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Wiener Morgenzeitung · 1922-07-20 · Heft 1246 (20.7.1922) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
4 (1922)
Issue
Heft 1246 (20.7.1922)
Date
1922-07-20
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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m ys-’tWW; «r. i«ft> TSten. rvonnerriüg iritteS des Reichsverwesers uitA aller damit zusamnten- Wttntt Moks^ttzettE. Engenden Aendevungeu auf daseuergischeste dementieren. Abg. Josef O e stör unterbreitete eine Interpellation an den Minister des Innern, in der er ihn fragte, ob er von der Verordnung Kenntnis habe, die in der vergangenen Woche an die Polizeibehörden Westungärns in'Angelegenheit der Regelung des Grenzverkehrs ergangen sei. Der Interpellant fragt, ob der Minister go neigt sei, womöglich irn eigenen Wirkungskreis anzuordnen, daß diese Verör-drmng zurückgezogen oder entsprechend avgeändert werde, und ob er geneigt sei, dahin zu. wirken, das; der Grenzverkchr zwischen den beiden Staaten überhaupt derart geregelt werde, das; die größtmöglichen Erle i ch t e r u n g c n für die Grenzgebiete geschaffen werden. ' Der Interpellant hob die wirtschaftlichen und politischen Gründe hervor, die für seinen Standpunkt sprechen, und wies auf das mit Oesterreich bereits paraphierte Uebereinckomrnen hin, das die gewünschten Verfügungen vorn in-- teruationa-len Standpunkt aus erleichtert. v Der Konflikt mit NumLnien. Bukarest, 19. Juli. (Tel.-Komp). Infolge der Er- Agmugen des ungarischen Ministerpräfiderüen in der Budapester Kammer über die in Ungarn verhaftetest und mißhandelten Rumänen hat die rumänische Regierung beschlossen, eine energische Protestnote an die ungarische Regierung zu richten. Rumänien ist entschlossen, mit schärfsten Repressalien vorzugehen, falls dem Protest in Budapest nicht Rechnung getragen wird. Polen. KsrfanLys Bemühungen um die KabineLLsbil-nng. Warschau, 17. Juli. (Tel. d. „Wr. Morgenzeituug".) Kursant h ist es bisher nicht gelungen, sein Kabinett zusamnrenzustellen. Fast sämtliche von ihn: vorgeschlagenen Kandidaten' haben sich geweigert, die ihnen augebotenett M misterportefenilles anzunchmen. In den Sejmconloirs wird sehr daran gezweifelt, ob es Korfanty überhaupt gelingen wich, irgerw ein Kabmett-zusanttnenzustellen, obschon er die größten Anstrengungen macht, um sein Kabinett zu bilden, und auch 'davor nicht zurückscheut, sich an Personen zu wenden, die int öffentlichen Leben keinen besonders guten Namen haben. So hat er dem Geglichen O r a c z e w s k i, der als bezahlter Agitator Paderewskis gilt, das Unterrichtsministerium angeboten. Das Finanzporteseuille schlug er,dem Agenten Paderewskis Dr. Orlowski vor, der seinerzeit in W i e n wegen dunkler Finanzgeschäfte zu einer Gefänignisstrase verurteilt Wochen war. Inzwischen bentühen sich die Mitglieder des Klubs für konstitutionelte Arbeit, den rechten Block zu Unterhandlungen mit dem Staatschef zu veranlassen, um ihn von seinen Denrissionsabsichten abzubringen. Die, Exekutive der s ozial d e m o k ra t i s ch e n Parteileitung hat an die arbeitendetl Massen-einen Ausruf erlassen, in dem gegen die Propokation der Reaktion, die in der Betrauung Korfanths mit dev Kabinettsbildung zum Ausdruck koustne, schärfftens Protestiert und zum Gene r a l streik ansgefordert wird. Polnisch-ukrainische Prenzregulierung Lemberg, 17. Juli. (Tel. d. „Wr. Morgenzeitnng".) Jur Laufe der letzten Woche wurde die endgültige Retznlierung der Grenzfrage zwischen Polerr und der Sowjetükraine durchgeführt. Laut denr Traktat von Riga verläuft die Grenze im Abschnitt von Podwoloczyska längs des Zbvuczflusses un-d werde zum Teile durch die große Brücke gebildet, die sich bis vor kurzem int Besitze beider Teile befand. Die im Jahre 1920 von polnischen Truppetl erbaute Brücke bildete einen Sammelplatz für die beiderseitigen Zwischenhändler. 