Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- Heft 1298 (20.9.1922)
- Date
- 1922-09-20
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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#r. 12m fcf»':.—;— Wien, Mittwoch gSicwet Morgerrzettung. ♦ V AuS Budapest wird uns berichtet: Sonntag früh erschien bei der'hiesigen Oberstadthauptmannschaft der Trailer des christlichuationalen Athletikklubs M. A. C., Ivan Pa das, und erstattete gegen sich die Anzeige, daß er in der Nacht vom 1. .September unter einem unwiderstehlichen Zwange einen , fremden Menschen getötet habe. Der Fall habe sich auf der Kettenbrücke zwischen 2 und 4 Uhr morgens Zugetragen. Mitten aus, der Brücke gewahrte er einen Mann, det sich über die Brustwehr des Gehsteiges beugte und regungslos ins Wasser starrte. Plötzlich sprang ich — erzählte nun Vadas — v.ou einem -unwiderstehlichen Drange getrieben, an den Mann heran, packte seine Beine qn den Knöcheln und stieß, ihn kopsü.ber in die Donau. Ich wurde mir der Tat erst bewußt, als ich den wortlos herabstürzenden Körper aufs Wasser aufschlagen hörte. Das hierüber ausgcgebenr Polizeierrnmunique versucht, diese Erzählung des Vadas, als das Phanbasiegebilde eines kranken Irren da rzustlllcn. Wir sollen jedoch die Oberstadthauptmannschaft auf der Suche nach : einer Erklärung dieses Falles zu Hilfe kommen; wir glauben dem Vadas aufs Wort, daß er in der Nacht vom 1. September einen Menschen, der ihm nie im Leben etwas getan hat, aus unwiderstehlichem Zwang getötet und just in die Donau geworfen hat. Vadas hat mehrere solcher Morde auf dem Gewissen, nur hat er sie früher im Verlaufe nder letzten drei Jahre bewußt verübt und war einer der verläßlichsten und kaltblütigsten. Henkersknechte der judenmordenden Offiziersdetachements und der Erwachenden U n g a-r n. Vadas war noch bis vor kurzer Zeit der Trainer des antisemitische» Athletik k l u b s M. A. C.» an desien Gründung er teilnahm.»Er. war es auch, der im Jahre 1920 den jüdischen'Meisterläufer Ladislaus H armat einige Minuten vor dem Match, welches auf dem Spielplatz des M. A. C. die Entscheidung für die Meisterschaft im Laufen hätte bringen sollen, vöm Spielplatz weg verschleppte und,:wie seither nachgewiesen wurde, an seiner Ermordung teilnahm. Der Leichnam des Ladislaus Havmat, den Badas in die Donau geworfen hat, ist bis heute nicht zum Vorschein gekommen. Aber auch die wiederholten Ansuchen des Vaters des Harmat um Ausforschung des Falles sind bis. heute unberücksichtigt ge-! blieben. Seitdem Vadas nicht mehr offiziell und mit guter Rückendeckung die Juden in die Donau werfen kann, be- .mächtigte sich seiner eine gewisse Unruhe. Als Trainer des M. A C. erzog er die . jungen Athletiker zu einem verbissenen A n t i s e mi t i s m,u s, ' der wiederholt bei Sportspielen zu Ausschreitungen.führte. Seine Rauflust und, seine Ungebärdigkeiten veranlagten schließlich dem M. Ä. C., Vadas, der bis dahin der verhätschelte-Liebling der Offiziere war, zu entlassen. Nach einer solchen Karriere ist es nur zu begreiflich, daß dieser verkommene MeUsch, dieser Berufssadist, nicht ruhig an einem Menschen vorübergehen konnte, der an einem Brückengeländer steht und in die Tiefe starrt. Vadas, dessen Metier das Ertränken war, müßte/ tatsächlich einem unwiderstehlichen' Zwange folgend, den armen 'Teufel am Brückengelärrder mit der^Uebung eines Berufsmörders.in die Donau tversen. Oesterreich. Der Völkerb««d und die Rotenba«k. ' Der tzaüptausschuß