Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- Heft 1308 (1.10.1922)
- Date
- 1922-10-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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I; E 3 1 Rr. 1308 Wien, Sonntag Wiener Morgenzeitung. 1. Oktober 1922 Seite 3 Flügen Systems nur nun beti Blößen der Marxisten und sowie diese von der Kritik der kapitalistischen Wirtschaftsordnung. Aber hier ist doch eine Frage berechtigt: Ist denn schon die Unhaltbarkeil der heutigen wirtschaftlichen Einrichtungen der Beweis für die Realisierbarkeit und Güte des Staatskommunismus? Und umgekehrt, ist d-/r Zusammenbruch der marxistischen Theorie -und aller aus ihr folgenden Konsequenzen eine Widerlegung jedes Sozialismus? Dies muß mit demselben Rechte verneint werden, wie die Behauptung, daß der Bankrott deS natioualcu Chauvinismus identisch sei mit dem des Kulturnationalismus. Der Weg, den das alte Europa wandelt, führt nicht zur politischen Konsolidierung und wirtschaftlichen Regenerierung! Darum,. weil er nicht dch freie Entfaltung des einzelnen und nicht der Rationen sichert, und weil er nicht die Realisierung eines Kiilturnationalismus und Knltursvzialismns in der Synthese ermöglicht. Unter Kulturuatioualismus kann nur ein solcher verstanden werden, die freie Entwicklung jedes Volkes, auch der nationalen Minoritäten, ermöglicht, aber doch ihr Zusammenwirken im Zeichen des kulturellen und nationalen Fortschritts sichert, unter Kultmstzialismus die Verwirklichung der, trotz aller cma^wngeietzk''n Behauptungen, icht vorhandenen individuellen Freiheit, der freien uub gleichen Konkurrenz und des durch Arbeit erworbenen Eigentums. In diesem Zeichen müßten alle modernen Kulturmenschen, ohne Rücksicht auf Ration und Beruf, sich einigen, daun wird die Menschheit hinausgeführt werden aus einem Meere von Blut und Elend in eine lichtere Zukunft, und das zwanzigste Jahrhundert wird den Titel für sich in Anspruch nehmen können, die nationale und soziale Frage gelöst zu haben. Oesterreich. Velgie« beteiligt sich an der Kreditaktion. Brüssel, 29. September. (Havas.) Tic belgische Ne- «tfemnjj hat beschlossen, sich an der Beschaffung des Kapitals für die Hilfeleistung orr Oesterreich zu beteiligen. Polen. Resultat der SeMwahlen t« Oberschlesirn. Die Wahlen zum oberschsesischen Sein: haben folgen- «des Resultat ergeben: Polnisch-Nationaler Block 19 Alan- Date, Deutscher Klub 11, polnische Sozialdemokraten 8. Nationale Arbei.erpirrrer 6, deutsche Sozialisten 3, Polnische Volksp>artei 1. Der oberschlesische Sejm wird seine erste Sitzurrg in der nächsten Woche abhalten. Die Sejimwahlen iu Ostgalizieu. Lemberg, 28. September. (Tel. der „Wr. Morgenzeitung".) Ms Listenführer der vereinigten jüdischnatio- »«llen Parteien für den Wahlbezirk der Stydt L e m b e r g wnvde der Präsident der Zionistischen Organisation in Ostgalizien Dr. Leon Reich designiert. — Die Nominierung Der jüdischen Kandidaten für die übrigen Wahlbezirke wird <ht den allernächsten Tagen erfolgen. Dem jndisckMtionalen Wahlblock werden sich aller Wahrscheinlichkeit nach außer den Zionisten auch die Misvachisten und die Agudah, ferner die En verschiedenen Städten bestehenden kanfmänuischen Vereine und Handwerkerorganisationen anschließeu. — Die Assimilanten haben bisher keine Kandidaturen angemeldet, sie lancieren zodoch ii den Vizobv.rgermeister Dr. Schleicher und den Advokaicn Dr. Wasser, die sich jedoch