Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- Heft 1256 (30.7.1922)
- Date
- 1922-07-30
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Weshälb die Letztgenannten der Vergangenheit angehören sollen, wird ewig das Geheimnis der Filmfirma bleiben. Im Gegensatz zu diesen Charakterköpfen stehen die „Vertreter des internationalen Prinzips", und zwar Liebknecht, Erzberger, Haase, Schxidemanu, R a t h e n a n. Auch die „Eharakterköpfe" sind von der Filmprüfstelle verboten worden, und zwar mit folgender Begründung: . „Die ganze Aufmachung, die karikaturistische Der- ' . zerrung.rn der-Darstellung ist geeignet, die Bevölkerung gegen die jetzt befolgte FviedensPoMk und ihre Träger zu verhetzen. Es handelt sich bei dem Bildstreifen nicht . um politische Polemik, die nach dem Filmgefetz gestattet ' ist, sondern es wird die Aufhetzung breiter Volksmassen . beabsichtigt. Daß eine solche Verhetzung geeignet ist, die - öffentliche Ordnung und Sicherheit zu gefährden, haben s die Ereignisse der letzten Monate und Jahre gezeigt. Da der Film noch suggestiver und'aus noch weitere Kreise wirkt, als das geschriebene Wort, war wie vorstehend zu ° erkennen." ' - kerbundrates in London. bezüglich der ästerreichisch-pngarischen Grenzsrage gefällt Worden seiü sollen, tvird der Politischen Korrespondenz von unterrichteter Mite, mitgeteilt: In der Sitzung am' 19. d. hat i sich' der Völkerbündrat zivär mit der öfterreich!sch-NN.^.rischen Grenzfrage befaßt, jedoch beschlossen, daß Angelegenheit n o ch«ü b e rv r ü s t werden müsse und daß e r st in der n ä ch st e n Sitzung/ die gegen Ende August 1922 in Genf stattfindet, die E n t s che id u n g in der.Grenzfrage 'getroffen werden wird.; Schon wieder eine Egyarische Zentrale in Wien. In imseren' mn 88, Juli veröffentlichten Mittel limgen über eine, magyarische Propagandazentmle in Wien haben wir uns auf Angaben des Agramer „Obzor"' berufen. Der, dort genannte Nedakbeur Bela K e l e m e tt schreibt uns bierzu: „Ich erkläre', daß alle nreiue Person betrefferä>en Behauptungen des Berichtes jeder Richtigkeit entbehren und vollständig aus der Luft, gegriffen sind. Sie sind erfunden worden, um mir moralisch und finanziell zu schaden. Ich war niemals und bin auch jetzt nicht in Verbindung mit der „Wiener. .Auslandskorrespondenz" und auch nicht mit deren Herausgeber Herrn Paul S z e m e r e, sowie mit dem Legationssekretär M a rcev ics, von dessen Existenz ich bisher keine Ahnung hatte. Mit mir hat weder die ungarische Gesandtschaft llnd auch niemand anderer jemals darüber verhandelt,, mich in den Dienst irgend einer Jrredenta oder in einen sin anderes politisches Ziel verfolgenden Dienst zu stellen. Ich habe nicht die mindeste 'Ahnung von der ungarischenirvedentistischen oder einer anderen Prcsseprvpaganda; meine journalistische und politische Vergangenheit, welche der ungarischen Gesandtschaft m Wien wohlbekannt ist,-schließt es aus, Eingeweihter in irgend einer solchen Aktjon zu sein." .; Oesterreich. Die neuen ZSSe. Mit dem 30. d. tritt die Finanzzolltarifnovelle in Kraft, da das am 29. b. Verlautbarte Bundesgesetz zum Unterschied von anderen gleichzeitig dom Nationalrat beschlossenen Verbrauchsabgabengesetzen hinsichtlich des Wirksa-mkeitsbeginnes keine einschränkende Bestimmung j enthält. Uebrigens treten von den neuen Zollsätzen zunächst nur jene für Wein, Bier, Spirituosen, Saccharin, Mineralwässer, Schmieröle und Fette, Preßhefe und Parfümeriewaren ft>- wi« die Zollermäßigungen für Melasse nnd technische Steine in. Kraft, wogegen im Sinne der dem Finanministerium im Gesetze erteilten Ermächtigung für Kaffee, Tee, Zucker, Marmelade und die meisten- Mmeralölprodukte die b i s h e ri g e Z o l l b « h a n d l u ng a u f r e ch t b l e i b t. Die GoldzolMttcht für andere