Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- Heft 1255 (29.7.1922)
- Date
- 1922-07-29
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2979076-2980129-2980335--11844-2998327- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Wien, Vvmsrag Wiener MorgettZeitung. 29. Juli 1922 Nr. 1SSL, wendig, haben wir uns mit gewohnter Anmut iit die Rolle des krauten Kmdcs von Europa hineingefunden, nrid uns hätscheln, beschenken, Pflegen lassen, wann und wo immer eS nur ging. Ganz besonders muß dieser Vorwurf gegen deen Mittelstand erhoben werden, der sich willig fand, nicht nur die Hilfe in äußerster Not an- zunchmen, sondern in vielen, allzu vielen Fällen auch Behagen mch Vergnügen von Auslands-. ynd.Hnlchwä-l freunden bestreiten zu lassen. Wir haben uns daran ge- / wöhnt, Schuhe von einer „Aktion", >Mhl von er anderen, Soinmererholung für unsere Kstwer von einer dritten zu erhalten, und es gibt oft groteske Szenen der' Entrüstung, wenn auch nur ein Kostenbeitrag eiugehoben wird. Daß dieser Kostenbeitrag aber, Namentlich von An§- lo.udsaktionen, in letzter Zeit immer häufiger verlangt wird und seine Hohe auch rnr Verhältnis zum Wert der Spende ansteigt, ist als ein -Fortschritt in der Richtung zur Selbsthilfe mit Freude zu begrüßen. Rur auf diestm Weg kann unsere verschüttete Selbstachtung wieder ausgegraben werden, kann unser Stolz wieder aufgerichtet werden. In der Organ-ifation der Selbsthilfe liegt auch eine große Aufgabe für die Fürsorgeverbände. Man hat uns die Almosen in der Form von „Aktionen", von unpersönlichen- Gaben mundgerecht gemacht. Von Herrn Jack Smith oder Herrn John Brown hätte sich vielleicht so mancher geistige-Arbeiter nicht ein Paar Kilogramm Mehl oder einen Winter-- r-iautel schenken lassen, von der amerikanischen „Aktion" nahm er es ohne Bedenken. Wir haben daran vergessen, daß diese Aktion nichts ist als die Hand von Smith und Brown, und man hat ims schonend daran vergessen lassen. Jetzt sollen wir daran erinnert werden, sanft und leise, wo düs ausreicht, hart und schroff, wo es nicht genügt. Der SeNschilfe-gedanke muß zum Siege gelangen, und jede gesunde Fürsorge, mit Ausnahme der Fürsorge für Waisenkinder, Hilflose umd alleinstehende Greife muß Huf Selbsthilfe der betvefferwen Gruppe cder der Gesamtheit beruhen. Damit würde auch eine »der schlimmsten Schädigungen des gegenwärtigen Zustandes ein Ende finden: die Schädigung der Schenkenden. Denn wenn Nehmen demoralisiert, so demoralisiert Geben nicht minder. Insbesondere in der Form, in der es heute üblich geworden ist. Man füllt einen Scheck mit einer größeren oder geringeren Smmne aus und hat sich damit von dem ganzen unerfreulichen Tatsachenkomplex gewissermaßen losgekauft, man hat das Recht erworben, sich mit gutem Gewissen um das ganze Elend rund herum nicht mehr zu bekimmiern. Die Rät, der Jammer unserer Tage wird auf diese Weise von den Besitzenden von sich rLgewehrt, und da sie für ihre Gaben überdies „noch" jedesmal enthusiastische Danksagungen ernten, so sollt jeder Antrieb zu persönlicher AnteilnaAne fort. Damit soll gewiß nicht der Wohltäterei früherer Zeiten das Wort geredet werden^ Pa hie Dame, gefolgt vom Diener mit dem hilfreichen Korb,zn den „AÄnen"gmg und hochsteigenhandig die überflüssigsten Dinge verteilte und dazu die ungeschicktesten Fragen stellte. Ueber Liese Form sind wir wohl endgülttg hmausgekommen und brauchen Rückfälle nicht zu fürchten. Die jetzige Methode aber macht es einerseits den Besitzenden zu leicht, den