Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- Heft 1254 (28.7.1922)
- Date
- 1922-07-28
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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*t; lx ot *6. Öltii 19?I< Rundschau. England ««d die Haager Konferenz. London, 27. Juli. (Reuter.) Im Unterhause erstattete der englische Vertreter ans der H a a g e r Konfere n z Lloyd Gr ea m seinen Bericht. Er gab hierbei der Ansicht Ausdruck, daß, toemt, Rußland eine Politik befolgt, die sich nach «den letzten russischen Vorschlägen /richte,; es: den. Weg zur Wiederherstellung seines Wirtschaftslebens einschlagen werde. Clynes verwies darauf, daß das von französischen Anternchmern m Rußland angelegte Geld Frankreichs Haltung beeinflusse; andererseits stelle sich dieser Umstand ' den Interessen Englands entgegen, das unter der großen Arbeitslosigkeit leibe. Lloyd George erklärte, er sehe die Notwendigkeit neuer Konferenzen voraus: Er erinnerte an die Haltung, welche die Verbündeten gegenüber Rußland während des Krieges eingenommen haben, und. sagte, die Verbündeten konnten trotz der späteren Interventionen nicht beschuldigt werden, daß sie eine Invasion in Rußland veranlaßt hätten. Sie hätten Deutschland nur verhindert, sich der Reichtümer Rußlands zu bemächtigen. Das jetzige Rußland werde aus den heutigen Verhältnissen nur mit Hilfe der zivilisierten Welt herausfinden. Eine solche Hilfe sei jedoch nur unter Erfüllung gewisser nunerläßlicher Bedingungenmöglich, sonst würde Rußland nichts erhalten. Die Konferenzen von Genua und Haag hätten ans diese Weise zur Erziehung Rußlands beigetragen. Die Londoner Konferenz. Paris, 27. Juli. (Tel.-Komp.) Die Note, die Lord Balfonr im Aufträge des englischen Kabinetts all Poincare gesendet hat, ist hier noch riöcht eiugetrwffsit. Ihr Inhalt ist aber durch eine Depesche des französischrn Botschafters in London bekannt geworden. Poincare ist seinerseits der Ansicht, daß die Londoner Konferenz nicht beliebig hmausgeschobell werden soll, da die alliierten Minister vor bem 15. August ihre Beschlüsse gefaßt habeil müssen, damit die Reparatiollskonmnssion in die Lage versetzt iv-erden fmtite, bis 51t diesenl Tage aus das deutsche Moratoriüiltsausnchen cine Antwort zu geben. Es wäre angesichts der italiemschelt Negiernugskrtse angebracht, daß Italien an den Londoner Besprechuugeu durch ftiuen Londoner Botschafter vertreten ist. Die französische Regierung ist der Allsicht, bajj die Finanzkontrolle in Deutschland einen ausgezeichneten Hintergrund für eine Anleihe breten werde und daß ein kurzes Moratorium eine Politisch ruhige Atmosphäre schaffen würde. Die Morgan-KüMMissiorr. Pari«, 27. Hub. |TeI. der „Wjener Morgenzeiwng-.) Wie die „Chicago Tribüne" melde!, hat Morgan aus eine offiziell; flanzöfische Anfrage aus London gscwimoltst. daß er bereit sei, anfangs September einer neuen Sitzung des Bankier- Komitees beizuwohrien. Die französische Regierung hosftj daß sich die Grundlagen für neue Anleihrbesprechungen werden finden lassen. Ein Streik in Moskau. Paris, 27. Juli. (Fnnksprnch.) Tie Textil- «N r beiter Moskaus sind wegen Herabsetzung ihrer Löhne m einen e ill tägigen P r o t e st streik getreten. Es ist dies seit der Revolution der erste große Ansstand ill Moskau. Empfang in der Berliner russischen Botschaft. r Berlin, 27. Juli. lTel.