Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- Heft 1335 (29.10.1922)
- Date
- 1922-10-29
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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f*r,- *arro* -%5WTt/ ^stntruui} ggtcrcrc av, vrtnnfitt“ t*rtr2> rette I' .. Me Schweizl -' / Bern, 28. Oktober, (SchweiZ. Dep.-Agentur.) Der Bu-ndesrat hat die Erörterung der Hilfsaktion für Öffftrxeich fortgesetzt. - Der FsL EsDUlLsRi.' Im Finanzausschüsse teilte gestern Finanzminister Segur über die gegen Camillo Castiglioni erhobenen AMvürfe unter anderem folgendes mit: Dem Cast.igli 0 ni ist gelegentlich der Beendigung der noch rückständigen Steuerveranlagungen im März 1.921 vom Mehreinkommen der, KriegSjahre 1914 bis einschließlich 1918 eine Kriegssteuer von'zusammen rund 5,7 Millionen, vorgesihrieben worden. Zur Zahlung der Kriegssteuer können auf Grund b*er bestehenden Vorschriften kouirollbezeichnete Kriegsanleihetitres der 4. bis 8. Kriegsanleihe verwendet werden.. Castiglioni, dessen Kviegsanleihen mit Rücksicht auf seine ausländische Staatsangehörigkeit zur Kontrollbezeichnung zunächst nicht -»gelassen wurden, hatte jedoch einen Anspruch auf vorläufige Stundung der Kriegssteuersinzahlüng bis zur Entscheidung der Frage über die Kontrollbezeichnung seines KriegsanleiheLesitzes. Trotz dieses SLundüngsansPruches ist aber , von Castiglioni auf die Kriegssteuer ein Teilbetrag , von rund 2,5 M i l l i o n e n am 29. April 1921 eingezahlt worden. , , Die Höhe des zur Cinkomrurnsteuer hemmgezogenen . Willkommens des Castiglioni, insbesondere seines Einkommens feit dem Zusammenbruche des ehemaligen Stoct-teS, bildet dermalen noch bei den zuständigen Organen ven Gegenstand der Ueberprüfung. l Dem weiters in der' „Arbeiterzeitung" besprochenen Fall einer - Zollhinterziehung durch Castiglioni liegt folgender Tatbestand zu Grunde:. . .. Ueber eine, geheime Anzeige, daß für den Bankpräsitinten Castiglioni Kn n-st g e gen sta n de nach Oesterreich eingeschmuggelt worden feien, wurden die Erhebungen sofort eingeleitet, die ergeben ' haben, daß die Anzeige Wohl begründet war. Eine ganze Reihe von Kunstgegenständen im Gesamtwerte von zirka 56 Millionen Kronen wurden zum Zwecke der Umgehung des Einfuhrverbotes über eine Bescheinigung eines KustoZ des Kunsthistorischen Museums Nju Wien als zur Estensis'ch en Sammlung gehörig zoll- und einsuhrfrei abgefertigt, der Estenlsifchen Sammlung Srovisorffch einverleibt, nach einigen Tagen aber in-das - Calais des C a st i g l i o n i, des eigentlichen Eigentümers, überführt.' Castiglioni verantwortete sich dahin, ■in eine Zollhinterziehung habe weder er, noch der KustöS tzedacht. es sei nur' . ' eine Umgehung des Einfuhrverbotes ' bezweckt gewesen, und die Mitwirkung des Kustos sei lediglich ein Gefälligkeitsakt gewesen, eine Revanche für die pielen Geschenke, die er dem Museum gemacht habe. Eine Anzahl der ursprünglich in den .Strafanstand rinbezogenen Kunstgegenstände ist seinerzeit von Castiglioni unmittelbar nach dem Umsturz in die Schweiz gebracht; und von dort wieder nach Oesterreich zurückgeführt worden. Der Wert dieser. Gegenstände beträgt 11 Millionen >o Regenmäntel anne VII.. Sdiittnifeldiun » — Telephea 9-1-M — , GRÖSSTE AUSWAHL IN LUXUS- UND STIL¬ MÖBELN GEBOGENE SESSEL MÄSSIGE PREISE , 440 Kronen. Da es sich hier um die Rückemführ von Kunstgegenständen handelte, so'Müßte ihnen die Begünstigung als Nückware zugebillig" werden. Es verblieb somit die verbotswidrige Einbringung von Kunstgegenständ?» im Werte von zirka 45 Millionen Kronen. Castiglioni hat gegen Erlag eines Gesamtrestbcträges von 150 Müs onen Kronen um Ablafsung dom rechtlichen Verfahren gebeten. Dieses Älstässunoea!'