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Wiener Morgenzeitung · 1922-06-30 · Heft 1226 (30.6.1922) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
4 (1922)
Issue
Heft 1226 (30.6.1922)
Date
1922-06-30
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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lnzBlBWBinerKioo «f iea: Znm Abholan in der Expedition, II„Taboratr. 1-3, oder in einerVerschleisetelle Trafik) monatlich K 2900 Mit Postversand für Wien n. Oesterreich monatl. K 2900 Ts eh e p h;or S'l owa k e!: Mo». K 20. Ungarn: Mon. K150. Jugoslawien: Mon, Dinar 25. Polen: Mon. Mark 800. Deutschland: Mon. Mark 60. Frankreich: Monatlich J^cg. 6 T^cä.Wcho-SIowah«?' tseheiBi. K 1,80 ttali en:> Monatl. ,6. Uri Rujhanie»-:v:Mon; 40., Lei' iaSÄBS!' Redaktion u. Administration: Wien, II.,Tahorstras3e 1—3 Telephone: 44-0-38,43-349, ab 6 Uhr abends 16-301. Tel-Adr.: ,Morgenzeitung‘, lüiit] j11'«■ Nr. 1226 Der Kampf um die Mörder. * . *—y. Wien. 80. Juki. Die aus Deutschland . einlaufenben Nachrichten AEn auf Sturm. Die Ermordung RatHenäus hat die schön. seit langem vorbereitetete Auseinandersetzung zwischen Republik .und Monarchie beschleunigt, ihr aber' ein ganz anderes Gepräge, gegeben, als.man es von ber-? MHWey. geplant hatte.. Der Prüfstein für den Ernst, M dem die Regierung. und ihre Parteien an den Schutz der Sta'Äsförm herantreten, , ist,.,das' Äüsnahmsgesetz, das unmittelbar nach "dem Mord der Oeffentlichkeit unterbreitet wurde. Es ist traurig, daß die Demokratie. f; solchen Mitteln greifen muß. Aber-sie handelt zum estM .des. Staates, wenn sie die Diener des Volkes und seine Obersten. Organe vor der Verbrecherromautik der äÜdeütsche'n-.Polkserlöser schützt. Es ist.traurig, daß, es um Deutschland so schlecht bestellt ist ,und dass sich die moralische' Isolierung Deutschlands nach einer zweijährigenPastse. wieder geltend gemacht \ ' Selbstverständlich findet die Anwendung von Ausnahmsmaßnahrnen auf, der.rechten Seite lebhaftesten. Widerstand. Die nationalistischen Parteien haben nach dem Mord, unter dem Eindruck der allgemeinen Empörung einige Krokodilstränen' geweint, ihre Presse hat die'Verwandtschaft mit den Mördern abgeleugnet, ja so- Wr von einer.bestellten Tat der Kommunisten gesprochen. §)<$. ist nun nicht mehr möglich, nachdem die Polizei die Namen der Mörder öffentlich'nennt und auch ihre Zugehörigkeit zu der Fehmgesellschast Konsul, . über die man, im Offenbacher Erzberger-Prozeß einiges zu hören' belach was natürlich der Staatsanwalt nicht zur 'Kenntriis nähm — bekannt gibt. Das Auftreten jugendlicher EaMnari-Banden'"mit Masken und Waffen ist in der Geschichte besiegter Völker nichts" Neues. Aber wahrend - stch-bei^deü MMddrn ' die radikale Nstasb,^gegU^^ß. Führer des'Feindes richtete, tobt sie sich bei dem neuen Deutschtum nach innen aus und findet ihre'kräftigste Stütze in der Agitation der von der Schwerindustrie hochbezahlten monarchistischen Reaktion. Im Falle Rathenau kam ihr auch noch der Antisemitismus zustatten, den die Reaktion in allen Staaten mit Vorlieb als vitale Bäzillenkultur für ihre Seuche anwendet. Der Bolksparteiler Stresernann, der des Rhiloseinitisrnus wahrlich nicht geziehen werden kann, legt in einem Artikel des Zentralorgans