Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- Heft 1226 (30.6.1922)
- Date
- 1922-06-30
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2979076-2980129-2980306--11557-2998865- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Wen, Frerrag Seite Wienev MorgenzeELung. 30. Juni 1922 fix. J “?f?3 Men ohne Zttsssenbadn. Ein VermiLLLuttgsversttch der ArbeiLerkammer. Eine Lüge über Rathenau. Berlin, 29. Juni. (Wolfs.) Eine Berliner Zeitung hatte gemeldet, Herr Rathenau habe vor seiner Ernennung zum Minister des Aeußern in Paris angefragt, ob die Ernennung genehm sei, und die Uebernahme des Postens von der französischen Antwort abhängig gemacht. Wie das „Berliner Tageblatt" von gut unterrichteter Seite erfahrt, ist diese Meldung plumper Schwindel. Vor der Airflösmrg -es Reichstages. Berlin, 29. Juni. (Wolfs.) Die bevorstehende Debatte über das Gesetz zum Schutze der Republik und die ungünstigen Nachrichten über den Stand der Getreideumlage geben den Blättern Anlaß, sich mit der Möglichkeit einer Reichtstags? auflöjung zu befassen. Der „Vorwärts" fordert, wenn das Gesetz zum Schutz der Republik nicht die erforderliche Zweidrittelmehrheit erhalte, die Reichstag'sauflösung und glaubt, daß das Wahlergebnis ein überwältigendes Votum des Volkes für die 'Republik sein werde. Derselben-Meinung ist die „Rote Fahne". „Germania" gibt trotz aller Schwierigkeiten die Hoffnung nicht auf, daß doch noch eine Verständigung erreicht werde und daß dem Lande die Aufregung eines Wahlkampfes erspart bleibt. Die „Vossische Zeitung" erklärt, der Reichsiag müsse entweder das Schutzgesetz bewilligen oder gehen. Tue Regierung könne nicht zurücktreten, wenn das Gesetz falle, denn das wäre eine Kapitulation der Republik vor ihren Feinden. Das „Berliner Tageblatt" nimmt gegen einen Rücktritt der Regierung deshalb Stellung, weil dessen außenpolitische Wirkungen möglicherweise unabsehbar sein könnten. Me in der Reparationsfrage angcsponncnen Fäden würden abgerissen und das deutsche Wirtschaftsleben neuerdings ruckweise erschüttert werden. Volschewikische Erfahrungen im Orient. In der „Prager Presse" schreibt Professor Dr. Alois Musil: Ende 1919 haben die Bolschewiken ihre ersten, fn großem Maßstabe angelegten Vorstöße im Orient un- , ternommeu. Gut geschulte bolschewikische Missionäre sollten in den angrenzenden Ländern die Bevölkerung vorbereiten und mit Hllfe der einrückenden roten Truppen sollte das bolschewikische Feuer überall angezündet tverden. Zielbewußt waren die Vorbereitungen, ungeheuer groß die Ausgaben, aber äußerst geringfügig die Ergebnisse. Die bolschewikischen Lehren fanden taube OH r e n, dafür streckten sich aber ungezählte Hände nach dem bolschewikischen Golde, und ihre roten Truppen waren manchem Stadt- oder Gaufürsten erwünscht, der sich mit ihrer Hilse seiner Widersacher entledigen wollte. Auf diese Weise grünbete sich Kitschi kCha n ein kleines Reich auf der Südwesiküste des Kaspischen Meeres, die Emire von C h i v a und Buchara wurden von.ihren Gegnern verjagt, aber weder Kitschik Chan, noch die neuen Herren in Chiva und Buchara waren geneigt, die bolschewikische Lehre anzunehmen und sich der Regierung von Moskau zu unter-- tverfen. Je mehr die bolschewikischen Emissäre und ihre Truppen auf die Einführung und Einhaltung des kommunistischen Programms drangen, um so stärker war der Widerstand der einheimischen Bevölkerung, und wo die Bolschewiken mit Gewalt ihre Forderungen durchsetzen wollten, dort wurden sie gewöhnlich niedergemetzelt. Die Kunde von solchen traurigen Ereignissen in Persien, Turkestan und Ferghana zwang die Boschewiken zur Umkehr. Am 20. Oktober 1920 erging an alle bolschewikischen Befehlshaber und Emissäre von Moskau aus der Befehl, die religiöse Ueberzeugung, das Eigentumsrecht und das Familienleben der Orientalen zu wahren und jeden Eingriff mit Gewalt abzubrechen. Damit wurde , die erhoffte und gründlich vorbereitete bolschewikische Revolution ausgegeben, und die Bolschewiken