Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- Heft 1308 (1.10.1922)
- Date
- 1922-10-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Nicht nur die Handlungen zwischen ihm und Gott, zwischen ihm und seiner eigenen Seele, sondern auch' die Handlungen zwischen ihm .und seinem eigenen Fleische, zwischen ihm und seinem täglichen Leben..." Noch immer steht er da und spricht: Bon der Reinlichkeit, die das Leben erhält, und vom Schmutz, der das-Leben dahinvasft. Er spricht' von Hunger und Durst und davon, daß Hunger und Durst bös^ Engel sind, die dem Menschen das Leben rauben, sobald eine Pest kommt, zu töten und zu vernichten, zu vernichten und zu töten... lind dann: . ' „Es stcht geschrieben: W'chaj bohem, w'lo schejomus bohem. Das bedeutet, leben soll man, durch sie, durch die Gebote, aber nicht sterben durch sie. Und weiter sagen die heiligen Weisen: Zuweilen gibt es eine Zeit, wo es angebracht ist, ein Gebot der Lehre zu übertreten. Zuweilen ist es geboten, daß inan die Gesetze verletzen soll, um dadurch Welt und Leben zu erhalten... Plötzlich höre ich ihn aufschluchzen, und mit ivrrd es warm und weich in der Seele. Und wie ich im Winkel 'bestehe, betend und zitternd, beginne ich mitznwemcn und Träne um Träne fließt Ms meinen Augen. Noch heute sehr ich ihn oben stehen, wie er die Hand ausstreckt, die Dajonim herbeiwinkt, und sehe, wie die beiden zu chm auf den Almemor hinaufsteigen. Alle drei stehen auf. Leu: Almemor, der Rabbi, der Höchste, in der Mitte, die beiden Dajonim niedriger als er, der eine zur Rechten, der ändere zur Linken. Was flüstert ihnen der Rabbi ins Ohr? Warum ist er kreidebleich geworden? Darauf höre ich ihn und die beiden Dajomm gar sonderbare Worte sagen. Klar und deutlich ist ihre Rede und doch kann ich den Sinn nicht erfassen. Wie aus einem Munde kommen die rätselhaften Worte hervor: : V „Im Namen Gottes und im Namen der Gemeinde gestatten wir, heilte zu essen und zu trinken." Eine schreckliche Stille, eine Todcsftille herrscht en der ganzen Syllagoge. . Plötzlich verstehe ich unheimlich deutlich, was der Rabbiner von uns verlangt. Er verlangt, daß Inden am Vevsöhnungstage nicht fasten, sonderil essen sollen, wegen der Pest, wegen der Pest, wegen der Pest! Ich lbeginne laut zu schluchzen. Nicht ich allein schluchze, viele schluchzen mit mir, auch die drei dort auf dem Almemor. Am lautesten, schluchzt der Höchste unter ihnen, er schluchzt wie «in kleines Kind. Wie ein kleines Kind, so fleht er. Seine Worte sind so weich und milde. Zuweilen kommen' die Tränen und ersticken chm die Worte in der Kohle: „Essen, gehet essen, es ist so eine Zeit: Es gibt Zeilen, wo es geradezu ein Gebot ist, die Thora zu verletzen. Leiben soll man durch sie, durch die Geibote, nicht sterben soll man durch sie." Aber es rührt sich niemand von seiner Stelle. ' Und flehentlich fährt er fort, daß er aus sich die große Sünde nchme, sie aber werden rein vor Gott sein, rem, ohne Sünde, ohne 'Fehl. Aber es rührt sich niemand von seiner Stelle. Ulid plötzlich verändert sich seine Stimme, er bittet nicht mehr, er befiehlt: „Ich gestatte, ich, ich, ich!" . . Wie Pfeile fahren seine Worte einher, wie Blitze'treffen sie. Niemand aber rührt sich von seiner Stelle. Und wieder wird sedne Stimme tveich und flehentlich: „Warum habt ihr euch alle gegen mich verbunden, warum wollt ihr mich zum Aeußersten bringen? Ist es euch denn nicht genug, was ich honte vom frühen Morgen bis jetzt gelitten habe?" Auch die Dajonim helfe«: ihm und roden auf die Gemeinde bittend ein — vergebens. , ' Und