Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- Heft 1245 (19.7.1922)
- Date
- 1922-07-19
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Veite 2 Wien, M'ttwock Metten MoViMMtung. Sun Ms Nr. 1L4d Kriminalpolizei aus Halle auf -er Burg S a a l e S bei Bad K'öfen ermittelt. Die beiden haben sich^ vor -ihrer Festnahme im Burgturm erschossen/ Zur Auffindung der Mörder Rathenaus wird he« richtet: Sonntag abends meldeten hier zwei aü der Burg' Saaleck vorveigekommene Ferientouristen, daß sie im Turm der Burg Licht bemerkt hatten und daß sich dort nach ihrer Vermutung die N ö r d e r R a t h e n a u s aufhielten, denn der Schriftsteller Dr. S t ein,' -er auf der Bürg ein Einsiedlerleben führe, sei verreist. Kriminalbeamte begaben sich sofort nach Bad Käsen und versuchten am Montag den Zutritt zu dem abgeschloffenen Turm zu erzwingen. Wahrend Verstärkungen herbeigeholt würden, erschienen die beiden Mörder auf der Balustrade vor dem Turmwinkten den Vorübergehenden zu und brachten ein Hoch aus Ehrhardt aus. Als die Kriminalbeamten die Tür mit Axthiebm zertrümmert hatten/ fanden sie die beiden Mörder mit Kopfschüssen tot auf. Es konnte festgestellt werden, daß die beiden mit den gesuchten Fischer und Kern identisch waren. Nach der Ermordung Rathenaus, die am 24. Juni erfolgte, wurde iri> Deutschland zur Feststellung der Mörder eine fieberhafte Tätigkeit entwickelt. Schon wenige Tage nach dem Attentat wurde zu Massenverhaftungen geschritten und sestgestellt, daß der Mord ein Werk der berüchtigten, weitverzweigten Organisation „C" war. Von den unmittelbar an der Ermordung beteiligten Attentätern wurde als erster der Student Techow auf einem Rittergut in der Nahe von Frankfurt an der Oder auf Veranlassung seines eigenen Onkels verhaftet. Bald erfolgte auch in Oetz in Tirol die Festnahme des Besitzers des bei der Ermordung Nathenaüs benützten Kraftwagens, des Fabrikanten Johann K ü ch e n m e i st e r aus Freiburg in Sachsen. Als Täter, hie die Revolverschüsse aus Rythenau abgegeben halten, wurden F i s ch e r und K e r n sestgestellt, die jedoch flüchteten und die sich den Verfolgern durch hilft h eh, einer der< intellektuellen Urhetzer des Attentats, : Mittbcn sich in Hast. ' ,/r? Der ehemalige Korvettenkapitän Erhardt, der sich zurzeit in Wien aufhält, sucht von dort aus in Zuschriften an .die hiesige Presse die von ihm gegründete Or< ganisation „C" von dem' Verdacht, in den sie wegen der politischen Mordaffären geraten ist, reinzuwaschen. Das gesamte Tatsachenmaterial, das Erhardt anführt, besteht in der Erklärung, daß diese Organisation, e i g e n t! i ch g a r .nicht mehr ex ist iere,.deyn sie sei längst in den neu gegründeten „n eu d e u t s ch e n B u n d" aufgegangen. Dieser verfolgt Natürlich dieselben Ziele wie siedie angeblich nicht mehr existierende Organisation „C", verfolgt hat, nämlich sich bei bolschewikischen Unruhen der gesetzmäßigen Regierung zur Verfügung zu stellem Nebenbei, und das. gibt Erhardt zu, betrieb sie natiöna l e P r o p a g a n d a in Äört und Schrift, bekämpfte sie dse internationale Sozialdemokratie und das Judentum wie auch die Weimarer Verfassung. B e r l i n, 18. Juli. (Tel. d. „Wr. Morgenzeiiung".) Die politische Krise ist auf den Herbst vertagt worden. Bis dahin bleibt alles beim