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Wiener Morgenzeitung · 1922-07-27 · Heft 1253 (27.7.1922) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
4 (1922)
Issue
Heft 1253 (27.7.1922)
Date
1922-07-27
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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, ftr. 1253 Men, Donnerstag Wiener Morgenzeitung. 27. Juli 1922 Gerte 3 PüÄerewskis Heimkehr. Paris, 26. Juli. (Funkspruch.) Paderewski ist ans Amerika zurückgekönurcen und WM seit zwei Tagen in Frankreich. Er erklärte in einer Unterredung, er wisse noch nicht, welche Haltung er ornehmen tverde, wenn das politische Volk seine Mitarbeit verlangen sollte. Er begebe sich heute in die Schweiz und gedenke, Mitte September nach Polen zurück zu kehren. Rrm-schau. IrtternatiormLer Friedenskongreß. London, 25. Juli. (Reuter.) Der internationale Friedenskongreß ist heute eröffnet worden. Der britische Unterrichtsminister Fisher legte dar, es läge im Interesse des Friedens, daß die Einteilung der Welt in Sieger und Besiegte aufhöre. Er verlangte, daß Deutschland noch in diesem Jahre zum Völkerbund zugelassen werde. Lafontaine (Belgien) der zum Vorsitzenden des Kongresses gewählt wurde, warf die Frage der Kriegsopfer auf. Er erklärte, es sei dies eine die ganze Wett umfassende Frage, und verlangte, daß jede Nation zur Unterstützung der Kriegsopfer Beitrage leiste. Der Kongreß hat vier Kommissionen ernannt, die mit dem Studium der Fragen der wirtschaftlichen Wiederausrichtung Europas, mit den den Völkerbund berührenden Fragen, den Fragen der auswärtigen Politik und endlich mit dem.Studium der verschiedenen Tagesprobleme betraut sind. Abrüstung nutz Völkerbund. Das Völle rbundssekreta.rtat veröffentlicht sine Mitteilung über die Beratungen des dritten Unterausschusses der zeitweiligen gemoschten Abrüstuygstommission, die von: 21. bis 23. Juli in Genf mit der Beratung der bisher emgelcmfenen Antworten ans die von der Völkerbunds v e rsammlung angeordneten Umfragen über den Stand der Rüstungen der einzelnen Mächte beschäftigt ivar. Aus der ziemlich ausweichend und zurückhaltend abgesaßten Mitteilung geht hervor, daß die bisherigen Ergebnisse nicht sehr aufschlußreich und zweckdienlich sind und sich vor allem auf die Vorkriegszeit beziehen. Was die Nachkriegszeit betrifft, so ^beschloß der Unterausschuß, künftig nicht .das Jahr 1921, sondern das Jahr.1922 als Vergloichsbasts gegenüber der Vorkriegszeit zu benützen. Er stellte.ferner fest, daß es ihm trotz aller Anstrengungen n i ch t m ö g l i ch üvar, aus den offiziellen Darstellungen der verschiedenen RegieW-ugen die von der letzten Versammlung des Völkerbundes gewünschten Aufklärungen zu gewinnen, und beschloß daher, den Völkerbundsrat auszufordern, sich d irekt mit den einzelnen Negierungen auf Grund eines neuen Fragebogens in Verbindung zu setzen. , Uebrigens weist die Mitteilung aus die großen Schw ierigkeiten hin, die sich der Arbeit des Ausschusses entgogenstellen. Eine sofortige Veröffentlichung der bisher erzielten'Ergebnisse ist nicht geplant, sondern der Versammlung soll nur eine provisorische Darstellung zugehen; iiber die endgültige Form einer etwaigen Veröffentlichung soll erst spater beschlossen werden. Der Ausschuß wird kurz vor farm Infam« Neisebriefe Wien-Palästina. Von Wolfgang Weisl. Zionismus in Konsiautinopel. . In Konsiautinopel leben etwa 90.000 bis 100.000 sephrrdische Juden und etwa 10.000 Aschkenasim, die größtenteils aus Rußland und Rumänien stammen. Die beiden Gemeinden sind getrennt und haben ihre eigenen Institutionen und Gemeindeverwaltungen. Die aschkenasische Gemeinde ist vollständig zionistisch und hat sogar 4 Prozent ihrer Einnahmen als Beitrag für den Keren Hajessod bestimmt; ihr Oberrabbiner Dr. Markus ist aktiver Zionist . und nimmt regen Anteil an der Entwicklung des