Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- Heft 1304 (27.9.1922)
- Date
- 1922-09-27
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/2979076-2980129-2980384--12335-2998877- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
-MA» Wr. v •'• W rf'" .fwwj'wt, ' Dkue 4 W en. M.tnvocki Proletarierin nicht ersparen kann. Cr sah hjWrüu, Wie ste vor wenigen Jahren noch gewesen HHäMch, '»fröhu^, nach einem Leben voll Plage in wohlverdienter Ruhe die Freuden ihres Alters genießend,.Freuden, die der Ertrag seiner Arbeit ihr geschaffen. Sie War nie anspruchsvoll gewesen. Eine behagliche Häuslichkeit, ein wenig Verkehr mit Verlvandten und Freunden, mitunter ein Theaterbesuch oder eine kleine Reise und sie war glücklich und zufrieden gewesen. Aber auch diese bescheidenen . Ansprüche lvaren viel, viel zu hoch gegriffen. Die Lebensversicherung, um die sie geschnort und geknausert hatten durch viele Jahre, war ein lächerliches Bettel geworden und. sp mutzte die 68jährige, gichtkranke Frau ihr.Hauswesen selbst besorgen. Das Herz preßte sich ihm zusammen, wenrf er sic den Boden reiben, die - schweren Wassereimer schleppen sah mit ihren geschwollenen Händen. Er stöhnt auf vor Schmerz und Hilflosigkeit.- Ganz leise berichtet jetzt die Alte. Wie sie das Fenster geöffnet, um das Zimmer-zu lüften, wie der Wind ihr den Flügel ans der wunden, schwachen Hand gerissen und der Sprung sich quer über die große Scheibe gezogen hätte, ehe sie nur recht zur Besinnung gekommen sei. In der Stille hatte sie ja gehofft, ihr Mann würde sie auslachen und ihr beweisen, daß sie die Bedeutung des ganzen Ereignisses maßlos übertreibe. Daß er so verstört und gebrochen vor ihr stand, raubte ihr den letzten Rest der Fassung. Sie legte den Kopf auf die Herdplatte und begann -aufs neue zu weinen. Der Mann raffte sich auf. „Wein doch nicht," murmelte er „vielleicht kann man eine Scheibe flicken, mit einer Bleifassung..." Regine schüttelte den Kopf. „Die Splitter gehen nach allen Seiten und die Hausmeisterm war schon da und hat verlangt, daß wir die Scheibe gleich entsetzen, weil. . ." Sie bricht ab. Die Hausbesorgerin hat gesagt: bei ihrem Wer muß man das gleich machen lassen, sonst haben wir dann das. Nachsehen. Tenn sie ist ein verbittertes Weib, das keinen etwas Gutes gönnt, weil sie selbst so wenig Gutes hat. Ueberdies grollt sie der alten Dame, die sich immer ein bißchen abseits hält. Aber wozu auch dieses Detail dem Mann noch nütteilen. Hart genug, hat ihn der Schlag getroffen, der „Schlag", über den man in früheren Zeiten bei ihnen kaum gesprochen hätte. Zaghaft fragt er und sieht an der Frau vorüber, als fd^äme er sich: „Hast du sSon gefragt..Ein Seufzer ist die' Antwort. Und nach einer langen Pause stammelt Frau Regine kaum hörbar: „Hunderttausend Kronen." äüinderttaustnd Kronen für eine Fensterscheibe! Er hat es sich schlimm vorgestellt — so schlimm nicht. Hunderttausend Kronen! Seine Leberwversichernng hatte sechzig ausgemacht, sein Monatsgehalt oetrug kaum, das Vierfache. Woher sollte er das Geld nur nehmen? Sie atzen sich ohnehin nur mehr lialb satt. Und man mußte nicht nur essen. Da lr<i~ einmal Kohle zu bezahlen, einmal' eine L'rchtreihnüttg. einmal eine -Schuhreparatur. Den Betrag, den ungeheuren Betrag von seinen Einkünften zu bestreiten, ivar me glatte Unmöglichkeit. Verkaufen? > Er ließ im Geiste ihren Besitz an sich vorbeiziehen,. Wer würde, seiner; un-" -modernen Gehrock, die alten zerschlissenen Vorhänge, den fadenscheiniger: Teppich kaufen wollen? Sollten sie die Betten verkaufen und auf dem Boden, ihr Lager auffchlagen? Die Kästen hatten sie ohnehin schon wahrend feiner letzterr Vonem'osigkcit verschleudern müssen. Zaghaft sagte die Frau: „Soll ich zu Luckvig gehen, ihn bitten?" Der Alte fuhr aus. Ludwig war seines Bru- An unsere geehrten Abonnenten! Am l. Oktober beginnt ein neues Abonnement auf die „Wiener Morgenzeitung". W>r ersuchen, die Be.zugsqebübren rechtzeitig einzuzahlen, damit die Zustellung des Blattes keine llnierbrechung erleide. Vezugsgedühre» ab 1. Oktiber 1922: Adonnemenl für Wie« (zu« Abholen im «xpaött ober in den DerfchleMetten) i »ouallich . . . . . . . . . Ä. 3Q.000.