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Wiener Morgenzeitung · 1922-10-04 · Heft 1310 (4.10.1922) · p. Seite 6

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
4 (1922)
Issue
Heft 1310 (4.10.1922)
Date
1922-10-04
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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■otSKnrw.'W'Trt•<*:;>- > T« .5 aHPT»(K1tfl^VVV<T*V<r< Seite 6 Wien, Mittwoch ' Wiener Movge«zeiittng. 4. Oktober 1-LZ Rr. 1910 so sehr muß sie anderseits auch die berechtigten Interessen der Mieter und insbesondere auch das gefährdete öffentliche Interesse im Auge behalten und zu wahren bestrebt sein. Besuch im Hauptquartier. Das Haus Landesgerichtsstraße 6 ist über Nacht zu einer gewissen Berühmtheit gekommen. DaZ erste Stockwerk dieses .Hauses beherbergt die Redaktion und Administration der „Wiener Hausherrenzeitung", aber auch die Brrreaulobalitäten des Zentralverbandes der Hausbesitzervereine Wiens und Umgebung, ist also jetzt in den Tagen des Streiks zum Hauptquartier der kriegerisch gewordenen Hausherren avanciert. Schon der Eintritt in die heiligen Hallen ist recht eindrucksvoll. Es scheint, daß das Haus permanent im Streik liegt, denn auch bei Tag sind die Stiegen und Gänge so finster, daß man Gefahr läuft, sich die „Beine zu brechen". Oben herrscht aufgeregtes Gehen und Kommen und im Vorzimmer weist ein redseliger Herr, der von einer Schar aufmerksamer Zuhörer umgeben ist, gerade bei meinem Eintritt auf die Kulturschande hin, daß zum Unterschied von allen anderen großen Gewerkschaften gerade der Zentralverband der Hausbesitzer kein eigenes Haus besitze. Das ist wirklich Ironie des Schicksals. . Das Sekretariat ist heute voll mit Menschen. Der g/oße Parteienverkehr ist aber gar kein Verkehr von Parteien, söndern einer von Hausherren, denn es sind durchwegs Hausherren, die sich Rat und Auskunft darüber holen kommen, wie sie sich beim Streik zu verhalten haben. Tü steht man alte Bürger vom Grund oder runzlige Mütterchen, die sich in der Rolle von Revolutionären selbst ein bißchen komisch Vorkommen. „Ja soll mmr sich denn wirklich anschließen?" fragt eine unglänbig. „Und.was ists, wenn uns die Polizei kommt?" „Der Zentralverband nimmt für alles die Verantwortung auf sich", lautet die Auskunft. Man solle sich janicht durch die Drohungen des Magistrats in den Zeitungen irreführen lasten. Und aus den zaghaften Anfragen und ängstlichen Erkundigungen, wie es denn werden würde, wenn was passiert, oder lmnn der Wachmann kommt, ufw., gewinnt man schon hier den Eindruck, daß es mit der Solidarität bei diesem Streik nicht allzuweit her sein dürste. Man wird, um eine alte Redensart zu gebrauchen, viele sehen, die nicht dabei sind. Ich erbitte eine Audienz beim Oberstkommandierenden, das heißt, beim Leiter des Streikkomitees Direktor Ger hold, die mir auch gewährt wiiä>. Ich trete ins Allerheiligste, in dem große Oelgemälde Seipels, Luegers und anderer momentaner Feinde der Hausbesitzer von den Wänden grüßen. „Wir fürchten uns vor den Drohungen, die heute in den Zeitungen stehen, überhaupt nicht", erklärt Direktor Gerhold, ein scheinbar sehr energischer und siegessicherer Herr. „Der Streik der Hausherren ist ein Verzweislungsschritt. Uns ist angesichts der hinhaltenden Politik der Regierung kein anderer Ausweg geblieben". Auf meine Frc^e, wie sich die .Hausherren zu den Gegenmaßnahmen der Behörden verhalten werden, meint Direktor Gerhold, daß sich bei jtzdem Ausstand die Streikenden gewissermaßen außerhalb des Gesetzes stellen, und vor allen Strafandrohungen der Polizei und Gemeinde keine Angst haben. Auch wenn die Verhandlungen mit der Regierung, die beim Vizekanzler Frank stattfinden werden, ein Ergebnis zeitigen sollten, kann der Beginn des Streikes nicht mehr ausgehalten w e r d e n! Es ist alles vorbereitet, Streikposten sind