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Wiener Morgenzeitung · 1922-07-30 · Heft 1256 (30.7.1922) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
4 (1922)
Issue
Heft 1256 (30.7.1922)
Date
1922-07-30
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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6eU« 2 * Wien, Sonntag Der Ruf ans Volk. F. W i e n, 30. Juli. Die soeben in London erschienene Keren Hajeffod- Nroschnre „Zionisi 'Prog eß in Pe>estlne, a Fonr Mars record" enthält die folgenden Ziffern über die finanziellen Leistungen des jndffcken. Volkes fi’r Palästina' Vvin April 1921 bi^ April 1'22 k.-at dcr Keren Hajessod 425.000 Pfund (11 Millionen Goldfranken) aufgebrach:. In den .letzten vier Jahren hat die Zionistische Organisation in Verbindung mit dem I. N. F. in Palästina rund 1,750.000 Pfund au.sgegeben (das find 44 Millionen Goldfranken), davon zirka 900.000 Pfund für rciat kolonisatorische Zwecke. Während die Einwanderung vor. dem Kriege durchschnittlich -2000 bis 3000 Perlouen jährlich betrug, find in'Palästina in den Jahren 1920 7—1921 22.000 Personen eingewandert, der größte Teil auf Kosten der Zionistischen Organisation. ^Der jüdische Besitz an landwirtschaftlichem Boden stieg öon 412.000 Dunam im Jahre 1914 auf 700.000 Dunam. Seit September vorigen Jahres sind fünf neue jüdische A rbeiter- Siedlungen in den neuerworbenen Gebieten im Tale Jesreel geschaffen worden. Ueber 120.000 Pfnkrd hat die Zionistische Organisation während dieser Zeit als Vorschuß au Arbeitergenossenschaften aller Art gewahrt, wovon bereits über 20.000 Pfund zurückgezahltwerden konnten. Die hier angeführten Ziffern müssen von zweierlei Standpunkten betrachtet werden: für -die englische Oeffentlichkeit sind sie ein Beweis für den ernsten jüdischen Willen, das Kultivierungswerk in Palästina zur. Tat werden zu lassen, aber mit jüdischen Augen gesehen stellen sie nicht -entfernt das dar, was die jüdische Idee an Leistungen, an materiellen Opfern als realen Ausdruck des nationalen Idealismus von ihren Bekennern erwartet. Im Namen des jüdischen Volkes und als Wortführer seines Lebens- und Zukunftswillens haben unsere Unterhändler unser Recht auf die Heimstätte in Palästina gefordert und in diesem Zeichen Haber: sie bei Englands Regierung ihren Erfolg errungen. Es wäre, nnn Sache der jüdischen Massen gewesen, ihren unverbrüchlichen Willen, das jüdische Nationalheim aus eigener Kraft aufzubauen, durch die Tat zum Ausdruck zu bringen, und zwar in einem bedeutend höheren Maße als es bisher geschehen ist. Die Schwierigkeiten der Situation sollen nicht verkleinert werden: der Krieg und seine Folgen haben die Juden in den Ländern der jüdischen Mafsensiedelung, jene Massen, welche den Willen nach einem jüdischen Palästina als den Herzschlag ihres Sems empfinden, wirtschaftlich depossediert, unser stätkstes nationales Kräftereservörr, die vormals russische Judenheit, völlig ausgeschaM flnd auch aus Mitteleuropa eine valutarische Wüste gemacht. Aber trotz allen ' diesen Hindernissen ist das Maximum an Leistungsfähigkeit bei weitem micht erreicht und es ist die Schicksalsfrage des jüdschcn Volkes, ob es zu leisten willens sein,wird, was der Moment von ihm erfordert. Daß der Aufbau Palästinas nur durch das jüdische. Volk erfolgen kann, ist eine Tatsache, mit welcher auch. Englands Regierung, mit welcher der Völkerbund rech-, net. Englands Staatsmänner wissen genau und in ihren letzten bedeutsamen . Reden ist diese Ueberzeugung zum. klaren Ausdruck gekommen, daß es nur die Anstrengungen des jüdischen Idealismus, sein können,. welche imstande sind, Palästina wahrhaft aufzubauen und es wieder in das Land zu verwandeln, welches, wie in alten Tagen, von Milch und Honig überströmi. An den: jüdischen Volk jedoch liegt es, diese Aufrichtung seines Heims zu beschleunigen. Wir stehen an dem Wendepunkt unseres nationalen Seins und die. Augen der Welt sind auf uns gerichtet. Der große Erfolg, den wir errungen