Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- Heft 1333 (27.10.1922)
- Date
- 1922-10-27
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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EinzeltranrinerKllOO Wien: Zum Abholen in der Expedition, II.,Täborstr. 1-3, ~ * oder in einerVerschleisstelle ^Trafik) monatl. K 30.000 Mit Postveroandfür Wien u. Oesterr. rnonatl. K 30.000 Ts che ch o*S 1 owa k e i: Mon. K 20. Ungarn: Mon. K 600, Jugoslawien: Mon, Dinar 30. Polen: Mon. Mk. 2800. Deutschland: Mon. Mark 600. .Frank r., Belgien: Monatl. Pres. 8 NM" Nachzahlungen “$R9 hei Frciaerhöhunjren Vorbehaltes Rr. 1333 Wien. Freitag. 27. Oktober 1922 /sett«eho*Sio«abaI l tschech. K 1.20 It aIien: Monatl. 10 Lire " Rumänien, Bulgarien: Monatl. 60 Lei bezw. Lewa , Schweiz und das übrige Ausland monatlich Frcs. 3. 1 Redaktion u. Administration. Wien; II., Taborstrasse 1—3 Telephone*.:44-0-33,43r3rl9, ab 6 Uhr abends 16*301. Tel.-Adr.: ,Morgenzcitung4t Wien Oe3terreichisches Postsparkassen,* Konto Nr. 150.693 mm 4. AaHrgang Der Beginn der Selbsthilfe. i -y. W Le n. 27. Oktober. Das vom Finanzkomilee der österreichischen Regierung ausgearbeitete Sa n i eru ngsprogramn' ift aus schwerwiegende Bedenken der Völkerbundskommission, aber auch einzelner österreichischer Gruppen gestoßen und soll, diesen Einwürfen entsprechend, abgeändert werden. Es ist nichts darüber bekannt, worin die Aenderungen bestehen sollen und erst in der nächsten Sitzung der vom Nationalrat eingesetzten Sonderkommission wird, wie es heißt, der Bundeskanzler nähere Mitteilungen machen. Obzwar also weder der materielle Inhalt der ausgetauchten Bedenken bekannt ist, noch die Finanzvorlagen überhaupt der Oeffentlichkeit unterbreitet worden sind, steht man vor der eigentümlichen Situation, daß die Parteien des Nationalrates bereits feste Positionen bezogen haben. Die Regierungsparteien haben sich in ihrem Ueberschwang bereits für das Sauierungsprogramm, die Sozialdemokraten dagegen erklärt. Beide Teile haben sich entgegen jedweder politischen Regel präjudiziert, während merkwürdigerweise der Bundeskanzler, je weiter die Termine Vorrücken, eine entsprechend vorsichtigere Sprache führt. Er süßt sich der gewaltigen Veränderung der politischen Verhältnisse in Europa, die sich seit seiner Rückkehr aus Genf ereignet hat. In der ersten Sitzung des Sonderausschusses für die Genfer Konvention hat er bereits versucht, eine taktische Formel für alle Eventualitäten zu finden. „Was würde geschehen, wenn eine der Garantiemächte zurückträte oder eines der Parlamente die Zustimmuyg zur Uebernahme der Garantie verweigern würde?" Der Kanzler will diese Frage juristisch beantworten: Der betreffende Staat wurde aus dem KontrMvmit.ee ausfcheiden. Das scheint aber nicht den Kern-der .Frage zu . treffen. Es scheidet dann nicht allein die RKgierung, Jon-. dern auch die finanziell OeffenLUchEW^GHaßes. ans - and es wäre nickst zu vermeiden, daß das Publikum ^dtzr. oerbleibenden Staaten die Gründe für den Schritt des ünen Ausscheidenden sehr peinlich prüfen würde. Die' Frage ist freilich sehr aktuell und daß sie der Verantwortliche Leiter der 'Regierung selbst stellt, zeigt, daß' er sich über die Wirkungen der Ereignisse in Europa sehr ernste Gedanken machen muß. Zum Unterschied von den Parteien, die sich auf ihrer insularen VorstellnngswelL ihren.dogmatischen Spielen hingeben. Von den Regierungen, die