-Kontp.) Im Palast der russischen Botschaft veranstaltete Tschitscherin einen gläuzeuden Empfang, wobei die Raun re ztmt erstell Mal seit Joffes .Abreise eröffnet wurden. Iir Vertretung der Reichsregier.ing waren Reichskanzler Dr. Wirth und die Minister H e r nt c s mib G isbert erschienen, linier Führung des Präsidcllten Loebe nahmen zahlreiche Parlaureittarier am Empfange teil, weiters promineitte Persönlichkeiten aller finanzielleu, wirtschaftlicheil nnib politischen Kreise. Deutschlands Zulassung Zum Völkerbund. London, 27.' Illli. Wolfs.) Der diplomatische Korrespondent des „Daily Telegraph" schreibt: Der französische Botschafter stattete gestern nachmittags in Foreign Office eineil Besuch ab, brachte aber keine Antwort Poincares auf die Note Balsours vom Dienstag. Marl erwartet indessen, daß die sraltzösische Antwort im Laufe des heutigen Tages in London eintreffen wird. Wenn Poincare mit Lloyd George zusannnentrifft, wird er gewahr werden, daß nicht er allein einen klar gefaßten Plan für ein treues Reparattonsabkvmmen mitbringt. Die größte Schtvierigkeit für eine baldige internationale Zusammenkunft liege, in der Erwägung, daß im Gegensatz zu früheren Erfahrungen, falls die italienische M i n i st e r k r r s e Ende dieser Woche gelöst feiit sollte, der Vertreter der italienischen Regrertlng kauin früher als . eine Woche nachher in London eintreffen könnte und außerdem noch unvorbereitet sein würde. Der Korrespondent führt weiter aus, die Erklä ung Fishers auf dein Friedenskongreß, die italienische Regierung wünsche den Eintritt Deutschlands in den Völkerbund int Laufe dieses Jahves, habe in alliierten diplomatischen Kreisen ziemliches Auffehen erregt. Von mancher Seite lvird der Nachdruck, der aus diesen Punkt gelegt wird, mit der bevorstehenden Regeln n g der Nepara- An die organrsierLen österkeichi'chenZianisten! i ’ ' Jur Sekretariat des Zionistischen Landeskomitees, 2. 58^., Taborftraße 20 a, werden an orgamsterte österreichische Zio- , H Mlt-liLÄliAijqft-ii-Üch Mristlich) b-tref- » r 'send den Erwerb von Aktien der vkient» a Mt (WliHtii! 1.-1) erteilte Der Endtermin für die Entgegennahme von Zeichnungen für organisierte österreichische Zionisten läuft am 1. September 1922 ab. tions- und Schüldenfragen in Verbindung gebracht. Es werde vernmtet, daß Poincare.ersucht werden soll, zuzustimmen, daß Deuffchlands Mittritt in den Völkerbund eilten Teil dieser Regelung bedeute. Es werde auch angedeutet, der britische Minister hätte im Laufe von Besprechungen mit Mitgliedern des Völkerbundrates in beit letzten Wochen festgestellt, daß geaen eine Zlllasfung Deutschlands in den Kreis des BLlkerbundes wahrscheinlich sich nicht viel Widerstand zeigen würde. Der Korrespondent erklärt, erfahren 31t haben, daß irr der Völkerbundversamüing eine ausreichende 'Mehrheit für die Zul-assnng gefunden werden würde, falls Deutschland nicht darauf bestehe, daß es einen sofortigen und ständigen Titz ■ im Völkerbru'.drate erhalte. Sturm in Bayern. München, 27. Juli. Die Demschnationalen sordern die bayrische Bevölkerung zum Kampfe gegen den von der Berliner Regierung drohenden Bolschewismus ans. Es wird bereits von der bayrischen Vollspartei wegen des Eintrittes der Teutschnattotialcu ill die Regierung verhandelt. Die Organe der Bar)rischen Volkspartei, besonders die offizielle Korrespondenz der 'Klerikalen, erklären, daß der Kampf gegen den R c i ch s tag u ttd d i e R c i ch sregiernng dnrchgesochten lverdeu ntüffe. Es handle sich mit unwiderrufliche letzte Zugeständnisse des bayrischen Volkes. An der Ausnahmeverordnung dürfe inan nicht rütteln, mb wenn die Reichsregierung wölle, so müsse sie eben m i t G e. w a l t ni.i t t c l n gegen Bayern Vorgehen. Man sei in Bayern bereit, die revolutionären Hilfstruppen der Reichsregiermrg zu empfangen. Bezeichnend für die Stimmung in'den Münchner Regierungskreifen ist, daß das Rektorat der;Mü n ch ner Universität deir Vertreter der repMikauischen Studentenschast, den Söhn eines repttblikauischen Reichsministers, disziplinarisch b cstraft hat, weil er einen Protest gegen das Verlbot einer R a t h e n a u - G e d ä ch t n i s f e i e r durch die Universität^ tluterzoichnet hatte. In den Freikorps der Reichs wehr und den Formationen der Laudpolizei wird fieberhaft gegen die Berliner Regierung agitiert. Hand in Hand mit dieser Agitation geht eine i n t.e n s i v