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Wiener Morgenzeitung · 1922-07-29 · Heft 1255 (29.7.1922) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
4 (1922)
Issue
Heft 1255 (29.7.1922)
Date
1922-07-29
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. H55 Wien. Sr«*t«g Wiener Morgenzettuntz. Die Herrschaft der Gehei«verbände München» 26/ Juni. (Telegramm der „Wiener Morgen« gefihDttö"). Wie schon kurz berichtet, fand heute im Landtag die Besprechung von zwei Interpellationen der deutsch, nationalen und der bayrischen Dolkspartci wegen der Beziehungen des Reichsgesandten in München, des Grafen Zech zn dem wegen Hochverrat zu lebenslängliche:!: Zuchthaus verurteilten Freiherm von Leoprechting statt. Die Redner der beiden bayrischer: Parteien warfen sowohl der Reichsregievnng wie dem Reichsgesandten in München vor, daß sie ihre Politik gegenüber Bayern auf die Nachrichten eines französischen Agenten aufbauten. Es kam im Landtag zu scharfen Auseinandersetzungen zwischen der Rechten und der Linken. Der sozialdemokratische Abgeordnete Ackermann kennzeichnete die Ausführungen der de nt schnat tonalen und klerikalen Redner als eine Hetze gegen die Reichsrcgievnng, die gewißermaßen eine Begleitrnnsik der bayrischen Ausnahmsverordnung sei. Der sozialistische Mgeordmte Witt ich .machte aufsehenerregende Enthüllungen über die bayrische Sonderverordnung. Er wies ans Grund enNvandfreien Materials nach, daß die Sonderverordnung der bayrischen Regierung von Militär- und Geheimbünden diktiert worden sei. In: Frühjahr 1922 sei das berüchtigte bayrische Freikorps Oberland, das nach Aussage eines Offiziers 100.000 Wiitglieder umfaßt, ans Oberschlesien mit allen Waffen und Ausrüstungsgegenständen. znrückgekehrt und habe sich in Bayern und Tirol niedergelassen, wo man es besser als in Oberschlesien brauchen könne. 10.000 Mann des Freikorps Oberland seien ans Ungarn gekommen, wo sie unter Führung des berüchtigren Kappisten Major B i s ch o f standen. Diese Geheimbünde übten einen verhängnisvollen Druck ans die bayrisch Regierung ans. Im Herbst vorigen Jahres, unmittelbar nach der Beisetzung Exkönigs Ludwig des Drittenin München, feien Offiziere und Mannschaften des Freikorps Oberland in Oberschlesien vor der Rückkehr nach Bayern vom Exkronprinzen Rupprecht förmlich vereidigt worden. Exkronprinz Rupprecht hatte bekanntlich ans Anlaß der Beisetzung seines Vaters einen monarchistischen Putsch geplant und als er davon abgehalten wurde, in seiner Kundgebung erklärt, daß er voll und ganz in die Rechte sein es Vaters eingetrrten sei. Der Redner führte schließlich weiter aus, daß die Geheimorganisation C, an§ der die Mörder Erzbergers und Rathenaus hervorgegangen seien, nur eine Urrtevabtevllnng des Freikorps Oberland sei. Es gebe bei der Organisation C ein sogenanntes -Rollkommando, daß die Aufgabe habe, mißliebigen Personen einen Denkzettel zu geben, und es gebe ein Beseitigungskommando, daß planmäßig Morde cmszuführenhabe. Die bayrische Reigernng habe vor diesen Elementen kapituliert, weil sie sich mitschuldig fühle und lveil sie auch die Mordorganisation fürchte. Führer der Gcheimverbände seren der Reichswehrgeneral Orpp, Oberst Xylander und Major Ritter Hentschel von Gilgenho'nn. Die bayrische Reigernng fühlte sich, Konstatierte Abg. Wittich weiter, angesichts dieser Tatsache selbst unsicher und sie hat zu heimlichen Verhandlungen mit der Reichsregiernng einen Staatsrat nach Berlin geschickt. Die nordbayrischen Industriellen sind am letzten Montag beim Ministerpräsidenten Lerchenfeld vorstellig gewesen und haben ihn auf das Unmögliche der bayrischen Haltung