— Das Abonnement »olle gefälligli rechtzeitig in der Nächstliegenden Derschleißilelle erneuert und die Bezugsgebühr gleichfalls Loriselbst erlegt werden. Oesterreich monallich ........... K. 80.000.— Tlchecho-Sloioaket monallich.... tfchech. K. 20.— Polen monettlch.. . poln. Star» 2,200.— Tngollaryien monallich. . , .... . Dinar 80.- DenNchlanö monallich . . ... . Marl» 300,— AnmOnie« monastich ........ Lei 60.— Lolland monallich.. . . hott, fl« 1.80 grollen monallich ........... Sire 10.— Schmelz monallich .. * . . fchwelz« Franken 8.— Frankreich monallich . ... . . . . Francs 8,— Belgien monatlich ....... belg. Francs 8.- Sngland monallich. . . ... Schilling 3.— Anlerika monatlich. . . » . . . ... . Lottar 1 — FahLstelletr: Oesterreichstchea Pvsti-arkastenkonlo 1S8.SS3. Tschscho-stovakische« Postlparbaffenkonlo (Prag) Phlnijchetz Postiparkaffenkonto (ÄZarfchä«) 190.227 Deutsche»'PoslfchechkoMo (Berlin W 7) 108.722. BückSnirn (Lzrrnönliy): Allgemeine Depofilen- LanK Lzernvmitz. Schmelz L.Schweizer Dosksban» ln fallen. Ängoflamlen r Pvfisparkastenkvnlo (JagreLj 10.088. glatten: Svzieta dt Lredilo Lommerciole Triefte, Pla Mazzini 80. Dle Derwattnng der „Wiener Morge«)eitung" Wien, Taborstratze L—3 Lelepho» 44.08«. 18.810. mm Wz£ ders Sohn, der sich hatte taufen lasten und von' seinen eigenen Eltern verstoßen worden war.. Ludwig —..sein Bntder würde sich im Grabe--,:nndrHen, wußte er davon, daß man ihn bitten wollte. Er war ja reich geworden, der . Renegat. Und er hatte es an Annäherungsversuchen, vielleicht von Heimweh nach seiner Familie und seinem Volke gewichen, nicht fehlen lassem Aber der Ulte hatte ihn Mit* leidloUvgstviesen. Regine war nicht zum Neffen gegangen, als ihr Mann im' Vorjahr zehn Wochen krank gelegen war. Sie hatte ihrer Mütter Trauvkng verkauft und die alte Kommode, ein Erbstück von ihrer Grotzinutter, auf der für ihre Lieben das „Seelenlicht" gestalten war. Sie war nicht zu Ludwig gegangen, als ihr kranker Bruder sie um Hilfe gebeten hatte. Jetzt würde sie gehen, um einer Fenster» scheibe. willen. „Ja> ja:" sagte der Alte hart, ,^eh' nur zn Ludwig.* Schwerfällig ließ er sich auf einen Sessel fallet^Der Kops sank ihm herab. Und tvas die Frau in vierzig Hahren, in Leiden, Sorgen, und Kummer nicht gesehen hatte, das sah sie jetzt. Der stolze alte Mann, ihr. Halt und Schutz, er weinte hilflos wie ein Kind. Weil eine'Fensterscheibe zerbrochen war. Klara Mautner Der Kampf um den Index, Weitere Verhandlungen in der Metallindustrie. Die Organisation der Metallarbeiter hat eine Kund» gebüng beschlossen, in der erklärt wird, daß die Metall» arbeiter zum äußersten Kamps rüsten, aber daß in Anbetracht dos Umstandes, daß dcr Kampf die breitesten Ar. beiterschichten berühren würde, sie bereit sind, jede Mög, lichkeit zu Prüfen, die zn einer Vermeidung des Streiks führen könnte. Man glaubt daher, daß in den nächsten Tagen weitere Verhandlungen mit den Industriellen stattsinden werden. v Streik der Speditionsarbeiter. Gestern sind die . Arbeiter, der Wiener Speditionsbetriebe in den Streik getreten. Die. Arbeitseinstellung ist erfolgt, weil den: Verlangen der Speditionsarbeiter nach Gewährung des b o l l e n I n d e x nicht Rechnung getragen wurde. Die Speditionsarbeiter beziehen gegenwärtig folgende Mindestlöhne: Magazinsmeister, Chauffeure 