'Hier fanden auch gegenseitige Abmachungen und Besprechungen der Grenzbewohner statt. Nun hat die Grenzregulierungskommission die Brücke der ükraini- Sowjetrepublik zuerkannt, so daß sich nunmehr die polnischukrainische Grenze ans dem rechten Bngnfer befindet. Die Lemberger Küttusgemeindesragen. Unser Lemberger Korrespondent schreibt uns: Die Lemberger Kahalssrage ist in ein neues Stadium getreten. Der Stadtpräsident hat den Beirat des Negierungskommissärs von 13 auf 30 Mitglieder und 6 Ersatzmänner ergänzt, welche Ziffer der Zusannnensetzung des früheren Kultusrates entspricht. Unter den neuemannten Beiräten befinden sich auch vier Zionisten, und zwar d'w Herren Karl E i s e n st e i n, Redakteur F r o st i g,..Doktor R i n g e l und Dr. Schreibe r, als Ersatzmann Hirsch N a g e l b e r g, unter den bisherigen verbleibt Simon O ran sch. Der Rest der neuen Beiräte stellt bis aus drei Orthodoxe ein willkürliches Konglomerat von Personen dar, die zum größten Teile überhaupt kein jüdisches Programm vertreten oder zeitlebens jeder Tätigkeit auf jüdischem Gebiete fern gestanden sind. Die zionistische Exekutive hat in ihrer heutigen Sitzung den schon vor Wochen gefaßten Beschluß erneuert, laut welchem die zionistischen Beiräte ihre Mandate n i cf) t a n n e (i m c n werden. — Angesichts dessen ist es mehr als zweifelhaft, ob sich der neue. Beirat in seiner jetzigen Zusammensetzung lebensfähiger erweisen wird als der bisherige. NmUchmZ. Die Aaaqer Korrferen;. - Haag, 19. Juli. (Tel.-Komp.) Die russische Delegation hat vorgeschlagen, bei der Moskauer Negierung -anzufragen, ob diese unter der Voraussetzung einer sofortigen Kreditgewährung, zu folgenden Konzessionen bereit wäre: 1. Anerkennung der Schulden durch die Sowjetregiernng; .2:'völliger Schadenersatz andie Privatbesitzer unter der Vorapsfetznng der Regelung der Frage der Zcch- 80. Ästki 1922_ Sekte 9 lungsbedingüngett der Schulden und des Schadenersatzes im Zeitraum von zwei Jahren.' Dieser Vorschlag der Russen fand zum Teil eine sehr freundliche Aufnahme, und man ertvartet, daß heute die Entscheidung über die endgültige Annahme oder die Ablehnung dieses Vorschlages fallen wird. Es verlautet ferner, daß unter Umständen mit einer Vertagung . der. Konferenz bis zum 26. d. zu rechnen ist. In der Zwischenzeit sollet die Unterkonmiissionen weiter beraten. Französischerseits wirb einem solchen Plan heftiger Widerstand entgegengesetzt., Abbau des Hasses. Paris, 19. Juli. (Wolfs.) Professor Dr. Basch von der Sorbonne schreibt in der „Ere Nonvelle", er sei überzeugt, daß der Ministerpräsident heute keinen Krieg wolle. Aber er sei auch überzeugt, daß die Politik, die Poiucare verfolge, für Frankreich und für Europa gefährlich und gegen Deutschland ungerecht sei. Er wolle nicht sehen, daß es zwei Deutschland gebe,.und verkenne das arbeitsame und pazifistische, demokratische Deutschland. Dadurch stärke er von neuem das Alldeutschtum und erwecke. den Imperialismus zu -neuem' Leben. Männer, die die schwere Aufgabe haben, die Welt von morgen wieder aufzurichtm, müßten sich zur Versöhnlichkeit empor'heben und verzeihen, ohne zu . vergessen. Die auswärtigen Fragen DentschLands. Berlin, 19. Juli. (Tel.