beschränkten sich auf die politische Propaganda, die man mit dem Satze: „Der Orient den Orientalen" ausdrücken kann. Für die politische Propaganda war der Orient gründlich vorbereitet, denn seit den Kreuzzügen war in ihm nicht so viel Haß gegen die Otzidentalen aufgespeichert, wie während des Weltkrieges und nach ihm. Die Parole von dem Selbstbestimmungsrecht der Völker gefiel den Orientalen und wurde gegen die Okzidentalen gerichtet. Als nun die' Bolschewiken kamen und, obzwar selbst Okzidenten, dennoch' den Haß gegen den Okzident schürten und den Wunsch nach politischer Selbständigkeit und Unabhängigkeit der Orientalen stärktenglaubten die Orientalen, in ihnen beste Verbündete gefunden zu haben, die es ihnen ermöglichen würden, mit okzidentalifchen Waffen ihre okzidentalischen Herren zu verjagen. Es läßt sich nicht leugnen, daß die Bolschewiken tüchtige, erfahrene Männer nach dem Orient schickten. Suritsch, dev Leiter ihrer Mission in Afghanistan, hemmte die Wirkung der glänzend ausgestatteten englischen Botschaft und erzielte sowohl für Afghanistan als auch für Rußland Vorrechte, die England dem zaristischen Reich nie gewährt hätte. Nach dem Abschlüsse des russischafghanischen Vertrages vom 29. Februar 1921 wurde in Kabul eine Gesandtschaft und in einigen Städten russische Konsulate errichtet, der russische Grenzverkehr erleichtert und die afghanische Regierung durch Annahme einer ständigen russischen Subvention zur Nachgiebigkeit gegenüber den russischen Wünschen bewogen. Der Leiter der englischen Botschaft, Sir Henry D o b b s, muß alles aufbieten, um den gesteigerten ruLuckev Einiluk zu hermmyi und Auch der gestrige — vierte — Tag des SLratzenbahnerausstandcS hat keine Aenderung gebracht. Die Streikenden haben aus den Reihen ihrer Berussgenossen in den Werkstätten einen geringen Zuwachs erhalten. Dagegen haben alle übrigen Kategorien der städtischen Angestellten die Einleitung eines Sympathiestreiks abgelehnt. Auf Aufforderung von Arbeitern, die durch den Streik betroffen wurde», Hat der Vorstand der A r b e i t e rk a m m e r den beiden Parteien seine guten Dienste angebotcn. Das Aktionskomitee der Streikenden.hat die Vermittlung angenommen. Die Verhandlungen haben gestern vormittags begonnen. Wenn die Arbeiterkammer aus Grund des Ergebnisses dieser Besprechungen an die Gemeindeverwaltung heranlxeten wird, so wird die Gemeinde, wie uns erklärt wird, zürn Verhandeln bereit sein. Die Erhöhung des Straßenbahntariss, über den derzeitigen Fahrpreis^von 160 Kronen hinaus ist bereits auf Grund der Zugeständnisse, die der Gewerkschaft im. Verlaufe der Wiederaufnahme der Vertragsvechandlungen gemacht worden sind, nötig geworden. Die Bestimmungen des künftigen Fahrpreises werden naturgMijß erst nach dem Bertragsabschlutz durch den Gemeinderat vorgenommen werden. . Nachts wird uns gemeldet, daß die Verhandlungen in der Arbeiterkammer spät abends auf heute vertagt wurden. Es ist nicht ausgeschlossen, daß im Laufe des heutigen Tages der Streik doch beendet und der Verkehr auf der Straßenbahn ausgenommen werden wird. Der Streik der Straßenbahner hat auch auf die Tätigkeit -er Netturrgsgesellschaft insofern ziemlichen Einfluß geübt, als er ihre Arbeitsleistung beträchtlich erhöht. Viele Leute, die, im Vertrauen auf dm Straßenbahnverkehr, weit an die Grenze der Stadt gezogen sind und mit Strecken-, oder Monatskarten alltäglich ihren Weg im Straßenbahnwagen zurücklegen, sind nun gezwungen, die weiten Strecken zu Fuß zurückzulegen. Bei der herrschenden Hitze und bei der mangelhaften Ernährung ist das eine harte Zumutung, und cs ereignet sich sehr häufig, daß namentlich ältere, schwächliche und unterernährte Leute den Anstrengungen nicht gewachsen sind und auf der Straße zusammenstürzen. Seit Beginn des Streiks hat sich die Zahl der Fälle, daß Leute, . die auf dem Wege zur Arbeit erschöpft zusammenstürzen und von der Rettungsgesellschaft behandelt werden mußten, auffallend vermehrt. Die Hauptstreitfrage