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Wiener Morgenzeitung · 1922-08-30 · Heft 1287 (30.8.1922) · p. Seite 4

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
4 (1922)
Issue
Heft 1287 (30.8.1922)
Date
1922-08-30
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Mckerker MsvKeWEiitz. 30. Achüft 192$ Nr7 12§f ftefTT. ... ' ~ Nie«. MMch , Tschecho-Slowakei. Oer Bertrag mit AWosrawleN. Prag, 29. August. , Rarodui Listy" erfahren über den neuen tscheche-slolvaiisch-jilgostawischeu Vertrag, daß er beide Staaten zu gegenseitiger militärischer Hilfe nn Falle einer Bedrohung und einer ge.mernsalnen Aktion in politischen und diplomatischen Fragen verpflichte. Er ersetze den in Belgrad an: 14. August 1920 zwischen Nrncic und Dr. Benesch zum Schlitz gegen Ungarn abgeschlofsemn Vertrag, enthalte aber nicht die Klausel des früheren Vertrages über einen möglichen Angriff Ungarns. Der tschechoslowakisch-rumänische Vertrag vom 23. April 1921 und der ftrgoslawisch-rmnänische Vertrag vom 7. Juni 1921 zum Schutze gegen Ungarn werden, jetzt durch die in Prag angenommenen allgemeinen Abkommen zwischen den Staaten der kleinen Entente ergänzt, die einen gewissen Status der Zusammenarbeit der drei Regierungen enthalten, so daß in Zukunft Differenzen aus Prestigegründen zwischen deü Staaten und Personen beim Auftreten der kleiner: Entente in der internationalen Politik ausgeschlossen sntd. lieber die tschccho-slmvakisch-polnischen Beziehungen sagt das Blatt, daß die Prager Beratungen einen wichtigen Schritt zur Annäherung Polens an die kleine Entente bedertten. Die Fi«snzpo!irik. Prag, 29. August. In der gestern «-gehaltenen Sitzung -es Bankausfchusses beim Finanzministerium wurde die weitere bedeutende Wechselportefeu ille- Verminderung aus die bisher unerreichte Summe von 350 Millionen betont. Me Situation auf dem Devisennrarkte war Gegenstand einer eingehenden Debatte, die durch einstimmige Gemhmignng des bisherigen Vorgehens in der D e v i s e n v olitik abgeschlossen wurde. In der verflossenen Periode Nmrden auf dem Markte um 750 Millionen Kronen und non der Prager Stadtgemeinde um 350 Millionen Kronen Devisen angekaust. Polen. Die kllgemeiNe PslitiL. Warschau,.28. August. (Tel. der „Wr. Morgenztg") Dtf der letzten Pressekonferenz im Außenministerium gab Außenminister Narutowicz ein Bild btt Beziehungen Polens zu den übrigen Mächten. Polen müsse die zwischen ihm und der Tschecho -Slowakei bestehenden lokalen Gegensätze zmücktreten lassen. Das Hauptgewicht lege Polen aus ein enges Zusammenarbeiten mit Rumänien, zu welchem Zweck der Staats chef gegen Mitte September einen Besuch in Bukarest abstatten werde. Eine Delegation des jugoslawischen Staates werde für die nächste Zeit in Polen erwartet und es sei eine Kräftigung dieser Beziehungen zu hyffen. Die Wahlausschreibung für O st g al i z i e n sei eine SÄbstverftöndlichkeit, es sei die natürliche Folge der Souveränität, welche Pole:: ummgezweifelt auf jenem ganzen vormals österreichischen Gebiete behaupte. Der Minister ist der Meinung, daß die ukrainische Bevölkerung Ostgalrziens die Verdienste Polens auf finanziellem u«d wirtschaftlichem Gebiete nach der Zerstörung, welche der Weltkrieg in diesen: Gebiete verursacht habe, gebührend -einzuschätzen wissen werde. Aus dieser Einsicht werde sich die zu erwartende Loyalität der Bevölkerung Ostgaliziens ergeben. Bezüglich der nationalen Minderheits- Interessen der Ukrainer in Ostgalizien seien bereits mehrfach entsprechende Regierungserklärungen ergangen, und es fei nochmals auf das Negierungsprojekt der Selbstverwaltung in