haben, wird von der arabischen Delegation mit einem Protest an -den Völkerbund beantwortet, während gewisse zionistische oder jüdische Heißsporne von einem Mißerfolg sprechen, weil uns die Entscheidung des Völkertribunals nicht die Herrschaft über Erez Israel eingehändigt hat und weil England die nunmehr international sanktionierte Balfour-Erklärung in einer Weife interpretiert, welche, durch die Rücksicht auf die realen Verhältnisse diktiert erscheint. Man wird im jüdischen Lager die Konsequenzen, aus. der Erkenntnis ziehen müssen, daß nicht in den politischen Formeln, nicht in den Abmachungen das. letzte Heil gelegen sein kann, daß vielmehr die lebendige Kraft berufen ist, neue Realitäten zu fcftaffen. Die Welt von heute bietet Vielfach ein anderes Bild als in den Tagen ' der Balfour-Erklärung oder des Waffenstillstandes: neue Tendenzen, neue Widerstände, neuartige. Spannungen zwischen den Völkern sind zutage getreten und die Sache des politischen Zionismus ist Jahre bindurch der Spielball widerstreitender politischer. Interessen außerjüdischer Natur gewesen. Die Erklärungen und Abmachungen spiegeln den heutigen Zustand wideraber man darf nicht der unendlichen Möglichkeiten vergessen, welche sie uns bieten. Sie entheben uns nicht der eigenen Anstrengungen, sie versetzen uns nicht in ein Fertiges, aber sie enthalten j)ie notwendigen politischen Sicherungen internationaler Natur, deren unser Werk als Voraussetzung bedarf. An uns ist es nunmehr gelegen, den Rahmen durch unsere Leistung auszufiilleu, der weit genug gezogen ist, um dem aufbauenden Wirken eines Volkes Raum zu bieten. Die Position, die . wir in Erez Israel erringen wollen, in unserem und der anderen Interesse Utrd nientand zu Schaden, kann letzten Endes in keinem Paragraphen endgültig umschrieben werden, Staaten zerfallen und neue erstehen, LandesDbnzen Und Bevölkerungsve- "'tnisse ändern sich — was bleibend, hinter diesen Formen „steht ist die lebendige schaffende Volks- * * ' s - -Wiener:- Mhpgevzertttns.' •- 30/.JM.1SSS ’ Mr. 1256- Programm rmb Aufruf. Erstens. Wer Jude, der Noch nicht feinen Maffer den Zehent für Erez Israel' an den Keren Hajessod gezeichnet hat, ist aufgerufen und verpflichtet, dem Keren Hajessod-Komitee seines Landes unverzüglich seine Masserverpflichtung bekanntzugeben Und die volle' e r st e I a h r e s r a t e sofort e i n z u z a h l e n. Nicht durch Forderung und Anspruch — durch das persönliche Verantwortungsgefühl wird die Jüdische Nationale Heimstätte wieder aufgebaut. Zweitens. Jeder Jude, der nach gewissenhafter Prüfung erkennt, daß seine bisher vorgenommene Zeichnung an den Keren Hajessod erhöht werden mutz, um zu einem wirklichen Opfer zu werden, wird aufgerufen, diese Erhöhung sofort vorzunehmen und den erhöhten Betrüg für das ganze Jahr einzuzahlen. Nicht durch Spenden und Beiträge — durch Opfer wird die Jüdische Nationale Heimstätte wieder aufgebaut. Drittens. Jeder Jude wird aufgerufen, ohne eine weitere Mahnung ab zu warten, binnen vier Wochen seine ganze für das laufende Jahr fällige Zahlungsverpflichtung zu erfüllen. Kein Jude darf in diesen vier Wochen Mahn- und Einsammelaktionen erwarten. < Nicht durch Zwang und Mahnung — durch freiwillige Leistung wird die Jüdische Nationale Heimstätte wieder aufgebaut. An die Juden der ganzen Weltf An Euch alle, / ohne Ausnahme, ergeht in dieser entscheidenden Stunde uzistrer Geschichte der Ruf: Steht nicht beiseite! Laßt-nicht Eure Btiider allein! Biel ist erreicht. Schon blüht eine Siedlung in Erez Israel. Tausende und aber tausende Inden richten ihren Blick und ihre Sehnsucht nach' dem Land unserer Väter. Helft durch die Mandatsaktion siir den Keren Hajessod, daß der Ausbau der Jüdischen Nationalen Heimstätte schnell und würdig vor sich geht. ,. Das Direktorium des Keren Hajessod. kraft. Diese zur wahren Herrin der Situation zu machen, ist die Aufgabe des Augenblicks. Die zusammengefaßte, tatbereite' jüdische Energie, die Konzentration aller aktiven Volkskräfte soll und muß die einzige Antwort auf die Frage der Fragen geben, vor tvelche die'Rotifizierung des Mandats uns gestellt hat. Wir müssen, uns und der Welt beweisen, was wir schassen können, wir müssen der Aufbauarbeit in Palästina Schwung und Tempo geben und alle Anstrengungen vervielfachen. Dieses Werk mutz unverzüglich anheben, freudige Kundgebungen und Begrüßungstelegramme, das Strohseuer momentaner Versammlungsbegeisterung reichen nicht aus.