gestellt, die Hausherren können bei uns kleine Plakate mit der Inschrist: „Achtung! keine -Stiegenbeleuchtung!" beheben, die sie an ihren Häusern anbringen können, um die Parteien aufmerksam zu machen, daß die Gänge nicht beleuchtet sind. Von den schärferen Maßnahmen werden wir, wenn die Verhandlungen einen günstigen Verlauf nehmen, vor läufig absehen, aber die Beleuchtung der Stiegenhäuser wird ab heute jedenfalls eingestellt werden. Wir rnüssen etwas tun, wir können uns nicht mehr Helsen. Biele von uns hungern buchstäblich! Die anderen Herren der Leitung scheinen nicht ganz so siegesgewkß zu sein, wie ihr Generalseldmarschall. Ich entnehme verschiedenen Gesprächen, daß den Herren vor ihrem eigenen Schritt ein bischen „schwummrig" geworden ist. Ich bin unfreiwillig Ohrenzeuge eines Telephongespräches mit ' der F r o u t k ä m p f c r v e r e i n i g u n g, Die offenbar ihre Parteigenossen ausfordert, doch nicht gegen die eigene Negierung vorzugehen, und scheinbar sogar mit Drohungen kommt. Denn die Antwort, die ihnen ein Herr des Hausherrenverb<mdes gibt, lalltet: „Wer lieber Freund, Sie müssen eben <tttf ihre Leute kalmrerend wirken. Wir können jetzt nicht mehr zurück. Der Streikbefehl ist hinausgegangen!!" Man nimmt aus dem Hauptquartier der Haüshenen den Eindruck mit, daß die Streikidee von erlügen besonders Energisch-sein-wolleuden angeregt wurde, daß aber schließlich doch nicht so heiß gegessen werden wird, wie gekocht wurde. a. st. Mitteilungen ans dem Publikum. wwBnwwPpima frisches pohesm^aw» GansfettSXCO 000 Gänse K 38.000 bis 42.000 Fr9nkl s Nacht., Wien, II., ffilockeng. 15 JBu jeder TapeazeU friaehgebratt1** Q&nsei Ernährung. Die LebensmittelrstiirkLe. Wegen des schlechten Wetters waren die Märkte gestern schwach besucht. Dagegen war der Verehr rm Großbandel ziemlich lebhast. Äanoffel und Weißkraut holländischer Lerkunst wurden auf dem Naschmarkt und auf den anderen Vi hiuaHen« Märkten zu tinveränterlen Preisen stark anabolen. Die Zufuhren steirischer Aepiel nehmen immrr größeren Umfang an. Auf dem Nalchmarkt all-in waren 110.(00 KilograiM aogekommm. Auch ander«"' Obst war reichlich verirelen, doch sind die Preise zunächst noch nicht gesunken. Als Neuheit kamen Kalla,n? n auf den" Markt zu 4560 K. pro Kilogramm. Gärfnergemiise aller Art ist überreic! sich vorhanden. Gestern waren nach langer Zeit wieder Eier in größeren Mengen zu Hab ui. -Sie Kost len wie an den vergangenen Tagen 17äO bis 18"0 §. pro Stück. Butter wird andauernd in genügender Menge zugeführl, Die Fl eischmäl kte wielen keine Veränderung auf. Die Nachfrage nach Seefischen hat etwas nachgelassen. Bühne und Kunst. Die Tragödie des Renegaten. Zum Ableben Eugen Jiwnsys. Ja de r v 'rügen W *d;e wurde in Bade. Feierlichkeit: u u'.'d Bei!ei dsknnögehunaen de As> trnr:e C »auf;#;clcu des Natroncutheaters Grabe ae teaaen. Ter K> ltusmitttster Gras - b c i sprach in seinem B ci.eidsschreiben ^iu übe r ben e.t : ß m Verl:,:: :u.;. den die M-'-wec die iN-agv.tr: sche Kultur dur ch den Tod J'-airiY Dieser Jvanfy, der so oft den Shylock ge' als des Op; str-des Judenb! usses terjonisiz-'^l^ Jvanfy gehl ritzen, sonder" wurde als der S- Regierung der Joden W e i s b r u n n in Lovaszbereny geboren. Als Jude h-rt er seine Schausi-ielerkarriere getna^r und die größten Triumphe gefeiert. Als er im Jahre 1018 fein Künsilerjubi. läunt feierte und ans diesem Anlasse vom Budapester Ober rabbiuer Dr. Fischer te.ilückrnumchl wurde, antwortete Jnvaniy mit einen Schreiben,!,: welchem er unter anderem sagte: „Angenehm berührte e? mich, daß Euer Ehrwürden in Ihrem Schreiben einige Aehnlichkeit zwistten Ihrem erhabenen Berns- und meinen - bsschridenen Bkstrebmvgen erblicken. Ich habe die Bühne in der Tat stets wie einen Tempel betrachtet und habe ihre Schwelle niemals ander-: als mit geläuterter Seele überschritten, und