.'!lchen wuä'.' bewilligt, weil die Kunstgegenstände bei Erstattung der Anzeige bereits eingebmcht, aufgestellt und vielfach niet- und nagelfest angebracht waren; 2. weil ein Zollschmuggel überhaupt nicht beabsichtigt war,- da es sich lediglich um die Umgehung eines Verbotes der Einfuhr entbehrlicher Gegenstände handelte; 3. weil der österreichische - Staat keinen Schaden erlitten hat. Außerdem wurde Castiglioni aus valutarischen Grünen verpflichtet, Len ganzen Mlassungsbetvag per 150 Millionen Kronen , in Lire zu erlegen, was bei einer Erledigung iw Urteilswege ausgeschlösien gewesen wäre. Der Betvag von 369.000 Lire ist sögleich eingezahll worden. ^- u»g«r«i-- Die Jvtrrnierir«zr». Budapest, 28. Oktober. (Dell der „Wc. Mvögenzsitung".) Die Regierung läßt Urzeit die Frage der Internierungen gesetzlich fsstleigm. Sie wtÄ dem PmLament eine. BorbageFchn de« gesteigerten Schutz der öffenÄichen Ordnung"^ sugehvn lassen. Die InstÄutton der IBern-SeMmg soll aufoocht echatwn werden, doch wird in jedem «ngchven Falle die Dauer die-, ser Freiheitsstrafe zu bestimmM fein; diie biShvrWr Intermermvgen Ware« in ihrer Dauer unbegrenzt. Die Jnrer> niertsn fallen im Lagerbeschästi-gt werden, und zwar soll. jeder womöglich svmen früheren Beruf fiortsstzw. Auch für eme. Mora 1 if ch e, E r zieh u n g derJnftfftn des, Internierungslagers^ wird gesorgt wevdsn. Ms büfondsve Gcrvawtie sollen in. dom projettienten Entwurf, die. viWSlMn Fälle, in denen die; Internierung zuläsiig ist, tpsativ austgeMÜ und die RechtS- §00^1^8011 fottKic die tatsächliche. Vornahme der Iwternivrung an die jeweilige Bestätigung. deS MÄvffters. des Innern, gebunden. werden. Der Ervtwurlf wich auch von ftnenFällm -Handeln, iU denen einzelne ^rrfonen. nnier Polizetanfsicht grstelst werden. Auch, dieses Bechchven. wich! aufrechtvchatten, aber geregelt. Der MeDezwcmg für follhe, Personen M abgeschafft werden und wtt in AuSmchMfällon noch zur Anwendung gslangen-.Der Entwurf wird sich auch mit der Meldepflicht der Ausländer, mit' der Sperrstunde und Mit den Fragen der Bvrvs- und - Telegvcchhenzmsur beschäftigen. / . ,. Die ««Äiknischei» Patzsisen. B«tiq>eIt,.LS. Oltor-r.S. Ä.@.) Di« Buda. pester rumänische ' Gesandtschaft veröffentlicht' heute eine Erklänmg, wonach die Erteilung von Paßvisen heute regelmäßig erfolgte. An zuständiger, ungarischer Stelle wird erklärt daß das auf die Einstellung der Ectelluna von rumänisch'" Paßdiftn bezügliche gestrige Comwi-nique aufrechterhalten werde. Es kann auch konstatiert werden, daß das rumänische Paßamt heute allerdings Paßvisen erteilt hat abou u r an Ausländer und nicht au Üucarn. Polen. Der Direkte Berkehr mit R«tzla«v. Lemberg, 28. Oktober,. (Del. der „Wr. .Morgenzertiwg".) Die genrischte. polnisch-ilkra-mische.. GrenzfMtellungLkornm'isswn ist in Podwoloezyska eingcitroffen, um die Arbe-i-ten der echgültigm GrenWohung zwischen Polen und der Sowjet- Ukraine.zu beenden. ,Mzette.Poranna" meldet, daß die Arbeiten .an der Fertigstellung der Eisenbahnstvecke Woloczhska—- Podwvloczyska Mhezu ^vollendet find, so daß der direkte Verkehr zwischen Polen und Sowjetrutzland Ei dieser Linie , am 1. Noventber auif.genommvn worden k-aum. Ei« Mi»orttLte«««»sch»ß im oberschlefische« Landtag. Kattottitz, 25. Oktober. (Tel. der „Wr. Morgenze^ tu-itg'-) In der letzten Sitzung des Landtages -wurde eine Kommisiian füx die Angelegenheiten der nationalen Minderheiten eingesetzt. Zum 'Bovsitzerchen würde Mg: Korfanty gewählt. In der ersten Sitzung der Kommisiion wurde der Beschluß gefaßt, dem Landtag einen Drintzlichkeitsantvag Über die Schaffung eines eigenen Amtes für die nationalen Minderheiten vorzulegen. Palösti«a. Die arabische» Nati»«»listen für die B«lk»zShl«ng. Jerusalem, 25.