trat gestern unter Vorsitz des Pra- ' sidenten Dr. Weiskirch n e r zu einer Sitzung jusammen. Vor Eingehen in die Tagesordnung legte Bundeskanzler Dr. Seipel die.neuesten Berichte über den Stand der Genfer Verhandlungen vor. Er teilte hiebei mit, daß sich das Finanzkommrtce des Völkerbundes unter anderem auch mit einer Beurteilung des Statuts der geplanten neuen Notenbank befaßt und gewisse Vorschläge für dessen Amsbau in Anssicht gestellt habe. Zugleich kündigte der Bundeskanzler an, daß nach den Meldungen des Ministers des Aeußern in d ieser 0 d er z u B e ginn der n ä ch st e n W o ch e die Entscheidungen vor dem Völkerbund fallen dürsten. Er nehme daher in Aussicht, sich in den nächsten Tagen abermals nach Genf zn begeben. Der Bundeskanzler machte; dem Hauptausschuß auch tNrf Grmtd von Berichten des Ministers des Aeußem Doktor Hrünbttger vertrauliche Mitteilungen über die Bedingungen, an welche der Völkerbund die Kreditgewährung an Oesterreich knüpfen will. Zwecks Fortführung der Kredit- Verhandlungen begibt sich Bundeskanzler Dr. Seipel heute abends abermals mch Genf. . Oh«8»»erko»ferenz. Gestern vormittags falld unter. dem Vorsitz des Präsidenten S e i tz eine Obmännerkonferenz statt. Abg. Doktor Adler verwies darauf, daß vor/einigen Tagen durch die Zeiin-ngen bekannigemacht worden sei, daß Mittwoch den 20. d. eine Sivung des Nationalrates stattfinden soll- Darüber sei ein Einvernehmen mit der Sozialdemokratischen Partei nicht gepflogen worden; er Werse daher die Frage auf. ob die Parteien an dem bisherigen Brauche, wonach Über du technische Führung der Geschäfte des Hauses, insbesondere über die Einberufung der Sitzungen, jeweils ein Einvernehmen zwischen den Parteien bewerkstelligt werden - soll, auch fernerhin festhalfen werden. Mch einer längeren ' Debatte wird festgestellt, daß an ein Abweichen von dem bisherigen Brauche nicht gedacht-wird. . ' Weiter wurde bechlossen, die nächste Sitzung des Nationalrates für M i t t w 0 ch den 27. d. um 3 Uhr nachmittags einzu'berufen. Die Tätigkeit der Ausschüsse soll j: doch schon zu Beginn der nächsten Woche einsetzen. Vor allem wird sich der Finanzausschuß, beziehungsweise sein Unterausschuß mit dem Perfonalverletungs-, gesetzzn beschäftigen haben, dessen Behandlung der Bundeskanzler urgiert und dessen baldige Erledigung von allen > . Parteien gewünscht wird. Der Obmann des Jusiizausschrlsses wurde ersucht, den Ausschuß ehestens cinzubernfen, um die Enttvürfe über das Wohnuugsansordrungsgesetz und das Mieterschutzg e s e tz einer naschen Erledigung zuKuftihren. Die Wahlbewegung. Warschan. 18. September. (Tel. der „Wr. Movgeuzeitullg".) An der Spitze der Konservativen Partei kandidieren Fürst Lubomirski und Gras Potocki. Die genannte Partei hat'ein Konrpromiß mit dem Klub der chnstUchen Eiuhert geschlossen. » In Warschau wurde ei» neuer Wahlblock, bestehend aus der Nationalen Arbeitspartei, dem Verband der demokratischen Intelligenz und dem Verbände der Staatsbeamten, geschloffen. Als Programm wurde die Konsolidierung des republikanischen Versassumgssystems in Polenausgestellt. Der Wahlblyck tritt in den Wahlkampfunter dem. Namen„Polnischer Arbeits-Hlock" ein, -.. Im frrchcren Kongreßpolentpirh, die Nationaldemo« hxch»e einen starken Kamps nur dhre Existenz führen muffen. Die Nationaldemokraten haben, in sämtlichen Bezirksstädten spezielle Wahlsekretoriate mit einem gut organisierten Stab vov Agitatoren, errichtet..In den Dorfbeziäeu versucht