weigern, die Kwnidödatur anzunehmen. Es ist Möbelfabrik Manne Wien, VII., Schottenfcldgasse Nr. 24 Telephon 39-1-08 O j Luxus- und Stilmöbel aller Art in nur erstklassigen Qualitäten Grosse Auswahl? Gebogene Sessel montiert und demontiert möglich, daß das eine oder 'das andere jüdische Mitglied des ehemaligen Polenklubs auf einer der Staatsliften der ZentrumSParlei figurieren wird. Teilweise Amnestie iw Fedak-Proretz. Ans Leu».berg wird uns berichtet: Der „Kurzer lworwü" will ans authentischer Quelle erfahren haben, daß der Anklageakt gegen den Studenten Fedak dahin abgeändert werden soll, daß die Anklage nicht auf Hochverrat, sondern auf ver-suchlen Mord lauten soll. Dagegen sollen die in die Angelegenheit verwickelten zwölf Angeklagten dcr vollständigen Amnestie teilhaftig werden. Tschitscherin in Warschau. Warschau» 30. September. (Tel. der „Wr/Morgenzeiwng".) Gestern ist hier auf der Rückreise von Berlin nach Moskau der Anßcnkommissär von Sowjetrußland Tschitscherin eingetroffsn. Tschitscherm wird hier einige Tage vertoe-ilen, um mit dem Minister des Aenßern Narntowicz und dem Staatschef Pilsudskr zu konferieren. Die jSdischen Schulen irr Wilna subventioniert. Wilna, 29. Sepnmber. (Tel. der „Wr. Biorgenzeitung".) In der letzten Sitzung des Wilnacr G-emeinderatcs wurde einstimmig beschlossen, den jüdischen Schulen eine Subvention in der Höhe bou 50 Prozent der Summe, welche die nichtjüdischen Schillert erhalten haben, zu erteilen. Die Sub^ vention wird bis zur Einführung des allgemeinen Ztvangsschulgesetzes in Kraft bleiben. Landeskonferenz der Hitachduth in Polen. Warschau, 30. September. (Tel. der „Wr. Morgenzoitung".) Vom 22. bis 25. Oktober wird in Warschau die Landeskonferenz dcr polnischen „Hitachduich" abgehalten. An der Tagung werden Delegierte der Hitachduth-Organisation von Kongreßpolen, Westgalizien, Wilna-Litanen, Polesien und Wohynien teilnehmen. Tsthecho-Slomakei. Das 50jährige Jubiläum der tschechi» scheu Sozialdemokratie. Prag. 30. Scvlember. (Tschech. Preßbureau.) Heute haben hier die Festlichkecken anläßlich des 50jährigen Jubiläums des Beginnes der sozioldemokratischen Arbeiterbewegung in Böhmen ihren Anfang genonnnen. An dem Festkongreß beteiligten sich über 3200 Delegierte, ferner eine große Anzahl von Abgeordneten, Senatoren usw. Dcr Vorsiznmde des Partei.wüurgtontschusses Anton Nemec hielt die Eröffnungsansprache. Sodann ingenßte im Namen der verüm.stcn sozialdenrorratischen Partei Deutschlands Molken vnhr der: Kongreß in dcutichcr Sprache, hieraus namens der deutschen Sozialdeurokratischen Partei der tschecho-slnmakischcn Republik Senator Nreßner, der imter stürmischem Beifall der Berstr.-.mlnng in tschechischer Sprache die Hoffnung ansdrnckte, daß die deutsche und die tschechische Arbeiterschaft die gencmtciit'ceit Meinnngsverschiedenheiien beilegerr und gemeinsam in der Republik, auf deren Boden sie durch das Schicksal gestellt worden seictt, für die gemeinsamen Interessen arbeiten werden. Angarn. Die Verpflichtungen Ungarns in der Aabsdurqerfraqe. Genf, 30. September. (Tschech. Preßburean.) Sämtlichen Mitgliedern des Völker-bmrdes wurden heute offiziell die Dokumente überreicht, welche die Verpflichtungen Um q a r n s in der Habsburger-Frage enthalten. Sie sind von einem Schreiben der kleinerr Entente an den Generalsekretär des Völkerbundes begleitet, in welchem die kleine Entente anläßlich des unaarischen Ansuchens um