zionistischen Lebens in Knschta (wie Konstantmopel von den Juden genannt wird). Leider ist die aschkenasische Gellleinde sehr arm und ihre Beiträge sind daher materiell nicht sehr bedeutend. Die sephardssche Genwinde hat ebenfalls eine zionsstrsche Majorität in ihrem „Conftll coltrmunal", dessen Präsibent gleichzeitig der Präsident der Federation Sioniste d'Orient und Präsident der Landeskommission.des Jüdischen Ratiowlfonds für die Türkei ist. Auch in der sephardsschrn Gemeinde arbeitet die zionistische Mehrheit eifrig damilf hin, eine Besteuerung der Gemeinde für den. Keren Hajessod zu erreicheil, stößt aber derzeit noch auf gewissen Widerstand. Die Arbeit für deu Keren Hajessod hat in Konsiantinopel erst vor kurzer Zeit begonnen, aber schon im erstell Anlauf überraschende Erfolge erzielt. Die zioufftischen Führer absolvieren, täglich je eitlen oder zwei Besuche bei den lnchtzion istischen Notabeln und erhalten Zeichnungen von einer in Konstantüropel. rnrerhorten Höhe. Freilich konnte fas Prinzip des „Maasse^ gerade bei fall bisherigen Gegnern nicht dnrchgeführt werden, da aber die Zeichnungs- Verpflichtungen lücht wie in Mitteleuropa auf fünf Jahr« Teilzahlungen lauten, solrdern m zlvei Jahrell getilgt werden .müssell, so ist das bisherige Resultat noch lange nicht endgültig. ■ . mcutinit der nächsten Bölkerbundsversammlung nochmals zufarnlnentretell. Wahl eines Arheiterparteilers ins enqliiche Nine'rhrms. London. 26. Juli. (Reuter.) Bei der Ersatzwahl ins Unterhaus in Ponth Gridd (Wales) wurde der Kandilat der Arbeiterpartei Mardy Jo-nes mit 16.630 Stimmen gegen 12.660 Stimmen, die auf den Kanditaten der liberalen Koalition Lexis entfielen, gewählt. Dschemal Basch« ermordet. London, 26. Juli. (Reuter.) Die „Times" melden aus Konstantmopel: Der italienische Konstll in Tiflis berichtet, daß der ehemalige Kommandant der türkischen Streitkräfte in Palästina Achmed Dschemal Pascha mit seinen beiden Adjuvanten am 21. d. in Tiflis ermordet worden sei. Die.Mörder Dschemal Paschas sind armenische Terroristen. Dschemal Pascha, der Freund Envers, ist während des Krieges durch seinen maßlosen Nationalismus berüchtigt geworden. Er hat die Befehle Envers und Taalat Paschas zur Vernichtung der armenischen Nation fast bis zur Ausrottung befolgt und auch die Juden in Palästina unter einem entsetzlichen Galgenregirne gehalten. Vieles spricht dafür, daß er wcchnsinig war. Die Rache, der Armenier hat im Vorjahre Talaat in Berlin erreicht. Ernste Lage irr Amerika. Verschärfung des Kohlenarbeiterstreiks. Paris, 26. Juli. (Funkspruch.) In den Vereinigten Staaten sind die Besprechungen zwischen den Führern der Grubenarbeiter und der Negierung neuerlich geschei-. t e r t. Die Lage wird sehr ernst beurteilt. Washington, 26. Juli. (Reuter.) ßn Denison (Texas) wurde infolge von Unruhen anläßlich des Streiks der Eisenbahner der Belagerungszustand erklärt. Fay-rrn und die deutsche Republik. Berlin, 26. Juli. (Wolff.) Das Neichskabrnett ist heute um halb 12 Uhr vormittags zusammengetveten, um sich mit der bayrischen Frage zu beschäftigen. Diesmal nahmen sämtliche Minister an der Kabinettssitzung teil, da Arbeitsminister Braun und Reichswehnninister G o stier heute trach Berlin zurückgekehrt sind, ebenso der Innenminister Köster. Uefar die Beschlüsse, die das Reichskabinett fassen wird, läßt sich eine bestimmt« Voraussage noch nicht machten. Die Stimmen innerhalb des Kabinetts, die durch eroe rein formale juristische Weiterverfolgung der durch die Münchner Taktik geschaffenen Lage vor dem Reichsgevicht dem Konflikt die Schärfe zu nehmen glauben, sind ziemlich zahlreich. Die Besprechungen, die zwischen dem Reichspräsidenten und dem Reichskanzler stattgefunden haben, dürften zu einer deutlicheren Umschreibung der Alaßuahmen gefühvt haben, die zur Wcchmng der Reichs interefferc getroffen werden