Ostgalizien hingewiesen. Es bestehe kein Zweifel, daß die Entente dieses Projekt billigen werde. Der Wahlbksck der MirrsriMett. Warschau, 29. August. (Tel. d. „Wr. Morgenzeitung".) Die Ukrainer bemühen sich, alle jüdischen d.e m o k r ati s ch e n P a r t«r e n in den Wahlblock der Minoritäten einzubeziehen, da ihrer Meinung nach die jüdische Minorität der wichtigste Faktor dieses Blockes ist. MarrdsLsharrdel. Warschau, 29. August. (Tel. d. „Wr. Morgenzeitung".) „Kurjer" teilt mit, däß manche Gruppen, die unter -Geldinangel zu ihrer Wahlagitation leiden, Mandate für Geld verschachern. Ein Sejmmandat kostet 80 Millionen polnische Mark, ein Sitz in den Senat 60 Millionen. Ein Bankier soll 'bereits gegen VorauS^hlruvg an die Kassa der betreffenden Gruppe sich auf diese Weise ein Mandat erobert haben. Ei«e ««Lisemitische RedslkLisir. Warschau, 29. August. (Tel. d. „Wr. Morgertzeitung".) Der „Najer Hajnt" berichtet, daß das Leiborgan der polnischen Nationaldemotratischen Partei, die bekannte antisemitische „Rzeczp ospolita", eine charakteristische Zusammenstellung ihres „judenreinen" Redaltionsverbandes aufweist. ' Einer der einflußreichsten Mitarbeiter mit dem Pseudonym W. N. ist der Jude Viktor Nathansohn, Nachtredaktour tft der Jude Sapir, der Berliner Korrespondent der Jude Goldscheider-Godinski (wahrscheinlich der ehemalige Redakteur der „Wiener Allgemeinen Zeitung"), der Referent für Kunst und Literatur hört auf den Narue^Julian Klei Me r/ dtzn Tagesbericht verfaßt ein 'Dösitz. tschtzwM), die Betfasserin der LM.ÜÄ PanLnkowä tft Re Jüdin Ja Witz. Die Heimlosekfragei Warschau- 28. August.. (Tel. d. ,Mr. Morgenzestüng".)- Der Chef der Sicherheitsabteilnng im Innenministerium K stinsk i erklärt, daß die Polnische Regierung fest entschlossen ist, binnen drei Monaten die Angelegenheit der H e i m l o s Mt i n Pole n zu liquidieren und zwangsweise alle jene Heimlosen zu beseitigen, welche bis zu dieser Frist nicht gutwillig das Land verlassen haben. AuLijüdischer ALL der polnische« Heiw- Lehrermissro«. Bialystok, 28. August. (Tel. d. „Wr. Morgenzeitung".) Ans Moskau kommt die Nachricht, daß die polnische Mission alle Juden ans dem dritten Heimkehrertransport nach Pole»: mit der Ausrede ausgeschlossen habe, daß sie eine spezielle Erlaubnis der Warschauer Negierung zu erbringen hätten. Die nichtjüdischen Teilnchmer blieben unbehelligt. rr«g«r«. Eine Nachwahl. Budapest, 29. August. (U.T. K. B.) Bei der in H e dm ezövasarhelh vorgeiwmmenen Ersatzwahl erhielt Josef Dakars (Sozialdemokrat) 2350 Stimmen, Bela Kun (unabhängiger kleiner Landwirt) 2122, Desider Lazar (Einheitspartei) 735 und Ladislaus Budovary (christlichnationaler Antisemit) 461 Stimmen. Es ist sonnt eine Stichwahl zwischen Takacs und Kun erforderlich. Palästina. Kel« tschechischer Ksrlsu!. Prag, 29. August. (Tel. d. „Wr. Morgenzeitung".) Ihrem Korrespondenten wird auf eine Anfrage vom Außenministerium mitgeteilt, daß die Nachricht von der Ernennung des Herrn Wilhelm Donath zum tschechoslowakischen Konsul in Palästina unrichtig ist. Die tschrcho-slopoakische Regierung hat bisher keinen Beschluß über die Bestellung eines wirtschafts-diplomatischen Vertreters in Palästina gefaßt. Rundschau. GMgrmg der sozialistische« Parteien in Dentschland. Berlin, 29. August. Die offiziellen Verhandlungen über die Enngung der beiden sozialistischen Parteien sind heute von den beiden Zentralleitungen ausgenommen worden. Bis zur Schaffung eines allgemeinen Programms der vereinigten Parteien l-foll, Wik der,-Vorwärts" meldet, beiden Parteitagen ein gemeinsames Aktionsprogramm. zur