Aufnahme in den Völkerbund die Registrierung der beigelegterr Dokumerrte fordert, durch welche Ungarn iiiternotionalc Verpflichtungen gegenüber seinen Nachbarn und den Verbündeten bezüglich der Habsburger-Dynastie übernommen hat. Ter Brief erwähnt ferner den infolge der soinerzeitigen Ereignisse cutfiaitbeneu Konflikt, der damals der: Frieder» ernstlich bedrohte. Wir wollen, heißt es in dem Briefe, künftig immer verhindern, daß sich ähnliche Ereignisse wegen der Habsburger wiederholen, und halten es siir wichtig, daß alle Mitglieder des Völkerbundes die von eineiu seiner Mitglieder unterschriebenen Verpflichtungen kennen, welche dieses Mitglied auf Grund seiner Aufnahme deur Pakt gemäß zu erfüllen verpflichtet ist. Litauen. Die jüdischen Kandidaturen in den Sejm Kowno, 28. September. (I. C. B.) Die Anstrengungen zur S ch a f f u n g c i n e r gem e i n samen j üd i s ch e n W a h l l i st e sind gescheitert^ so daß die zionistische Liste (Zionisten, Misrachi und Zerre Zion), die Liste der orthodoxen Organisation „Achduth" rmd die des Mischen Blocks gesondert präsentiert wurderr. Die zionistische Liste wein u. a. folgende Kandidaten auf: Doktor Solowejtschik, Dr. Rosenbaum, Dr. Brutzkus, I. Rabinsohn, L. Garfunkel. Auf die Achdrrth-Leute kandidiert der jetzige Deputierte Dr. Rachnnleüvitsch, der Kownoer Rabbiner H. Schapiro n. a An der Spitze der Lifte der Folfiftcit stehen: Dr. Landau, Rachinsohn, Deputierter Finkelsreill u. a. UeberrascheDd niedrig sind die Preise für erstklassige englische Stoffe, Regenmäntel. Damen- und Herrenwäsche, Bettwäsche, Strick- und Wirkwaren etc. im bekannt billigen Warenhaus Schiffmann Taborstraße 48 TeSephon 47-1-79 En oros En defail Zguaz Deutsch. tt z«r Geschichte der Anfänge der Trennungsorthodoxie in Wien. Von Dr. R. M. Gelber, v. Die ersten Arbeiten für die Trennungsorthodoxie. Ignaz Deutsch begnügte sich nicht allein damit, die Interessen der in Palästina lebenden Chalnkkahjuden zu vertreten. Sern Ehrgeiz trieb ihn auf eine breitere Arena, wo er eine bedeutendere Rolle zu spielen hoffte. Es gelang ihm, der, wie bereits erwähnt, seit dem Jahre^ 1848 von der Wiener Judengemeinde zum Vorsteher in der polnischen Synagoge ernannt wurde, in orthodoxen Kreisen Einfluß zu gewinnen und mit Hilfe einiger nngarischer Rabbiner eine orthodoxe Partei zu begründen. Dank unbekannten Umständen wurde es ihm auch möglich, das Vertrauen des damaligen Kultus- und Unterrichtsministers Grafen Thun zu gewinnen. Als konservativer Katholik war Graf Thun bestrebt, auch innerhalb der Judenhnt die Orthodoxie zu stärken in der Meinung, auf diese Weise die Judenschaft der Reaktiorr zu erhalten. Die allzu rasche Anpassung der jüdischen Jirtelligenz an die europäische Kultur dünkte ihrn als gefährlich, um so mehr, als sie dadurch zum religiösen Indifserentismus und Unglauben — seiner Ansicht nach! den ersten Vorl lusern der Revolution — geführt würde. Aus diesem Grunde allein begrüßte Thun mit Zu^ friedenheit Deutschs Bestrebungen, die auf nichts anderes als auf die Erhaltung der Reaktion auf jüdisch-religiösem Gebiete hinanöliesen. Deutsch schien ihm das richtige Sprachrohr seiner Bestrebungen zu sein, durch das er dann die strenggläubigen Inden zur Opposition gegen die aufgeklärte liberale jüdische Intelligenz würde auffordern können. War ihm ja bekannt, daß Deutsch dcr Führer einer jüdischen Deputation gewesen war, die am 3. September 1850 beim