aufmerksam gemacht. Sie sagten ihm, daß die Reichsregiernng der bayrischen Industrie den Reichsbankkredit sperren könne und das; dann die bayrische Industrie am Ende sei. Lerchenfeld war darüber sehr bestürzt und bedauerte, daß die bayrische Industrie nicht eher auf die Entschlüsse der bayrischen Regierung einzuwirken versuchte. Die Schwierigkeit der bayrischen Regierung besteht darin, daß sie sich von den Elementen der Geheimorganisationen abhängig gemacht habe und daß sie, wenn sie versucht, mit der Reichsregiernng zu einem Kompromiß zu kommen, einen Staatsstreich riskiert. Das Militär spielt sich als Herr der Lage aus. Die Offiziere der Landespolizei haben in Versammlungen den unbeugsamen Kampf gegen das Ausnahmsgesetz des Reiches verlangt. Namhafte demokratische Führer erhalten Drohbriefe, in denen von der Molchorganisation der Tod angekündigt wird, trenn sie sich einfallen lassen sollten, gegen die bayrische Regierung zu kämpfen. Der jungdeutsche Orden. Prag, 28. Juli. (Telegramm der „Wiener Morgenzeitnng"). De „Prager Presse" veröffentlicht den folgenden Brief, der bei einem Mitglied des in Thüringen aufgelösten „jnngdeutschen Ordens" („Jungdo") beschlagnahmt wurde. Der Brief ist unter dem ersten Eindruck der Berliner Mordtat geschrieben und lautet: „Rathenan hat seinen wohlverdienten Lohn erhalten. Hoffentlich folgen ihm noch mehrere von. dieser Sorte »Deutscher Bolksführer" in die ewige Seligkeit. Einmal nmß es doch mit dieser Schweinebande ein Ende nehmen, einmal muß uns doch ein Mann erstehen, der diese jüdische.Sippschaft zmn Teufel jagt und der mit eklem eisernen. Besen im Lande unserer Väter aufrämnt. Wir müssen im Alarmzustand, Gewehr bei Fuß siehe::, und stets bereit sein junt Losschlager: gegen diese Schmachregierung von Judasgnaden und zur Brechung des Flickwerkes von Weimar. Ein weiteres Hmansschieben ist meiner Beurteilung nach in Anbetracht der vielen Berhastnrrgen der Mitglieder bet Organisation C rücht angebracht. Denn wenn es so weiter geht, verhaftet diese SLmbande von internationaler sogenannter deutscher Volksregierung noch jeden national und völkisch gesinnten Mann, der Bekennermut an den Tag legt und sich von den AuÄdahurstzefetzen nicht terrorisieren läßt... Wir stehen kurz vor eurer Auseinandersetzung zwischen national und interrrativnal, vor einen: Bürgerkrieg, der jeden, auch : den Spießbürger, zwingt, Farbe zn bekennen, und sein bißchen . Leben in die Schanze zu schlagen. Du weißt, wohin Du gehörst... Halte Dich MM öeveüh, sei auf alles gefaßt, jedem Mitmenschen geger:üVer" vLrsMWge'n bis zum'' Tod." - Die Aufgelöstem Berlin, 28. Juli. (Telegramm der „Wiener Mvrgen« zeitung") Die Organisation C besteht trotz der Auflösung durch die Polizei weiter. Sie hat ihren Sitz verlegt und eine „kameradschaftlicher Vereinigung ehemaliger Front- und Freikorps kam p fer" gebildet. Für die Verständigung der Mitglieder ist ein neue s Chiffreshstem ausgoavbeitet tvorden. Gewehre heißen Kartoffeln, Maschinengewehre Gerste, Pistolen sind Steckrüben, Handgranaten Stroh, Patronen Eier. Ungarn. Die Numerus elaufus-Hetze. Aus Budapest meldet I. E. B.: In der ungarischen Nattonalversammlung brachte der Mg. Denis Buday (Regierungspartei) einen Beschlußantrag zur Ausdehnung des Numerus clausus auf das gesamte Gebiet des Unterrichtswesens ein. Im Namen , der soziäldemokmtischen Parei be° len ästete Abg. Emil Pikler den Widerspruch zwischen dem von Gombös betriebenen „Rassenschutze" und dem Schemlibercrlismus des Innenministers Grafen Klebelsberg. Was Gömbös beleibt, sei nicht sitassenschutz, sondern die Zugvundexichtung der ungarischen Rasse. Machen Sie