Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- Heft 1310 (4.10.1922)
- Date
- 1922-10-04
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1310 Wien. Mittwoch ^nden sollen, wurde abermals aufgeschoben. Es wird erwartet, daß der Entwurf in den nächsten Tagen in der Sejmsitzunx zur Debatte gestellt wird: In jiddischen Kreisen rechnet man auch mit der Möglichkeit, daß das Gesetz- Projekt vom Sejm abgelehnt werde. In diesem Falle wäre für'das Mische Ministerium eine unsichere Lage geschaffen und seine Existenz würde von den Stimmungen des jeweiligen Kabinetts abhängig sein. (In der litauischen Verfassung. welche die nationale Autonomie der Minoritäten festgelegt hat, ist die Frage des Mischen Ministeriums nicht behandelt.) Palästina. Die Optksrr für die palästinensische Staatsbürgerschaft. Jerusalem, 1. Oktober. (I. C. B.) Nachdem das Bürberschaftsdekvet für Palästina im Ausland bekannt wurde, hat sich eine große Anzahl von Inden, die gegenwärtig außerhalb Palästinas wohnen, jedoch Boden und sonstiges Eigentum in Palästina besitzen und sich in Kürze in Palästina dauernd niedevlassen wollen, an die palästinensische Regierung mit dem Ersuchen gewendet, auch ihnen die Option für die palästinensische Staatsbürgerschaft innerhalb der vorgeschriebenen Einreichungsfrist zu ermöglichen. Die palästinensische Negierung erwägt gegenwärtig diese Frage und man erwartet darüber eine amtliche Mitteilung für die allernächsten Tage. Man glaubt, daß die Antwort der Regierung günstig ansfallen werde. Die Einbürgerung. "Jerusalem, 1. Oktober. (I. C. B.) Mitte September fand die vierte außerordentliche Sitzung des Waad Leumi statt, auf deren Tagesordnung die EinbürgeMMgsfrage stand. Nach eingehender Diskussion wurde u. a. beschlossen: 1. der W. L. soll in einem Ausruf die Wichtigkeit der palästinensischen Bürgerschaft darlexen. Desgleichen solle auch das Rab'bmat einen solchen Ausruf erlassen. 2. Täglich sollen Bulletins über die Embürgerwngsbewegung berichten. 3. Beim W. L. soll ein Zentralkomitee geschaffen werden als Zentrwlorgan für die Ernbürgerungsarbeit. 4. Die jüdischen Rechtsanwälte einzuladen, daß sie sich in jedem Orte zu einem juridischen Komitee vereinigen, welches unentgeltlich alle EirMrgerungsfrvxen lösen soll. 6. Schritte bei der Regierung zu unternehmen, um die Emibürgerungsausgaben zu verkleinern und technische Erleichterungen zu erlangen. 6. Der W. L. verbietet allen Waadim der Städte und Kolonien, Gebühren zu erheben für Personalausweise, die bezüglich der GirMrgevung ausgestellt werden. Die Wahle« i« die gesetzgebiettde Körperschaft. Jerusalem, 1. Oktober. (Tel. der „Wr. Movgenzei- «nng".) Im Anschluß an die Vorbereitungen zu den Wahlen für di? palästinensische gesetzgebende Versammlung hat das Exekutivkomitee des arabischen Kongresses einen Aufruf gn das arabische Volk erlassen, worin es seine ablehnende Stellung erklärt. Neben den bekannten Begründungen und Ausfällen weist dieser Aufruf auch darauf hin, daß der' „Legislative Council" nur zu dem Zwecke eingesetzt wurde, lim den Gvnnd für die Juden und Zionisten vorzu- Wiener Mvrffenzeituna. bereiten. Das Exekutivkomitee drückt die Hoffnung ans. daß die arabische Natron die Gefahr erkennen und sich-nicht an den ^Wahlen beteiligen wird. - ' '!; ~ ■’ - Tro^ dieser Pr.Mmiemng des Wa h lb oykott9 nehmen die Bovbe-reltrrngen ftir die?0ahlen einen immer ^wachsenden Umfang an. Die statistischen Aemtxr, die sich mit der Ordnung der Wahlvovbeveiümg befassen,: finden auch von seiten der Araber regen Zuspruch. Die Vorstände der arabischen Ortschaften beginnen Listen der Gsmeindenotabeln aufzustellen. Auch eine Liste hervorragender