in Genf die Konvention unterfertigt Haben, ist inzwischen die englische zurück- getreten, die italienische führt nur mehr ein Schein-, da sein, die polnische steht vor Neuwahlen. Am sichersten ist man bezüglich Englands, das bereits die Uebernahme ver Verpflichtungen aus dem Genfer Protokoll hat erklären lassen. Allerdings muß das Parlament zustünmen und das englische Parlament ist in Fragen von Staatsgarantien außerordentlich penibel. Es ist aber, obzwar dieses Parlament erst.gewählt werden muß, als sicher anzunehmen, daß es das Wort der Regierung einlösen muß. Anders steht es mit Italien, dessen Kammer in Agonie liegt. Die nationalistische Opposition ist. verstimmt wegen der in Genf eingetretenen Isolierung Italiens, dessen.Machtpolitik von der gewandten Taktik Benesch', der sein mitteleuropäisches Ziel nie ans den An gen läßt, durch den Zwang zur Anerkennung der politischen'Unabhängigkeit Oesterreichs in der Entwicklung durchschnitten worden ist. Ob die Regierung Facta imstande sein wird, die Kammer — wenn sie überhaupt noch zusammenMt —- zur zeitgerechte rr Verabschiedung der österreichischen Garantie zu veranlaßen, steht noch sehr dahin. Ebenso unklar ist es, ob der zukünftige Warschauer Landtag die Zusage des. Kabinetts Nowak erfüllen wird. Aber selbst wenn man in diesen drei Fällen das beste erhofft, bleibt es fraglich, ob die Termine, an die Oesterreich seine Erivartungen knüpft, eingehalten werden können. Denn es handelt sich in Oesterreich um Tage. Es ist darum gut, wenn der Kanzler als vorsichtiger Mann alle Möglichkeiten erwägt und vor allem die Bevölkerung an die Basis jeder Reform/ an die eigene Initiative und Selbsthilfe, erinnert. Das Vertrauen zu Oesterdeich ist im Inland wie int Ausland im, Steigen. Mickst allein der Bundespräsident hat sich zür Lebensfähigkeit des Staats bekannt,, auch/Herr' Benesch; und nach ihm sein Politischer Antipode Kramarsch haben/ das gleiche Urteil ausgesprochen, Es ist auch in'den letzten Wochen zutage getreten, daß die Krone, den Ab-' stieg der Mark nicht , mitgemacht hat, daß also der innige. Zusammenhang/dieser beiden Währungen bei einer günstigen' Gestaltung der politischen Wertung durch-, brochenwerdest kann. Die Regierung.hat dem Parlament eine Vorlage aus Begebung einer kurzfristigen ' Anleihe von 80 Millionen Goldkronen msieben lassen. ♦4 Der CrAtz des Königs. London, 26. Oktober. Meuter.). Der König hat den Erlaß, durch den das Parlament aufgelöst wird, unterzeichnet. Die Natmnälliberaleu. London, 26. Oktober. Wenter.) Die Nätionalliberate Partei, die Äre Anhänger Lloyd ist? arges umfaßt, hat ciiicp Beschlüßen« rag aitgencmu.en, wonach jedem liberalen Kandidaten der ASquH-PM \ natioualliberaler Kandidat entgegengestellt müden soll. .Die iri >che/,Der fass«« r. Dublin,. 28. Oktober. (Reuter.) Das irische Parlament hat di« neue , irische Verfassung^ äMnontmen. Das Gesetz wird dem britischen . Parlaumist zur Ratifizierung unter*.