-Ottober. (I. E. B.) Die muselrnanischchristtiche Vereinigung hat die Regierung benachrichtigt, daß sie an ihre Anhänger eine Proklamation erlassen will, die Bolkszähtungslisten auszufüllen. lieber.die M Abwehr der Agitatton gegen.die Volkßzähkmg begriffenen Maßnahmen wird nun bekannt, daß - in Nablus wegen einer den Fortgang der Volkszählung behmdernden Propaganda neun arabische Notabeln v erchaftet Worden sind. . ' Alts dem gleichen Gpmrde wurden mehrere arabische Bürgermerster -wbgesetzt --rmd ' fünf : Schullchrer' von ihren Posten vewbschiedet. - . Normaler Verlauf dar Volkszählung. London, 27. Oktober. (I. C. B.) Die wegeir Propaganda gegen die Volkszählmrg in Nablus verhafteten arabischen Notabeln wurden wieder auf freien Fuß gesetzt. Die Bolkszhhlung in. Palästina nimmt einen u n g e st ö rten Verlauf. , infolge vorgeschritteier Saison zn tief rednzisrton Preisen II.; TaborstraSe 48 TslajshoM 47-1-79 En gros En djetall WMI «H ,'PMWPf «BBWP.MSnig'SM «Umnsnn^«s»msMW°W-° Aus de« AnfK«ge« des politische» WoniSMAS. Theodor Herzls Tagebücher. Erster Band. *) Es ist wie ein wunderliches Grenzland, wo Historisches persönlich und Persönliches historisch wird. In der Geschichte großer Persönlichkeiten kann man oft das erste, in ihrer persönlichen Biographie das zweite erleben. In diese Kategorie gehören die lange erwarteten Tagebücher Theodor Herzls, deven erster Band, vier Bücher. NMfasFnd, mmmehr vorliogt. Vom persönlichen Gesichtspunkte^ mag er dek interessanteste sein, denn in ihm spiegelt sich noch etwas von jener merkwürdigen Lebenskrise, die, entfernt vergleichbar den Lebenskrisen eines PaScäl oder Tolstoi, dem eleganten Weltmann und Imrrwlisten, der nur in Persönlichkeit und Schrift einen Zug melancholischer Lobensironie nicht verbergen konnte, in den Vorführer wandelt, der das Joch der schwersten Vermrtwortung ans ferne; Schultern nimmt. - So tauchte denn während' seines Aufenthaltes in Paris aus schmerzlichen Erfahrungen und Erregungen, die Herzl zuerst im „Neiden Ghetto" zu entladen versuchte, erst nur tm ein erfinderisches Projekt, >für -das or später selber mehrrnailS den Vergleich ntit dem lenkbaren Luftschiff geibrauchte, der J^kdenstaatSge-danke in chm auf. Ein Projekt allerdings, das nicht nur die Obermacht über seinen-Herrn gewinnt, sondern in ihm selbst als Me Macht sich ankündigt, die wie aus ihrer eigenen llrottoeMgckeit , entspringend, von sekbst nähere, und fernere Kreise ergreift» wuß. ,I!ch arbeite eS. aus? Nein! es arbeitet mich. Es wäre eine Zwangsvorstellung, wenn eS nicht von Anfang bis zu En-de so. vernünftig wäre. Solche Zustände nannte Man in einer frühereir Ansdrücksiveift: Inspiration." De-vwa. Berlin 1SM. Ern Punkt, ndit dem Gegmr Herzl häufig verspotteten und der dennoch wahr ist, wenn auch in einer anderen Weise: daß die staatsmännische Intention, von allem.Anfang an bei Ähvr im Vordergründe stand. Noch ist der.Gedanke in Hin selbst nicht als Realität gefestigt/ er führt ein halb mckewußteS Dasein, und HerH wagt es noch nicht, ihn ans einem Zwrschenzustand von Ronran und Idee, er hatte ja uchprünKich einen Indenroman