Juden und Christen wird vorbereitet, die znsammenkommen sollen, um alles für die Wahlvorbereitrmg Nötige zu besprechen. Sin «slsische» Konsulat für Palästina. Warschau, 3. Oktober. (Tel. der „Wr. Morgenzeitung".) Wie „Kurjer Poranny" berichtet, soll in nächster Zeit in Palästina ein polnisches Konsulat eingerichtet werden. Zum ersten Konsul soll der Rat der polnischen Gesandtschaft in Belgrad Smogorzewski bestimmt werden. Dle arabischen Boykotts artzerestunden. Jerusalem, 1. Oktober. (I. C. B.) Die Exekutive der moslemrsch-christlichen arabischen Gesellschaft beschloß in ihrer letzten Sitzung die Ausführung des Kongveßbeschlusses von N a b lu s, die Juden zu bohko t t ieren, auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben, da die Vorbereitungen hierzu noch nicht abgeschlossen.sind. Dausortschritte in TiberiSs Die Bautätigkeit in Tibevias und Umgebung entfaltet sich mit großer Schnelligkeit. Besonders die Errichtung des neuen Viertels „Achufath Bajith" auf dem Hügel nordwestlich von Liberias hat großer Fortschritte gemacht. Bon den geplante^ 250 Gebärtden gehen bereits jetzt 40 der Vollendimg entgegen, so daß angenommen wird, daß bis Ende dieses Jahres 60 bis 60 Gebäude sertiggestellt sein dürften. Die Baugesellschaft hat einen 100 Kubikmeter Wasser fassenden Teich gHraben, so daß auch die Wasserversorgung des Viertels sichevgestellt erscheint. In Anbetracht der guten Lage dieses Viertels wird auch das RsgierrmgsgebLu.de hier erbaut; ebenso werden aridere öffentlich Gebäude, wie das neue Moße Hospital,.ein Geschenk von Mrs. Peter Schweitzer aus Amerika, in allernächster Zeit in diesem Viertel errichtet werden. Rrmdschkm. Waffenruhe a« der türkischen Front. Paris, 3. Oktober. Der„Matin" meldet aus London: Die letzten aus Konstanttnopel eingetroffenen Nachrichten bestätigen die in dvn amtlichen Kreisen vorherrschende optimistische Stimmung. Nach diesen Meldungen hätten die türkischen Truppen das Gebiet vor der englischen Zone von Tschanak geräumt, so daß sie mit den britischen Besatzungstruppen nicht mehr in Berührung stehen. Mustafa Kemal Pascha habe die Ermächtigung erhalten, die militärischen Operationen auf allen Fronten einzustellen. Die Antwort der Regierung von Angora auf die Kollektivnote der Alliierten vom 23. September, werde heute den Vetretern der Ententemächte übergeben werden. Die Konferenz von Mud an ia werde hauptsächlich zwei 4. Oktober 1922 _Seite 8 Fragen zu regeln haben: die Besetzung Ostthraziens durch alliierte Truppenabteilungen während der Dauer der Friedensunterhandlungen und den Abschluß eines für alle interessierten Teile verbindlichen Abkommens, wonach sowohl die türkischen wie die alliierten oder die griechischen Truppen jeden weiteren Vormarsch einstellen. Nach weiteren Meldungen gehen die Instruktionen der englischen Regierung an General Harington dahin, daß sich die ’ Konferenz von Mudania auf rein militärische Fragen beschränken soll. Harrington habe den Auftrag erhalten, sich der Entscheidung des französischen und des italienischen Vertreters bei der Festsetzung der Linie, aus die die griechischen Truppen in Thrazien zurückgezogen werden sollen — wahrscheinlich die Maritza-Linie — anzuschließen. Das Statut Thraziens werde durch Verhandlungen der alliierten Regierungen selbst geregelt werden. Em Hilferuf der Jude« in Angara. NewHork, 1. Oktober. (I. C. B.) Die hiesige Leitung des Joint-Komites erhielt eine Dpesche aus Angora, daß dort ein Teil des jü discheu Viertels abgebrannt ist und zahlreich« Mische Familien ohne Obdach geblieben sind. Unterzeichnet ist die Depesche vorn früheren Grandrabbiner von Konstantmopel Rabbi Cftaim Na hu m, der