als im Finanzzolltarif gerühmte Luxumvaren bleibt ebenfalls aufrecht. Die Ssterreichisch-uugacische Gre»zfrage. Gegenüber ungarischen Meldungen über Entscheidungen, die bereits gelegentlich der letzten Sitzung des PA-? Polen. Dir Hetze ge,e« de« St«atschef Pils«d ki. Eine Erklärung des jüdischen Klubs. Aus Warschau wird uns gemeldet: Die Sitzung des Sejm, auf welcher der Antrag der Natioualdemokratcn Verhandelt wurde, dein Staatsoberhaupt! cm Mißtrauensvotum zu erteilen, verlief überaus, stürmisch. Es kam zu einem überaus heftigen Wortwechsel zwilchen der Rechten, und bto Linken, in welchem die Galerie, m ihrer Weise eingriff, indem sie auf die NMelnen Redner faule Eier warf. ' " , ' Große Beachtung , fand die Erklärung, welche n amens des jüdischen Klub>s Äbg. Dr. Thon abgab. Dr. Thon erklärte, der Staats chef habe das Recht, die Berufung von Personen zui Regierüng ahulchnen, mit denen Mt eine ZusarnMsMcheitunmöglichMMieEerufung K orfanty s sei eine bloße D e m o y st r a t i o n der Rechten. Korfanth könne infolge feines Temperaments und seiner B e r g a n g enh e i t für den Posten des Ministerpräsidenten nicht r» Betracht kommen. Mn die Person PÄftchskrs— erklärte der Rchyer >7bindet uns. keinerlei Gefühlsnwment, im Gegenteil, wir ha^en mehrfach MeV seine Haltung den Inden gegenüber zu klage« gehÄbt, insofern als er mehrfach die Taten von Personen, die nicht frei von Makel sind, mit seinem rmbetnMlten Namen gedeckt hat. Auch mit dem linken Block haben wir.^ein« Abnmchungen, Wir haben bloß die demokratische Idee gemeinsam. In dem Vorschlag der Rechten sehen wir einen feiMichen Akt gegen die Demokratie, einen Akt des persönlichen Hasses, welcher die Grundlagen des Staates erschüttern kann. Das sind die Gründe, weshalb wir gegen den Vorschlag stimmen. . Die Ausführungen Dr. Thons fanden die Anerkennung der gesamten Linken. Die linke polnische Presse weist darauf hin, daß seine Rede die taktisch und politisch klügste Verteidigung der Denrokratie gewesen sei. — Auch die Donnerstagsitzung des Sejnr stand noch unter dem Eindruck der Erregung der früheren Sitzung; die -Sitzung wußte abgebrochen werden, da eine ruhige Verhandlung mvmoglich war. Die Partei für konstitutionelle Arbeit , firhrt Vcrhandluüaen mit Dr. Thon über die-Stellung des jüdischen Klubs zur Frage eines Konzeutmtioirskalbiuetts. Abg. Thon hat sich die Entscheidung Vorbehalten. Die der Rechten ängohörige S k u l § k i - Partei verlautbart, daß sie im. Falle eines entsprechenden Vorschlages, bereit wäre, für ein Kabinett der mittleren Linie einzütreten, ob- - gleich sie auf dem Standprmkte stehe, daß das - Kabinett K o r fa n t y zurecht bestehe. Die Rechte versucht die Abstinrnruug über das Mißtrauensvotum gegen Pilsudski zu diskreditiere^ indem sie. ausvechnet, daß sich bei Abzug de» jüdischen uüd deutschen Sbindnlen und unter Hinzuziehung von Korsanths eigener Stimme eine Mehrheit Mr ihren Antrag ergebe. (Die L öwenstein und Genössen auf der Seite der Rechten vergessen die Herren ganz! Ebenso die Tatsache, daß der'Sejmi niorschall selbst dank einer jüdischen Stimme als gewählt erschien. D. Red.) Die Linke will M i ch alski wegen seiner Finanzpolitik unter Anklage stellen. Anklage gegen das Warschauer Roz«oj-Orga«. Warschau, 27. Juli. (I. C. B.) Der Staatsaarwalt hat gegen das hiesige Wocheüovgay des'antisemitischen Rozwoj- Bundes „Rozwoj" wegen der Beleuchtung der Miln a e r Geschehnisse durch dieses Blatt/die Anklage erhoben. Rach der> Darstellung -des „Rozwoj^.hatten die Wilna e r Juden einen Pogrom gegen die Christen vorbereitet! Für die Woimüdschasts-AnLonomiL in Ostgalizien. Warschau, 29. Juli. (Tel. d. „Wr.. Morgenzeitung".) Der Klub für verfassungsmäßige Arbeit beantragte'in der letzten Sejmsitzuüg, mOstgal izi'e n^die i