Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- Heft 1226 (30.6.1922)
- Date
- 1922-06-30
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 .Me»,' Freitag. >*-*■— ■■ 11 r - " htb' Mannschaften unter dem Verdacht deZ Vaterlandsverrates ln dem Gefangenenlager Jablonnas internierte, auf keinerlei Unterstützung des jüdischen Sejmklubs zu rechnen sti. SlilvinZki antwortete, er müsse sich erst über die gegenwärtige Situation orientieren. Die Bestimmungen der Verfassung werde er den Juden gegenüber genau durchführen. Auch nach der Bildung des neuen Kabinetts ist die Situation bei weitem noch nicht geklärt. Es ist eine große Frage, ob e§ Sliwinski gelingen wird, die nötige Parlamentsmehr-. heit zu erlangen. Die Kabinettskrise ist allerdings momentan gelöst. Bor Ueberraschungen ist man jedoch nicht geschützt. Die neue Wahlordnung. Warschau, 29. Juni (Tel. der „Wr. Morgenzeitung".) In der heutigen Sejmsitzung wurde der Wahlordnungsentwurf in'zweiter Lesung angenommen. Beim Artikel 9 wurde der Kompromißantrag auf Erhöhung der Abgeordnctenzahl von 408 auf 432 angenommen. Ebenso wurde das Anrendement zum Artikel 12 angenommen wonach kein Wahlkreis mehr als 2 0.00 0 Wähler zählen und die Entfernung der Wohnung des Wählers vom Wahllokal nicht vier Kilometer überschreiten darf. Ebenso wurde der Kompromißantrag der Sozialdemokraten und der Witos-Gruppe angenommen, wonach als Prinzip festgestellt wird, daß zum Anteil an den Reichsliften nur jene Parteien berechtigt sind, die in sechs Wahlkreisen Kandidaten ausgestellt haben. Der ganze Wahlentwurf ist jedoch derart zugefchnitten, daß die I u d e n auf keinen Fall in einer solchen Anzahl von Wahlkreisen Kandidaturen durchführen können, um berechtigt zu sein, von der Neichsliste Gebrauch zu machen. Es ist festzustellen, daß das Kompromiß zwischen den Sozialdemokraten und der Bauernpartei größtenteils auf Kosten der jüdischen Stimmen zustande gekommen ist. Der Grenzverkehr mit Deutschland. Warschau, 28. Juni. (Poln. Tel.Ag.) Im Ausschuß für auswärtige Angelegenheiten gelangte heute der deutsch-polnische Vertrag, betreffend den Grenzverkechr zur Verhandlung. Zum Referenten wurde Abgeordneter Ladislaus Grabski bestellt. Die Beratungen über das Palästina- Mandat. Schanzer bei Balfour und Churchill. London, 28. Juni. Das Reutersche Bureau erfährt, daß der italienische Minister des Aeußern Schanzer, der vorgestern eine zweistündige Unterredung mit Balfour hatte, gestern mit Churchill im Kolonialamtc zusammengetroffen sei. Wie verlautet, sei hierbei das Palästina-Mandat und gewisse Fragen betreffend Jubaland (Afrika) erörtert worden. Schanzer beabsichtige, womöglich die gesamten zwischen beiden Ländern schwebenden Fragen zu erörtern Diese vorbereitenden Unterredungen mit den Ministern würden die Grundlage für eine Zusammenkunft mit Lloyd George bilden. Schanzer sei von den Fortschritten der Unterhandlungen sehr befriedigt, doch sei bisher noch nichts entschieden worden. Der italienische Minister des Aeußern dürste in drei Tagen nach Paris abrtzisen und vorher würden noch einige Besprechungen stattsinden. In Paris werde Schanzer ähnliche Unterredungen mit Poincare haben und hieraus nach Rom zurückkehren. Schanzer werde hierauf einen kurzen Urlaub' antretcn, von dem er Ende Juli zur Teilnahme an der interalliierten Zuscnnmenkunft über den nahen Osten nach Rom zurückkehren werde. Der Vatikan. Rom, 26. Juni. Wie der Vertreter des I. C. B. aus guter Quelle erfährt, wird der Meinungsaustausch zwischen dem Heiligen Stuhl und