bei dieser Gelegenheit die Folgen des. türkisch griechischen Krieges ftir die jüdische Bevölkerung Klernasiens schildert. In vielen Orten wurden die' jüdischen Viertel ein R a u b der Flammen und zahlreiche Mische Familien sind materiell zugrunde gerichtet. Rabbi Nahmn bittet um baldige Hilfe. Absetzung des Sultans? . Paris, 3. Oktober. (Tel. der „Wr. Morgenzeiturig".) „New Aork.'Herold" meldet aus Konstantinopel, daß die Nationalversammlung von Angora die Ä b s e tz u n g d e s Sultans verlangt habe. Uebrigens habe der Sultan ohnedies schon den ersten Schritt getan, um der National- Versammlung die Führung der Staatsgewalt zuübergeben, indem er den Vertretern der Türkei in Rom und Paris die Weisung gab, ihre Archive den kemalistischen Vertretern in diesen Orten zu übermitteln. England auerkeuut den König Gesrz van GrieMenland. Athen, 3. Oktober. (Tel. der „Wr. Morgenztg ") Die griechische Regierung hat gestern den Vertretern der Mächte offiziell von der Abdankung des Königs Konstantin und der Thronbesteigung des Prinzen Georg. Mitteilung gemacht. Der englische Gesandte in Athen hat sich bereits in die Besucherliste des Königspalastes eintragen lassen, was als eine Anerkennung des neuen Regimes betrachtet wird. Der französische und der italienische Gesandte haben sich diesem Schritte ihres englischen Kollegen bisher noch nicht angeschlossen. - > ANyeMelse Wehrpflicht in Rußland. London, 3. Oktober. (Tel. der „Wr. Morgenztg") Nach einer Meldung aus Moskau hat der Allrussische kommunisttsche Vollzugsausschuß den obligatorischen Militärdienst für alle Männer zwischen 20 und 40 Jahren beschlossen. Die Infanterie und die Kavallerie werden 18 Monate aktiven Dienst leisten, die übrigen Truppen 30 Monate, die Marine viereinhalb Jahre. j PPS für englische Stoffe, Regenmäntel, Damen- und Herrenwäsche, Bettwäsche, Strick- und Wirkwaren etc. im Warenhaus . wr. ».. Telephon 47-1-79 Ea jröi JEp det Ignaz Deutsch. €itt Beitrag zur Geschichte der Anfänge der, Trennnngsorthodnxie in Wien. Von Dr. N. M. Gelber. v. ' r Deutsch hatte in feiner Denkschrift klipp und klar hie Zersplitterung der Judengemeinden gefordert — das charakteristische Hauptziel der Trennungsorthodoxie •— ohne jedoch zu bedenken, zu welchem Schaden dies für die Gesamtjudenhett werden konnte. In seiner Engherzigkeit war ihm dieses Ziel viel wichttger als das Gesamtinteresse des jüdischen Volkes. In der Denkschrift hatte er sein Programm kurz skizziert und nun schritt er an Asien Realisierung in feiner eigenen Gemeinde — in Wien — heran. Seit 1849 war man in Wien bestrebt, eine einheitliche Mische Gemeinde zu bilden, dg bis dahin nur ein Tenrpel auf Grund der im Jahre 1826 verfaßten Bethausstatuten bestand. Im Jahre 1850. wurde nun ein provisorisches Gemeindestatut der niederösterreichischen Statthalterei zur Bestätigung vorgelegt. Dieses Statut wurde tritt gewissen Aenderungen von dem Innen- und Kultusmististerium im Jahre 1852 bestätigt, wodurch die Gemeinde als eine autonome Körperschaft die Verwaltung sämtlicher Neligious- und Kultusangelegenheiten übernahm. Die vis jetzt existierenden Bethäuser blieben aber auch fernerhin gestehen. Infolge verschiedener Reibungen hatte nun Deutsch im Jahre 1858 dem Kultusminister angeblich im Aufträge der Vertreter der Bethäuser, die Vereinigung aller rechtgläubigen Bethäuseö in Wien in eine neu zu begründende Synagoge vorgeschlagen. Das Kultusministerium akzeptterte seinen. Vorschlag und beauftragte Deutsch offiziell mit der Versöhnung und Vereinigung dieser Bethausvereine. Darin erblickte Deutsch die beste Gelegenheit zur Gründung eia** separaten ürtho.doxen Gemeinde, die von dex bisherigen