Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- Heft 1333 (27.10.1922)
- Date
- 1922-10-27
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite Die«, Freitag Wiener MorHe^zetturrs. 27. Oktober 1S?S Nr. 188S -wische» dem Judentum u*ib ÄesPrUännien geschlossenen Vertrag erst seine Starke vevsc-cht. Weil wir Idealisten sind, dürfen wir unsere Augen nicht vor der realen Wirklichkeit verschließen. Die Juden dürfen niemals vergessen, Laß Palästina aufgebaut werden muß und daß da- Volk, welches dieses Land aufzubälwn hat. nur dqS jüdische sein muß. ES wäre für die Freunde des jMschen Naüoualheims in Palästina ein Te^z schwerster Ent« täuschung, an dem sich Herausstellen, sollte, daß die Juden Palästina nicht aufbauen wollen oder nicht aufbanen können. Ich kann es mir «rar nicht denken, daß ein solcher Tag fownten könnte. Mit Begeisterung sprach Oberst Wedgwood über die Arbeit, die schon bisher m Palästina geleistet wurde. Er sei stolz <mf den Keren Haftffod, diosem Faktor des Aufbaues von Palästina ton Geiste sozialer Gerechtigkeit. Der Redner zeigt eine genaue Kenntnis der Arbeit des Keren Hajeffod in Palästina, aus welchen nicht mt daS jüdische Volk, sonder« alle progressiven Elemente der Well stolz sein können. Wedgwood schloß mit den Worten: Ihr Keren Hajessod bestärkt mich in dem Glauben, daß die Hoffnungen, welche die fortschrittlichen Kraft« der ganzen Welt in die Schaffung des jüdischen Heimlandes in PaWstma setzen, auch in jeder Richtung »md in vollem Umfange ttt Er- Mung gehen werden. ' Janganhaltender, stürmischer Beifall folgte den Ausführungen Colonel Wedgwoods und mit der Abstngirng der „Tikwah" schloß der Ghnnabend. in Opfer der chrfsil kbn afionalett Oesterreich. Statio«alrat. Gestern hielt der Nattanalrat eine ruhige Geschäft Lsitzung ab. In ssmen Beratungen wird Mmnehr eine kurze Pauft elrntirvben, weil die Partei«! vollauf damit beschäftigt sind, zum Reform- und SsnierungSprogvamm Stellung zu nehmen, das gogvnwärtig i» den BerhaMu-ngen der BAkeobunddelegkrtm mit den Bevtvauensleut-e» des FinanzmmistvrS einer gründlichen Umarbeitung unterzogen wird. T'.« Völke-rbuindvertreter Legen das größte Gewicht auf ein« Ausgestaltung und raschere Durchführung des Ersparung-- und Abbauprogramms. Namentlich soll der Abbau der ' Bu«desvsrkchrSa«>gestelltm im größerem Umfange und kn rraschevem Tempo orsolgM unL überdies die Belastung des Staatsschatzes durch soziolprMsche Ausgabe« «ff ei« Minimum reduziert und zur Bestreitung der unumgänglich notwendige« sozialen Aufwendungen eine eigene Zwecksteuer eingöfichrt wevden. Der Na-tttmalvat HÄ gestern zunächst die BerbrauchssteuernoveUe in dritter Lesungangenommen und hierauf die vom Vortage, unerledigt gevl-iebonsn BechandkmgSgegenstmÄe, meist ohne Debatte, zum Beschluss« erhoben. Sie betreffen: Gin Bmwesgffetz wegen Ausprägung von Goldmünze» der Kronen- Währung in neuer Ausstattung, ein SammeSlvchevat mehrerer Nachtragskredite, die DrvlÄhwng der MündelfichecheÄ für das 8 MilNarden-Wasserkraftankehen der Stadt Wien, und schließlich ei« Gesetz über die Bestellung von BundeSmiitel» für den Ausbau von Großwasserkraftanlagen. Do» Gesetz ermächtigt den Fbmmzminister, den Unternehmungen, die Grotzwasserkrüfte ausbauen, ei««» Betrag von 20 Milliarde« Kronen gegen Uvbovgabe von Mtte« oder Migadionen zur Verfügung zu stellen. Dann wurde wieder eim drtaMhe Ausvage der SoM» demokvaten über die Fertigstellung begonnener Wohnbauten verhandelt. Infolge Erschöpfung der Mittel deS Bundes-Wohn- und SiMrmMondk stehen zahlreiche Bauten