Beschlußfassung unterbreitet lverden. Zu der nächsten gemeinsam: n Verhandlung der beiden Zcntralleitnngen, die ans den 4. September angesetzt ist, sollen von beiden Parteien Entwürfe zu einem Aktionsprogramm vorgelegt toerden. . Der Prrzetz gege« die Stathe««»- M'ördev. Leipzig, 26. August. (I. C. B.) Der Staatsgerichtshof hat entschieden, daß die Hauptver- Handlung gegen den an der Ermordung Rathenaus direkt beteiligten Techow sowie gegen die übrigen, in die MordverschwökUng verwickelten Personen noch im Lause des Monats September in Leipzig stattfinden soll. Als Verhandlungsraum wurde der große Saal des Reichsgerichtes bestimmt. Die im Untersuchungsgefängnis zu Berlin-Moabit sitzenden Angeklagten werden anfangs September nach Leipzig überführt werden-. Ä«tLseMittsch - ««tikatholische Prspaga«da. Frankfurt a. M. 28. August. (I. C. B.) Ein Novum in der Geschichte konfessioneller Verhetzung bildet eine anonyme Agitation die sich in Baden, besonders in Karls-- r u h e, bemerkbar ma cht. Wie aus K a r l s r n h e hieher gemeldet wird, wurden dort am letzten Sonntag unter die Kirchgänger massenhaft Flugblätter verbreitet, zum Teil auch an die Außenwände der Kirchen angeschlagen, die gegendas Judentum n'ndgegen denKatholizismus in einem Akem Hetzen. So hat einer dieser »Flugzettel den folgenden Ausfall zum Inhalt: „Das Papstttnn und seine ahnungslosen Anhänger sind Werkzeuge in Juden Händen zur Errichtung der jüdischen Weltherrschaft, zum Sieg der nredervassrgen Völker über die geistig höherstehenden Menschenrassen und zur Vernichtung der letzteren! Siehe Weltkrieg und Schwarze am Rhein!" — Aus welchen Kreisen diese Zettel verbreitet werden, steht noch nicht fest. Der Pariser Streik. Paris, 29. August. (.Havas.) Vom Polizeipräsidium wurden solgeUde Auskünfte über den Streik in den verschiedeni-n Abteilungen gegeben: Bei der Eisenbahn herrscht kein dev UNtditzvüNL-: . 'bahNIArrs' der Untergrundbahn Nprd-Süd streikt eine Per- - tzm TrastDPorttvefen streiken insgesamt 260 von -26.000 Angestellten, auf den BerteilUngs^ellen für tlti* 2luch .bei der Gasgesellschaft wird rncht gestreikt. Die Wasserwerke orbeiten. Bei den Werken ir: Antenil und Jvrh zahlt man 400 Streikende bei 700 Arbeitern. Die Wasserversorgnug ist sichergestellt. Bon: Personal der Auioomnibnsse siod 60 Prozent nicht zum-Dienst erschienen. Bei den städtischen Behörden streikt niemand, außer bei der Kanalreinrgung von Colombes, die völlig still liegt. Die Metallindustrie und die Flugzengfabriken feiern fast alle. Man zählt 25.000 Streikende. Verschiedene Verhaftungen wurden beute vorgenommen wegen Arbeitsbehinderung. Paris, 29. Augz:st. (Havas.) Die Polizeipräfektnr hat heute vormittags folgende Auskünfte aus Havre empfangen: Die Lage ist hinsichtlich des Streiks wieder normaler. In Havre ist man der Ansicht, daß die Solidaritätsstreiks beendet sind. Von Anvoy und Rochambeau werden hellte die Züge zur festgesetzten Zeit abfahren. Der TranNvayverkehr ist wie gcwöhlüich wieder ausgenomnien worden. Auch die Besprechungen mit den Metallaxbeitern wurdei: fortgesetzt. In Paris ist he: keiner Körperschaft ein Zwischenfall vorgekommen. Das Verhältnis der Steifenden ist ganz unbedeutend zu ihrer Masse. Selbst auf den Schissen haben zahlreiche Zlrbeiter die Arbeit wieder anfgciwmmen. Rttdek LüK-igt einen neue« Weltkrieg an. Warschau, 28. August. (Tel. der „Wr. Morgellztg.") In der letzten Rümmer des „Prawda" veröffentlicht R a b c t einen Artikel, in welchen er das Nahen einer neuen Sturmperiode für ganz Europa voranssagt. Die Interessen Frankreichs und Englands seien so