wenn es mir gelang, im Dienste einer höheren Moral die ungarische Kultur ustd die historische Entwicklung der ungarischen nationalen Miiston auch nur um einen Gedanken vorwärts zu. bringen, st habe nicht umsonst gearbeitet. Als Erwiderung am Jbre güten Wünsche gestatten Sie mir zu erklären, daß ich immer ein guter Jude war und bis zum letzten Augenblick meines Lehens ein guter Jude bl-slten werte." Das war am 26. Okwter 1918. Dann kam der christlich nativ yale Kurs nur seinen: achijüdischen Terror, der die hervorragendsten Kräfte der ungarischen Bühnenkunst, soweit sie Juden waren, vom Schauplatz ist er Erfolge verjagte. Jvanfy ist diesem Terror erlegen und Mrde jetzt am katholischen Friedhof begraben. Wenige wußten davon, daß Jvcinfy die Taufe genommen hat, denn noch im vot'gen Jahre hat er an einem jüdischen Külturabend mitgewirkt 'and dort -den großen Monolog Shylocks vorgctragen und einleitend soiner Freude darüber Ausdruck gegeben, daß er Gelegenheit habe, vor einem durchwegs jüdischen Publikum seine jüdischen Gefühle zu verdolmetschen. Bor wenigen Jahren noch er in der Israelitisch-ungarischen Literaturgesellschaft seine Uebersetzung des „Juden von Konstanz", und in dem Bortrog, den er daran knüpfte, sagte er unter anderem: „Der Jude von Konstanz, 'der Ärzt Nasson, wirft die Kleidung seiner Glaubensgenossen, ihre Religion von sich. Er will nicht teilhaben an ihrem Elend, aN ihrem, dem gehetzten Wilde gleichen heimatlosen Löben. Es wird jedem gleich zu Beginn dieses Dramas klar, daß dieser Arzt Nasson, der sich .von jedem Rassenbande befreien will, verittteilt ist, in diesem Kampfe zu erliegen. Das Leben hat so starke Wurzeln, die mit der Vergangenheit verwachsen sind, sie ohne Katastrophe nicht ans dem Boden gerissen werden können.-Auf dem Wege des Getauften gibt es keinen Halt. Mit jedem Augenblick, mit jedem einzelnen HerzschW nähert er sich immer mehr der furchtbaren Katastrophe. Jmn'wr enger wird -um ihn der tötende Ring, er steht allein über dem Abgrund zwischen zwei einander hassenden, einander mit todbringenden Blicken betrachtenden Welten. Dann bricht die Judenverfolgung ans, zu Tausenden stürmen sie m dem Augenblick der Flucht in die Judeugasie. Im Stroßenkampf wird die. Braut Nassons erstochen. Damit erfüllt sich das Schicksal Nassons. Auch er wird in Ketten geschlagen wie alle übrigen anwesenden Juden und am anderen Morgen harrt bereits seiner 'der Scheiterhaust«, Auf denk Wege zmn Hmrichtuugsort hält der Bischof den Zn< auf, um Sdasson der Begnadigung teilhaftig werden zu lassen Aber Nasson weist die Gnade zurück- und er, der die -ganzi Welt an sein Herz drücken wollte, erwartet int gebrochene« Herzens den Feuertod als eine Erlösung,. „Rju." (Raimund-Theater.) Dieses russische Kammerspiel hat ein Dichter begonnen -« ein Literat öecndet. Sie unterhält mit ihm, teilt Dichter, vor den Augen tei Galten ein Liebesverhältnis. „Ich bin hoch euer Freund, warum werfet ihr mich fort!" fleht er verzweifelt. Dieser Aufschrei kennzeichnet die Sonderheit dieses Stückes. Der Lies- Haber, ein kalter Egoist und selbstgefälliger Schönredner, behandelt feine Liebelet mit wahrhaft undichterischer Sachlichkeit. Der Gatte liebt die Ungetreue, denkt an das Kind, sorgt mn das Schicksal der Kindesmutter und er ist bereit, der Gute, „Beschränkte", mit dem Dvitten zu teilen. (Gegenspiel zu Goethes „Stella".) Sie, eine Edelrassige, hat Mann und-Kind verlassen, erkennt bald die Müdigkeit des „Geliebten" und vergiftet sich. Bi^ zur letzten Aussprache der Gattin mit dem Dichter ist die Tragödie sehr fein, dann geht's . rapid bergab. Abex jede dieser drei Figuren hat chre besondere Physiognomie, ist nicht nach der Schablone gearbeitet und der Dialog macht aufhorchen. Der Held des Abends war Karl Forest als Gatte. Bemerkenswert, aber nicht überwältigend Johanna T e r