völlig getrennt werden sollte. Er schlug nun vor, daß ein jedes Bethaus der Altgläubigen Delegierte wählen solle, die insgesamt die ZentrallertUng bilden und für alle Bethäuser einen Vorstand ernennen, dessen Wirkungskreis jedoch eng umschrieben wäre- Doch bei der Durchführung seines Planes stieß Deutsch auf große Widerstände; weder die deutschen noch polnischen Orthodoxen wollten sich ihm anschließen. Ja, er schlug.'sogar die Sperrung der polnischen Synagoge vor, welcher Vorschlag auch Anklang fand. Die Regierung, speziell Graf Thun, förderte Deutsch, um auf diese Weise — wie ein Zeitgenosse meint*) , — den Mut. der Orthodoxen in den Kronländern und ihr Vertrauen in den Schutz der Regierung zu stärcken. Deutsch wußte aber schließlich einseheri, daß seine Pläne auf Trennung von der Gemeinde und Bildung einer separaten Gemeinde selbst bei den Orthodoxen/ die schließlich einzusehen begannen, daß es sich Deutsch ledtzlich um die Erlangung einer Machtstellung handle^ jvemtz Anklang fanden. Nun trat er mit dem Plane aus, in Wzest eine Zenlralsynagoge für die Altgläubigen zu begründen. Die Kosten hierfür sollten, da der größte Teil der Miener Orthodoxie aus Ungarn stammte, aus dem ungarffch^sraelischen Schulfonds, der Rest aus Sammlungen unter den Juden gedeckt werden. **) Auf diese Weise hoffte . Deutsch auf langsamem Wege zu seirrem Ziele zu gelanMN. DaS KuktlPmimsterium stimmte feinem Vorschläge zu, well eS darin ein Mittel zur Bekämpfung der Refornrböwegüng unter den Juden als „Frucht des frivolen religiösen Jndiffereuttsnms und politischen NivellieMngsgeiftes" erblickte, und erteilte Deutsch die Bewilligung Mtr' Sammlung von Geldern für den Bau; ja, es versprach auch, Lei der ungarischen Hofkanrnrer ftir die Ausfolgung des Schulfonds ornzutreten. Der inzwischen ausgebrochene, italienischösterreichische Krieg (1859) unterbrach jedoch die Verhandlungen. Der im Jahre 1860 berufene Staatsmimster Schmerling trat gegen die Favorisierung - der Orthodoxie auf, indem er in der Orthodoxie einen Hemmschuh für . die Kultur und Zivrlisatton sah. Auch war seiner Ansicht nach Deutsch, der mit: der Durchführung der Versöhnung der deutschen und polnischen Fraktion betraut Wuchs,, aber deren Ausscheidung aus der Kultusgemeinde anstrebte, nicht der richtige Mann, dem ein solches Mandat zu erteilen wäre. Hierauf wurde die ganze Versöhnungsaktion der Kultusgemeinde übertragen und Deutsch ocks Vertreter der orthodoxen Juden ausgeschieden.*) Deutsch. hatte jedoch im Iah« 1863 wiederum um die Bewilligung zum Bau einer orthodoxen Synagoge angesucht, ohne aber die Mittel aus dem ungarischen Schulfonds zu . verlangen. Er Lat ür einem separaten Bittgesuch den Kaisex um unentgeltliche Zuweisung eures Ba-rrplatzes. Aber auch diese Bitte wurde abgelehnt, da die Stadterwertemngskommiffion sich gegen die unentgeltliche, Zuweisung eines Bauplatzes aussprach. Deutsch' Bemühungen r;m die Schafftnrg einer Trennung der Gemeinde waren damtt zur Gänze ae- .scheitert. Die Mortara-Angelegenheitt In den fünfziger Jahren des vorigen. Jahrhunderts hatte der Kirchenstaat eine Reihe von Greueltaten , auf dem Gebiet der religiösen Gewalt gefördert. Der Raub von jüdischen Kindern, selbst von toten, gehörte in diesem Zeiträume zu keinen SeltenhÄten. Besonders kraß war der Fall des jüdischen Knaben Edgar Mortara in Bologna. Als der kleine Edgar evkmnkte, hatte ihn die abergläubische Magd seiner Eltern, um ihn auf diese Weise dem Tpde zu entreißen, mit Küchenwasser getauft.'Zwei Jahre später, G. Wolf. Josef Wertheimer. Wien 1868» Seite 281. »-r-r fcttu» D-rckickvitt in Lartulle. Süta 84 bis 41. ' * G. woti l. c« ssetie 274 und 275«