Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- Heft 1342 (5.11.1922)
- Date
- 1922-11-05
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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■HW5W Me r Wien, Sonntag Merrer M»tzse«reitA«S» 5i November 1922 Nr. 1L4L ff Die letzte Nummer des „Jude n", Heft 11, . veröffentlicht die folgenden Auszüge aus dem in Vorbereitung befindliche zweiten Bande der -.Tagebücher" Th. HerzlS. Die Redaktion des. ,Lfuden" versieht die Veröffentlichung mit der nachfolgeirden Einleitung: Die nachstehenden, Enc-- tragungen und zwei Jahre umfassenden Auszüge aus dem zweiten Band der „Tagebücher", dessen Veröffentlichung.vom Jüdischen Verlag vorbereitet wird, zeigen stärker als eine Darstellung vermöchte, wie Herzl in seiner Stellung als.Radakteur einer „liberalen", von zwei typischen Bor- und Rücksichtsjuden (Bacher und Benedikt) hermrSgegebenen Tageszeitung litt: „Sklave" eines Blattes, das seine Sache totfchweigen wollte, abhängig von Leuten, die sein« Sache verspotteten, in der Zeit, als die ersten Kongresse statifanderr und die Bewegung sich auch die Anerkennung po-. litisch maßgebender Personell und Kreise zu erringen begann. 1.*) 16. Juni 1897. Im heutigen MovgeMgtt der Schonererschen „Ostdeutschen Rundschau" harte Attacke auf die „Neue Freie Presse" wegen der „WÄt". Im Lesezimmer der Redaktion lag die „Ostdeutsche Rundschau" mit blasren Strichen durchackert auf. Einige Kollegen grüßten mich frostig wie einen in Ungnade gefallenen Günstling. Benedikt schickte mir die Ostdeutsche Rnrbdschau" durch einen Diener in mein Zimmer. Eine Viertelstunde spater ging ich zu ihm, wieder Aar zum Gefecht, wenn auch räht nervös. Benedikt war sehr ruhig. Ich sagte ihm: „Den Artikel habe ich gelesen. Er ist sehr unangenehm." Er: „Die „Welt" ist für uns eine große Verlegenheit. Am besten wäre es, wenn sie zu erscheinen aujhörtc." Ich sagte: „Das geht nicht." Er: ,Mir tuenden darüber sprechen. Sie sehen, ich b Handle es garrz ruhig und sachlich." Ich: „Die „Neue Freie Presse" ist schon vor der ^Velt" von den Antisemiten mit Kübeln Jauche übergossen worden. Was mich betrifft, ich will der „Neuen Freien Presse" gewiß keine Verlegenheiten bereiten. Ich bin dem Blatte anhänglich. Schließlich habe ich doch ein Strick Leben und Gesundheit m die „Neue Freie Presse" ' hineinaeacheitet." Ich sprach fest und ruhig. Er sah, daß ich aus. den Bruch gefaßt war. Wir wurden durch Änen Telephonruf unterbrochen. Ich ging aus dem Zimmer. W ich nach einer halben Stunde wiärerkam, fing er nicht wieder an. Tr gab mir einen Artikel von Sir Charles Dille über Königin Victoria zum Uederfetzen. Er wolle ihn nicht der Frau W. zur Uebersetzung geben, iveil er kein Vertrauen zu ihr habe, sie könnte es vorzeitig verlautbaren., Also zu mir hat er Vertrauen? Ist die Attitüde Benedikts eine Schwäche, oder hat er ottvas vor? Wenn er schwach ist, müßte er es besser verbergen. Hätte er geschwiegen, 'die Ostdeutsche Rundschau" gar nicht erwähnt, aber mich eisizl behandelt, ich wäre vermutlich schwer erschüttert gewesen. 1 Männer machen keine Vorivürfc, sondern sie oeririchten. 