Jammer von sich ferne zu halten und ein seelisches Erlebnis mit Geld zu „erledigen", öffnet aber andererseits Lug und Trug alle Türen. Die richtige Art der Fürsorge, deren Ziel es inrmer sein, muß, nicht Augenblicksentlastung zu bringen, sondern einen Zustand zu. schaffen, in dem der Bedürftige durch eigene Kraft und eigene Arbeit weiter findet, kann nur unter persönlicher Anteilnahme eines ganzen Kreises von Kameraden und Weggenossen ausgeübt werden und muß in letzter Linie auf die Grundlage der Selbsthilfe gestellt werden. Damit werden wir auch die Gestalt des. ProfessionSbettlers und „Aktions retters" los werden,, die allmählich zur Schande unfarer Zeit und unserer Stadt geworden ist. Mcht jene beklagenswerten Menschen, die Not, Unwiffenheit, Unbildung aus den Weg des Bettelberufes gedrängt bat, trifft die Schuld an.dieser Erscheinung, sie trifft uns, die wir eS bei besserem Wissen und höhere« Klavhesi immer noch Unterlasten, der sozialen Fürsorge die soziale Erziehung zu gesellen. Klara Mautner. Oesterreich. Neu« Vorschläge -er Ersparung»- Kommission. Die Evsparungskomlnissron hat in Fortsetzung ihrer bisherigen, mit eingehenden Vorarbeiten verbundenen Tätigkeit nunmehr die Budgetkapital „Land- und F r> r st- Wirtschaft", „Handel u. Gewerbe", „I n d ust r i e und Bauten" und „Soziale Verwaltung" einer gründlichen Prüfung unterzogen und ist zu einer Reihe von Vorschlägen gelangt, die eine Jahresersparnis von rund 30,4 Milliarden Kronen erzielen wirrvie MMigmg Äez MsMstt fe historische Sitzung des VöUerbrmdes. London, Hl- Juli, . Die Entscheidung im Völkerbund ist schön am letzten SaMstag gefallen. Von halb.11 Uhr vormittags an taM der Rät in geschMener SitzuM Setten öffnetes sich Me Tür, nm einen SekretLr des Mlkerbnndes oder einen Delegierten ansöder einzulasten. Die Beamten des Völkerbundes, die an der Sitzung teilnahmen, waren für diese Sitzung nach in besonders ausdrücklicher Form zu vollständiger Verschwiegenheit verpflichtet worden. Im Pressezimmer hielten sich nur drei oder vier Vertreter der großen englischen und amerikanischen Presse, ebenso viel Zionisten und einige Mitglieder der arabischen Delegation aus. Fernerstehende Kreise hatten nicht angenommen, daß:dse Stunde der Entscheidung herangenaht sei. Nach kurzer Mittagspause wurden die Verhandlungen weitergeführt und es war klar geworden, daß ein Ausweg gefunden war, zu einer einstimmigen Beschlußfassung zu gelangen. Um 5 Uhr war das Palästifta-Mandat erledigt Und auch für die Regelung des Artikels über die Heiligen Stätten eine befriedigende Fassung gefunden. Lord Balfour verließ befriedigt die Sitzung und die Presse wurde für Montag nachmittags zur feierlichen Schlußsitzung geladen. Montag nachmittags. Mau durchschreitet den Borraum in St. James' Palace, dessen Wände mit Waffen hebäugt sind. Die Sitzung findet im Roten Salon der Königin Anna statt. An den Wänden Bilder englischer Könige und Königinnen, vor dem Kamin ein breiter, rechteckiger Tisch für die Mitglieder des Rates, den Generalsekretär des Völkerbundes, Sir Eric D r u mmond, den Vorsitzenden der Mandatskommission des Völkerbundes, Prof. Rappard, und den begabten ÜeLersetzer. Um diesen TW der Stimmberechtigten zwei länge Mchr für die Presse. Amerikanische, englische, französische, italienische und zionistische Pressevertreter sitzen an ihnen, dazwischen auch einige Mitglieder der arabischen Delegation. Hinter den Pressetifchen einige Stuhlreihen für Mitglieder der Diplomatie und einige