die. Notionaldeir okratie. mit Hilfe. der Geistlichkeit und der kleinen Wirte* sowie der Gem-einde-beamten ihre Wahlagitation durchzuführen. Bon den Arbeiterparteien haben dir besten Chancen die Sozialdemokraten, die auch einen -starken Einfluß auf den Verband der laudwirtfchastlichen Arbeiter ausüden. Bon Len Volksparteien verfügen in Kongreß» P^en die Witos-Gruppe, und Wiswolrnie 'über den größten E'nfmß. Zwffchen diesen beiden PaAeren dürfte auch ein sehrhartnäckiger Wahlkampf entbrennen. Die SkuE« Gruppe -wird nur auf eine g-Ävisse Anzahl von Mandaten in estrigen Bezirken der.LMstrer Woiwodschaft rechnen kö.-nen. Ir Posen und Pommern ddürften die Nationale Arbeiterpartei- und die Christlichsoziale Partei als Sieger hervorgehen. In dresen zwei Provinzen haben die National. .Demokraten zugunsten dieser zlvei Parteien stark evngebüßt. In den Ostgeb r> len kandidieren sämtliche politischen Parteien ihre Listen. Es ist jedoch anzunehmen, daß hier nur jene Partien als Sieger hervorgeheu werden, 'die in ihrem Wohlprogramm die Neuwahl des jetzigen . Staatschefs verlangen, da Piisudski zu den populärsten Persönlichkeiten in den Ostgebieten zählt. In Kleinpolen durfte die Witos-Gruppe, insbesondere nach ihrer Koalienmg mit Stabinskl, als stärkste Partei ans dem Wahlkampf hervor« gehen. Aus den gegenwärtigen Wahlen bürsten voraussichtlich der Nationale Volksverban-d mit 150 Mandaten, die Witos- Gruppe mit 115 bis 120 Mandaten, dagegen die P. P. S. (Tmialdemickraten) und die Nationale Arbeiterpartei mit höchstens 60 Abgeordneten hervorgeheu,. Z«rückzielm«q von Schnlsvrrrnnge«. Mrscha«, 18. S-ptemb-r. <J. C. B.) Als Folze der Proteste der jüdischen Arbeiterschaft sowie der jüdischen Schriftsteller und JorMlalisten hat sich das polnische Unterrichtsnnnistermm veranlaßt gesehen, den vor einigen Wochen «verbotenen sechs Volksschulen der Gesellschaft „U ns er e K inde r" den Unterrichtsbetriab weiter - zu gestatten. . OI) . MT .1 Abonnenten ffitl 2?iSrI llrlölc a*r »Wiener s Die. für heute Mittwoch den. 20. d. in Aussicht ge uommene Sitzung des Natioualrates ^e n tfäll t.denmach. m der Tcuerunjr drängt Sie zur unverzüglichen Deckung Ihres Bedarfes an Stoffen, Wäsch«, Leinen, Strickwaren, Wirkwaren etc. Kaufen Sie nur in dem als reell u. konkurrenzlos billig bekannten Warenhaus 20. September 1922 Seite 3 PaWtinä. Vortereitangea für Sie hebräische Universität in Iervsalem. Das nach Palästina delegierte' mnerckanisch-jüpische Aerztekomltee erstattete der Zionistischen Exekutive über seine Stitdieit in Angelegenheit der Errichtung der ch rnedüinffchL'n J-akultat der hebräischen Universität in J-erusäle-Ni einen Bericht, in welchem unter anderem folgeudes gemeldet wird: Dtzr Boden zur Errichstnig dcr medizinischen Äöteiluno der hebräischen Universität, wirrde. bereits erworben. Die-Errichtrulg eines mikrobiologischen Forschnugsii'stituts für das Studium der tropischen Krau'- heiten auch. für den Unterricht k Hygiene und Saiiitätswesen ist in D u r ch führu n g begriffen und wird, sobald eine, leitende Persönlichkeit für dieses Institut gewonnen sein wird, crössnct -werden. Vorläufig wird bis.zur Er- Iverbung des hierfür ersovderlicheir Grundstückes das Institut provisorisch in einem Miethause untergebraHt'werden. Die provisorische Unterbritlgnng der medizinischen Biblictbvk ist durchgesi'chrt und der ärztliche Stand wird nunmehr der Lage seni, die siir diesen Beruf crfovder-? lichen Nachschlagbücher in Palästina