dem britischen Foreign Office über das englische Mandat in Palästina fortgesetzt und seit der Rückkehr der Jerusalemer Patriarchen aus London nach Rom noch lebhafter als bisher betrieben. Diesbezüglich wird versichert, daß der englische Vertreter beim Heiligen Stuhl, Campte de Salis, den Standpunkt des Vatikans für berechtigt hält. Man weiß aber noch nicht, wie die Antwort des Foreign Office aus die Berichte seines vatikanischen Vertreters und auf das Memorandum an den Völkerbund lauten wird. Der Beschluß des englischen Oberhauses!. London, 26 .Juni. (I. C. BO Wie wir aus autoritativen zionistischen Kreisen erfahren, bedeutet die Resolution des englischen Oberhauses noch lange nicht, daß die britische Regierung sich dadurch veranlaßt sehen müßte, sogleich politische Konsequenzen in bezug auf Palästina zu ziehen. Die Regierung hat eS in der Hand, das M and at in seiner gegenwärtigen Form aufrechtzuerhalten. und seine Ratifizierung in der bevorstehenden Sitzung des Völkevbundrates zu betreiben. Die Exekutive der zionistischen Weltorganisation habe beschlossen, das Aeußerste zu tun, um die Ratifizierung des Mandats zu sichern. Es werden alle erforderlichen Schritte unternommen werden, damit die gerechten Forderungen des indischen Volkes ungeschmälert verwirklicht werden. Lenins Erkrankung. London,. 29. Juni. Das Reutersche Bureau meldet aus Reval: Die neuesten Berichte,, •bie hier auS Moskau eingetroffen sind, besagen, daß sich das Be- Menev Morgertzeltung. 30. Juni 1983 gjr< Von! Abgeordneten Paul Sandor. In Budapest erschien jetzt in der Ausgabe des ungarischen Landesverbandes der Kaufleute ein von dem Präsidenten dieses Verbandes, Abgeordneten Paul Sandor, verfaßtes Memoirenheft, in welchem der Verfasser mit der Erzählung seiner Erlebnisse während - des Kommunismus und während der Schreckenstage des christlichen Kurses beginnt. Paul Sandor ist ein „unentwegter" Assimilant. Immerhin haben seine Aufzeichnungen wegen der bei ihm gewohnten Offenheit, mit der er stets auftritt, historische Bedeutung. Traurige Tage tarnen, über welche man heute, da es noch kaum zu dämmern beginnt, nicht sprechen darf. Eines schönen Tages erfuhren wir, daß der Polizeichef eine unerwartete Bernftlng ins Landesverteidigungsministerium erhalten habe, wo man ihm eröffnete, daß es in der Hauptstadt wahrscheinlich zu Unruhen kommen werde. Die Polizei möge ausrücken und versuchen, auf friedliche Weise Ordnung zu schaffen. Sollte es ihr nicht gelingen, Ordnung zu machen, so möge sie einige Personen verhaften, aber gleichzeitig dafür sorgen, daß sie im geeigneten Zeitpunkte entwischen. Man kann sich nun die Verantwortung anZmalen, die auf mir, Vaszonyi und noch einigen Menschen lastete. Es gelang uns mit großer Mühe, die Unruhen zu verhindern. Einig^ Wochen später gelangten wir in den Besitz eines ordnungsgemäß geführten Protokolls über eine Sitzung, in welcher bereits Namen von Personen und die Plätze angegeben waren, aus denen in Budapest ein systematisch durchgesührter Pogrom ins Auge gefaßt war. Diese Sitzung wurde damals vertagt, weil die Angelegenheit einer Snbkommission überantwortet wurde, damit diese die st rategischen Pläne für die Durchführung genau ausarbeite. Alle diese Pläne konnten wir vereiteln. Es ist noch nicht genügend Heller Tag in unserem Lande, um die Oeffentlichkeit sehen zu lassen, auf welche Weise dies geschah und wer jene verdienstvollen Männer sind, mit deren Hilfe es möglich war, diesen unheilvollen Plan zunichte zu machen. Um diese Zeit mußte Vaszonyi aus