andere Kreise, die sich Eintrittskarten verschafft haben. Am Tisch des Rates nimmt zuerst Vivia n i, der französische Delegierte, dünn H m perial i, der Italiener, schließlich nach den Vertretern der beiden ostasiattschen Mächte Lord Balfour und der spanische Gesandte, der den Vorsitz führt, Platz. Hierauf kommen noch der B e l g i e r und der B r a f t liane r uud die Sitzung beginnt. Viviani legt den Standpunkt seiner Regierung dar; der herrliche Klang seines.Französisch vibriert durch den Saal. Lord BalfW^ Macht sich einige Notizen und hört in Ruhe und Gelassenheit zu. Nachdem Vivianis Rede übersetzt ist, erhebt sich Balfour. Er sucht nach Worten, seine Rede ist nicht vprhereitet und mau sieht, wie er seine Gedanken konzentriert und gleichzeitig bemüht ist, feine Kollegen und Zuhörer nickt zu überreden, sondern zu überzeugen und zu gewinnen. Mit Wer Stimme spricht er aus, daß das Mandat Palästinas von seiten des Völkerbundes endgültig erle"^ ist. Sein erster Appell gilt den A r aber«. Sein Auge geht in die Richtung, wo der Sekretär der arabischen Delegation sitzt, und sein Wort geht hinaus in die ganze arabische Welt. Pan der Bedeutung des Mandats für das jüdische Volk spricht er wenig. Mit bedeutsamer Geste verweist er auf seine früheren Reden uttd Erklärungen. So bezieht er alles, lvaS er jemals zur Erklärung der Balfour-Deklaration gefaxt bat, in die^ T;?;fc vor dem internationalen Forum gegebene Deklaration ein. Durch diese Bezugnahme wird auch seine Rede in der Albert mmmiamammm den. Bei Durchführung aller bisher erstatteten Vorschläge würde sich, immer nach den Geldwertvechältmssen vom ersten Quartal 1922 gerechnet, eine GesaiMrsparnisziffer von 90,2 Milliarden Kronen jährlich ergeben. Nach den heutigen Gsldwertvechältnisten kann diese Summe etwa mit dem Vierfachen, also mit dom Betrage von rund 360,8 Milliarden jährlich angenommen werden. Dev Hta«d der Ärbeitslafigkeit. In der ersten Jutthälfle wies ditz Entwicklung des Avbottsmarktes keine einheitliche Tendenz arff, während bei den Bauarbeitern, im graphischen'Gewerbe, bei den Hotelangestellten und anderen eine erfreuliche Abnahme der Zahl der Arbeitslosen eingetreten ist, verzeichnen einige andere Kategorien eine leichte Zunahme, so die Angestellten, Schuhmacher, Lebensmittelarboiter und Schneider. Im Vergleiche zur letzten Berichtsperiode erfuhr der Gesamtstand der Arbeitslosen in Wien infolge dieser uneinheitlichen Tendenz des ÄrbeitsmarTtes diesmal eine Hall, wird auch seine Rede im House of Lords zugülligen Dokumenten des Völkc-r'chtes. Unp nun beschwört Lord Balfour jene sein-r Landsleute, Mbishtzr. gegen die Balfour-Deklaration und die prozionistische Politik gekämpft haben, ihren Kamps einznstellen. Fortsetzung einer Opposition, die kein positives Resultat haben kann, wäre Verbrechen gegen die Menschheit, gegen die kämpfende Zivilisation. Bevor Balfour sich diesen Fragen zugewendet hatte, hatte er mit einer Feierlichkeit und Ehrlichkeit, die keiüen Widerspruch und Zweifel aufkommön läßt, festgestellt, daß die britische Regierung niemals den Wunsch gehabt hat oder haben kann, bei der Verwaltung der Heiligen Stätten anders vorHugehen, als auf Grund historischer Gerechtigkeit gegenüber all den großen Religionsgemeinden, die an den Stätten interessiert sind. Die Nneigennützigkeit der englischen Negierung, der einzigen proiestantll-ben Macht im Rate des Völkerbundes, gegenüber den fünf katholischen Mächten, hat den Weg zur Regelutig des Artikels 14 frei