-Komp.) Der Auswärtige Ausschuß des Reichstages traf heute, vormittags zu einer Beratung über.die auß enP ol itische Lage zusammen. Der Sitzung wohnten der Reichskanzler, der Vizekanzler, die Minister Hermes und Schmidt, mehrere Staatssekretäre, . Reichstagspräsident Loebe und eine Anzahl Reichstags- Mitglieder bei. Auch der augenblicklich in Berlin weilende Pariser Botschafter Tr. Me her nahm an der Besprechung teil. . Zunächst, wurde der amerikanische Vorschlag verhandelt, die sich aus den freien Verträgen mit Amerika ergebenden Fragen und die Forderungen Amerikas --'einem internationalen Schiedsgerichtshof zu überweisen. Diesem Vorschlag wurde vom Ausschuß zugestimmt. Die Schiedskommission wird sich atls je einem Deutschen und je einem Amerikaner zusammensetzen, denen eine unparteiische Persönlichkeit zur Seite steht, die im Falle der Uneinigkeit zü entscheiden hat. Sodann erstattete Finanzminister Hermes einen Bericht über die Verhcmdlungen mit benr Garantiekomitee. Die Aussprache hierüber wurde bis Freitag vertagt. Berlin. 19. Juli. Die „B. Z. am Mittag" glaubt-feststellen zu können, daß. die Gerüchte, wonach das Garantiekomitee die Gewährung der von der deutschen Regierung verlangtet: Stundung der Goldzählungen von der pfand-; lveisen Ueberlassttng vott Aktien der deutschen Industrie i abhängig gemacht habe, falsch ist. Wie lange noch wollen Sie warten? 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Heute herrscht — vorläufig noch gemeinsam — die Jn/tevaMerte Kommission in- Konstantinopel: . Engländer, Fr-anzoseit und Jtaliimer teilen sich sorgsam in die Aufgabe, den Türken ntöglichst wenig Anlaß zn.gebM, sich mit der „Regievung" Stamhnls zu beschäftigen. Neben ihnen gibt es in Konstantinopel. an „Bchördert" noch eimn gviechischen Oberkommissär und schließlich mrmechm auch noch den Sultan nnd eine sogenannte türkische Regierung. Besonlders angenehm ist für den Fremden und wohl auch für den Einhvmtischen ein solcher Zustand nicht. Ich habe zrun Beispiel insgesamt fünf Bisa nötig gehabt, um aus Saloiriki nach Konstantinopel zu kommen, und «dann wurde mir erst recht die Landung verboten und..ich mußte 30 Stimdeit ans meinem Dampfer bleiben,-bis-mir die Jntevventiolt des Repräsendauten der zionistischen Organisation in Konstantmopel, des Herrn Dr. Ealeb, die Ginveifobew'illignng verschaffte. (Die Ansroise auS Konstantinopel ist nicht weniger uurstäudlich: tvieder 5 Paßvisa, das türkische Visum, das nur eine Foriitalität ist, nicht mitgerechnet.) Allzu pentl'ich war ja allerdings diese Haft an Bord der ,.Motenegrv" nicht. Ich legte meinen'Schlafsack ans denr Prvmenadedeck nieder-und verbrachte die halbe Nacht damit, .' den £ tnr.nc(, das Meer und die wunderbaren, lichtdurchglänztert Silhouetten der Marchenstadt anzuschauen. „Betrachten" -- kann man nicht sagen. „Betrachten" , setzt irgendeine Absicht, irgendein bewußtes Denken voraus, aber einte Nacht unter freiem Himmel, gegenüber dm Türmen dev Hapda Sofia läßt alle „Absicht"-vergessen. Ich schaue nur und schaue und.trinke all d!» wunderbare Schöirlzeit dieser Frühlingsnacht und lüünftfw nichts anderes, als nie im Leben „denken" zu müssen. Nur schanen dürfen! . Ramadan ist es, der türkische Fastetcutonat, in den: die Nacht zu Tage wird. Bei Tag saften die Türken mW, nm es sich leichter zu machen, schlafen sie so viel als möglich. Sobald aber der Kanonenschuß den Sonnemmtergang verkündet, beleben sich sofort die Straßen; Lebensnrittelverkänfer tauchen überall auf, die Kaffee'häuer mrd Theater, aber auch die Moscheen füllen sich mit einer zahllosen Menge und gaicz Stambul strahlt int Glanz vou-tlmse-itd Lichtern. Von mviirem Lager cmf >dem Verdeck sehe ich die schlanken Mtzrareits mit ihren tvefschwarzen Schatten in den Hinmtel ragen. Um die Brüstungeil der Türme schlmgten sich Fouerkränze und oft spannt sich sine Kette von Glühbirnen von Mtuarett zu Mnarott; tanssnd kleine Sterne, die eigentümlich mit den hellen Sternen des Südens harnlonieren. Ein kühler Wind weht vom Bosporus her. Die Wellen des nächtlichen Meeres kräuseln sich unter seine>m Hauch mrd der schwache, weiße Schaum ihrer Kronen funkelt mrd glitzert auf 'der'dunklen -Flut. Mt dunklem, lÄsem Schall schlägt -die Brandung gegen den Schiffskörper rrnd das rmntergleiche Kommen Und Gehen der Wogsn