sollen. Die Angst vor far Verantwortung. . München, 26. Juli. (Tel. d. „Wr. Morgenzeitung".) Der „Bayrische Kurier", das Organ der bayrischen Bottspartei, schreibt zur Meldung, daß der Reichstag demnächst! zusammentreten wird, es sei sehr naheliegend, daß sich auf diese Art der Konflikt nur noch verschärfen würde. Wenn die R e i ch s r e g i e r u n g immer noch glaub«, daß die Gegensätze überbrückt werden können, dann hänge das einzig und allein nur von ihr ab. Die Regierung Lerche ufeld habe sicherlich keine Gelüste nach unheilbaren Konflikten. München, 26. Juli. (Süddeutsches Korr.-Bur.) Amtlich wird verlautbart: Das Hänfalsminffterium bleibt, ohne daß der bevorstehenden Vereinfachung der Staatsverwaltung vorgegriffen würde, vorerst als selbständiges Ministerium bestehen. Die Leitung hat bis auf weiteres Graf Lerchenfeld übernommen. Die Stellvertretrmg ist Staatsrat Dr. v. Memel übertragen worden. Die kochende bayrische Volksseele. Auf welch« Weise in Bayern der Kampf gegen die .deutsch« Republik geführt wird, davon gibt ein Rundschreiben Knude, welches di« „Frankfurter Zeitung" veröffentlicht und folgenden Wortlaut 'hat: „Die Bayrische Volkspartei Bayerns hat seitens der Leit u n g derselben A u f t r a g erhalten, Aufforderung ergehen zu lassen, daß Entschließungen (Resolutionen) seitens far (famentfau oder der Bayrischen Volkspartei oder nationalgesinnren Vereinen und Männer gegen das Gesetz zum Schutze der Republik und gegen das Krimnralgefetz an das Bur-ran der Bayrischen Volksparte-i (München, Mafftrstraße 4) mit der allergrößten Beschleunigung, spätestens bis kommenden Mittwoch telegraphisch oder durch Eilbrief emgerercht werden... Es ist nicht dringend notwendig, daß zu den Versammlungen die ganzen Gemeinden bis zum letzten Mann herarlgezogen werden; es genügt vielnrchr, wenn ein kleinerer Kreis (15 bis 25 Mann) seine Zustnmmrng zu far zu sasserwen Entschließung gibt (jedoch je mehr, je besser).' Die Resolutionen sollen möglichst kurz, nachdrücklich (eventuell in landläufigen Ausdrücken) und im Text verschieden gehalten ioerfan, zum Beispiel „Nieder mit den Schandgesetzen; wir fordern von far Regierung unbedingte Ablehnung" usw. Als Unterschriften wolle' gewählt werden: Eine stark besuchte Versammlung der Bayrischen Volkspartei Nikolcff Nikolajewissch in Bayern. . Riga, 26. Mi.. (Tel. d. „Wr. Morgenzeitung".) Wie das hiesige sowjetfremrdliche Blatt „Segodnja" meldet, ist far ehemalige Großfürst N i k o l a j N i k o l a j e w i t s ch, der während des Krieges Oberbefehlshaber der gesamten russischen Armee war, mW der sich bisher in Italien aufgehalten hat, nunmehr nach Bayern übersiedelt. Nikolaj Nikolajewrtsch wird irr errrem Schlosse in Obe rbayern Auftnthalt nehmen, fas sich in der Nähe des Wohnsitzes fas Herzogs von Lncchtenburg beffndet. Sozialisten und Faszisten. Rom, 26. Mi. Die MrenaWelegenheit zwffchen der Redaktion des „Popolo d'Jtalia" und der „Giustizia" ist drirch gegeiffeitvge Ehrenerklärungen beigelegl worden. Paris, 26. Mi. (Funkspruch.) 200 Faszfften airs Novam sind m Magerita eingÄvungen und haben die dortig«' sozialistische Genossenschaftsbank verwüstet. - lautet; Kexenreleker Sommer! Kaufe» Sla la Regenmantel zu beispiellos billigen Preisen bei i Schiff mann II., TaborstraBe 48 Telephon 47*t«78 En gres En detail süaaKefframj rW«: Wenn man von Konstantmopel eine seiner Bedeutung 'entsprechende Beiwagsleistung ftir Palästina erwartet, so darf man, will man nicht enttäuscht werden, nicht daran vergessen, daß die Juden Stambuls erst dazu erzogen werden müssen, soziale Pflichten zu erfüllen. Bis in die allerletzte Zeit waren sie geüvöhnt, zu empfangen und nicht zu gefan. Di« Alliance Jsraelite Universell«, der „Hilfs- Verein der deuffchen Juden", far Joint — alle schickten Geld nach Konstantinopel, und die reichen Juden der Stadt