das Gesicht des göttlichen Mannes wurde noch bleicher als früher. Tief sinkt sein Kopf auf seine Brust'hinab, und ein Seufzer, ein tiefer, herzzerreißender Seufzer durchdringt die Synagoge von einem Ende bis zrm: andern, und hiera:rf läßt sich ein Flüstern vernchmen: „Es ist Gottes Wille", sagt er mit trockener Stimme, als ob er zu sich selbst roden würde. . - „Zweiundachtzig Jahve bin ich alt geworden, und noch nie, habe ich bewußt eil: göttliches Gebot verletzte Aber das.ist ja auch ein Gobot, oim Lehre, ein Gesetz. Es scheint Gottes Wille zu sein, daß ich nicht eher sterbe, Ms ichnicht auch dieses Gebot halten werde.". , . Und Stille herrscht oine Minute lang, Stille wie in einem Toterchaus. Wieder ertönt die Stimme des Rabbiners, Gjsr. ruft den Schames herbei. Der Schames steigt zu ihm hinauf und er rt ihm etwas ins Ohr. Dann spricht er leise mit den Dajonim. Diese nicken ihm zustimmend zu. Der Schames verläßt lautlos die Synagoge und bald kehrt er zurück,' eine Flasche Woin, Gläschen und Kuchen in den Händen.; ... Wäre mir ein noch so langes Leben beschieden, jene Szene werde ich nie vergessen. Noch jetzt, wenn ich meine Augen schließe, sehe ich sie vor mir, die drei, die am Versöhnungstage gegessen haben. Drei große/heilige Männer stehen auf dem Almemor in der Synagoge und essen am Jom-Kippur vor den Augen der ganzen Gemeinde. Es waren Helden! „Ihr habt es von mir gefordert, ich habe es getan", sagte der Rabbiner. — Seine Stimme ist klar und bebt nicht mehr. —- „Gottes Name sei. gesegnet!" Und die Gemeinde ißt mit und weint... Die jüdischen Kinderfrennde in Not. Mit Anspannung all unserer Kräfte haben wir bis nun den Kampf mit der Zeiten Not geführt und allen Widrig küen znm Trotz siegreich bestanden. Nun aber droh: unsenn Institutionen rettirngsl-s d.r Zu'ammenb'rnch. wenn sich unsere jüdischen Mitbürger uns nicht helfend zur Seite stellen und uns das furchtbare G^p:..st der Nor der kommenden 'Dmtermonate mit'ihrer schrecklichen 'Kalte verjagen b?lfcn. , . Wohl erfreuen wir ni:- der Unterstützung unseres hochverehrten Herrn Oberrabbiners Dr. Chajes, wohl erhalten .wir Zuschüsie vom -d? r e n na C h i l d r e n s M i l k Relief, wohl lffien uns auch andere öffentliche Körperschaften ge^gi-ntlich? Subventionen >:nd Notstandsspenden znkommen, all:^ all das genügt nicht, die Existenz unserer sieben Heimstätten, zwei Kindergärten und e..ic* Madchenabendheimes bei den de.m:.:- g.'u abnormen Teuerungsverhältnissen fortzufristen. , In unserer Bedrängnis wenden wir uns hiermit an alle . Juden mit der Bitte, uns zu Helsen, damit wir die schwere Zeit überdauern und damit nicht durch unseren Zusammenbruch viele Hunderte von jüdischen Kindern wieder der Verrohung 'anheimfallvn und den Gefahren, der Wiener Straße preisg-- geben werden. . ' Die hohen Feiertage bieten unseren Brüdern die Gelegenheit, durch Thora- und anderen Spenden Werke der Mildtätia- : icit zu üben. , Mögen sie reichlich davon Gebrauch machen! Spenden nehmen das Sekretariat 'der Indischen Kinderfreunde, 2. Bez., Obere Donaustraße 91, oder' die Ver.raUung i der „Wiener Morgmzeiümg" dankend entgegen. Die Verhaftung der Milliardendiebin. / Da8 Hauptverdienst an der Verhaftung der Milliardenjdiebin Mitringer uns ihres Komplicen Weinstein hat Frau Klara Groiß, die Tochter der Wolkersdorfer Quartiergebevin des Berbrecherpäares. Sie hat die Wiener Polizei auf die richtige Spur: gebracht und dafür gestern die ausgesetzten zehn Millionen mtsbezahlt erhalten. Die überglückliche Frau nahm einen ganzen Arm voll Geld