vor der Einstellung. Angesicht» der große» Wohnungsnot und der von Tag zu Tag stranden Arbeitslosigkeit verlangen die Anftagesteller, dem Wohw'eWid SiedlungSamie möge« die Mittel zur Verfügung gestellt werden, dir notwendig sind, um die mÄ Bewilligung dieses Amte- bis 15. September d. I. begonnenen Wohnbauten der Gemeinden, Siedlungs- und Baugenossenschaften fortiMsteven. Minister Schmitz kündigte cm, daß die Regiemng dem Natiowalrate in nächster Zeit ein Gesetz Vorlagen werde, durch welches dem Wohn- und Medlungsfonds neuerlich insgesamt 19 Milliarden zur Verfügung gestellt werden sollen, zum Ausbau von Häusern, bei denen nur noch die JunonetMichtung oder das Dach fehlt. Der Antrag der Soziaildsmokvate« wurde dem Finanzausschüsse -«gewiesen. Dir nächste Sitzung de» NatianalvatrS.wtpd aff schriftlichem Wege emberufen werden. Mederösterreichische In der gestrigen Sitzung 'bewilligte der Landtag zahlreiche Ansuchen verschiedener Gemeinden betreffend die Cinhkbung von Gemeindeumlagev. Ebmso wurde das geänderte Statut für das Larrde-rrruseum genehmigt. Dr. Seipel Aber die Ta«ter««a»adti««. In den beiden Versammlungen des christlichsozialen Vereines Innere Stadt im Alten Rathaus führte Bundeskanzler Dr. Seipel unter anderem auS: Die absoluten Gegner der Sanrerungsaktion sind in zwei Lagern verteilt. Die eine Gruppe wird durch die von einem dieser.Leute an de» anderen gerichtete Frage charakterisiert: „Wird ejetzt für uns keine Konjunktur mehr geben?" Die andere Gruppe sind die Sozialdemokraten. Es kommt mir so vor, als ob auch für sie die Frage: „Wird es denn für uns keine Konjunktur mehr geben?" einige Bsdeutung hätte. ES scheint, als ob die Demagogen um iHre Stellung und ihren Etns 1 uh in bM..Ä4U.u.p-lt An s.inrrn ankönne». Man maa ''Ä 1?" *Z i Am 7. Dezember 1919 wurde der Mische Realschüler Otto Schramm von der Budapester Polizei vergiftet, weil er laut einer eingölangten Anzeige zurzeit der Proletarierdiktatnr angeblich kommunistische Verbrechen begangen habe. Der sechzehnjährige Student, dev damals Schüler der siebenten Realklaffe war« protestiert« gegen diese durch nichts erwiesene Beschuldigung, was ihm jedoch wenig nützte. Er mußte den ganzen Leidensweg mitmachen, kam in Vas berüchtigte S a m m e lgefängnis in Budapest, wurde dann in das so gefürchtete JnternierungLlager von HajmaSke r gebracht, wo er Monate hindurch mit Verbrechern in einer Zelle hungerte mrd feelisch herunterkam, bis er schließlich in der Hölle Horthy-Ungarns, im Internierungslager von ZalaegerSzeg landete.. Dort wurde er bis zum 10. November 1922 gehalten, an welchem Tag er ein« mit Zahl 12.207—920 versehene Legitimation erhielt, laut welcher er auf Grund des Erlasses des Ministers des Innern, Zahl 220.430— 920 in Freiheit gesetzt, jedoch gleichzeitig unter polizeiliche Aufsicht gestellt wird. Die Freilaffung erfolgte auf Intervention deS damaligen Ministerpräsidenten Grafen Paul Leleki, auf Grund eines Schreibens deS Ministerialrates Dr. Aladar Munkar, der bestätigte, daß der sechzehnjährige Student weder dem Staate noch der Gesellschaft schädlich sein könne, schon deshalb Nicht, weil der1 Ministerialrat den Vater des Schülers genau kenne und versichere» daß dieser „ein ehrenhafter, politisch verläßlicher und patriotisch fühlender Ungar" sei.' Kaum war jedoch Otto Schramm au» ZalaegerSzeg heimgekehrt, als auch schon die Verfolgung seiner Eltern begann. Sem Vater, Max Schramm, erhielt kurze Zeit darnach eine Vorladung zur Polizei, wo ihm per Polizeiboamte Mltteilte, daß er „als unerwünschtes