedoma ging zu seinem Auwmobil zurück und richtete dem Mädchen aus, daß sich nichts rühre. Nun gab das ädchen ihm die Weisung, zum Hotel Schwarzinger nach Meidling, in die Dunklergasse, zu fahren. Die Taxe machte schließlich 91.800 K. aus. Da erklärte die Frau nach langem Ducheu in der Tasche, sie habe nur 13.000 K. b« sich, ihr Mann habe das Geld, und sie bot dem Autobf'itzer das und jenes aus der "eute als Pfand für dm Fichrtlohn an,' doch m hm Nedoma nichts. /Nun meinte die Frau, ihr Maim wrmm gic'ch nach u.<-werde das Geld bringen. hat ihn. io lange 4ü tMve.i. Al^ dann Nedoma wieder kam, war der Mann, schon gekommev Aber auch er hatteNsr GM. Der Mann gab dann Herrn Nedoma den Siegelring mit dem schwäri zen Stein mit der eingravierten Rittergestalt, und den Ring sollte sich' der angebliche Bevgmann-Kanihaler gestern bei dem ' Schwager NedomaS gegen Bezahlung des Fuhvlohnes abholen. Gekommen ist der Mann gestern aber nicht. Herr Nedoma sagt, daß das Mädchen keinen besonders günstigen Eindruck machte. Sie sieht wie eine der Spazi-ergüngerinnen von der Straße aus, trägt graugrüne Schoß, solche Jacke, Sportkappe mit Schild. Sie.hat blondes Haar, das etwas zerzaust scheint, trägt gelbe Schuhe und Strümpfe. Ihr Sprechen und ihre Mundfovm machen den Eindruck, als ob sie wenig Zähne hätte. Sie kann etwa 18 Jahre alt sein. Der Mann, den Nedoma nur wenig gesehen hat, macht einen recht intelligenten Andruck. Er ist dun- . kol, bartlos, und trägt dunkle Kleidung. Er ist klein, trug braungestreiftes, weißes, neues Hemd, schwarzen, kurzen Uebevrock, schwarzen, weichen Hut und schwarze Hose. Festgestellt wurde, daß der Mann im Hotel zu Ende Oktober auch RS Franz Kanthaler, Schlossevgehilfe, 1892 geboren zu Erlach bei Wiener-Neustadt, gemeldet war. Ne KMebenkatastrovtze in Me. Santiago de Chile, 15. Rovewbr. (K vas.j Äilllich wird mllfleie>l>, daß bei oem Erdbeben 18c 0 Menschen gelötet und über 20«*0 v rieht wolden sind. 2n iünj Bezirk,« würde über die Kälfte der Ged ude zeri ört. London» iS. November (R ulrr.) „Doi'y New»' melden aus V a l p a r a \ j o, daß die Za >l der Opftr des Erdbeben» zweitausend betrage. N e u e E r d jt ö ß e stien ve> spürt won rn- Ein Dor, mit 7öv Einwohnern sei voll.ommcn veffchwunden. Dir kriegerischen Pinzganer. Aus den Vorgängen in Judenburg erfährt man, dvß die Alpenbauern tatsächlich Waffen verbargen. Nun ist ja drr Veteranensäbel eine alte Forderung der unisormbe--. geisterten Männlichkeit von Stadt und Land. Wozu die Bauern jetzt aber auch noch Gewehre brauchen, hat der „Gauführer" Notar Niegel«ausSaalfelden auf dem. jüngst aogehmtenen Gau.ag der PirlMurr Heimwehren verraten. Er gab einen Ueberblick üoer Eptstehuftg und Zweck des. Selbstschutzverbandes mrd betonte, daß dieser weder arbeitersettidlia) noch auch ausschließlich aus Schutz des Besitzes, sondern vielmehr gegen die jüdischen Volksverhetzer und auf Stärkung, der Liebe zu Volk und Heimat, damit also auf die innere. Gesundung unseres Volkes gerichtet sei. Wie sehr mit Pulver und Blei die innere Gesundung der Völker und besonders, die Liebe zur Heimat gestärkt wird, hat der Verlauf v.s