dem Lande flüchten, weil sein Leben keinen Augenblick in Sicherheit war. Ich bin hiergeblieben, weil ich der Meinung war, daß mein Leben nicht in derselben Gefahr schwebte. Zunächst begann ich Talmud zu lernen. Soweit er in ungarischer Sprache erschienen ist. Dann lernte ich eifrig die Bibel, die jüdische Geschichte und ganz besonders das Werk von Dr. Samuel Kohn und das Geschichtswerk Dr. Bernsteins. Dann sah ich mich um Mithelfer um. Da stieß ich auf große Schwierigkeiten. Viele waren zurückhaltend, wollten sich nicht recht mit diesen Dingen befassen, auch die Juden nicht. Es sei besser, meinten sie, es in aller Stille zu tun und nicht aggressiv zu sein. So rüstete ich mich durch Monate hin. durch, bis ich schließlich dahin gelangte, meine erste Rede im Parlament zu halten. Ich will hier nicht auseinandersetzen, was dieser Rede vorausgegangen ist. Meine Frau, meine Kinder, meine Freunde und' auch meine Gegner baten mich inständigst, keine Rede zu halten. Die Sache sah damals so aus, als ob das Parlament einfach in die.Luft ginge, wenn ich jetzt dort sprechen würde. Ich muß ehrlich gestehen, daß vielleicht die schrecklichsten drei Tage meines Lebens jene waren, die meiner Rede vorangingen. Ich habe viele, viele Känrpfe im Leven durchgemacht. Aber niemals noch wurde ich von solcher Erregung erfaßt, wie an jenem Tage. Nicht deshalb, weil ich Angst gehabt hätte, daß mir irgend etwas zustoßen könnte, weil etwa hinter mir die Abgeordneten aus Transdanubien, die schärfsten Antisemiten, saßen, ich fürchtete bloß, daß ich das Judentum kompromittierenkönnte, wenn meine Kraft zu schwach sein sollte, um in dieser Athmosphäre Stand zu halten. Nach meiner ersten Rede sind mir 297 Drohbriefe zugekommen. Unter ihnen befand sich einer, den ich mir besonders aufbewahrt habe. Schön kalligraphisch, sauber geschrieben, begann der Brief: „Lieber Palibacsi! Ich empfinde unbändige Lust auf Deine Gedärme." In diesem Tone ging es weiter. Ich bemerke hierzu, daß es doch sonderbar ist, daß . ich in demselben Jahre, im September 1920, zur Verteidigung der fortschrittlichen Ideen eine Rede hielt, und seitdem keinen einzigen solchen Brief mehr erhalten habe. Wie man sieht, lebe ich auch jetzt noch. In dieser Zeit sind mir jene Märchen in den. Sinn gekommen, die ich in meiner Kindheit gehört hatte. Besonders ein Märchen — ich weiß nicht mehr, wo ich es las — in. welchem jemand einen hohen Berg besteigen muh, jedoch geradeaus gehen soll, weder zurückblicken, noch jemanden ansprechen oder von jemandem angesprochen werden darf, sondern nur immer geradeaus gehen und gehen muß, sonst ist er verloren. Dieses Kindermärchen ging mir immer durch den Kopf. Nicht zurückblicken, vor nichts erschrecken. Und was war, das Ende? Ich sage es ganz offen heraus: die Tatsach, daß ich es wagte, die wahren Rechte des Judentums zu verteidigen, hat Respekt erweckt. Meine' Gegner sagten, ich habe Recht, wenn ich meine Glaubensgenossen verteidige, man muffe mich anhören. Man umgab mich damals und man umgibt mich auch heute mit Respekt und. Achtung. ^TTirtr-^"-' — ■MUH—i finden L 'eninS in letzter Zeit sehr verschlimmert habe. Er könne nur mehr mühsam sprechen und sein Gedächtnis versage.derart, daß er nicht imstande sei, die ihn umgebenden Menschen zu erkennen. Zwer bekannte deutsche Aerzte hätten sich auf dem Luftwege nach Moskau begeben. Die russischen SchuSden. Haag, 28. Juni. (Korr.Bureau.) Ein offizielles Comnmnique über die heutige Beratung des Schulden-Unterausschuffes der nichtruffischen Kommission