seiner Partei, der „Zeit", den Finger auf diese Druckstelle. „Die Schüsse, die Rathenau getötet haben, galten wohl in erster, Linie dem Juden. Mit dieser Rassenverhetzung muß es ein Ende haben." . Diese Beschwörung wird kaum sonderlichen Erfolg haben. . Die Mordlust, die über Deutschland liegt, verhindert dies. In Karlsruhe haben Studenten aus Anlaß der Ermordung des Juden einen Festkommers veranstaltet, in München ließ man die Mörder hochleben und die nationalsozialistische Arbeiterpartei, deren Führer vor kurzem in Wien gemeinsam mit Riehl und dem tschechisch-deutschen Abgeordneten Jung zum Pogrom ausforderte, hat an ihrem Haus ein Plakat mit der Inschrift angeschlagen: „Rathenau war Außenminister, leider ist er tot. Giert und Scheidemann leben noch." Die Münchener Behörde hatte nichts dazu zu bemerken. Die greise-Muster Rathenaus wurde nach dem Tode ihres Sohnes telephonisch als alte Saujüdin beschimpft und mit—selbstverständlich anonymen—- Schmähbriefen überschüttet. Die Witwe Erzbergers rief die Hilfe der Regierung an, das Grab ihres ermordeten Gatten vor Schändung zu bewahren. Zu solchem Grad der Gemeinheit hat die perverse Ideologie der nationalistischen Reaktion geführt und rs ist in diesem Zusammenhang gut, festzustellen, daß es-in Oesterreich nur ein einziges Blatt gibt, das den Mord Rathenaus zum Anlaß eines Iubelartikels nahm/ Es ist das die „D'eutschösterreichische Tageszeitung", daL Organ der Großdeutschen Volkspartei, die in der Regierung das Report des Innern und der Justiz --- sagen wir — verwaltet.' Es war zu erwarten,' daß' die deutschen Rechtsparteien dem Inhalt des Aüsnahmsgesetzes Schwierigkeiten bereiten würden. Was aber erstaunlich wirkt, ist ihre Weigerung, an einem Äüsnahmsgesetz mitzuäbeiten. Sie sind demokratisch geworden. Sie haben allerdings unter Bismarck gegen die Sozialdemokraten der Lassalle- und Bebelschen Richtung mit dem Umstürzgesetz gearbeitet, sie haben unter dem selben Bismarck ein Ausnahmsgesetz gegen die Jesuiten erlassen, sie haben Beifall gefchrien, so oft Wilhelm der Zweite die -Menden", die Hochverrärter, die Schwarzseher durch seines Polizei in die. Kerker werfen ließ,' sie haben in-ihrer gottvollen Armee die Juden zwar dienen und sterben lassen, aber sie unter Ausnahmsrecht gestellt. Jetzt aber, wo es gegen sie Mhen' M M üe .Anhänger der Volkskontrolle über die Wien, Freitag, Ä0. Juni 1922 4 Jahrgang Pkw Der Mörder Techww und mehrere Komplicen verhaftet. — Briefe Helfferichs» Ludeudorffs- Iagaws und iui'eftavpg. — Eine Anklage gegen die Deutschnationale Volkspan^i. — Da» Schntzgesetz verschärft. Berlin, 29. Juni. (Wolfs.) Einer der Mörder des Außenministers Rathen ander 21 Jahre alte Ern st Werner Techow, ist heM vormittags in der Nähe von Frankfurt an der Oder verhaftet worden. Er ist derjenige, der das AM gesteuert hat. Ueber feine Persönlichkeit erfährt die „B. Z. a. M.", daß er der zweite Sohn des verstorbenen Berliner MagistratsrajeS Techow ist. Er hat noch zwei Brüder, von denen der älteste Bankbeamter, der jüngste ein 16jähriger Mittelschüler jft. Ueber die Irrfahrten Techows erfährt dasselbe Blatts daß er Sonntag abendS mit dem D-Zug nach Halle gefahren ist und dort bei einem Freunde Unterkunft gefunden hat. Montag