-, breitot werden. An rLermmrg Laudon, 26. Ockwbev.. (Äolfs.)l.Dsr englische Bankier Sir Edward/Wst ckay W d gar erklärte — laut „DaH Hciald" —7, di«'erste 2at d er 'neuen brillsdioii Regierung auf dem Gebiete, der auswärtigen.'Politik müsse die Aneäkennstng. der S'ow.jetr.epübl i.k sein. Nchtz - sem-'r AnsiD . bestehe in der Lvndoster E:th und iu den hauptsächlichsten z. Müsw'Mey '.WMPstnkjen. ein« große DkeKMl-die. neue britffch^ -hFchMWtztW des'WcklM -uMZ mik'RuWd.I, maBBaaxmtupiBm die den ersten ernsten Versuch zur Emanzipation von Das Wastlmamfest der ArberLeryarter. ■ London, 26. -Oktober. (Tel. der „Wr. Morgenzeitung".) Der nationale Vollzugsausschuß der Arbeiter-; partei veröffentlichte gestern das angekündigte Manifest. - in dem die englische Arberterschäst zum Kämpfe gegen die drohende Reaktion aufgerufen wird. Das Manifest enthält folgende Progvammpunkte: 1. Revision aller Friedensverträge. Die deutsche Reparationsschuld muß in Ueberemstimmung. mit her deutschen Zahlungsfähigkeit gebracht werden. 2. Die Orientfrage soll einer internationalen Konferenz unterbreitet tverden, an der alle interessierten Mächte teilnehmen. 3. Die Arbeiterpartei fordert die Zulassung aller Kationen znm Völkerbund, der über alle internati^olen Konflikte als letzte' Instanz entsverden soll. Für Aegypten fordert die Arbeiterpartei volle Unabhängigkeit, für Indien Selbstverwaltung und freundschaftliche Bezie» '' Hungen zu Irland. 4. Schafftmg einer V c r itt ö g e it sst e u e r für Vermögen über 5000 Pfund zur Tilgung der Kriegslasten. Kriegsgewinne sollen zum größten Teil der Nation zurückerstatter werden. Erhöhung der Erbschafts- ■ steuer, und eine ‘ besondere Steuer auf Einkommen. Be°- istitignug aller indirekten'Steuern und'möglichste Ab- ' schasfung der Einftchrzölle. S p a r p o l i t i k, die aber nicht auf Kosten der Gesundheit und der Erziehung gehen darf. ' 5. Bekämpfung der Arbeitslosigkeit und der ungenügenden Löhne durch Herauzichüng der Arbeitslosen zu öffentlich eu A r be ite n. 6. Befferstellung der La ndarb erter,- ■ Schaffung - von Landwirtschaftsräten in allen ^Grafschaften. 1: Nationalisierung der Gruben und Ers^nbahnen^^ rMd^BeWigung der Arbeiter am Ge-! w'm^ Vexbesierung desWrbeitsschützr'4, S. S^affuna von Ponstosen für Witwen und Waisen. keilen, .die .ich 'Ausland bestehein zu einein guten Teil behöben und vor allem moraliscy sthr kraftig wirken.. OberitMedawondirr NmsvNa. (Von unserem New-Norker. Korrespondenten.) Der Empfang, den. der Vizepräsident der Britischen Arbeiterpartei^ Oberst W edg w o.od .' in Amerika hattet gehört selbst für amerikanische: Beehältnisse zu.den inter-. esiantesten Erscheinungen.' .Oberst. Wodgwood will als^ Fveund des Zionismus persönlich an dev großen. Kampagne für den Palästiua-Aufbaufonds (Kereit Hajessod) mir.seinem ganzen 'Elnffuß.. und. seiner großen Beredsamkeit teilnehmen. Der erste ihm zu Ehren veranstaltete größere Abends fand im großen Saal, des Hotel „Astör" statt. Das Publckum bestand / entsprechend der/Persöiüichkeit /des Ehrengastes, aus Zionisten und Arbeitern. Die Versamnilung MM von -PamMl Un t.er mä her als Vorsitzenden eröffnet^ ° der. beit Gast begrüßte und: ihm - die Schwie«.' rigkeiten. vor Äugen führte, die er -in Amerika zu bekämpfen haben:werde. Nach ihm' sprach der englische Jour-, Nvilist Norman Hopegood, ein persönlicher Freund Wedgwoods, der den Gait in einer trssflichen Charakteristik einführte. Der nächste Redner war der Führer der amerikanischen sozialistischen, Partei H ilq u i t, der die Be-- deutung ber britischen Laüour Parth/und ihren Einfluß auf die britische Politik kennzeichnete. Hilqiüt, der Jude ist, sagte unter , anderem: . Ich freue mich, daß die erste Mission Wedgwoods in Amerika seiner äHilft und' Mitarbeit. im Kampfe der Juden zum Ausbau ihres nationalen ZenllTMs in Palästina gilt. Ich weiß, daß seine