e I u d e n h e tz e. Die A r b e i t e r v e r b ä n d e haben einen Äusvus erlassen, in dem sie erklären, daß die Haltung des bayrischen Landtages eine Gefahr für die deutsche Republik uud für die. Reichseinheit bedeute, uud nur beu snrnzösischen Wünschen diene., Geschloffene - und strenge Disziplin der Arbeiterschaft sei das Gebot der Stunde. München, 27. Juli. (Wolfs.) Die Lattdesausschüffe des Allgemeineit deutschen Geworkschaftsbnudcs rmd des Afa- Bnndes erlassen in der „Münchner Post" eiueit Ausruf, worin es n. a. heißt: Bayern sabotiert die Reichsgefetze und gefährdet dadurch die deutsche Republik und die Reichseinheit. Furchtbave lvirtschaftliche Auswirkungen müssen sich ergeben.'Die Mark wird in der Kaufkraft weiter sinken. Die Lebenslage der Arbeiter muß sich dadurch noch weiter verschlechtern. Gesteigerte Not und weiteres Elend sind die natürlichen Folgen. Republikauer, reicht euch die Hände! Für die gesamte Arbeitnehmerschaft ist eiserne Goschlosseuheit lind strengste Disziplin geboten. Das böse Beispiel. Ludwigshafen,' 27. Juli. (Wolfs.) Eine Anzahl pfäl-, zischer Bürgermeister, die sich gestern mit der besonderen Lage der Pfalz beschäftigt hatten, hat eine Abordnung nach Mnnchelt entsandt, die dort die Besorgnisse der Pfalz vortrageil soll. Wie die „Pfälzische Rundschau" schreibt, hofft man, daß in München der Lage der Pfalz in lveitgeheckdent Maße Rechnung getragen wird, nm eine pfälzische S 0 n d e r p 0 l i t i k unter allen Umständen zu vernteiden. Die IrrterNKlioNattsierung der Oder. Berlin, 27. Juli., (Wolfs.) Die internationale Oderkomntisfiou hat. zunächst die Frage beraten, welche Teile der Odevoder ihrer Nebenflüsse dent iuternarronalen Regmte zu unterwerfen sein werden, ferner die Sicherstellung der Freiheit der.Schiffahrt und die gleiche Behandltzng; aller.Flaggen auf weiters die Frage ches. - Tlro üsitV erkehrs nüd cher HollsönmlFch-' Wiel Grimdsätz? iftiy .die Benütznug der -c Höfen und die Bedingnngen für die Znlassttng'-''bön Schiffen, und Fahrzeugeit zur Dderschifsahrt. Die Beratungen? die eine eche Lesung des Enyvm'fes der Oderakte darstellerr, werden voraussichtlich in dieser Woche abgeschlossen werden. ' - Die L«ftschiffahrt im Deutschland. Paris, 27. Juli. (Wolfs.) Dem „Fonrnal" wird anZ' Berlin genlsldet, die 'deutsche Regierung habe-an mehrere Nachbarstaaten eine Verbalnote gerichtet, tvonach nach ihrer Ansicht die Entscheidungen der Botschafterkvnferen' über die deutsche Lusffahrt ebenso auf die ansländischeu Flugzuge Anwendung finden, die ettva deutsches Gebüet überffte^en. Jnfolgedesselt verbiete Deutschland das Eindringelt m die deuffche Luftfahrzone allen ausländischen Flucizengen, gleichviel welcher Nationalität, deren Motorstärke über die für die deuffcherc Luftfahrzeuge festgesetzte hinausgehe. Tagesbericht. $?.. ' ___ Der große Flüchtlingstramsport. Der Frachtenbahnhof der Nordbahn bot Dienstag nacht nlittags ein Bild, das lebhaft an Szenen erinnerte, wie sie sich während des Krieges im Osten öfter beim Nachtrain entwickelten. Zwischen bat hin und her sahrenden Wagen und Lastenairtos hasteteit jüdffche Gestalten, gebeugt von der Last ihres Gepäcks. Die damals geflüchtet waren, flöhen auch jetzt. Sie flohen aus der Stadt, in der sie wohl nicht rohe Bauern- und Söldnerbanden ans ihren Wohnungen trieben, wo mau sie aber auswies und in alter Ruhe delo gierte. Sie flohen von dort, wo man ihnen immer tntgastlich ihr Ansländertilun vorgehatterr, sie nicht die erlernten Berufe auS'üben ließ, sie flohen vor der Arbeitslosigkeit und denr unerschwinglichen Brotpreise. Und wie' damals zo'geit sie auch nun wieder bangett Gefühls einer nngewiffen Zukunft entgegen. Sie wußten, daß das Torf oder die Stadt, in der sie früher gelebt hatten, anders gewordeit ist, daß sie ihr eigenes Haus in völlig zerstörtem Zustand finden würden. . Vor einem Frmhtelrmagazin reihten.sich Tausende von. ■ Menschen in wirren Gruppen aneinander. Die i siebenhundert Äbreisenden waren von einer weitaus größeren Anzahl Bekannter und Freunde begleiiet. 