— das große Werk verlangt die entsprechende Tat. Unsere Reihen sind zu einer Organisation auszubauen, welche den künftigen Aufgaben gewachsen sein kann und die finanziellen Mttel für das Aufbauwerk werden unverzüglich, bereitgestellt werden uüissen. Jeder Zionist, jeder gutgesinnte Jude, ist zu seiner Pflicht aufgerufen. Die Parole ist einfach und ihre Befolgung duldet kein Zögern: Gedenket des Ausbaues der jüdischen Hellnstätte in Erez Israel!' Werbet allenthalben Anhänger für den jüdischen Aufbaugedanken! Leistet eure Opfer für den Keren Hajessod! ... •_• - Rach der Ratifizierung des Mandats. .-/■ Ein Artikel dev „Timest. - London, 25. Jüli. ' In den . letzten Tagen vor der Entscheidumg im Rate des Völkerbundes verhielt sich die große englische Presse schweigend. Freund«, und Gegner, alle hatten sie getan,, ■ tvas in ihrer Macht stand,, das Gewicht/ der öffentlichen - Meirmug-'Englands in dielmk-e oder die rechte-.'Wagschäle zu tverfen. Nun starrden sie be: Seite, bereit, das Resultat anzuerkennen. Man schätzt-in EuglaUd nicht nur den, der gut zu. gewinnen, sondern auch den, der zu verlieren versteht. ' Am Morgen nach der Maudatsbestätigung' war am interessantesten zweifellos die Haltung der „Times". Die „Times" hat den Zionismus nie gestützt; sie hat ihn angegriffen mvd in Northcliffes Chor geführt. Darum ist um so wichtiger, zu welchem Leitmotiv sich die »Times" heute entschlossen hat. ■. . „Der Völkerbun'dvat", führt der-Leitartikel der „Times".vom 25. Juli aus, „hat -das britische Mandat für Palästina und das französische für Syrien fovnwll bestätigt mit der/ Emsthränkung, daß die kleinen' übritz gebliebenen Differenzen -zwischen Frankreich und Italien, in der nächsten.Zukunft erledigt werden sollen. Wir betrachten den Akt des Völkerbundrates äks Gewin n. . Er gibt jedenfalls den Beziehungen zwischen dem britischen Reich und Palästina' eine, definitive lega l e Grümdcka g e. Die Entscheidung muß . durch ihre Resultate gerechtfertigt -werden. Es wäre eine glückliche Entwicklung, wenn die Autorität des Völkerbundes gestärkt uud unsere eigene Position in Palästina Wie die französische -in Syrien geklärt, und gesichert würde. Bisher hat unsere improvisierte Vevtvaltung in Palästina urckev -den Mißständen eures' Wechselnden-Zieles und eines unsicheren Besitzstandes gelitten . . . Warum sind wir in Palästina? Wamun haben Ivir die mm Last auf uns genommen? Halten wir einfach die Früchte einer Eroberung fest? Haben wir uns verpflichtet, -mit. den britischen Machtmitteln einen jüdischen Staat einzurichteü? Ist unsere Okkupation irgendwie' in Verbindung' mit den -allgemeinen Plänen' arabischer, Unabhängigkeit, die .wahrend des Krieges entstanden sind? Durch die jüngste-Erklärung über die britische Politik in'Palästina und durch düs Mandat haben diese Fragen für die Gegenwart ihre Antwort gefunden. - Die Verpflichtung der Fürsorge für die lokale mohammedanische und. christliche Bevölkerung und die Entwicklung ihrer Befähigung/ zur Selbsterhaltung ist verbunden mit der Verpflichtung, in Palästina unter ftriti* schen Auspizien ein - }übisch - natioktales Zentr.um einzurichten. Während der letzten Jahvcri haben wir durch harte Ersahmug gelernt,/tvaS -diese Bereinigung der beiden Frucktionen bedeutet. TaS zionistische Experiment ist bisher nicht erfolgreich gewesen. Denn vage Versprechungen haben übergroße Ansprüche geweckt. Die Juden waren enttäuscht; die britische Regierung und die englische öffentliche Meinung geriet in. Verwunderung; und die arabische öffentliche Meinung wurde in Alarm versetzt. Das absolut neue Experiment, für ein zerstreutes und e u e r g is ch e s^B o l k in dem Land, das es vor nahezu 2000 Jahren verlassen hat, ein.He im zu schassen, hat die Fähigkeiten und Traditionen aller, die es a-ngeht, einer schweren Belastungsprobe unterzogen.