261.320 K., Magazinsarbeiter 250.000 K., Leger und Kuischer 250.660 K., Magazinsarbeiter, Portiere und Nachtwächter .260.330 K. In . diesen Ziffern sind Trinkgelder, Ueberstlmdenlöhne und Mittagsgelder nicht inbegriffen. Der Streik der Kaffeehausgehilsen. Der Streik der Kaffeehausgehilsen dauert fort. Dtk Genossenschaft der Kaffeesieder beruft für heute um 10 Uhr vormittags im Sitzungssaal des Alten Rathauses eine Vollversammlung ein, um neue Direktiven fiir eine Verhandlungsbasis für das Lohnkomitee zu beschließen. Zur gestrigen Verhandlung beim Einigungsamt sind die Unternehmer nicht erschienen, weil der Vorsteher der Kaffeesieder Egkher plötzlich unwohl wurde. Die neuen Einigungsverhandlungen wurden nunmehr für den 28. d. festgesetzt. Nur im 21. Bezirk haben die Unternehmer die Forderungen der Angestellten bewilligt, so daß in Floridsdorf der Streik beendet ist. Einige kleinere Unternehmungen in den anderen Bezirken haben ebenfalls den Betrieb wieder ausgenommen. Wiener zisnistisches Lskslkomitee. Heute um 7 Uhr abends findet iht Sitzungssaal« deS Zionistischen Landeskomite-eS eine dringeiche Sitzung des Lokal« komitees statt. Tagesordnung: 1. Organisationsfragen. 2. Winterarbeit. 8. Parteitag. Oberrabbi«er Dr. Josef Rosrnfrl» gestorben. In Frankfurt <t. Dt. ist vor einigen Tagen in einer Klinik der Czernowitzer Lberradbiner Dr. Josef Rose nfeld im 64. Lebensjahre gestorben. Dr. Rosenseld, ein Wipnp« Viorgengeitnnfl. September 1022 Nr. 1300 nach Mass, Hefrenvi/äsche sowie alle Herrenraodeartikel in der beslbekannten feinsten Qualität zu massigen Freisen bei BorCIISweivI & ScHfCCk Wien, II., Hollandstr. 10 ZurIahrhundertfeier deutscher Naturforscher und Merzte tu Leipzig. Der besondere Zielpunkt macht uns Leipzig sogleich vertrant und heinrlich. Und für einen Artgenblick lassen, wir die Illusion gelten, als würde d:. . < :wtc: . .zc sich durch die größte Banuhostalle En.-opa - -u-a gießt, derselben Richtrrng folgen wie wir. Aber die Stadt empfängt uns ohne alffsallende Zeichen und Abzeichen einer festlichen Veranstaltung, und wiederholt imr bei jeden: Schritt, mit dem wir ihr nahe und näher - kommen, den überraschend rnonumentalen Stil ihrer .Straßen, Plätze, Bauten. Und ein Zug des Monumentalen geht auch von dieser Jahrhundertfeier aus. Berührt sie ims doch gleichzeiüg wie eine Heerschau, auf kaum zu überschauenden Gebieten deutscher Wssenschast. Aus einem Fähnlein von kaum zwanzig Teklnehmern, die zum erstenmal vor genau hundert Jahrmen in Leipzig zusammeniamen, ist eine mächtige Legion.' erwachsen, die Tausende von deutschen Naturforschern und Aerzten heute iü sich vereinigt. Wie sehr auch die Wissenschaft von den Nöten der Zeit heimgesucht und geschädigt wurde — diese Versammlung ist ein Zeichen und Zeugnis der unverminderten Hingabe an den reinen Forschertrieb und den Ernst der wissenschaftlichen Aufgaben: Nur daß sich das Band -zwischen Theorie und Leben unter den politischen und sozialen Erschütterungen der Gegenwart noch fester, inniger knüpft und in der Folge erst recht knüpfen wird. Liegt doch in dieser periodischen Bereinigung von Natursorschnng und .Heilkunde, selber schon etwas Symbolisches für die Besttmmung der Wissenschast: überhaupt. Sie soll uns als reine Erkenntnis ein' von allen subjektiven Maßstäben unabhängiges WeltbM schallen' lassen, aber gleichzeitig unser Leben in seiner"Gestaltung und Machtstellung festigen und durch du sich forffetzeM Erschließung.von immer neuen Quellen bis zum Höchsten steigern, - Die Geschichte der Wissenschaft läßt uns häufiger eine Kreuzung dieser Tendenzen als ihre harmonische. Verbindung wahrnehmen. Wir begegnen hier einer Erscheinung, die wir analog von dem Gebiet der Kunst her kennen, Der Grundsatz:»l'art