w i n - M o i s s i als Nju. Robuste Genießer von der Art bet Dritten sind Alexander M o i s s i nicht gerade an den Leib geschrieben. Er löste natürlich seine Aufgabe sehr zufriedenstellend. O. A Des Wiener Gastspiel der „Milnaer''. Das bereits angekündigte Gastspiel der Wilnaer Truppe, welche im Rahmen der Freien jüdischen Volksbühne hier in den Monaten Oktober und November die bedeutendsten Stücke des jüdischen Repertoirs aufführt, beginnt definitiv am Sonntag den 8. d. mit der Aufführung des dreiaktigen Dramas von H. Weiter „Der Stumme". Der Vorverkauf beginnt heute an der Tageskasse'der Roland-Bühne. Bürgertheater. Schon wieder eine Operette, die aus Novddentschland zu uns gelangt ist! „Die Postmeisterin" spielt zttr Zeit der Franzosenherrschaft über Deutschland. Prinz Louis Ferdinand von Preußen, auf dessen /Kops Napoleon ein Preis gesetzt hat, kommt ans der Flucht m eine hessische Postmeisterei, in der die schöne Magdalene ein strammes Regiment führt. Kurz vor der Hochzeit wurde ihr Bräutigam vort Werbern entführt, und mm verbringt sie,, „nicht Mädel, nicht Mutter, nicht Fvciu", ein . sre-utenloses Dasein, und sthnt sich, wenn's Maiilnsterl weht, nach einem eigenen Mann. So verliebt sie sich in den tollen Prinzen, gleichzeitig schlägt ihr Herz aber in warmer Liebe für den Postknecht Fritz. Die- Franzoseit brechen herein und Prinz und Knecht tauschen die Rollen, um Louis Ferdinand zu retten. Daraus ergeben sich die üblichen Operetienspässe, der verschollene Bräutigam kestt zurück, gibt seine Braut, die ihn nicht liebt, großmirdig frei; so kriegt die Magdalene schließlich ihren Fritz, und der inzwischen befreite Prinz zieht fort und hält weiter die Fahne der Liebe hoch. — Wie das Buch von August Neidhart ist auch die Musik von Leon I e s s e l sauber gearbeitet und ansprechend. Ohne von der Operettenschablone abzuweichen oder höheren Ansprüchen zu genügen, bvmgt sie flotte Schlager, die bei der Prentiere lebhaften Beifall fandett und wiederholt werden mußten, so das „Storchduett", das „Slowakenduett" und der schinachtende Walzer „Langsam, langsam, lieber Herr". Die Abführung hat Stimmung und Tempo: Rosy Werginz als Postmeisterin, resolut in Gesang und Spiel, Herr Waldemar als Postknecht von unwiderstehlicher Komik, Herr Kronegg als ein schmucker, sangesfroher Prinz, Fräulein M a d i n - Anzengruber ein entzückendes Nippesfigürchen, weiters die Herren Zeisl, Straßmaher und Norden konnten wiederholt fiir den stürmischen Beifall danken. flb. Theater in der Josesstadt. „Tie Tigerin" von Hennec,uin und Beber. Diese Posse untersähckdet sich von anderen französischen Ehebruchsschwänkeu sehr wesentlich.. Das Bett, tun das sich alles dreht, ist nämlich nicht ans Messiitg, sondern aus weißlackiertem Holz. Sonst ober ist alles, wie cs seit Jahrzehnten in ungezählten, meistens amüfauiett Variationen über das dreieckige Thema vorgebrachi Ivird. Es gibt'-Verwechslungen, Unterschiebungen, eilt,Flagranti (die Feststellung dieser galanten Tatsachen scheint die wichtigste Aufgabe frauösischer Polizeikouunissäre zu sein', und der Hcmptkretin ist zur. Abwechslung einmal kein. Ehemann, sondern ein Bräutigam. Wollte man das französische Äesellschastsleben nach den bei uns importierten Schwänken beurteilen, so müßte, inan annehmeu, daß man in Paris auch jetzt, nach teilt großen Kriege (.wenn! das Opus nicht „Vorkrieg" ist), keine anderen Sorgen hat als! galante Wenleuer, lieben verloben, schlimmstenfalls sogar s heiraten, flirten und dazu Bonmots aussprechen. Da aber das Stückchen graziös und amüsant ist, der Dialog munter fortplätschert und manche Type gut gesehen ist, auch der sr-auzösische Charme und di!i. Pariser Leichtigkeit nicht fehlt, unterhält man Zionisten! Zionisten! muss zam Arbeitet alle an Ihx0v tune! werden

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