Weltkrieges so überzeugend dargelogt, daß man darüber kein Wort mehr zu verlieren braucht. Neu ist nur die kriegerische Einschätzung der „jüdischen Volksverhetzer" durch die Pinzgauer Bauern. Bisher sind diese mit dem Körbrrljuden — eine andere Spielart ftrdiichrr Volksverhetzer als diese von der Kirche geschaffene Judas-Karrikatur dürfte im Pinzgau kaum je gediehen sein — viel einfacher fertig geworden! Sie haben ihn zur höheren Weihe gewisirr Feiertage bespien. In Hinkunft wollen sie wohl auf ihn schießen, wenn sie wirklich alle vom kriegrrischen Geiste des Herrn Riegele beseelt sind. Das wird den Körberljuden . sehr fteuen. Denn beschosien werden — mit Gewehren! — ist , sicher ehrenvoller als das alljährliche Sichanspuckenlasien. ' Und geschehen wird ihm ja doch nichts. Der Körberljud ist kugel-, hieb- und stichfest. Er ist unsterblich, denn er ist das MitteUungen aus dem Publikum. Mtelliiß! in null i & der."" Bandnad iitzeolatirik 6. m. &.H. m Wien, 11. Untere Augartenstr. 5 — Tel. 457-62 «MM II den MIM Iac::pl8ei 4 nd und ln illsa Motitlarbei War e nkrach im Vorhangspezialhau*. VI. Gumpendorferstr. 38 Etarnlnftores (m t Einsatz u. Monven) . K. S8 OÖO SlUnlUcrootOÖngc i@tam ue). ... K «8 410 » Doppeloeclleu (mit Em ay n Mottvm) . St. HWOOO Wa-rasvvrhikni»e bmdta webt) . . . . ^14^000 dteppbechen (Me Fi» u g) . . . . . . $ I3ä <:0'> ©Icpodcdien geb' m j.a »04 0 0 V«üichtt1chdecht§ alle ftarben'. ... . St. I,t8 00t> Ue6cn»atfc ($r *: rs 16>XM). . . .& 0*4 Otto Detmlverkau! z- Ngros-Prelfen k - *4t4b»tmp«ciM «->* «' .; s Ä.W Symbol jener haßvollen Verzerrung des Judentums, mit * der gewisse Weltanschauungen — „sittlich-religiöse" wie „dölkisch'wehrhafte" — ihren ganzen , „geistigen" Gvhalt bestreiten... _ Ler Schwur von Nru-ÄMPin. AuS der Geschichte der Juden in Preußen. Herr Dr. Waber und seine engeren Gesinnungsgenossen haben vielleicht in modernen Rechtsstaaten kaum ihresgleichen. Aber wer in alten Gcschichtswerken nachliest, wird schon Vorbilder erkennen, an denen sich diese Herren ein Beispiel genommen. Von einem solchen Vorfilb sei hier berichtet: Di« Stadt N e u - R u p P i n in der Mittelmark geriet im Jahre 1767 ^in einen merkwürdigen Konflikt mit Friedrich dem Großen. In diesem Jahre hatten sich nämlich vier jüdische Kansleute aus der Neumark an den König mit dem Gesuch gewendet, er möge ihnen die Erlaubnis erteilen, sich in Neu-RuPPin niederzulassen und daselbst Fabriken zu errichten. Der König beeilte sich, den jüdischen Petenten sofort das gewünschte Privilegium zu erteilen. Ein Donnerschlag für die ehrsame Bürgerschaft Neu-Nuppins, die, kaum daß der erste Schrecken überwunden war, eine Deputation an den König mit der Bitte sendete, er möge mit Rücksicht auf ein altes Recht, wonach kein Jude in NuPPins Mauern Aufenthalt nehmen dürfe, das den vier jüdischen Kaufleuten gewährte Privilegium wieder entziehen. Friedrich der Große, der zwar die Juden persönlich nicht leiden mochte, aber jeden nach seiner Fasson selig im Himmel und geschäftlich auf Erden. frei sein lassen wollte, fragte die Deputierten mit voltairischer Jroni: „Kann man zu irgendeiner