Sympathie für den Zionismus nicht dsnt engen Nationalismus, sondern•, fernem Sozialisinus entspringt, und auch darüber freue ich mich. . Es sprachen ferner' Rabbiner Dr. E i l v e r m a n, dann namens der gegründeten amerikanischen Labour Party deren Präsident,D a hont e, der betonte, daß. er als' Ehvift die größten SyuMthien für den Zionisnius HM.. In -semers langjährigen TätiMit unter den . Arbei- ' teritha-be 'er geineni'sam mit den jüdischen Arbeitern für die soziale 'BesseWllüngMr Arbeiter Ä' für'bist-Fortschritt' der Menschheit gekämpft und' dahl'» dem großen Idoalismüs -devjüdischen Arbeiteicschaft kennen und schätzen gelernt. -Wollen wir hoffen, schloß Dahonte seine -Rede, daß, wenn Palästina 'als jüdisches Nationalhcim aüfgebaut sein wird/ es 'nmstergültig und beispielgebend als Heim sozialer GerechDeit ' " M die gaiV Welt sein tverde. .: Namens der.Poale Zign:und der Zetter Zion, über deren Einladung W^gwopd/nach Amerika kam, - wurde dieser,von'Isak Saar-begrüßt. . , Nun kam Oberst Wedgwood erst zu Worte. Cr beganu mit dem Hinweis auf das, eigentümliche Gefühl, welches ihn «'rsnlse, wenn er, wie an diesem Abend, in der Mitte zwisthcir zwei StrömiMgen vor Vertretern zweier Ideen, muH Zionisten n-nd Arbeitern, zu sprechen habe. Beide feien seinem Herzen nahe. Das - Verdienst für die Untevstützunz des. Zicmisinus uird für dm Schutz - des jüdischen Nat'oinvlhsimes in Palästina g'bühre nicht ihm persön- \ lich, sondern der britischen Labour Party,,mit welcher er eng verbunden ist.-Die British Labour Party wurde im r JiMrcsse der allgemeinen Gerechtigkeit gegründet. Weshalb sollen diese Parteien nicht -die Forderungen des Volkes verteidvgen, das in seiner langen-und leidenvollen Geschichte so viel-Zum Fortschritt der Gerechtigkeit Bek getragen hat? Redner sei überzeugt, daß es in Amerika viele fortschrittlich gesinnte -Menschen gibt, - welche in Palästina gerne eine jüdische Gemeinschaft sehen möchten, die frei ist von den wirtschaftlichen-und sozialen Nebeln, von denen unsere moderne Zivilisatioa vergiftet wird. Oberst Wedgwood fragt die anivcseiiden jüdischen Arbeiterführer: Warum sollen die jüdischen Arbeiter, gegen ihr. crgciv:*- Bock st in,, wenn es einen. Kampf, führt für das Glück der Menschheit'? 'Ich hörte, daß die jüdischen Arbeiter'hier-in Am-o'ila die Vorkänrpser der - amerikanischen Arbeiterbewegung sind. So sollen sie denn auch die Avantgarde der Beloegung zur Emanzipierung' ihres eigenen Volkes sein. Glauben Sie etwa, daß die nationale Wiedergeburt Ihres Volkes im Gegensatz stehe z-ü Ihrem Ideal des Internationalismus? . Bloß, wenn du um. die.Gerechtigkeit ftrr dich felbstkämpssh' vief Oberst Wedgwood ans, darfst du dich in den Kamps" umdie Gerechtigkeit für andere stürzen.' M i l pogromicrten, geplünderten und aus geraubten Völkern ist ein Internationalismus, unmöglich. Oberst Wedgwood befaßt sich im weiteren Verlaufe seiner Rede mit dtzn Absichten der englischen Regierung in Palästina. Selbst wenn man die. englische Regierung verdächtigen wolle, - daß/sie in. Palästina auch Sonderinjeressen verttete, ,so müßten die jüdischen Arbeiter doch dessen,emgedenk sein, haß ein jüdisches Palästina nichi bloßder Ausdruck -der . Politik der Regierung, sondern dos - Willens des -ganzen englischen Volkes und msbesoudeve der englischen.Arbeiter ist. Gewiß, England braucht die Juden in Palästina, aber brauchen nicht auch -die Juden