Kaiser Franz Joses vorsprach und auf die durch Verschulden der aufgeklärten Juden zerrütteten religiösen Verhältnisse in den Judengemeinden mit dem Bemerken hinwies, daß die aufgeklärten Juden es sind, die die Juden den Werbungen des politischen und sozialen Radikalismus in die Arme führten. Kein Besserer konnte Thuns Bestrebungen unterstützen als gerade Ignaz Deirtsch,. der Förderer der Reaktion inirerhalb der Judenschast. Schon im Juli 1857 legte Deutsch dem Grafen Thun eine ausführliche Denkschrift vor, in der er rund- Wegs den Standpunkt der Trennungsorthodoxie vertritt. Schon eingangs der Denkschrift wird scharf die Differenzierung innerhalb der Judenschast betont und erklärt, daß die „rechtgläubige Judenschaft in Oesterreich nie die Regierung beunruhigt und in ihrer treuen Anhänglichkeit an ihr erlauchtes Kaiserhaus und die legitime Regierung niemals gewankt hat". Ferirer erklärt Deutsch, daß er seit dem Jahre 1850 — dem Zeitpunkt der von ihm beim Kaiser vorgeführten Deputation — stets bestrebt war, die Hilfe und Unterstützung des Kultusministeriums im Interesse der rechtgläubigen Juden zu erwirken und den „neologischen Bestrebungen unter den Juden Oesterreichs allerwärts entgegenzuwirken, und wo dies nicht möglich war, in jeder Judengeineinde die alte Partei nrindestens durch Wort und Tat zu unterstützerr, und diesewe durch den Trost einer gnädigen Unterstützung Seiner erhabenen Majestäts Negierrrng zu erinutigen und aufzurichten, damit der alte religiöse Sinn und das patriarchalische Familienleben nicht gänzlich zerstört werde".*) DaS Urbel der gegenwärtigen ZuständÄ datiere seit dem Jahre 1826, in welchem Zeitpunkte die tolerierten Juden in Wien durch die Gründung des Tempels mit Choralgesang den ersten Schritt zur Reform gemacht haben. Die Reformen der Inden haben in diesen dreißig Jahren einen derart verderblichen Fortschritt gemacht, daß man sich fragen müsse, wie es gekommen sei, daß die aufgeklärten Juden „in einem so mächtigen römisch-katholischen Staate unter der Regentschaft des frömmsten apostolischen Kaisers einen solchen Einfluß erreicht haben". Während in ganz Europa die christliche Kirche dotiert werde, der Priester in Ansehen stehe und die Religion die Grundlage der bürgerlichen Gesellschaft ist, sei bei den Inden nicht eine einzige T^ligiöse: Jrrftitution dauerhaft begründet, „keine Kircke und kein Priester, ihre Rabbiner ohne Macht und oMe Ansehen, ihre Synagoge ohne Regierungsschutz und ohne polizeiliche Aufsicht, keine Türme irnd kein Glockengeläute, nicht ein einziger öffentlicher religiöser Akt, was den Juden auf dieser ganzen Erde an die Religion seiner Väter ermahnen könnte, wenn dieselbe in der Gemeinde, wenn sie im väterlichen Hause vernachlässigt wird". Diese religiöse Verwahrlosung der Judenschaft könne nach Deutsch' Ansicht aus keinen Fall im Interesse eines katholischen Staates — wie es ja das damalige Oesterreich par exceltence war — liegen, im Gegenteil, gerade „die Erhaltung der orthodoxen Judeir und eine kräftige rmd nachdrückliche Unterstützung derselben sei in jedem monarchischen Staate zu allen Zeiten und unter den gegebenen Verhältnissen mehr denn je schon ans politisch?:: Rücksichten von wesentlicher Bedeutung". *) Seine Teukschriit in K'.'üns: ..Kndücbe IiidunV'. S. Itr iM 999999999999074 ^25409829^254892161861 48232348535353232353534853532302484848020200020001232353000200324848484823 0215813327881196699359