Ungerechtigkeit ein Recht haben", und entließ die Deputation mit diesem unzweideutden Bescheid. Aber die Neu-Ruppiner einigten sich mit feierliches -Schwüren, keiner drr in ihre Stadt einziehenden .jüdischen Familien eine Wohnung einzuräumen. Da man unter dem Schutz eines Privilegiums allein nicht wohnen kann, wendeten sich die jüdischen Kaufleute wieder an den König um Hilfe, und dieser erließ ungezögert einen 'Befehl an den Bürgermeister von Neu-RuPPin, „bei Vermeidung der königlichen Ungnade den Juden Wohnungen zu verschaffen und in eigener Person für die Weigerung, und den Ungehorsam der Bürger verantworllich zu fein". Der Bürgermeister gewährte zunächst den vier Judenfamilie» ein Notdürftiges Asyl in seinem eigenen Hause und bemühte sich dann, mit Hinblick auf'die königliche Ü rdcr, ihnen später geeignetere Unterkunft zu verschaffen. Aber die Neu-Ruppiner verstanden es meisterhaft, den jüdischen Familien durch Bosheit Und Schikanen den Aufenthalt in ihrer Stadt so unleidlich zu machen, daß diese ans die Errichtung von Fabriken verzichteten und nach einem Jahre die dom Geiste schrankenloser Nächstenliebe Hcfeelte Stadt verließen. Neu-RuPPin war gerettet. Zwanzig Jahre spater erfuhren die Bürger der Stadt am eigenen werten Leibe, wie peinlich es sei, ohne Obdach dazustehen. Eine Feuersbrunst hatte von 750 Gebäuden 534 vollständig zerstört und grenzenloses Elend über die Bewohner gebracht. Nun war der Tag der Rache für die jüdische Kaufmannschaft in Berlin gekommen, die nicht vergessen hatte, wie bie. Neu- Nuppiner sich seinerzeit gegen obdachlose Judenfamilien benommen hatten. Sie veranstaltete eine Kollekte, die 125 0 Täler in Gold, achtzehn Zentner Kleidungsstücke und fast ebenso viel an Nahrungsmitteln ergab. Aber auch die Bürger von Neu-Ruppjn zeigten bei dieser Gelegenheit ein er^ hebendes BeisPiF von.Charaktergröße, wenn man Konsequenz als ein Zeichen von Charaktergröße betrachten kann. Als vierzehn Tage nach dieser^ Kollekte zwei angesehene Berliner Juden — die sich reichlich all der Sammlung beteiligt hatten —, auf einer Reise begriffen, die Stadt Ncu-Rnppin Pasiieren wollten, wurde ihnen selbst die Durchfahrt durch den mehr einer Trümmer- und Brandstätte gleichenden Drt verwehrt. Die Juden mußten außerhalt der Stadt um die Mauer herumfahren. Auf solche Weise erwies sich Neu-Ruphcn dankbar. —nn— . Das teure geistige Brot. Ein Leser schreibt uns: Um nicht den Borwurf der Bildungsprotzerei und Kunstflunkerei auf mich zir. laden, muß ich von vornherein bekennen, daß meine Beziehungen zur bildenden Kunst sehr lose sind. Ich unterscheide Boticelli und Rubens zwar mit unfehlbarer Sicherheit, we.'.n der Name sehr deutlich auf dom Rahmen verzeichnet ist, kann mir aber sonst kein besonderes Kunswerstäudnis nachrühnten. Trotzdem besuche ich mit Freude von Zeit zu Zeit Gemäldesammlungen, und es war mir immer.eine Festesstunde, unter den Werken der grotzim Meisftr umher zu Mndern, die Schönheit zu bestmlnen, ja> in melner'gänzljch unverständigen Art 'm be- , Wundem. Schließlich kann auch der Ullo. nd'ge Knnft ge. 1378^2

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