Element" su» Ungarn auSgewftftn werde. Begründet wurde diese Ausweisung damit, daß sein sechzehnjähriger Sohn kommunistischer Agitator war, weshalb auch der Vater unyerläßsich erscheine. Für die Schuld des Sohnes müsse auch der Vater büßen. Max Schramm erhielt eine Forst von neun Tagen zur Abreift, bei sonstiger Internierung und Abschiebung; Max schramm erschien mit seinen Rechtsanwalt abermals bei der Polizei, wieg dort feinen im Jahre 1903 ausgestellten Mwerbeschelrr, ferner ein Leumundszeugnis des Budapester Oberstadthäuptmanne» vom 15. August 1931 vor, und legte schließlich ein rtzWe?, ernes Sech,eh»tShripen und seiner Eltern. Schreiben des OberftaaiSanwaltstellvertreterS Dr. Ludwig Nericz To tll vor, in welchem festgestellt wird: „lieber die mir heute mündlich vorgeiragene Bitte des Darnenschneiüermeisters Max Schramm bestätige ich hiermit gerne, daß ich den Genannten seit ungefähr zehn Jahren als verläßlichen, fleißigen und einivaudfreien Gewerbetreibenden und als den Vater von sechs Kindern kenne, die er Patriotisch und sittlich erzieht und im Jntereffe der Zukunft derselben auch viele Entbehrungen ertragen hat. Nach meiner Kenntnis ist er ein gottesfürchtiger, frommer Mensch, der niemals an kommunistischen Umtrieben teilgenommen hat." Der Polizeibeamte ließ sich von all diesen Dokumenten nur insofern« beeinflußen, daß er den AuStveisungSbefthl aufrecht erhielt und die Frist zur Durchführung auf sechs Wochen erstreckte. Inzwischen sorgten die Spitzel der Erwachenden Ungarn bei der Polizei'dafür, daß unter den Anhängern der Erwachenden bekannt werde, daß die Wohnung des Max ^Schramm binnen sechs Wochen geräumt werden müffe. Nicht weniger als vierzehn Erwachende Anwärter, unter ihnen Offiziere, Richter des Obersten Gerichtshofes, Polizeibeamte und dergleichen, bewarben sich um die Wohnung, allerdings ohne Erfolg, da daS Wohnungsamt alle Go'uche mit dem Hinweise darauf zurückwies, daß Max Schramm feit zwanzig Jahren in Budapest wohnt, und kein Grund zur zwangsweisen Anforderung seiner Wohnung vorliege. Aber die Polizei ruhte nicht, sie lud Max jSchranun abermals vor und legte ihm nahe, den Ablauf b*er sechswöchigen Frist nicht abzuwarten, da er sonst ganz best i m m t ins Schubhaus urck von dort in das Sammellager nach PMScsaba gebracht würde, wo er Viole Monate mit seiner Frau mii> sechs Kindern warten könne, bis sie per Schub über die Grenze gebracht werden. Max Schramm hat diesen Wink verstanden. Er kennt dir Leiden der zahlreichen Juden in PiliSesaba und ZalaegerSzeg. Er hat rrach zwanzigjähriger redlicher Arbeit in Ungarn das Land fluchtarttg verlassen. Seine Habseligkeiten wurden verschleudert, er ist wie taufen* andere, die der Rechtsordnung Horthh-Un - garns vertrauten , ein zu grün de gerichteter Mann, der nicht weiß, wohin er mit feiner unversorgten Familie sich wenden soll. mir alle» mögliche zuwauen, man möge mich aber nicht für ft dumm und ungeschickt halten, daß ich glauben könnte» man könnte jemal» in einem Lande gegen einen so große» Teil der Bevölkerung regieren, wie eS die Arbeiterschaft ist. ES ist bereits jetzt eine Vereinbarung mit de» Delegierten deS Völkerbundes zustande gekommenn, auf Grund deren eS uns möglich sein wird, schon in den nächsten Monaten die Notenpteffe nicht in der bisher üblichen Weise in Anspruch zu nehme«. DaS Mittel, da» man dazu ersonnen hat, ist eine fteiwMige Goldanlesht, die zum Teil im Inland, zum Teil im Ausland begchen wird. Der inländische Teil von etwa SO Millionen Goldkronen wird von den hiestge-n Banken