keinen Numerus elanftrs der krummen Nasen — sagte Abg. Pikler sich zu Gömbös wendend — sondern den Numerus clausus der Kopse! Sie verschmähen den Liberalismus, sie nehmen ihm d e st r n kt iv, und es ist jedem klar, daß, was an Kultur und Zivilisation seit 50 Jahren geleistete wurde, bloß das Werk der Destruktiven (gemeint Inden) ist. In diesem Sinne waren auch unsere größten Männer wie Kossuth und Szechenyi destruktiv. Sie. reden von einem christlichen Ungarn, wo doch mit Ausnahme der Türkei alle Länder in Europa christlich sind. Und obwohl ich kein Christ bin, habe ich gegen das christliche Ungarn in diesem Sinne nichts einzuwcnden, wohl aber gegen das ho^hgetragene > Kreuz des Herrn Abgeordneten Gömbös, das fiir uns die spanischen. Regievungsmechoden bedeudet. Amnestie für Rauher. Budapest, 25. Juli. (I. C. B.) In der Gemeinde P o l g a r d i erschien am 5. September 1919 unter der Führung eines Leutnants eine Militärpatrouille und überredete die Bevölkerung der Gemeinde, die Juden aus dem Dorfe zu jagen. Auf diese Aufforderung hin drang auch eine Schar von Leuten in die jüdischen Wohnhäuser ein, schlug deren Insassen blutig, raubte die Wohnungen aus und jagte darm die jüdischen Einwohner aus dem Dorfe. Bei dieser Gelegenheit wurden zwei jüdische Bürger, Geza und Moritz Fischer getötet. Der Strafgerichtshaf von Stnhlweißenburg leitete gegen jene Personen, bei denen später geraubte Wertgegenstände gefunden wurden, das Verfahren ein. In: Sinne des Amnestieerlasses aber hat der Gerichtshof heute das Verfahren eingestellt, da der Judenpogrom von Polgardi als Tat, die der ungarischen Masse und der ungarischen Idee diene, unter jene Verbrechen falle, die für allgemeine Amnestie erlassen wurde. Sämtliche Angeklagte würden ans freien Fuß gesetzt. Im Sinne des Amnestreerlasses müssen nun die Geschädigten, wenn sie zur ihren Wertgegenständen gelangen wollen, gegen die jetzt auf freiem Fuße befindlichen Pogemnisten einen Zivrlprozeß auf S ch a d e n e r s a tz anstrengen, da sie auf strafrechtlichem Wege zu den ihnen weggenommenen Gegenständen nicht kommen können. Der Amnestieerlaß sichert eben auch Räubern Straffreiheit.' Die kleinen Dieke hängt man. z Budapest, 28. .Juli.., Die Men jener fünf Personen, die in Verbindung mit der westungarischen Bandenbewegung sich noch im (Äefängnisie der Staatsanwaltschüft, befinden, gelangen noch Heerte vor den Untersuchungsrichter, der darüber entscheiden wird, ob die Verhafteten nicht auf freien Fuß gesetzt werben können. Infolge LagerOtoenf Allueg verkaufen wip mm tief PedUBiertei» Preisen 1« Reg enmSntel, •ngl, Stoffe, Wflsohe, Leinen« u. StrScicwranen efe. n 29. Juli 1922 ' ©eite 3 Die Keevkemeter Hejjas-Garde. Bnd-apestcr Blättern entnehmen wie die folgende Schilderung der Szenen, die sich am Mittwoch inr Kuppelsaal des ungarischer! Parlaments abspielten. Es war aus Kecskemet eine etwa 200köpfige Abordnung e'rngctrosfeu, unter ihnen eine Anzahl gutgeÄeideter Bürger und Bauern, zun: überwiegenden Teil aber Jugendliche. Sie unter der Führung des Abgeordneten Pekar gekommen, um die sofortige F r e i l a f f it n g Iwan Hejjas zu fmdern. Auch die Parlamentsberrchtcrstatter hatttu sich im Kuppelsaal eingefunden, um über den Empfang der Abordnung berichten zn können. Mehrere Journalisten wurden von den Abgesandten insultiert. Ein Mitglied der Abordnung richtete mit drohender (Gebärde an erneu der Berichterstatter die Frage, welchem Blatte er augshöre. Dieser erwiderte, >das sei gleichgültig, er erfülle hier feine Pflicht und mache von dom ihm gesetzlich gewährleisteten Rechte Gebrauch, wem: er hier verweile. Damit gaben sich aber