abends fuhr er von Halle nach Frachfurt 'a. d/ O., wo er von Polizeibeamten äüfgespiirt wurde, die erfahren hatten,' daß er sich b ei s e i n e m O n k e l ans einem Nistergnte in der Räch der Stadt aüshalte. Das Gut wurde umstellt. Techow versuchte bei seiner Verhaftung Gegenwehr zu leisten, ergab sich aber der Uebermacht, Er leugnet die Beteiligung an der M. . . . . Der amtliche preußische PreWicnst meldet: /Die Berliner Pylizej ” hat' den.' LenMitt 'd., R. und Studenten der. Rechte Günther verhaftet, dem nicht nur die Mitwisfenschast, sondern auch die Beihilfe zur Ermordung Rathenaus nach'geWiese» worden ist. Günther war ' sowohl, bei .VochesprechMgen, die sich um den Plan.. jeder Weise behilflich. Er hat örderTechow die Garage ausfindig.gemacht, In der das vo n auswärts kommandierte Hntomobii, das bei der Mordtat . benützt' wurde,; untergestellt werden könnte. Günther ist'Mitglied verschiedener rechtsstehend.er Organisationen. In seinem Besitz wurden Briefe von Helfferich, Ludendorff, Jagow und Westarp gefunden. Die Polizei hat weiters zwei Berliner Kaufleute,/die Besitzer der Autoqarage, in -er der zur Ermordung Raihsnans benutzte Kraftwagen «ntergebracht war, ferner; zwei Gymnasiasten und einen Studenten, die.der M it w issen sch a ft, beziehungsweise -er Begünstigung des Mordks an Nathenau überführt sind, verhaftet. Unter ihnen befindet sich auch der Bruder des inzwischen ergriffenen Mittäters Er n st W er n e r Techow. Wie die „Bossische Zeitung" vom Leiter der politischen Polizei, OberregierrmgsraL Weiß, erfahrt, hat die Polizei seit Dienstag die Spuren in der Mordafsäre eifrig verfolgt, In der Nacht von M o n L a g ä u f D i e n s t a g wurde e i n T e i l n e h m e r an der Mordverschwörung verhaftet. Durch die Angaben dieses Mannes und durch das M ä i e r i äl, -asm and e i ihm f a n d, wurde die Polizei auf Spuren gewiesen, die sich als richtig herausftellten. Der „Vorwärts" veröffentlicht einen o f f e n e n Brief' eines ehemaligen Angehörigen der Organisation „C" / . an-re Deutschnationale Volksparteir in dem er die Partei beschnldigt, in engster B erb indüng mit der Organisation „C" gestanden z u hab e tu Er sucht seine Beschuldigungen durch einzelne Fälle, an denen er beteiligt war, zu beweisen. ' Der Gesetzentwurf znnl . . Schutze der RePubM hat am Mittwoch das Kabinett passiert. Er wurde gestern den: Ministerpräsidenten der Länder zur Kenntnis gebracht und wird dann an den Reichsrat und an den Reichstag weitergeleitet werden. Er baut sich im allgemeinen ans der Verordnung des Reichspräsidenten auf und 'enthält w eit a u s schar f e r e Bestimm « n g e n als die ursprüngliche Fassung. ZWölf jüdische Pe^sönttchüeilen soLter ermordet Verden. Theodor Wolf und Bankier Marburg auf -er ProskriPLionslifte. —- Die OrganisaLion der alldeutschen Mörderzentrale, Hamburg, 29. Juni.- (WoW W.ie die . staatliche Pressestelle mitteilt, ergab sich bei der Untersuchung, in,.- der Änq'legcnhcst der Haniburger SPrcagstoffaLLenLate,. der begründete Verdacht, daß die Täter einer politischch GeheimorgarrisaLion angchörten,-diesich über das/ganze Reich erstreckt. Die weiteren Nachforschungen verbreiteten Licht auch über die Vorbereitungen und die Aussührt'ng der Ermordung Dr. 