18. Juni. Heute wieder ein Gang des Duells mjt Benedikt.' Kr^ hatte einen Sekundanten: Schütz. Ich bemerkte schon seit ein paar Tagen, daß Schütz mich als gefallenen Günstling behandelt. Heute, als ich rnBenMkts Zimmer trat, sah ich ' an der (tzesprächsstockurrg, daß von mir die Rede gewesen. Nach einigen redaktionellen Bemerkungen ervffnete Benedikt das (Äsecht. Er habe mit Schütz über die „Welt" gesprochen, und ,/Schütz sei seiner Ansicht. Schütz bestätigte dies, wem: auch offenbar weniger energisch als in meiner Abwesenheit. Berredikt formulierte: Die „Welt" müsse eingchen, oder ich muH mich von ihr lossagen. Er selbst wolle mir dabei behilflich sein, eine Form zu finden, in der mein Ansehen nicht leide. (Er erinnerte mich , an sein Anerbieten bmn ,Hu-enstaaL", mir in den Ferien zu Hetzen, das Buch einwandfreier zu machen.) . Er bitte. mich dringend, dringendst (und die Drohmrg sah ihm aus den Augen), die „Welt" awfzugsben. Ersage es nicht als Herausgeber zum Mitarbeiter, sondern, als Freund zum Freunde. Es. liege chm natürlich daran, daß die „Neue Freie Presse" nicht geschädigt tverde, aber er wolle jetzt nur in rmiuem Interesse sprechen. Qfö fei schade um mich. Ich richte mich Mvnnde. Schütz sekmünerte: er habe gehört, daß eine Hetze gegen mich beginnni werde. Ich sagte: ,^Jch furchte nnch nicht!" Berwdikt suchte mir meinen „Trotz" freundschlfrlich auszureden. Daun eine Drohung: ich dürfe nicht auf Urlaub gehen, bevor ich ihm nicht eine definitive Antwort Am 6. Juni ir»c>r das erste ttalm^ins. Der „WcM'. erschiencn: siel - " WL u.fc des zionistischen Zendon ersten Band der? \ Nachdruck verboten. Copyright 1922 byJüd.'Verlag. gegeben, das heißt, das Erfche'men der MA". eWestE habe. Dönü W Wfpvechsm ir hülM rffir Wür- «»h ich tzs nicht bereuen stftrde, tvenn ich seinen WünMMÄe. (Das alles keime ich nun schon: seine PMn. Dchhungen, Versprechungen.) Ich dürft auch auf dem Kongreß keine hervorwgende Rolle spielen, ich dürfe nicht hervortreten. Ilnd nach diesen schweren Attacken, rvachdeM er-mit allem Druck seiner Stellungsübermocht auf mich zu wirken versucht hatte, fügte er so naiv hinzu, daß es der größte Höhü nicht ärger hätte machen könnend ,Lfch will ja keinen GewisienSdruck auf Sie ausüben nur ittfoweft es der' Neuen Freien Presie" abträglich sein kann, dü^n Sie nichts machen." , Und dich Mule entrüsten sich in SettarWn. wenn em Minister die Meinungsfreiheit seiner Beamten beschränkt. Ich blich natürlich uMeugsrum BeimOeggehen fragte Benedikt den Schütz (der eS mir wichererzählft) hinter meinem Rücken ängstlich, ob er rncht zu schaff mich gewesen sei. \; p- Zuni. . Schütz, der Mann der bons offices. kam zu mir. Wir gingen zufamnlen in die Redaktion. Ich klagte heftig über Benedikt, der einen Gewissensdruck auf mich ausübe. Ich könne das bis zu einer gewissen Grenze aUShalten; und schließlich, wären Benedikts. Freunde froh, wenn ich von der „Neuen Freien Presse" wvgginge. Schütz ryuß das -sofort Benedikt wiedergesayt halben. Wirkung: hinreißendes Lächeln Benedikts, als ich in fern Zimmer kam. Er war die Liebenswürdigkeit selbst, wollte durchaus, daß ich mit ihm speise, und sprach kein Wort mehr von der „Welt". Dennoch 'trän' ich' dÄN Landfrieden mchk. Ich glaube, die Angriffe der Antisemiten hat Benedikt nur Vovgeschützt, well er sich vor meiner durch die „Welt" zu erlangenden Selbständigkeit , fürchtet. ä. . ' 23. Juni, v Gestern wieder ein harter Krach mit Benedckt. .Er. kam in mein Zimmer, redete zuerst.von allgemeinen und Redaktionssachen, schloß dann die Tür und ging dann zur „Welt" über. Er dringender als bisher. Die „Welt" muß omgehen. Ich soll sie in eine 'Korrespondenz verwandeln oder sistieren, unddie Partei Möge sie in einer anderen Stadt, zu einer anderen Zeit» herausgeben. Ich hörte Whig gab Line Antwort/ Er' bätmich:'„Sei^n Sie «in -bon gaMN-! Seien Sie nicht trotzig. Soyez Lon prince! Was haben Sie von der „Welt"? Sie schaden sich! Es ist mir leid imv Sie! In der „Neuen Freien Presie" können Sie die größte ^rriere machen. Was brmkch' ich Ihnen da viel zu sagen? Sie sehen die Perspektive so wie ich. Sie können bei/lms alles erreichen. So aber bringen Sic uns in'die 'größte . Verlegenheit.