die jungen Leute aus Kecskemet nicht zufrieden und einer von ihnen fragte: „Der Herr ist Wohl Jude?" Gleichzeitig wurden mehrere Journalisten mit Stöcken und Ochsenziemern insultiert. Abg. Pekar sah den Vorgängen mit dem größten Gleichrnute zu, obwohl er dafür gebürgt hatte, daß sich Exzesse nicht ereignen würden. Unter den Mitgliedern der Abordnung befand sich auch die berüchtigt Gestalt aus der Affäre von Orgodany Michael graucia-Kiß. Der Quästor der Ziatwnalvevsanunlung erschien erst, als mehrere Abgeordnete, darunter Abg. Ruppert, sich in sehr heftiger Weise gegen die A nw e s e n h e i t e i n e s Mörders inl Parlament verwahrten. Dem Dazwischen-- treten der Abgeordneten, miter denen sich auch Abgeordnete der Regieru-ngspartei befa-nben, tvar es zu verdanken, daß größere Insulten verhindert Nmrden. Es wurde den Mtgliederu der Abordnu:rg bedeutet, daß sie hier bloß Gastrecht genießen, Nmhrend die Journalisten ihre Pflicht erfüllen. Die Journulisten meldeten den Vorfall denn Quästor an und forderten Genugüruing. Der Qnästor wollte den Ionnmlisten die Parlamentswache znr Verfügung stellen, die sie aber Mehnteu. Gras B e th l e n, der sodann die Llbovdnung ornpsing, tat sehr errergisch. Wie er in Mrklichkeit fiMt,. geht daraus hervor, daß Hejas gestern enthaftet wurde. Eimr der Erwachenden hat 1000 K. znur Ankauf eines Ehrens ä b:t l s für Hejjas gespendet.. A«fhet««g -er interalliierte« Militärko«mMo«? Budapest, 28. Ink. „Rtsmzeti Ujsag" meldet, daß der Botschastsvat beschlossen habe, anfangs September die interalliierte Mlitärkontrollkonnnission anfzulassen und in der ungarischen Hauptstadt zum Zwecke der weiteren Kontrolle der ungarischen Heeresorganisierung und -Ausrüstung bloß eine Liquidienurgskommission ainfi'echt zn erhalten. Der Bokschafisrat hätte hiervon die Brrdapester interalliierte Konwollkommisiion bereits telegraphisch verstmtdigt. Polen. Der Sejm. Wakscha«, 28. Juli. (Poln. Tel.-Ag.) Der Sejm hat heute die Vorlage betreffend dys d e u t s ch »p o l n i s ch e Abkommen über Erleichterungen im Grenzonkehr, ferner die Ä a »r d e l s v e r t r a g e mit Rumänien, mit Italien und mit d e r S ch « e i z in allen Lesungen angenommen. ' . ■ Sodaun wurde die dritte Lesung der W a h l o r d n u n g beendet und das Gesetz en bloc angenommen. Auch die Wahlordnung für den S e n a t wurde nach Vornahme einiger Abänderungen in der dritten Lesung verabschiedet. Als Termin für die Wahlen in den Sejm wurde der 8. November, für die Srnatswahlen der 12. November festgesetzt. Wshlkreisgeamrtrie gegen die I«den. Aus Lemberg wird uns gemeldet: Der schon in ferner ursprünglichen Fasfimg für die jüdische Vertretung sehr ungünstige Wahlovblmngsentwurf erlitt durch den Sejm eine Aenderung zuungunsten der städtischen Ma-rtdate. Die in der dritten Lesung beschlossene Fassung macht die Aussichten auf eine halbwegs entfpvechen'de Vertrettmg der Inden illusorisch. Wo sich die Möglichke-it eines jüdischen Mandats ergaib, wurden mit Absicht neue Orffchaftm m beu bet rosse:chen Wahlkre is e mbezogen oder es wunde wie in W a r s ch a n oder, L e m 6 c r g die Anzahl der Nöandate v e r r i u g e r t. Tie jüdischen Maardate in Lemberg und KraEan erscheiuen gefährdet. Rundschau. Die Faszisten . Roul, 28. Juli. In Ravenna besetzten gestern nachnüttags die Faszisten die Arbeitskamurer und errichteten dort ihr Hcmptquavtier. In der Nacht, überfielen .sie zur Strafe für die Verhängung ibe§, Ausstandes das neue GcnosienschaftsgMU'de und brannten es nieder. Der Ausstich dauert fort. Taborstraße 48 Telephon 47-1-79 En gros En delaJl

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