entgegengesetzter Richtung, daß das Band zwischen ihnen nur ein künstliches Gebilde darstelle. Frallkreich werde nach Radeks Lillsicht Sieger bleiben. Deutschland, das von einem Ringe aus Tschecho-Slowäkei, Frankreich und Polen umschlossen ist, könne nur im Zusamn:enschlusse mit Rußland eine Gefahr bedeuten. Sowjetrußlarw jedoch denke gar nicht daran, sich England durch genleinsarnen Verband mit Deutschland als Waffe gegen die Franzosen anszulieferu. Rußlarrd habe nur seine eigenen Jltteressen im Auge und wacht -darüber. Radeks Meinung nach wird in kürzester Zeit der Vcr s a i l l e r F r i e d e n s v e r t r a g umgearbeitet lverden, aber nicht durch Konferenzen wie in Gei:ua und im Haag, sonderr: durch Kavallerie, Infanterie und Artillerie. Ans diese Weise wird auch.Sotojetrußland aus sich herausgehcn müssen. 4V.WV ChslerLfsKe irr Warschau, 28. Augirst. (Tel. d. „Wr. Morgenze-itung".) Ans Moskau wird berichtet, daß Heuer offiziell 40.000 Cholerafälle tu Rußland gezählt wurden. Opyssilisn gegen Lenin. Reval, 28. August. (Tel. d. „Wr. Morgenzektung".) LS wird nntgeieilt, daß L e ü i n gesnudheitlich wleder ganz hergestellt ist. Er wird aber seine politische Tätigkeit nicht ausnehmen, da die Opposition der linken Kommunisten an seiner Stelle S i n o'w j e w, der die alte Tscheka für sich hat, sehen will. Die linker: Kommunisten verwerfe:: die 9kachgieb:gke:t Lenins, da sie auf e i n e b o l s ch e w: k i s ch e R e v o l n t i o n Deutschlands hoffen. Die kemalistische OssensiVe. London, 2g. August. (Tei.-Koinp.) Nach einer Mel-d.rug dck „Daily Expreß" aus Korlstantiiropel, werden die Angriffe der Türken a-uf einer Front tor: 10 .Kilometer irn Abschnitt van Bilejik sortgesetzi. Die Aleldung fügt hinzu, daß diese Angriffe in Verbindung mit denen in: Mäandert-ck aus den baldigen Beginn größerer Kampfharrdlungen hindeuten. In hiesigen offiziellen Kreisen legt man der kemalistischen Offertfive feilte große Bedeutung bei und glaubt vielmehr, daß sie nur zur Beeinflussung der Konferenz von Venedig unternommen worden sei. Tagesbericht. UrlaudssrerrdeA antto 1922. In Feindesland. Obwohl ich im Westbahnhof zum Billett zweiter .Klasse eine Platz'arte dritter erhalte, habe ich insofern (Rück, als ich in meinem Coupe auf höchst angenehme Reisegeuossen stoße. Da ist einmal ein Wiener Patrizier, hinter dessen äußerer Schlichtheit sich die weltmännischen Manieren eines Weitgereisten bergen. Er fährt mit Weib r:nd Kind, einem wohlerzogenen Mädchen von etwa zwölf Jahren, in die Sommerfrische. Ferner ein junges italienisches und ein älteres tschechisches Ehepaar. Die Wienerin, eilte synrpathische Blondine, holt alsbald eine jener Stickarbeiten hervor, die offenbar nur den einen Zweck habe,:, die gehemmten hauswirtschaftUchen Energien irgendwie abzureagieren. Ein Stück Leinen wird gespannt und t>ou der einen Seite beginnt die Mutter, von der anderen das Töchterchen die kunstvolle Tätigkeit mit der Nadel. Dieser Anblick ermutigt die Italienerin, ihrem Männe einen Strähn Wolle uni die Hände zu schlingen und das Garn zu einem Knäuel abzuwickeln. Da kann auch die tschechische Dame nicht langet ruhen, weil sie aber nicht mit Material „eingedeät" ist, begnügt sie sich, den vorsorglicheren Reisegefährtinnen Praktische Winke für ihre Arbeiten zu geben. Bald kommen auch die Herren miteinander ins Gespräch. Man scherzt über die Bahnökonomie, die zehn. Personen in ein Coupe pfercht, das für achs (gerade.oest richtigen Räuw. böte, 'und ^ommt ohne viel Aufhebens Merein, ab-^ MDlnd zur größere):tonest

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