- Wir können nicht als Judenblatt daitehen. Gerade jetzt, wo nach sechs Jahren zrnu ersten. Adrle wieder eine Annäherung zwischen den Dmtschnntionalen und uns stattfiiidet (Sprachenvewrdnmrgskrieg), kommen Sie mit der Geschichte. Ich spreche (noch immer!) nicht alß Herausgeber mit Ihnen, sondern als persönlicher Freund. Lassen Sie ab von der Sachtz, es wird Ihr Schaden nicht ftm." Ich schwieg nur. Er sich mich mit der größten Errcgmrg an. Sr'bat, versprach, drohte. Endlich sagte ich ihm: . „Sie sind nicht gut informiert über die Stinrnmüg im Publckmn. Ihre Läser hätten, nichts dagegen,, wenn Sie vvm Zionismus sprächen. Sie sind zu sehr Zeitung^ftu>veVän geworden, Sie haben zu viele Bewerber nm Ihre^ Gunst; mau sagt Ihnen, lvas Sie Horen wollen, und Sie Hoven nicht mehr die Wahrheit." Ich verlangte schließlich Bedenkzeit und wir gingen zusammen ans der Redaktion weg. Für mich ist es klar, daß der Bruch mit der „Neuen Freien. Presie" in den nächsten Tagen bevorsteht. Abends machte ich dem Aktionskomitee Mitteilung vE d§n Schwierigkeiten, -die ich wegen der „Welt" mit der „Neuen Freien Presse" habe. - ' 4. ' 24. ,JmÜ. Im Coup.'. Unterwegs ivach Ischl. Ich habe soeben m Linz auf dem Bahrchvs Bacher gesehen, der offenbar von Karlsbad kommt und auch nach Ischl fährt. Da ich in den letzten Tagen mit Benedikt in Wien gemvg Aufregung hatte, wich ich Bacher aus^ tat, als ob ich ihn nicht gesehen.hätte, mid -stieg rasch wieder m mein l^oupe ein. Vielleicht hat er mich nicht bemerkt. In Ischl werden wir wahrscheinlich deimoch zusammentrefftn und dort möglicherweise streiten. Morn Rervenznstand läßt chüh ällerömgs wünschen, jetzt keine aufregenden Diskussionen zu führen. Per gestrige war interessant. Ich hatte mich entschlossen, von Benedikt Urlaub zu verlangen, um desen alltäglichen HertzbektoMnrungen in den errogteft Gesprächen mit ihm ein Ende zu «rachen. Als ich gestern auf meinem Rad in die Redaktion fuhr, sagte ich mir: das ist wahrscheinlich da^ letzte Dtal, daß ich in die «Nqne Freie Kveffe" gehe, unr die ich Miso viele Jahre so heiß' bemüht habe. Diese schweren Differenzen müssen ja endlich zu meinom^ Austritt führen, da ich unmöglich-auf die Fövdettmg Benedikts oingehen kann: die „Welt" W sichren, ff Und merkwürdigerweise empfand ich bei dem Ge- 'danken, diese vieltzetteidete Stellung bei der „Neuen Freien Prelle", die anerkannt erste literarische StellNüg in Wien, Mverlqsien, ei8e Att von Witurientenerleichtemng. Aeh'n- MÜe'WlN--Mschied von der Schule zumute. Ferner dachte ich mir: so mutz der Tod sein. Schmerz- Hast —mehr psychisch als physisch schmerchcvft — ist chohl nur die Agonie. Der Tod selbst nchg dem Sterbenden wirklich eine Erlösung-fein. \ Ganz heiter räumte ich dann meine Feuilletonladen ein, machte Ordnung, wie eine' gute Hausfrau noch dcn Schlüsselbund an den Haken hängt, bevor sie sich, den Tod sichtend, niederlegt. Dennoch war und ist mir ganz klar, daß ich durch Marien.Abschied von ber „Neuen Freien Presie" vo« einem Tag auf den anderen ein Deklasiierter sein kann. Die letzte Unterredung mit Benedikt gestaltete sich ruhiger, als ich gedacht hätte. Ich sagte ihm: „Mt Jhver ZuMrmung will ich jetzt auf. Urlaub gehen. Ich feitate jetzt Jhrm Standpunkt in der Frage der „Welt" und werde Ihnen Vis zum ersten Juli meim Antwort schreiben." & Er antwortete schnell: „SchveiDen Sie mir nicht! Ich bin überzeugt, Sie werden mir folgen. Ich spreche als Ihr ^-wahrer Freund — zwar auch in meinem Interesse, aber nicht ohne das ihrige -zu berücksichtigen. Sie schaden sich, wenn Sie als Jude austreten." Ich sagte: „Schaden? Das kann man nur, wenn man eine Luurperei begeht." Er rief: „Ueber Charakter brauchen doch wir zwei nicht zu sprechen. So etwas wird niemand von Ihnen sagen oder glauben." Ich schloß:'„Ich gehe asso jetzt auf Urlaub. Feuilletons werde ich Ihnen schicken. Hier konnte ich nichts arbeiten. Diese Gespräche mit Ihnen haben mich zu stark aufgeregt." Er entgegnete: „Mch auch! Mso beherzigen Sie meinen FreunLesrat. Sie versprechen mir, daß Sie die „Welt" eingehen lasien, nicht wahr?" > , Ich versprach ihm aber nichts, sondern schüttelte mir stumm den Kopf. Dennoch schieden wir ,M.Fremide". 5. . Wien, 14. August. Die Avdeitsn für , den Kongreß und die „Welt" neben der „Neuen Freien Presie" erschöpftn jetzt meine, Kräfte, so daß ich nicht, einmal die Energie ausbringe- .EiutMungen in dieses SchiffsAlch der neuen Mäysiower zu machen. Ich. war auf einen Zusammenstoß mit Bacher bei meinte Rückkehr vom UrllnEe gefaßt gewesen. Indessen schwieg er und machte mich sogar vorgestern witzelnd auf den LeitartikÄ m -der „Deutschen Zeitung" über de« Ziomstenkongreß «ustnerksam. Er wartet möglicherweise chuf Benedikts siiücktchr. um di« „Welt"-Fmge zu liquidieren. Vielreicht tmnmt muh der Krach, wenn ich Ende dieser Woche wied.'r weg-w:>,. . « ' 6. - , 23. Äugust, . Wieder eiu-nrat inr Coupe, diesmal mrÄrrwe-s Nach Basel zum Zromstenkongveß, Die Arbeit der lctzwn .Zert warenorm. - Der befürchtete Krach mit Bacher hat bisher nicht stattgefunden. Er iaox'. sogar in doä letzten Tagen-vor. meiner Abreise liebenswürdig. Ich arbeitete viel für die „Neue Freie Presie", um ihn giltzustimnien. Als ich meinen Nachtragsuvlaub verlangte, tat er ein bißchen brummig, entließ mich aber doch bis 2. September. Dabei kam er auf meine Beivegung zu sprechen. Die' Mitarbeitorfchafi an der „Welt" mnsie cmfhören. Ich enlgegneft: ,^Ich habe überhaupt nur einen Artikel in der,Melt" signiert." Er sagte: „Das machen Sie denn -noch? Sie wollen doch kein Wanderprediger werden?" „Nein," sagte ich, „ich will kein BerufSpoliAer fein. Wenn ich das gewollt hätte, hätte ich eine der mir angehoteiren Kandi-daturen'fur den Reichsvat angenönrmen." Serenisiimus, wie wir ihn in der Rodaktwn.nennen, scherzte beinahe gnädig: „Das -das schon für ein Vergnügen wäre. Da bin ich beinahe noch lieber auf dem Zionistenkongreß als im Peichsvat. — Aber Sie sollten jetzt aufhören. Sie, siltd doch ein Schriftsteller, Sie . find doch ein gescheiter Mensch." ,^Jawohl, weil ich ein gescheiter Mensch fern will, bringe ich meine Arbeit unter das Dach des.Kongresse Sonst wäre alles Bisherige Unsinn gewesen. Ich hab^ den Inden einen Kongreß gemacht, und von da aus soll das Volk sich weiter helft». we,m es wirklich will. Ich selbst habe die Geschichte bis hg hinauf ftitt." Ultd so ist es 'outf). Ichhabe in der letzten Zeit viel Ekel gehabt. Ich will mich, toenn der Kongreß kein« ernsten Ergebnisie zeitigt, .von der Aktion gunlckziehen und Mr noch in der „Welt" daS Feuer tvachhalten. Bacher machte dazu ein zufriedene? Gesicht. Und als ich Samstag mich von ihm verabschiedete, sagte er schrnru-- zelnd: „Grüßen Sie mir die Zionisten!" „Schön", sagte ich -- „natürlich nicht dMiell." ' HovWmZ sc-ltr).