SeMverwaltung in den Woiwodschaften mit gennschtertzBebölkerüÜg einzuführen, da die Nationalitätenverhältnisse in den einzelnen ostgalizischen.'Woüvodschasten dem Auslande Gelegenhe'rt bieten, sich mit angeblicher: Versolgungsakteu gegen die ukminische Bevölkerung zu beschäftigen. Der Sejm habe bereits mehrere Male beabsichtigt, diese Fragen zu vijMWrM ** Hirschenhaus 140 cm Conmosi K 8000 Wve immer in aufftvebenden Literaturen tauchen auch Frauen mit lyrischen Schöpfungen aus. In der Mnschsn Literatur ist es nicht anders als in anderen Literaturen: Die Fvanenlhrik enthält mit gezahlten Ausnahmen zumeist augenchme Belanglosigkeiten. Als eine solche, die choer netten Form halber in kleinen Dosen gerade noch bekömmlich ist, fei das Gedichtonbuch von MirjaM Uli n o we r „Der bodes Ojzer" erwähnt, das in-dem durch typographischen und MrSstatttmgsgeschmack die meisten Müschen Verleger weit übevtresfenden Verlag von Brüder Lewm-Cpstem in Warschau evfchienön ist. Der Unfug der FrauMyrit ist übrigens in AnreviLa weit stärker verbreitet Äs in der jüdischen Dichtung Osteuropas; in den Mischen^ Zeitschriften und Zcirtuntzen Amerikas' finden sich hausswoeise lyrischchausfvauliche Erzeugnisse. Daraus jedoch auf einen Diefftand der jüdischen Lyvll in Amerika zu schließen, wäre verfehlt. Das Wenige, was det Schreiber dieser Zeilen infolge der Schwierigkeiten, welche die Beschaffüng von Büchern aus Amerika bietet — von Monje Leib kennt, läßt einen Dichter von ungewöhnlicher Kraft und' Empfindung und'mächtiger Phantasie erkonnen. * Ans epischem Gebiete sind nebm' und unLsvWÄ'on.von B er ge l s ohn, der unstreitig heute als der beste Erzähler dar neuen jüdischen Literatur angesehen worden kann, zwei. Dichter zu erwahnM: David Jg^atow, welcher, wie nebontböi bemerkt sei, in New-Dork die „Schriften", eine haS jüdische literarische und künstlerische Leben jenseits des Oze-aus scharf kontu-viert wödevspiegelnde Periodische SammeLschrift,' herauSgibt, und I. Opa losch u, der Verfasser des rasch berühmt gewordcuen RÄmans" ,^Jn Pojlische Wälder". Ignatow wurde in einem ftl'm bisheriges Werk kMsch amtierenden Essay vom Merr Wiener als lyrischer Erzähler charakterisiert. Das trifft im Wesentlichen den Kern der Sache. Jgwatows Rönmn „In Kesselgri^*) P tatsächlich 4m Gambe die Anoinvindorrechung von Gnvpftndimgon ourtb Stimmungen um dies« oder jom Phänomene des Lebens und die Personen darin sind' mehr Hüllen für di^e Empfindungen als . Menschen. Aber es gibt doch otwas, waS darWor hinaußgcht: die MfpivgÄuny des jüdischen Lebens in Ameoiba, düS chgsntlich kichne vollen Menschen mehr schafft, so-ndem Menschen, - die .koim Sprache mchr - -t) Erschienen im Verlag auch die übrigen Werl- Naw-Uorik, der haben und keine Ehe mehr, aber noch keine Liebe und noch keine Sprache der Umgebung verstehe«. In diesem Roman Jgnatows weht etwas von Hermann Bangscher Schilderung einer in dünner Atmosphäre nur halb lebenden Welt, und das macht das Werk züm dichterischen Bekeuntn-is, für das die Form der lyrischem Erzählung sehr reizvoll und enKiehend fft. Govade wach der formal-sprachlichen Soite ist übrigens ein anderes Werk Jgnatows, foine „Wundergeschichten ans dem alten Prag", besonders hervorzuheben, in tvelchem «nt dichterischer Fsinhoit «der Don der alten Sage u«id Legende, mit neuen, mo- ' dem differenzierenden Obertönen verbunden, aufklingt. Ist nun Jgnatow der Schikdever von Stimmungen, die sich mit Schicksalen verwelben, so Werst O p a t o s ch u s Roman *) starke Zuge dessen aus, was man in der Literatur «inen Romancier zu nennen pflegt. Der Roman ftihrt in das jüdische Leben im Polen in der Mitte des 19. Jahrhunldvvts, in die von polnischem Ausständen und ' Befre«imlngshoffnungen durchzittMte ' Zeit, in welcher das jüdische Löben noch in einheitlich