taten nichts, nicht einmal für ihre eigene Genreinde, geschweige denn für Palästina. Als nach Kriegsende die Federation Sioniste d'Ovient organisiert wurde, mutzte auch diese eine der Bedenttmg dieser Neugrnndung enffprechende Subvention der zionistischen Exekutive in London annehmen. Es ist ein ausgezeichnetes Beispiel dafür, wie sehr far ziomstffche Gedanke die Massen veredelt, daß darauf hin eine erbitterte Opposition gegen die Exekutive far Fedemtiou Sioniste -'Orient in den Reihen far Organisation selbst entstand, die ihr in der heftigsten Wesse Vorwürfe rnachte, weil sie diese Subvention angenommen hätte. Und obwohl derzeit die Federation keine Unterstützung aus den Geldern der Exekutive erhält, ist rroch immer das Hauptthema jeder Oppositionsrede, daß man vor zwei Jahren Geld von London gerimmnen habe. Die „neuen" Juden Konstantinopels wollen keine „Unterstützung" nrehr, ein Beweis, wie sich unter den: Einftuß der ziomstsschen Jfaentvelt das ganze soziale Leben einer jüdischen Gemeinschaft verändert. Wenn ich hier von zionistischen Ideen spreche, so heißt fas: die jüdischen Nkassen und bereit Führer haben für den Zionismus eine tieft, innerliche Sympathie und sie möchten alles tun, um dieser Sympathie Ausdruck zu geben — wenn sie/ wüßten, wie. Es genügt ja nicht, daß man far Menge sagt: „Gib Geld." Es genügt auch nicht, lvemr inan einen , üfarhitzten Enchusiasmus von ein paar Stunden Brenndauer in ein Paar Versammlungen erzeugt: mit arbeiten zu können, muß man ein zionistisches Milien schaffen, das ist' eine, starke, lebendige Organisation. Und an dieser fehlt es in Konstantinopel ebenso wie in Saloniki. Allerdings — nicht ohne triftige Gründe, Bor dem Krieg war zionistische Arbeit in der Türkei sehr schwer, während des Krieges und vor der jungtürkischen Revolution unmöglich. Vorkämpftr rnssever Idee, zmn Beispiel far derzeitige Vizepräfts fas Jüdischen Nativnalfonds für Konstantmopel, Herr Abramowicz, wanderten ms Gefängnis, rnrd die allgerneine politische Unsicherheit ließ den Zionismus den Türken als Hochverrat erscheinen. Die ganze zionistische Arbeit geschah insolgefasftn planlos, ge« wsssennaßen unterirdisch, und selbst die wenigen erfolgreichen Aktionen dieser Zeit verdankten ihr Gelingen einem Zufall. So zmn Beispiel wurde während fas Krieges ein Mischer Pfadflnfarbund (,,Dvor'rm") gegründet, weil — ,die Deuffchen und Oesterreicher solche Bünde organisierten und die Juden nicht zurückftehen wollten. Bon einer zionistischen Erzieh ü n g innerhalb dieser Drorimorganisatiou, wie sie ettva nn „Blan-Woiß" oder den: „.Hafchomer" zu finden sst, ist kein« Rede. Die Kinder bringen vom Elternhaus ein mcßerordetu'lich starkes Nationalgefühl mit, fas im Bmrde zu einem zionistischen Empfinden Vertvandelt wird. Zionistsscher Unterricht oder zionistische Theorien werden nicht geboten, weil... Weil! Ein zweiter Enffchuldigungsgrund für die In» den Konstantinopels, wenn ihre Organisation sich nicht mit der deuffchen oder österreichischen messen kann — obwohl sie an nationalem Leben und Empfinden die Westjuden turulhoch überragen. Es fehlt hier vollständig an jüdischen, das in zionistischen Intellektuellen mit allgemeiner Bildung, ,vor allem an jüdischen Studenten. Die zionssttschen Führer sind mit Arbeit überhäuft und jeder einzelne hat drei oder - vier zionistische Aemter. Sind nicht gemrg ausgeblldete (und gebildete) Zio* nisten zur Erlödigting der laufenden Agenden da, so sind natürlich noch weniger für die vielleichtwichtigste Aufgabe: die Erziehung der Jugend zur Verfügung. Und überhaupt keine/Menschen zur Erziehung der weiblichen Jugend. Wenn far Wiener „Bläu-Weiß" aiif einige Monate einen oder zwei seiner Altführer nach Konstantinopel entsenden könnte (die natürlich französisch sprechen Müßten), so würde

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