ist das eirrzig-e Geräusch, das dir tviindorbare Stille der Märchennacht unterbricht. Du bist schön, Byzanz! Du bist schön wie ein Traum, der üd.'r 'Nacht zu Stcm wurde. Du bist.schön — .bei Nacht ... Der Hasen von Stambul bietet ein überwältigendes Schauspiel. Eine ümübersehbare Menge, von Schiffen jeder Größe und aller Nationen liegt, vor Gälata vor Anker, jedes vmzsln-e von Rnderbovten mnschlvärmt, die Passagiere ans Land zu bringen hoffen. Hunderte u-nd aber hunderte dieser Käiks, lange, schmale Boote, die ans den Wellen des Hafens beängstigend aus und nieder tanzen, liegen zu beiden Briten der „neuen Brücke", die Galata mit Stambul verbindet und aber hrmdert ändere schaukeln ans dem Goldenen Horn. Ich hätte -in den 90 Stunden meiner Hast gemtg Gelegerchoit, dont wünidevbar. mannigfachen Treiben ans -der schmalm Moeresstvaße zn.znsthen. - Den tiefsten Eindruck machte, es aber doch, als ich sah, wie zu den Stunden des Gebetes die Bootsleute Füße, Hände und.Gesicht M Meere wuschen, . dm kleinen Teypich, der. sonst, den.Steuersitz. bedeckt,.-sovgsam auf dem Boden des Kajks.'ausbreiteten und mit mtverkennbMsr Andacht ihr Gebet Vevvichtcckm. ' -Das Gebet'ist von einer genau, vorgeschriebemn Haltung beäleitat.. Der Tü^. fw»tet i'ckiwKaenh, fssNM die Livve^. bi>. wägend. Bon Zeit zu Zeit fuiet er. nieder, wirft sich mit dem Gesicht zu Boden oder legt-die flachen Hände auf die 'Oberscher. i. l. Dan.n wieder richtet er sich ans, die Hände sind gefaltet oder er hebt sie hinter die Ohren, gen Himmel schauend. Ist. schon der Anblick eines einzelnen Türken, wie er auf, der Straß? oder in,seinem Kajt l^etet, ehrsurchterwecke-nd, so noch mehr der einer bet-euden Gemeinde. Ich ioar Freitag nachts in der Aja -Sophia,''dem Wnnderban.Kaiser Justinians, der — sie emweihmd — ansvi.es: „Salomo, ich habe dich besiegt." Der nngchcurc Raum ist von zahlloserr kleinen clektvischen -Lampen erhellt. An gewäl-tigLn Kotten hängen eiserne Kronlonchter von den Gewölben herab, deren ^düsterer 'Ernst - in eigentümlichem -Kontrast zu den kostibavon Mcnmlortvänden und dem mMgetönten Gold der Mosaike, .die die-hohen Wölbungen bedecken, st-eht. Ans den Teppichen, die don Boden derganzen Moschee bekleiden, fiti-eit vielleicht tausend Menschen, in -Reihen geordnet, barfuß, die Schuhe liegen vor ihn-sn ans der Erde. Bon der M ihr ah, der Nische, die die GöbotSricht-mig nach Mekka anzeigt, nnd von ein oder zlvei .Estraden tönt das.l-alite, nMwtone Rezit-akiv von Vorbetern. Unbeweglich 'steht die Menge der Beter, dm Mick Zn Boden gerichtet — bis auf einmal, wie ans ein Zeichen, die ganze Gemeinde ans die Kniee -sinkt und anbetend zu Boderc fällt. Die Gleichmäßigkeit der Bewegungen, die eindrucksvolle Ruhe dm Beter, diee rnste An,dacht, die es verschmäht, auch nur einen flüchtilren Blick dan fremden Besuchern z-n schenken — all dies läßt sich k-a-tün beschreiben. Der Anblick von. Hunderten Menschen, die - in .schier endlosen Reihen, -einer neben denr andern, wie ein Heer von Brüdern, sich vor dem Weiltenschvpser bercgen, ist hinreißen.d. Feierlich klingt das halb gesungene, halb gesprochene Gebet .der- Porbeter. von den hohen. Kuppeln wider und erinnert in.Tonsall und Sprachklang so stark, an -das Hebräische, daß ich.-mich kaum des .Gefühls .erwehren kan», in einem jüdischen Gotteshaus zu stehen. Keine Bilder,'keine ZerNnonim, kein Gesang der Gemeinde ist hier —-nur Schilde mit vielen Meter hohen arabischen Inschriften hängen'an den Wänden und Pfeilern und im. Scheine der-riesigen Kuppel, die das weite Schiff überwölbt lenchteit-in goldener Schrift ein Koranvers: „Gott ist ldas'Licht des Hmun-vls und der Erde." ' 'Meine Bruder, die ihr Allah dient, ich grüße euch'. Merfina,'?. Jmni 1922. tFarnevnna wlm'

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