zwischen der Gemeindeverwaltung und den Straßenbahnbediensteten ist die Durchrechnung der Arbeitszei't. Ans. LigÄrjfatoHschen. die ordentliche Betriebsführung der. Straßenbahn betreffenden Gründen ist cs unmöglich, diesen Streitpunkt nach den Forderungen der Streikenden in einem für den Betrieb und die Gemeindeverwaltung günstigem' Sinne zu lösen. Man muß ausdrücklich betonen, daß die Durchrechnung der Arbeitszeit gar nichts anderes als die Anwendung des Achtstundentages. auf den Verkehr darstellt und, auf'den bezüglichen gesetzlichen die Freundschaft der Afghanen durch verschiedene Zugeständnisse zu gewinnen, suchen. Noch reger ist die politische Tätigkeit des bolschewiki-. schen Gesandten Rothstein in Persien. Rothstein ist ein geschulter Journalist, ja sogar Diplomat. Er war Mitarbeiter des „Manchester Guardian", stand während des Weltkrieges im diplomatischen Dienste Englands und entfalte in Teheran eine Tätigkeit, die man bewundern Muß. Soviel ich den orientalischen Blättern entnehmen' kann, ist sein Gefolge viel größer als dasjenige der alten zarischen Gesandten, hat mehrere Automobile, zahlreiche Reitpferde, einen eigenen Militärstab und eme gut ausgerüstete rote Wache. . Gleich bei seiner Ankunft am .25. April 1921 tat Rothstein kund, daß er den Okzident hasse und -lächerlich Mache. Zu feinem Empfange schickte oie persische Regierung und die englische Gesandtschaft eine eigene Abordnung, die ihji französisch und englisch begrüßte, aber Rothstein antwortete in der deutschen Sprache, was den Persern sehr gut gefiel, da er ihnen erklärte, daß er die deutsche Sprache deshalb gebrauche, weil er die persische nicht beherrsche und nicht imstande sei, das persische Volk in seiner Muttersprache zu begrüßen. Mit großer Feierlichkeit würde auf'dem Gesandtschaftsgebäude in Teheran die rote Flagge gehißt,, und zwar in Anwesenheit des gesamten Personals der englischen Gesandtschaft in Uniform. In seinem großen, wohlgepslegten Garten veranstaltet Rythstein sehr oft prachtvolle Feste und Unterhaltungen, bei denen die Herren von der englischen Gesandtschaft nie fehlen, was den Orientalen um so auffallender ist, da sie wissen, daß die Bolschewiken die okzidentalischen Fremden hassen. Rothstein gründete in Teheran und' anderen Städten mehrere Tagesblätter, in denen er den nationalen Haß gegen die Fremden und gegen die fremde Kultur nährt und auf diese Art seinen politischen Einfluß aus- Lreitet und stärkt. In den letzten Wochen beschäftigte er sich sehr viel mit der inneren Politik PersierH »nd zwang den Ministerpräsidenten M u s ch i r e d - D o w l e zum Verzichte auf feine Stelle. Und' dennoch ist Muschir ed- Dowle einer der besten Männer Persiens und vielleicht der einzige, der imstande wäre, die innere Zerfahrenheit zu beseitigen. Der politische Einfluß der Bolschewiken und Jööit Jejiöliftc RuMM tyqM , M.Krierü, . .aberder Bestimmungen besteht. Die Durchrechnung besteht darin, daß über den ganzen Monat hindurch die tägliche Arbeitszeit zu« sammengerechnet wird. Wenn also an einem Tage zehn Stunden, am nächsten Tage sieben Stunden, am dritten Tage acht Stunden gearbeitet wird, wobei auch neben den Stunden b i e SOlt-Kit teuf ciftunflcw in Betracht kommen, so ^werden diese Stunden und Minuten am Ende des Monats addiert; kommt dann am Ende des Monats mehr als die Zahl der. Arbeitstage mal acht Stunden heraus, so ist jene Zeit, die darüber hinausgeht, als Ueberstunden zu werten, die , mit einem LOprozentigen Aufschlag auf den Normallohn honoriert werden. Die Gemeinde hat der Gewerkschaft schon nach den Verhandlungen mit dem ersten und dem zweiten Löhllkdmitee ein weiteres Zugeständnis gemacht, indem nämlich alle Stunden, die an irgendeinem Tage nach einer achtstündigen Arbeitszeit geleistet werden, auch wenn sie in diese monatlich durchgerechnetc Gesamtstundenzahl hineinfallen, also, eigentlich normale Arbeitsstunden wären, trotzdem mit dem lieber« st u n d e n s a tz bezahlt werden. Innerhalb der