gemacht, und so kann Balfour mit der Ver^erung schließen, daß die Mandatarmacht in einem Geist vollkommener Unparteilichkeit, aber mit dem heißen Wunsch, einen Erfolg durchzusetzen, die Politik sortsetzen wird, die sie nahezu vier Jahre öffentlich vertreten hat. „Ich bitte jedermann in diesem Saal, zu welcher Nation, Religion, Sprache oder Raffe er gehören mag, uns in dieser großen Aufgabe zu helfen." Nach Balfour spricht Marquis I m p e r i a l i, nicht italienisch, sondern englisch. Er macht klar, daß Italien sich berufen fühlte, als katholisches Land die Frage der Heiligen Stätten mit größter Aufmerksamkeit zu behandeln. Aber er erklärt nicht, mit der gefundenen Lösung nicht zufrieden zu sein und gibt der Ueberzeugung Ausdruck, daß die Verhandlungen zwischen Frankreich und Italien wegen Syrien in kürzester Zeit beendet sein werden. In warmen Worten übermittelt er Lord Balfour Glückwünsche zum 75. Geburtstag. Die Diplomaten am Tische des Völkerbundrates applaudieren. Es applaudiert aber auch Presse und Publikum. Es applaudieren die Ausländer, die nicht zu wiffen scheinen, haß die Galerie um keinen Preis in die Verhandlungen einer solchen Körperschaft eingreisen darf. Aber Lord Balsönr erhebt sich, von Sir Eric Drummond und Prof. Rappard ermutigt, und beginnt mit einem jugendlichen Lächeln seinem Erstaunen Ausdruck zu geben, daß die Verhandlungen in so ganz irregulärer Weise unterbrochen werden nnd haß noch dazu in so irregulärer Weise das Pübliküm eingreift. Aber daß ihm in deck letzten Stunden seines 74. Jahres eine solche Ehrung vor solchem Publikum zuteil geworden ist — er wendet sich dem Saal zuwerde ihm unvergeßlich bleiben. And nun verkündet der Vorsitzende, Spaniens Gesandter in Paris, daß der Rat des Völkerbundes das Mandat für Syrien und das Mandat für Palästina gebilligt hat und daß die Mandate i n K r a f 11 t e t e n, sobald England und Frankreich dem Präsidenten des Völkerbundrates die Beendigung ihrer internen A fr 8 e \ n a n b Ersetzungen mitgelei lt haben. Die Versammlung erhebt sich, man verläßt den Saal. Der Erzbischof von Canterburh, das geistliche Oberhaupt der englischen Staatskirche, verabschiedet sich von dem Vertreter des katholischen Spaniens. Im Hintergrund des Saales strahlt mit leuchtend blauen Augen das weißbärtige Antlitz Nev. H e ch l e r s, 'der Theodor Herzl die Wege zu Fürstenhösen und Diplomaten eröffnet hat. Verstärkung, und zwar von 36.789 auf 88.181, somit um 1392 Arbeitslose, d. i. um 3,8 Prozent. Außerhalb Wiens weist der Stand det Arbeitslosen weiter eine konstant fallende Tendenz auf. Die Vorschüsse für die Kriegsbeschüdigterr. Wie bekannt, sind in des letzten Novelle Nachzahlungen Zn der Höhe der zehnfachen letzten Renten und Vorschüsse in der gleichen Höhe vorgesehen, damit die Rentene^chfänger nicht erst bis zur Durchführung der neuen Renten auf die erhöhten Bezüge ivarten müssen. Die letzten Zahlungsanweisungen — insgesamt handelt es sich in Wien allein um 36.218 — sind am 28. Juli vormittags der Postsparkasse zur Auszahlung an die Invaliden, Witwen und Waisen übergeben worden, die allo ihre Nachzahlungen und Vorschüsse aus Gvund der 7. Novelle in den nächsten Tagen erhalten werden. In ähnlicher Weise ist die AnweismigSarbeit bei den anderen Jnva- , lidenentschädignngSkommistionen vor sich gegangen. Zionlatisches Anlässlich, der veranstaltet dasZionistische Landeskomitee am Montag den 31. d. M. um 7 Uhr abends Im Festsaale des Hotels CONTINENTAL, ll.;Taborstrasse 4. ein