mit der russischen Kommission besagt: Der Präsident der Unterkommiffion Alphand (Frankreich) erinnerte daran, daß es der Zweck der Konferenz sei, das russische Problem von der technischen Seite her zu behandeln unter Ausscheidung jeder politischen Frage. Er zählte sodann die verschiedenen Gattungen der in die Kompetenz der Unterkommiffion fallenden Schulden der Reche nach auf. Demnach handelt es sich um die von den russischen Regierungen ausgegebenen Titres, ferner um die Titres der Lokalbehörden, der Eisenbahnunternehmungen und der Wohlfahrtsanstalten, sowohl um die von der russischen Regierung garantierten als auch die nichtgarantierten, weiter die ruffischen Schatzscheine und die anderen in Titres begründeten öffentlichen Schulden, einschließlich der Titres der Bodenkreditbanken und der Bauernbanken. L i t w i n o w versprach, diese Aufklärungen sobald als möglich zu erteilen. Sodann legte er der Unterkommiffion Entwürfe von Fragebogen vor, die an die Besitzer russischer Fonds zu übermitteln wären. Die Unterkommiffion wird diese Entwürfe prüfen. London, 28. Juni. (Reuter.) Das Oberhaus hat den Gesetzentwurf, womit die Zustimmung zu den Verträgen von Washington ausgesprochen wird, in dritter Lesung angenommen. Die Poale Zion lehne« die Vorschläge derKommunisttschen Jntcrnatiorake ad. Danzig, 24. Juni. (I. C. B. — Verspätet.) Die in der Umgebung von Danzig stattgefundene 8. allweltliche Konferenz der linken Poäle Zion, an der 30 Delegierte aus' verschiedenen um—rii'i mmM Ländern teilnahmen, Iehnt -die Bedingung der Moskauer Kommunistischen Internationale, daß die Poale-Zion-Partei sich vor ihrer Aufnahme in die Dritte Internationale von ihrem Palästinismus lossagen müsse,, einstimmig a b. Ebenso wurde ein zweiter Vermittlungsvorschlag, der dis Palästina-Frage offen läßt, aber die Auflösung des allweltlichen Verbandes der Poale Zion fordert, von der Konferenz ab gelehnt. Die Reyarationsforderrmgen. Paris, 29. Juni. (Wolfs.) Wie „Oeuvre" erfährt, wird Abgeordneter Maurice de Rothschild in der Kammer einen Gesetzentwiirf einbringen, durch den die Negierung aufgefordert wird, mit Deutschland über ein Abkommen zu verhandeln, um gemäß dem Versailler Vertrag Lieferungen in natura auf Reparationskonto abzuschließen. Dadurch soll die Möglichkeit geboten werden, große öffentliche Arbeiten auszuführen, um die wirtschaftlichen Hilfsmittel in Frankreich und seinen Kolonien zu verbessern. Kongreß der Labour Party. Edmburg, 28. Juni. (Wolff.) Der 22. Jahreskongretz der britischen Arbeiterpartei wurde heute eröffnet. Es waren etwa 200 Delegierte anwesend. Der zum Präsidenten gewählte Jevett erklärte in seiner Eröffnungsansprache unter anderem, Lloyd George habe nicht Mut gehabt, aus den Versailler Vertrag zu verzichten, obgleich er sich bemüht habe, sich den Konsequenzen des Vertrages zu entziehen. In Großbritannien herrscht eine dauernde wirtschaftliche Depression, die zum Teil auf den Verlust des britischen Außenhandels und auf die Verminderung der Arbeitslöhne zurückzuführen sei. Das irische Fort Ehabrol. Dublin, 28. Juni. (Reuter.) Um 2 Uhr nachmittags ging der Kampf zwischen den Belagerungstruppen und einigen hundert Irregulärer, die die Four Courts und Fowler Hall besetzt halten, noch weiter. Fowler Hüll brennt. Gegen Mittag sah man Rebellen aus dem rückwärtigen Teil der Four Courts zürückgehen und in die <11 daher hochfeine Stoffreste, Voilo und lf9nn 0 *£»■ A J VL Linke Wien- Etamine bereits tief reduziert, hei lutnll .«■ Illcu zelle 49. im Ho!« ■ «x >- - r *