achtstündigen Arbeitszeit werden dem Fahrer oder Schaffner der Straßenbahn auf jede Arbeitsstunde zehn Minuten Panse.'gerechnet. Bezüglich der finanziellen Fragen will die Gemenwe jedes mögliche Entgegenkommen beweisen. . ' Da der Streik der Straßenbahner insbesondere die ift den entfernteren Stadtteilen wohnende Bevölkernng besonders empfindlich trifft, so haben sich vielfach „fliegende Fahrer" ausgestellt,, die Personen, die in der Stadt beschäftigt sind, in die äußeren Bezirke befördern. Viele F u h rwerksbesitzer haben ihre 'hierzu tauglichen Fuhrwerke, wie Streifwagen, Stcirerwageln, auch Lastautos n. dgl., in Dienst gestellt und an größere Kreuzungspunkte am Ring, wie beim Schottentor, Kärntnerring, bei der.Landstraße und Aspernbrücke postiert. Auf die Streifwagen' und in die Lastautos wurden Kisten gestellt, auf diese zwei Bretter gelegt, auf denen die Fahrgäste, mit den Rücken gegeneinander, sitzen. Vielfach sieht man Zettel befestigt, auf denen ersichtlich gemacht ist, wohin das Fuhrwerk fährt. Meist sind die Richtungsbezeichnungen der Straßenbahnwagen gewählt, wie: „Bis Endstation 39er", „Zum Hüuptplatz in Grinzing, 38er", „Zur Endstation 41er", „Nach Neuwaldegg, 43er" usw. Die Fahrpreise sind naturgemäß sehr verschieden. Auf den Lastautos betragt der Fahrpreis pro Person bis zu 1000 Kronen, auf vielen Pferdefuhrwerken werden nur die „Tramwahtaxen" eingehoben. Die Vehikel verkehren voll besetzt. Einzelne Firmen haben den Bediensteten,die G e sch äst ssuhrwerke zrrr Werfirgung gestellt. Äie"Ängestellien Haben sich an bestimmten Punkten zu einer festgesetzten Zeit einzufinden, wo das Geschäftsfuhrwerk wartet und die Bediensteten an den Arbeitsort bringt. Einen beträchtlichen Passagierzuwachs hat die Stadtbahn zu verzeichnen^ die insbesondere von der Bevölkerung in den äußeren Vororten benützt wird.. Auch Einspänner, Fiaker und Autotaxi machen brillante Geschäfte und auf vielen Standplätzen ist oft stundenlang kein Vehikel zu sehen. Bolschewismus geht dort zugrunde. Das sieht man.am allerbesten in dem unter der alten Herrschaft'blühenden russischen Türke st a n, wo sich die einheimische Bevölkerung gegen die bolschewikischen Beamten selbst mit den roten Truppen verbindet und einen nach dem anderen verjagt. Die Bolschewiken haben die Provinz Ferghana und die südöstlichen Teile von Buchara fast vollkommen verlassen und ziehen sich nach West und Nordwest zurück. Oesterreich. Die innere Anleihe. Die Verwertung der Zwangshypothek. — Heranziehung , des mobilen Kapitals. «« Im Parlament tagten gestern die vom Finanzausschüsse eingesetzten Subkomitee zur Vorbereitung der Warenumsatzsteuer, des Notenbankgesetzes und der Steuervereinfachung. Außerdem wurden den ganzen' Tag über Beratungen über die innere Anleihe gepflogen. Der erste Teil der Vorlage betreffend die Zwangshypothek auf die ländlichen Liegenschaften ist schon fertiggestellt, da es hier gelungen ist, Vereinbarungen mit den Agrariern zu erzielen. Ursprünglich war geplant, die gegenwärtige Grundsteuer auf das 350 fache zu erhöhen. Diese Absicht fand nicht die Zustimmung aller ländlichen Vertreter, und so suchte man und fand auch einen anderen Schlüssel. Demnach wird die Grundsteuer des Jahres 1919 auf das Zehntausendfache erhöht. Dieser Betrag wird nun dem Landwirte auf seinen Besitz als Vorzugshypothek geschrieben und der Staat gibt hierüber 7.5prozentige Goldobligationen aus. Jene Landwirte, die über das nötige Bargeld verfügen und ihren Besitz vom Staate nicht hypothekisieren lassen wollen, können um beit Betrag, der als Hypothekarlast auf ihr Gut käme, Obligationen erwerben und darüber frei verfügen. Auch wird die Möglichkeit gegeben, die Hypothekarlast ra t e n w e; s e abzutragen. . t Sodann ging man an die Verhandlungen über die Heranziehung des mobilen Kapitals, welche Forderung bkanntlich die Agrarier sehr energisch erhoben. Hier dient als Basis der seinerzeitige Vorschlag des Generaldirektors derAnküobank Dx. jästatau WüMÄ die. Re-