-Wir haben es für unsere Pflicht gehalten, die Mißbräuche zu kritisieren, die sich bei dem Versuch der 'Ausführung dieses außerordentlichen Experimertts ergäben. Schließlich ist es das britische Volk, das die Verantwortung für Erfolg und Fehlschlag tragen MUß, und die Juteresseu des englischen Volkes nrüssen unbedingt 'geschützt werden. Es ist unmöglich, die großen und vielfältigen Interessen britischer Politik einen: Untevnchmen zu opfern, das gefährliche Konfliktselemente enthalten kam:. Die Zionisten waren offensiv; unsere Berwalürny war schwa-rckend und unsicher und hat sich zu oft dem Verdacht 'der Parteilichkeit ausgesetzt.'Jetzt aber ist jede Ausrede für Lässigkeit oder Konfusion beseitigt. Die britische Regierung hat eine Politik fest gel egt, die, wenn sie auch nicht ganz befriedigend, ist, zum mindesten. festLest i m m t i st. Die Zwuistische Organisation hat sich verpflichtet, sich von der Einmischung iü hie Verwaltmig fernzuhalten, und,dW' Verpflichtung ist ein Gegengewicht ge-, gen die politischen Tendenzen^des Zionismus, ber. begonnen hatte, eine ernste, Gefahr darzustellen. .Für die Entwicklung eines Zionismus, den man geistig, und kulturell nennen will, ist Raum genug gelassen. Das Mandat hat jetzt formelle Sicherungen für. die Interessen der möharnmedanischenchristlichen Laudeseinwohner - geschaffen und sieht für sie ein Berufungsgericht Wor,- sÄÜen'-.sie^.jemals ihre Rechte oder Privilegien geschädigt finden. Das ist zuni guten. Es ist jetzt nötig, die britische Verwaltung-in Einklang mit der umschriebenen Aufgabe zu bringen. Die Veatvaltung muß absolut unparteiisch sein und über allen lokalen Konflikten stehen. Sie muß britisch fein und ihre Aufgabe einzig mtd allein vom Standpunkt der Interessen d e s britischen Reiches ausführen. Ilnser Bedenken gegen die hohen jüdischen Beamten in der britischen Berlvaltung in Pälästima beruht nicht aus Beschwerden gegen Einzelpersonen, sondern auf der Tatsache, daß die Zionisten in Palästina jüdische Abstammung nicht als 'Sache der Religion, sondern als Nationalität bewachten, und es daher für das britische Prestige notwendig ist, daß die Frage der Nationalität (StaatAbüvgexschaft) britischer Beanrten von den Einwohnern in keiner Weise in Zweifel gestellt werden kann. Im Uebvigen obliegt es allen, die mit dem Experiment, zu dessen Ausführung wir mm endgültig verpflichtet sind, zu tun haben, alles in ihrer Macht Steheiwe zu unternehmen, um es zum Segen des Landes zu einem Erfolg zu machen, m dem sie KUsammeNarbeiten und Frieden halten. Eine neue Aeva unter klareren Bedingungen hat jetzt begonnen und ernste Unruhe kann vermieden werden, weim die Bedingungen , genau beobachtet werden.' Wiedereintritt der Brandeis-Grnppe in die zionistische Organisation. Wie dem „Le m b e r g e r T a g b l a t t" ans Netv- Aork berichtet wird, ist es zu einer E t*n igung. zwischen der "Br^ndeis-Gruppe und der amerikanischen zionistischen Orga irisation gekommen, wonach die.' Brandeis-Gruppe wieder in die allgemeine Organisation eintritt ltub ihre Sonderaktion anfgibt. Die Brandeis-Gruppe anerkennt den Keren Hajessod und verspricht, für ihn nach Kräften zu arbeiten. -st Eine Bestätigung dieser Meldung.liegt noch nicht Vor. Die Wiederveremheitlichung des amerikanischen ' Zionismus wäre -auf jeden Fall im Interesse der zwnistischen Arbeit, welche gegenwärtig die Zusammenfassung aller Energien erfordert, sehr zu begrüßen. Bekanntlich hat die jüngst abgehaltene Konvention'der amerikanischen Zionisten beschlossen, ein Ausgleichskomitee. zur Auslrahlne der Perhaswlllngen eii:zusetze:^ 341487

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