selbst zu erlancftn. Der. "Bericht spricht sich im übrigen über das Fortschreiten der Mischen Arbeit in Palästina lobend aus und ist auch bezüglich der Zukunft voll Zuversicht. Die Koujurrktur auf dem jüdischen Axheitsmarüt. Jerusalem/ 17. September. (I. C. B.) Das Avbeits« d.'rartement der zionistischen Exekutive in Palästina Veröffentlicht eine.n Bericht über die gegenwärtige Konjunttur aus dem jüdischen.Arbeitsmarkt in Palästina, dem folgendes zu ensiwhmeu ist: In der letzten Zeit hat eine bedeutende Anzahl jüdischer Arbeiter in der: städtischen Industrien, insbesondere in der Bauindustrie Arbeit gesinrden. Die Zahl dieser Arbeiter erreicht unn die Höhe von 4000. Außer in der Bauindustrie sind die Mischen Arbeiter auch b?i dem Aus- und Einladen der Schisse, bei Straßenpflasterungen, Brückenbauten msw. tätigt. Das bedeutet insoserne erneu Fortschritt, als in früheren Jahren die Mische Arbeit sich säst ausschließlich in den jüdischen Kolonien'zu konzentrieren pflegte. Indessen ist ’ per Prozentsatz der Arbeitslosigkeit fast unverändert geblieben. <j.919 betrug die Zahl der jüdischen Arbeitslosen ”, ■ 250 oder 8 Prozent der gesamten Mischen Arbeiterschaft, 1921 600 oder 9 Prozent, 1922 1000 oder 10 bis 11 Prozent. Rundschau. Der Völterbuvd «nd die AbritstMgs-- / - sra«e. Genf, 19. Septentber. '(Schweiz. Dep.-Ag.) Der Tex» des Artikels 4 ,des Entwurfes des gegenseitigen Gorantre- Vertrages, über.den sich I o u v e n el und Lord Robert Ce eil geeinigt* haben, hat folgenden Wortlaut: Da die allgemeine Abriistnng der Zweck der Revolutionen ist und der Garantievertrag das Mittel zu ihrer Verwirklichung, so versteht es sich von selbst, daß die vorherige Zustimmung. zur Reduktion die erste Bedingung des Vertrages ist. Diese Reduktton kann durchgeführt werden in Form eines allgemeinen Abkommens oder einzelner Verträge, die jedoch allen Ländern zugänglich sein sollest. Im ersten Fall be- * trifft der Vertrag eine allgemeine Hembsetzung ' der Rüstlmgen, rm zweiten Fäll soll die Herabsetzung im Verhältnis zu den Sicherheiten stehen, die der Vertrag vorsieht. Der Volkerbundrat tmrd den Organisationsplan aus-! arbeiten, um die Verwirklichung vorzubereiteu und sicherzustcllen. nachdem er rü Ansicht der gemischt-temporären Kommiffion eingeholt und die Bedingungen geprüft hat, unter denen das eine oder das andere dieser Systeme zur Anwendung gebracht werden kann. Dieser Text wird heute von der Abrüstungskommission geprüft werden. Der Parteitag der deutsche« Sozialdemokratie. Augsburg, 19. September. Parteitassier Bartels körn flatterte euren Rückgang der Partei gegenüber dem Vorjahve um rund 47.000 Mitglieder. Sie zählt jetzt 1,174,105 Mitglieder. Bloschn itz (Frankfurt) beklagt diesen Verlust, der in diesenr Jahre zum ersten Male sestgestellt wurde, und , meint, das Beispiel Österreichs, das trotz ungünstiger 'Verhältnisse glänzende Organisationserfolge aufweise, i zeige, daß die wirtschaftlichen ‘ Verhältnisse nicht die Hauptschuld an dem Rückgang haben. E ck st e i n (Breslau) wandte sich gegen eine Koalition; mit ton Bürgerlichen. Die Arbeiter hätten an einer solche» kein Jnjeresie, wenn sie nichts zu essen und keine Wohnung haben und wenn eine A n ß e n p o l i ti k betrieben wird,!die- Stinnes zum größten R'evolntions- Schwindler der Welt twrcht und die Deutschland formell eine Republik, aber in Wirklichkeit ein Königreich ' S t i u n e s werden läßt. II., TabsrstrsSe 48 Telephon 47-1-79 £n gros En detail /