geplant, in die Wirklichkeit zu' heben. Ein gewisser utopischer Zug liegt über allen diesen ersten hingeworfenen Aufzeichnungen vielleicht aber vermochte Herzl üur darum die Kraft Mancher staatsmämrischer und-sozialer über nur nationaler Gedanken darin zu entfalten, weil ihm der Gegenstand noch im Bereiche der Phantasie und d^rher der freien, von ^den Hemmnisse« der Wirklichkeit noch unberührten SchaffensmöMchkeit erschien. Und als später Herzl den „Iudenstaat" drucken will, de'ttkt er darauf jene Stellen, die er bereits selbst als Dichtung erkannt, im Druck von dem eigentlichen Plan zu unterscheiden. Doch läßt er schließlich Dichtung ungeftmdert neben Wahchert stchen. Künstler werden es verstehen, , warum ich, bei im übrigen recht klarer - Vernunft, die Uebertreibungen und Träume zwischen nvernen praktischen, politischen und gefttzgvberischen Einfällen wuchern ließ wie grünes Gras zwischen Pflastersteinen." (S. 84.) Dieselbe Art künstlerischer Souveränität bcherrscht die ersten -Schiütte, in welcher Herzl mit sernmn Projekt an ttitbere Menschen heräntritt. Wohl mag ihmdamals fast „alles Jüdische frenck got'voftn fein" — merkwürdig in Äffer Beziehung ist 'snn ^zwtt Jahre vorher' gehegter phantastischer^ Plan eines förmlichen - Massemibertritts der östevveichischen JMnheitzur withölischen Kirche bis auf dunkle Impulse der Erinnerting'mtd des Blutes, bis auf jene antisemitischen Erfahrungen, die feine Ehre tief vevfttzteü- und '-fein menschliches Mitgfühl mit dem verfolgten Jude» tzeftiq erregten^. Stz eMpva-ng es' auch - Veu? Noten seines Projekts, daß er mrfänglich gar nicht daran dächte, daß das Völk sein Schicksal schließlich selber schmieden müssen sondern vermeinen konnte, daß aus der Verbindung jüdischer Geistesrnacht mit tkx elenden und von ihm verachteten Macht des jüdischen Geldes das Heil entspringen soll. In solcher Stimmung wohl meldete er sich im Juni .1895 bei Baron Hirsch an, der ihn inunerhrn im Gegensätze zu.den anderen Geldgrößen, mir denen er später irr Verbindung treten; woPe (Rothschild, Gntmann), mit einem gewissen wunderlichen Berstärrdniswillen empfing, wahrend Ihn Herzl mit ironischer Geistesüberlegenheit ftsftlte.. Herzl hat später bedauert, Hirsch nicht weiter zu feinen Zwecken herangezogen zu haben, und ehe er ihn: den „Iudenstaat" übersandte,, erhielt er. die 2-achricht vom Tode des Barons, an demselben Tage, an welchem HerA zum ersten Male zn einem errropäischen Souverän Vruftn wurde. - Die ersten Aufzeichnungen Herzls sind größtenteils ' . staatsmännifchen Inhalts („Regierungsrezepte"), wobei nianche recht merkwürdige, Aeußerlichkeit mituuterläuft .Herzl - verschmäht die Mittel der Reklame nicht, däs Motiv des Ehrgeizes gil-t ihn: als eines der wichtigsten staatlichen Erziehungsmittel (ein Beispiel: die Prämienrng besonderer Tugenden im neuen Staatstvesen), er will weniger mit einzelnen Personen als mit Massen operieren, während er-von der Demokratie nichts erwartet, gelegentlich spricht er sogar öon den Uniformen der künftigen Beamtenschaft, Sätze, wie etwa die folgenden: „Das Entstehen von Berüfspolrtikern muß auf jede mögliche Weise verhindert werden", „Das Volk muß nach Prinzipien ziM Guten gelenkt werden, die eS selbst nicht kennt", worin sich etwas wie angeborne Staatsphilosophie ' verrät. Seine eigene künftige Stellrrng kennzeichnet er ahnungsweise mit den Worten: „Ich führe die Geschäfte der Inden ohne ihren Auftrag, werde ihnen aber dafür vewntwortlich," und viel MönliHer.: ,,Im Schreiben Wd besonders pM 'Mi