nach.Hause... Weinstein war ohne Kopfbedeckung aus dem Hanse in einen Wald geflüchtet. In diesem hielt er sich drei volle . Stunden verborgen, dann kaufte er einem des Weges kommen- - der: Arbeiter dessen Mütze für 60.000 Kronen ab, um unkennt- - lich zu sein. Trotz dieser Vorsichtsmaßregel wurde er aber auf der Straße zwischen Wölkersdorf und Eidesbrunn verhaftet. i Seine Rolle fft noch nicht ganz klargestellt. Die Mitringer will f ihn auf jede mögliche Weise schonen. Aber die Tatsache, daß er i ihr bei der ersten und einzigen Begegnung nach der Verhaftung die Worte zurief: „Die Steine chabe ich verkauft...!" läßt darauf schließen, daß sein Einfluß auf die Mitringer überrageiü) war. Die Bemerkimg war als Fingerzeig für die Ver-! antwortung ausgesprochen. Mit der Verhaftung Weinsteins f hatte man in jedem Sinne des Wortes den Schlüssel zu den vielen Schätzen, die im Safe aufbewahrt waren und, den Weinstein am Tage nach dem Diebstahl in der Lombard- und Eskomptehcmk gemietet hat. Das Safe wurde behördlich geöffnet. Es enthielt bloß zwei Pakete, in welchen ein wesentlicher Teil der von der Mitringer bei Direktor Lippmann gemachten Beute gefunden wurde, und zwar gerade die wertvollsten , Stücke. Durch den Fund ist ein großer Teil des Schadens gutgemacht. Interessant ist ein Fund, der..noch im Safe gemacht wurde' uttfo bezeichnend für Die Zukunstspläne des verbrecherischen Paares ist. Das Safe enthielt nämlich einen Paß, der von dev: österreichischen Gesandtschaft in Budapest ausgestellt ist und auf dm Namen Josef Mitringer lautet. Es ast dies der Name des verstorbenen Vaters der Milliavdendiebin. -Der Paß hcä^schon das Visum der schweizerischen Gesandtschaft getragen. Daraus,' daß sich Weinstein Paß und Visum verschafft hat, geht hervor,: daß der Mann die Absicht hatte, wenn sich die Wellen gelegt iw*)' i'mw.imiaraa—aan Abonnenten für I die »p- „Wieners Morgenzeitnng"^ hätte«, nüt der Millionenbeute nach der Schweiz z:: reisen und die Jlyvelen dvrchzuschmuggeln. Weinstein entstammt einer achtbaren Kaufmanusfalirilie und hat die Mitrmger kennen gelernt, als er beim Militär ein* gerückt und sie als Schreiberitt in der Kanzlei beschäftigt war. Er hat sich ihretwegen mit seiner Familie überworfen. Ta cs ihm zeitweilig schlecht ging, mußte sie Dienstposten annehmon, hat aber ihre Stellung jedesmal zu Diebstählen mißbraucht. Nach ihrer Aussage, hatte sie,die Absicht, ehrlich zu arbeiten, ist aber jedesmal das Opfer von Gelegenheiten geworden, denen sie nicht zu widerstehen vennochte, die vielmehr in ihr den Plan zur Reife brachten, sich und dem Geliebten eine sorgenfreie Zukunft zu schaffm. Sie ist übrigens nüt T>:berkulose erblich belastet. Interessant ist, daß. sie Frau Lippinann von einem konzessionierten Dienstvermittlungsbureau empfohlen worden war,'obwohl sie keine Dokumente hatte. Vom 27. d. an. sah sie den Safeschlüssel immer aus der Toilette m einer Schatulle liegen. Nach dem,Diebstahl ging sie mit der ganzen Beute zum Ostbahnhos, wo sie Wemstein traf, der nüt ihr daun nach Wölkersdorf führ. Daß Weinstein einen Teil des Schmuckes um 300 Dollar ,und 15 Schweizer Franke«« verkauft haben will, soll dem Zwecke gedient haben, damit sie Reisegeld für die Fahrt nach Amerika hätten. ' * Interessant ist, daß während der Nachforschungen' nach der Dienstdiebin Anna Atayer durch Anzeigen Erhebungen gegen drei andere -Dienstdiebinnen veranlaßtwurden. Abschreckend hat die Verhaftung der Mitriüger nicht gewirkt. Vorgestern hat «ine Frauensperson, die sich Marie Hosbauer, geboren am 13. Juni 1908 