'Nachenans. Der in der Angelegenheit der Hamburger Sprengstossattentate verhaftete W a r n e ck e, ein früherer Offizier, stand an der Spitze einer Abteilung der OrgMsation C. Die Organisation E hatte ein SPteng-' ’' 'üüd kornmando, das die Beseitigung Politischer Persönlichkeiten anSzufiihren hatte und dem unter anderen auch die jetzt fd st g cn o mm en en M ö rd er Rath enaus an g eh ö r t e n. Etwa zwölf führende j ü d i s ch e Per s ö n l i chkeiien solbten befe-itigt werden, darunter auch . Theodor Wolf vom „Berlinör Taßeblait" und der Ham-' . bnrger Bankier Max W ä r?b.«M. Der Anschlag auf Warbur.g war für'Dienstag abends geplattt. Ein in der Hamburger' Sprengstoffaffäre festgenomckener AuwKyren/das' auch zum Mörde Rathenaus benützt wutde. Das Auto sollte von auswärts geholt' werden. Die Mörder sollte» mit Pistolen und zwei Maschinenpistolen ausgerüstet werden. Auch das Attentat auf Scheidemann war von den gleichen Kreisen ausgeführt worden. Diese Hamburdger Ermittlungen zusammen mit dem ln Berlin vorliegenden Material führten zur Entdeckung der Mörder Rathenans. Auch der Brüden Techows verhaftet. Berlin, 29. Juni. (Tel.-Komp.) Zur Verhaftung Techows wird noch berichtet: Ein Bruder Techows, der Gymnasiast Gerd. Techow, würde gleichfalls als der Mitwissenschaft am Mordplan verdächtig, verhaftet. Weiters nahm die Polizei den Besitzer der Aütogarage und verschiedene andere Verdächtige in Hast. . Berlin, 29; Juni. (Priv.) Im ZufamMenhang mit der nunmehr erwiesenen Teilnahme der Organisation C an der Mordtat ist der vor einiger Zeit freigelassene Kapitänleutnant v. T i l l i ngen in einem OstseeVdd neuerlich festgenommen worden. Keine Ausrufung dee Monarchie in Bayern München- 29. Juni. Amtlich wird Mitgeieilt: In Berlin waren, wie gemeldet wird, ernste Gerüchte ver- >breitet, daß in Bayern die Monarchie ausgcrufeu Ivorden sei; Kronprinz R u p P r e ch t sei im C y i e m g a u zum König Proklamiert worden und die Chiemgauer marschierten gegen München. Alle diese Geriichte sind h e l l e r B l ö d s i n n. In Bayern herrscht vollständige Ruhe nnd Ordnung. Ausruf der Demokraten. Berlin, 29. Juni. (Wolff.) Aus Anlaß der Ermordung Rathenaus erlaßt die Demokratische Partei eine Kundgebung,- worin das deutsche Bürgertum aufgefordert wird, von dem schwächlichen Schwanken zwischen der Pietät gegenüber der Vergangenheit und den Notwendigkeiten der Gegenwart abzulassen 'und der tatkräftige Träger des neuen Staates zu werden. Auf allen Schulen und Hochschulen soll die Fortbildung im Geiste der Achtung vor der Republik geführt, die Personalreferate in allen Ressorts der Staatsverwaltung sollen in die Hände aufrichtiger Republikaner gelegt werden. Lllle antirepnblikanischen Beamten sollen erfahren, daß man nicht Diener des Staates sein und ihn gleichzeitig unterwühlen kann. Exekutive. Der Konflikt, der aus dieser Rechtsanffasstmg entstände:'/ist, geht sehr lies, da die bayrischen Protektoren' der Mörder mit der LoÄösnng vom Reich MM Md die .Sozialdemokraten dem.qe.qenüber M - drungm M Auflösung des Reichstages und die Ausschreibung der Nenwählen fordern. Das Ware in der Tat das beste Mittel, um ktarzu stellen, wie weit das Gift der Hetze ge-

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