anfgebvacht oder doch garantiert, den ausländischen Teil werden die Böllerbunddelegierten nnterbringen. Könnten die Dölkerbunddelegierten sich auf eine solche Verpflichtung einlaffen, wenn sie nicht schon in diesem Augenblick sicher wären, daß sie imstande sein werden, die große Ausländsanleihe ins Land zu bringen? Wenn wir jetzt zur Stabilisierung de- Geldwerte» kommen und die'Konjunktur für die Spekulation vorüber fft. muß auch die Konjunktur für ein Leben über die Mittel hinaus, für ein Leben ohne Sparsamkeit und Lrlbsteinschränkung, vorüber sein. Rrisc de» B»«dr»k»«zler» «ach B« ravest. Bundeskanzler Dr. Seipel wird sich nach Budapest begeben, um den Besuch zu erwidern, den seinerzeit der ungarische Ministerpräsident dem Bundeskanzler Schober abgestaltet hat. Der Zeitpunli Vieser Reffe ist noch nicht bekannt, da Dr. Seipel Wien während der Dauer der Verhandlungen über den Sanierungsplan selbstverständlich nicht verlassen kann. Polen. DL« hevrSischrn Schuren. Warschau, 2s. Oktober. (I. L. B.) Fm Zusammenhang mit den Moldungen über ü^rfolguug hebräischer Schulen in Polen erhielt die Warschauer Abteilung de» I. (£. B. eins off'gielle Erklämng der polnischen Regierung über diese ringelegenheit, in n» lch^r gesagt wird: Mgenrelne Schulen mit hebräischer UntrvichtSsprache sind erst in den letzte« Fahren (die meisten 1921) in Polen entstanden. Sie erreichen bis hente die Zahl von 250. Die 1921 tcßvünfcotc Organisation „7 arbut h" hat die Auslickt übe" dult. Don der Regierung werden die hebräischen Schulen gemäß dcr Konstitution und dem Vcrsaiff^r Vertrag gleich allen anderen Schulen behand-lt: es weichen keinerlei' Ausnahmsgesetze und sonstige Beschränftmgen gegen sie augewendet. In einigen Fällen aber mußte die angesucht« Kor.- zeffion obgelchnt und m einigen auderen Fällen bereits eröffnete Schulen geschloffen w.'rden. weil die hygienischen Vorschristk« »licht ersW ödes die Lehrer keim Schul- Ptalifikation bcsatzen. Litauen. Die vorausfichtlichen WahlresuLtaLe. Kowno, 8s. Oktober. (I. E. B.) Da» Organ der litaitischen Volkssozialisten gibt mtf Grund der bei iihln eingelaufcnen Mchrichten folgende bisherigen Wa-Hlrefultate bekannt: 85 christliche Dsnwtratcn, 15 VolkSsozialfften, 7 Sozialdemokraten, 6 Polen, 6 Kommunisten, 1 Progveffkst, L vom deutschruffischen Block, b Juden. Gegenüber der mitgeteilten Zahl von sechs jüdischen Deputierten sind noch Zweifel geboten; vorläufig kann mau mt auf drei sichere Dtandate zählen. Aus Mariampol »md Schanlen stehen noch die Wahlresultate aus. Im Utianrr Wahlkreis soll ein jüdischer Deputierter gervöhlt worden sem. In Telsche reichten die christlichen Demokraten einen Protest gegen daS jüdische Mandat ein. Zusamnrenfafsend laßt sich sagen, die Zahl der jüdischen Deputiertet» werde nicht traniger als vier und nicht mehr als sechs betragen; daS endgültige Resultat ist aber erst Ende der Woche zu t warten. Palästina. Der palästtncnsisch-arabische Kongretz »nd der Srvres-Vertrag, g«wi»k««. so. Olt,kt. (I. 5. 85.) Die Cplutfbt dr» pa' ujlmenllsch-arahischen KongrrsseS wandte sich an den Oberkcmmiffär von Palästina Sir Herbert Samuel mit eine..» M e m o x <t n b u m, in welckstun daraus hlirgewiesen wird, daß durch das zwischen England und der Türkei in M u d a n i a abgeschlossene Aötomrnen der Devres-Vertrag, auf wüchen das Palästwa-Diandat sich stützt, anmtlliert sei. Die. arabische Exeftttive erklärt deshalb gegenüber dem C be'lomrniffär. saß die R e g i e r u n g s d vtrete keine gesetzliche Mach» »ehr haben mch von dm i nicht. rtxuctuu-