pour l'art auf die Wissenschaft angewendet, deckt Gefahren auf, die sie nicht zu bannen vermag. Die Einsicht in die wissenschaftlichen Zusammenhänge des Seit* alls — die ja in keinem Punkt urw Zeitpunkt als eine absolute und für alle Zeiten gültige abgestellt werden kann — entbindet den Forscher nie und nimmer von der. kategorischen Pflicht ethischer Einstellung des Menschen als einzelnen und als Gattung innerhalb der Menschengemeinschaft. . Es kann nicht mehr gezivelselt werden, daß die Katastrophe des Weltkrieges und der ihm folgende Zusammenbritch ihre Wirkung aus die Wissenschaft, sichtbar zunächst in Deutschland und Oesterreich, in dieser Richtung geübt haben; aber es begegnen uns auf der Leipziger Tagung deutliche Anzeichen davon, >daß sich eine grnndlsätzliche Wandlung des Weltbildes aus rein wissenschaftlichen Motiven vollziehe, genauer gesprochen, vorbereite. Es zeigt sich ein. allmähliches Abrücken^ von der mechanischen Naturanschauung, die der Ansicht huldigte, „die Gesamtheit der Erscheinungen in eine mathematische Formel bringen zu können"; - „das Denken wich aber niemals an den Schranken sinnlicher Wahrnehmung , und mechanischen Geschehens haltmachen und wird die uraltm Fragen nach dem, was hinter der Physis liegt, immer wieder auswerfen". Es ist die 'Signatm' des Leipziger Naturforscherivngresses. ldäß er eine mittlere'Linie. e«iznhatten' bestrebt, ist zwischen Na Ar und Geist und sowohl im Bortrag nÄwr ..Alffpiauuttsen »als auch inder Wlchrmng geltender und besoichexs" in wissenschaftlichen Kressen -noch.'fest 'gewurzelter^ 'Ü77.ÜÜ Akzente gebraucht: die le'denschast'ich' V -künd'Ag, und Polemik istMlMsszMMsHgltet. ..Wall -merkt; spricht nicht davon; man gräbt nur und untergräbt sachlich und fachlich den Grund seiner und Darwins Lehren — indes der Name Ves Oesterreichers und Brunners M e n d l immer Heller aufftrahlt —, und es wird vielleicht nicht mehr lauge dauern, so werden zwei so mächtige Pfeiler aus dem wissenschaftlichen Bau dieser beiden Forscher: Darwins „Telektionslchre" und der Häckelsche „Entwicklnngsbegriff", der namentlich aüch in.der Philosophie nicht wenig Verwirvimg angerichtet hat, auch gestürzt sein. Man hat als die Höhepunkte der Leipziger Tggrmg die Referate über Einsteins Relativitätstheorie und Sven Hedins Vortrag über Tibet bezeichnet. Das temperamentvolle, ja lieradczn vchemeirte Eintreten des berühnüen Schweden für da.s deutsche Volk als Kulturvolk hat bei den Teiluchntern, begreiflichen Enthuisiasnms geweckt. Psychisch nahezu.em. Gegenstück bedeuten die Vorträge über Emsterns Relativitätscheorie und ihre Anfnahine vom Kongreß. Wohl versuchte eine Gruppe von Gelehrten durch einen der L'essontlichkrt zugesührten „Protest" die Geister gegeiwinander auszubringen. Aber der Versuch mißla>ng. Nim freilich — der Träger und Verkünder der Theorie fehlte aus dem Kongreß. Vielleicht aber darf mail sagen: es war gut, daß er Wie; so konnte seine Ansicht, von allem Persönlichen getrennt, fachlich von.anderen Gelehrten vorgetragen, nur um so mehr sachlich wirken. Der Tribut wissenschaftlicher Anerkennung wurde Enlsteiu in schlichten Worten gezollt: wichtiger als der äußere Beifall sind indes die bedeutsamen Impulse, die als Wirkung und Auswirkung der Relativitätstheorie sich atitf dein Gebiet der Natursorschnng und wohl auch der Philosophie werden geltend machen' Auf die Nutloendigkeit, daß die Physik und damit die Naturwissenschaft ick allgeckemen . von ilren eigenen Voraussetzungen zur Philosophie werde, haben beide Referenten hingelviesen — ebenfalls 'ein. deutliches Porzeichcn der Leipziger Tagldng für. eilten, soliden Zusammetlschluß Volt Naturuüd Geisteswissetlschaft, wie sie sich in'ZrtklmftEsAltcn mögen. .. Bernärd Tag.