'Auch die Weltnengierde hat ihren bekannten Kundschafter, den Fiünoperntcur, hierher entsendet. Hier wurde eine Gruppe von Kindern gefilmt, die. ■ mit ihrem Lehrer gekommen waren, mit den äbreisenden Kameraden Lebewohl zu. sagen, dort auf ihren Gepäckstücken kauernde bärtige Männer und Sängliuge tragende Frauen, 'dort drei junge Blinde, die int israelitischen Bltndeniltstimt eilt Handwerk gelernt, haben. Auch auf besonders bernerkenswerte Freunde der Abreisendeit richtete der Operateur /sein Angemnerk. Herr Oberrabbiner Dr. E h a j e s, Frau - Amtta M ü l l e r, eine Gruppe von auterikänischeu Stüdeuten uutvr Leitung'ihres Lehrers G v l d b e r g solvie der Vertreter des Pölnischeit Einig rat ious-amtes Oberst Wis z ek, der die Aktion des Komitees seit Beginn unermüdlich fördert, in Vertretung des zionistisch'-'n Landeskymitees Dr. Löwe n h e r z und Doktor Soser und viele andere waren getont men, nm deit Abreisenden das Geilete zu geben. D Besonderer Tank gebührt dem Polnischen Kous-ul. Krokvwski, dent Leiter der polnischen Paßstelle Marc i n k 0 -lv s k i und dent Direktor Witt 0 Wiek i, die die Bestrebnitgeit des Kwnuitees wärmstms üntevstützten. Plötzlich kam Leben in die Maffm. Stramnve Turner und Turneriltnen von Makkabi 9 und 10 kanten als Ordner anmarschiert und nahmeit bei den Waggons Ausstelluug Der Extrazng, mn. bessert Erstellung sich.das Komitee zur „Heimbeförderltttg jüdischer galizischer Flüchtlinge" so lauge bei den in Betracht kmnnettde.lt Regierttugen bemüht hatte, bestand ans nicht weniger als siebzehn .Personen-, einem Sauitätsnud itugefähr ft'vnfzig Lasttvaggons. Letztere bargert den me-ist. höchst arlitseligen Hausrat der „Heimretsettden". Eine laute Stimme rief die Namcit der cinzelneit Abrelfenden, die nutt Ausstellung nahmen. Die Einwaggoniertmg verlief trotz der großen Erregltng der Ab reisenden und ihrer Begleiter völlig ordnuttgsgemäß. Oberrabbiner Chajcs schritt in Begleitung des Leiters der Aktion Dr. Gelber sämtliche Persoüenwageit ab. wo sich die Abreiseudeit von ihm in der herzltchjten Weise verabschiedeten ( Ilmerhalb der Waggons wurden, nuu, wie jedesntol, an die Abreisatden die Lebeltsülittelgabcit der „Sozialen Hilssgemrinschaft Amtta Müller" verabreicht, welche diesmal iusolge einer großen Lpeirde .de§- Herrn Eh. L. M e i s c l.s, Gründers des Vereines „Or Thora", besoitders reichlich ansfielen. Vor den Waggons-aber gruppierten sich aufgeregt tteftifn(.ierenbe Menschen, hauptsächlich mn Herrn Dr. Gelber itttd Herrit Dr. Beidaff.-Ta gab es einett arnten Schneider, dem sin Wohltätigksitsverein.eine neue Nählnaschine gespendet hatte. Nun wollte' man ihn und seine Habe iiichi inituehmen. weil'neue Gegeustäudc nicht' mit bau Transport befördert lverden dürfen. Ta gab es Nack-züglcr, die tun Zttlaffnng ztt diesem Transport baten, eine loeinende Frait, die ihre Tochter, ein taubstunmtes Lehrmädchat iu Wiett, versorgt wisseit wollte. Die qttäl'elvdsten Privatsorgen so vieler Menschen stüruttett jetzt ans diese Männer ein, die, wörtlich genontuten, Tag und Nacht in aufreibendem Dienste den großen-Transport vorbereitet hatten,. Auch die Leistungen der Beamteit der Delegation des jüdischett Nationalrates für Öst'galizien H. Di stier uuu Wn h l verdienen alle Anerkennung. Mittwoch gab es dattu noch drei kletttere, an Norntalzüge artgegliederte Transporte. Zusammen wurden an diesenbeideit Tagen über 1000 Kriegsflüchtt 1 nge M Banken geben 6 Prozent Zinsen. Viel bessere Kapitalis.anJagc ist der Ankauf von englisciisti 'SlöWch!, 1 Beirren- und Dantenwileche etc., bUUcst. be? iSshiffihann II., Taborstraße 48 Telephon 47«i -7t En qros En detail 999999999999999999999999999999999990