zu Wien, nannte, und Fockygasse 14 gewohnt haben will, bei Dr. Oskar S t r i s o w e r, Mbertgasse 12, wo sie in Stellung war, Kleider, Wäsche mit Märken I. S. und Juwelen urn zusainmen zehn Millionen und 240.000 Kwnen bar gestohlen. Sie ist groß, schlank, duitkelblond, hat längliches blasses Gesicht, schwarze Ringe mit d:e Augen. Im Obevkieftr fchlt ihr ein Zahn. Sie trug drapfäMges Kostüm, drapfärbigen Hut, gelbe S^uhe. Keren KajemeLH l'Jsrael, jüdischer Nationalsonds, N., Taborstroße 69, Trlepbon iOAlft. Ausweis Nr. 11/2 vom 16. bis 25. September 1922 — 3,21.1.758 Si. 40 H. 5m Jahre 1922 insgesamt 28,381-348 K. 46 ß.— Zentrale: Smkg. Dr. Lartakower-Dr. Gelber b. Pinski-Cemmer>, 115.000, anl. Vermählung Sabine Eckhaus geb. Vogel: Kar! Eckhaus 52.00(if Dr. Siegfried Frankl (Luhatfchowih) 24.000 : Frohmann, Dr. Jakob Brenner je 20.000, Kartenspiel Nudoissspitat 13.000. Div. 11.915; I. Bezirk : d. Franko Rillermann : Z. A. V. Makkabäa-Garten 75 000; Joses K. Waltuch, Cy. Unger, Max Weiß als Konorar für einen Schiedssprüch 100 030 : Dr. Orkar Karbach onl. d. Geburtstages s. Schwester Marianne, s. A. 3Z.000 : d. Direktor Brings: Spindel 19.646, Goldschmidl 10.347 : d. Dr. Rosenblüth 10.0 >0 : Fosef Kirsch 50002. Das Derbandswettschwimmen^ Gestern fand im Dianvbad das internationale Verbcindsmeeting statt, bei dem zahlreiche Meislerichaften ausutraaen wurden. Die ungarischen G sie, die an der VeranstaNung leilnahm^n, gewannen alle Bewerbe in denen sie anttatm, überleaen.' Dos Wasserballspiel Ungarn—Oesterreich endete 7 : 4 (l : o) Var dem Länderspiel fand das Meisterschaltsmatsch Kakvah gegcn I. W. 'A. S. C. stait, in dem der jüdische Verein nach ha: len: Kampf 4 r 3 (3:0siegte. Kakoah gewann auch die beiden Wanderpreise für Zugendkonkurrenzen. Nachstehend die Re'ultale der Veranstaltung, auf die wir nvch näher zurückkommen werden. Serreabewerbe. M e i st e r s ch a s t, 100 M e t e r: i. Kay (M.A. F. C.) 1: 06'4; 2. Goldemund (W. B. E ) 1: 12‘6; 3. Slaudinger (l: W. A. S. C.) 1 :14 6. B r u st m e i st e r s ch a f t, 100 Meter: l. Swos (M. A. F. C ) 1:19-7 2. Barta (V. S. C.) 1 : 26 5; 3. Reich (I. W. A. S. C.) 1 :38. K «: a b e n b r u st, 66Vs Meter: 1. Ehrenkranz (Kakoah) 1: 07-7; 2. Kornmeht (Kakoah) 1:094, 3 Ka'nz (I. W. A. S. E.) 1:10 4 Rettungsschwimmen, lOOMeter: l. Sellen- Kammer ((. W. A. S. C.) 2:36'6: 2. Paluzzi (!. W. A. S. E.): 3. PrusLjna (Wien). R ü ck e n m e i st e r s ch a f t. lOOMeter: 1. Barla (N. S. E.) 1:19-7; 2. Klavasek (B. K. A. C.) 1:8i'2): 3. Müller (l. W. Ä. S. C.) 1:24'4). 2 u g e n d sch w i m m e n, 100 Meter:' 1. Prkic (I. W. A. S. C.) 1:27-4: 2. Reiser (Kakoah) 1:28'9; 3. Deich (Kakoah) 1 : 36-3. . Die Mehrkampfmest.erschaft gewann. Farkas (W. A. S ) im Alleingang. Damenbewerbe. M üd ch e n - B r u st s ck^w i m m e n. 66?^ M e t e r * 1. Bratmann (Kakoah 1 1: 08; 2. Pvllak (W. 21. C.) 1 :161; 3. Burgcr (W. A. S.) 1: 18-4. R ü ck e n m e i st e r s ch a f t, Ivo Meter: l.Vu'- binder (Danubia) 1 :40-2: 2. Settenkammer (Danubia' 1:41-6; 3. Müllervva. (L. P: K.. Prag) 1:43-7. M e r st e r s ch a f t. . 100Meter:1. Adler (W. A. S.) 1:30-7: 2. Rantasa (W. A. S.) 1:35-4; 3, Bidla (Danubia) 1:37*5. Brust m e t sterschaft, 1 o0 Mete r: 1. S4a!l (W. A. S.) 1: 43'8; 2.,-K. Bienenfeld^ (Kakoah) 1:44’8«; ^•i$anlöla (W. A. S.) 1:45. Das Rennen wurde zwciina« attMetragen.. Das rrfte Mat siegte Dienenfeld, doch mußte d>e^ Konkurrenz infolge einer etwas dunklen Protejtaffäre wiederholt werden. - ..Taborstraflg 17 & Hirschenhaus l08l!8Bfar!l8B b. miiQia 140 om