Migebrochenor Form sich auswittkte, dader Jude an der polnischen Erde Wohl nicht .Eigentums-, aber Besitzrecht, und Besitzevsmpfmidon hatte» da .die Wälder in Polen noch standen und die Jwden sie schützten, sölbst ihnen, entstammend Md in ihnen svsi sich fühlsrch. Und in all dem Leben im Walde, a-uf einer Ebbe, welche immer wieder von Mssmnifchen HoffttungSträumtzn ihrer polnischen Eigentümer erbebte, das jüdische Leben in Chasiiduth^ und Malchüth 'und messianischem ' Träum. Opatoschm hat versucht, dieses Getriebe zu einem einheitlichen Gewebe zu verflechten, und' es sstihm ein interessantes, jlpanrvandes Werkgölrmgen. Wohl ist die Charaktersstik der Personen nicht immer^ganz «US» gehalten, manche Situation äußerlich zu pointiert mid 'Mehr aus den Effekt gestellt als aus die innere Notwendigkeft, eine genau« kritische Analyse kann Fehler in der Konzeption und'in der Schilderung der mtzssranischen Stimmung, welche ohne Nötigung das urchristliche Klischae verwendet, unschwer Nachweisen. Aber 4m ganzen ist ein-Wsk da, welches Farbe, kernige Sprache und eine mit festem Griff gefaßte und mit starker Phmttasie geschaute Epoche abspiegett, -mit mein Wort, ein wirklicher Roman. In der jüdischen Literatur etwas. NEs, derm ein U.nterhaltungsroman im.Men Sinne des. Wortes hat sie bis- . her nicht hervorgebracht. Dick schrieb Deitdenzerzähllmgen, L itt« tz ky einen Tendenzroma.n, nnd was Mendele oder Scholem- Alejchem schrieben, waren Dichlungen von eindringlichster epischer Plastik, aber nicht Romane, selbst wenn sie von ihnen Schöpfern so genannt wurden. Hier ist die LiberMir mn am Züoues boveichert worden. Ist schon die kulturelle ZielstrebigkoK und Expausionskr-aft der jüngsten' jüdischen Literatur durch die ewvähnte Prodirktion gekennzeichnet, so . ist ein weiteres gutes Keimzeichen die Fähigkeit, literarischer Ausgrabungen von hohem kulturellen Wert.Ein Beispiel für viele billden .die jüngst in jüdischer Uebevtragung erschienenen Mpmoiwrl von Aron I.s a! §.*) Diese Seilbstbiographie schrivb Aron Isaks, ein Jllde aus dom BvandenburMchen, der sich, im Jahre 1774 alls erster Jude in Schweden ansiedülte, in den Jahren 1801 bis . 1804 4n dearsicher Sprache mit hebräischen Lettern. Sie blieb FamUieüw>cl-niNstr'ipt, bis sie. 1897 von der Jüdischen liitLvcwischen Gesellschaft für Schweden in 'deutscher Transkription ediert wurde. Don der sogewanntm jüdischer Mssenschast^Lnd ForschuW in Dousichlaud wurde das Werkchen wicht beachtet, obwohl es mch für die Geschichte der, Juden in Deutschland rchcraüs wertvoll ist. Nun hat diefolklorsstsiche Regsamkeit, die eine so sympathische Grscheimmg in der neuen jüdsichen Literatur ist, da sie zeitigt, daß man auf festem Grund bauen, will, dieses überaus sympathische Werk an sich gebracht. Die Art, wie Aron Isaks, der in bewegter Zeit (während -des. Siebenjährigen Krieges in Deutschland, zur Zeit des Schwödsich-Russsichen Krieges, der schwedischen Adels- Verschwörung in Schweden) lebte, Menschen und. Ereignisse schilldeivt, hat sehr viel Reiz,, vors allem durch ihre U.«mittslbarkeit, daun aber auch, weil sich , der Schilldewr selbst als einfocher, wie. er selbst sagt, „nicht gar viel wissender, doch auch E unwissender Mensch", dalbsi.jedoch als kluger Mann von lautevsm Chavaktei: mit viel HerzlichM des.W-siens begabt, zeigt. Miss, denen, die sich mit jüdischer Sprachforschung befassen, unter seinem Pseudonhw.Baal Dianjom als Wefflicher Sprachforscher bekannt, hat in feiner UebertraGmg den Ton einfacher, - I. Opotoschu: „In pojlische Wälder." Erschivue-n 1921 in New-Iork, für-die europäischen Länder ein Jahr'später jm Verlage der ..Kültuchiga" in Warschau, *) Klal^öerlag, -v> —-—— —.».»» i,— Zeit, von Oeluran Reisen übertragen» in Lewin-Epsveir lag in Warschau erkchivN'tztt.