alten. Die Mehrheitssozialisten werden aus die Aufnahme eines Unabhängigen in die Regierung, die sie bisher als eine unerläßliche Bedingung hinstellten, derzeit nicht bestehen und die Entscheidung darüber den Unabhnägigrn überlassen. Die Unabhängigen, die aus Verstimmung darüber, daß ihnen die Vertretung in der Regierung verweigert wurde, gegen die republikanischen Schutzbestimmungen zu stimmen drohten, haben beschlossen, für diese Gesetze zu stimmen. Die Umbildung -er Negierung soll bis zum H e r b st vertagt werden. Der Block der bürgerlichen Parteien, der noch nicht gebildet ist, droht bereits in die Brüche zu gehen, die Demokraten wällen unbedingt die Bayrische Volkspakte-;in He Arbeitsgemeinschaft mitcinbeziehen, obwohl diese Partei der Republik feindlich gesinnt ist. / V 4 I 111 I 1 II1 Die politische Krise vertHt. Ehrhardt in Wien. Berlin, 18. IM. (Tel. di „Wr.;reiM'HLMDan^^enW^tt Wntetst Die beiden anderen Die Mörder Rathenaus wurden gestern abends durch MMuldigE T ^ch o wWr das Auto/lenkDundM ü n- Ministerpräsident (Von unserem-Warschauer-'Korrespondenten.) - Die seit Wochen-währende Krise hat ihren Höhepunkt erreicht unRstst aus einer gewöhnlichen Kabinettskrise zu einer gefahrvollen Staatskrise angewachsen. Ten Nationaldemokraten ist es gelungen, irt der Hauptkom- Mission vermittels eines Beschlusses, dnrch den ihnen einige Stimmen bereits verstorbener Abgeordneter auch fernerhin zuerkannt wurden,, Korsanty "zum 'Kandidaen. für den Ministerpräsidentenposten zu nominieren. Mit 219-gegen 206 Stimmen ist. Korsanty zum Premier ernannt worden. Der Staatschef Pilsudski hat daraufhin in einem Schreiben an dem Sejmmarschall erklärt, er werde angesichts des Unrstandes, daß Korsanty Mit der Kabinettsbildung betraut wurde, gezwungen sein, in der nächsten Zeit zu demissionieren. Schon kurz vor Korwntys Kandidatur hatte Pilsudski, als er einsehen Mußte, daß seine Versuche, einer Kompromißbildung zwischen der Rechten und Linken scheitern, den Vertretern der Parteien erklärt: „macht was ihr ivollt!" In diesem Satze allein spiegelt sich die ganze Schwäche des gegenwärtigen polnischen Staates wider. Pilsudski mußte wissen, daß er durch ein solches Vorgehen den Nationaldemokraten und den mit ihnen verbundenen reaktionären Gruppen die Möglichkeit biete, Schritte gegen ihn und auch gegen die Staatlichkeit zu unternehmen. Die Nationaldemokraten nützten diese Si-' tuation prompt aus , und betrauten Korsanty mit der Kabinettsbildung. Ob dieser der richtige Mann zur Lenkung des polnischen Staates ist, wird die nächste Zukunst zeigen. Eines ist klar, daß Korsanty dank seinem impulsiven kampflustigen Temperament auf keinen Fall die Qualitäten besitzt, die ein Ministerpräsident haben muß. Schon zur Zeit vor Kriegsausbruch rvar Korsanty als Vertreter der Posener Dolen durch sein, temperamentvolles, sehr oft unpolitisches Austreten ' bekannt. Nach Kriegsende war Korsanty jene Person, die die Inoffizielle polnische Politik in Posen und Oberschlesie.n machte. Es ist aber sehr zu bezweifeln, ob es Korsanty gelingen wird, die heute noch einigermaßen konsolidierte Rechte, im Zügel zu halten. Schon die vor Wochen erfolgte Nennung seines Namens durch, den Vertreter der Nationaldemokraten in der Hauptkonrmission, Abgeordneten G l o m b i n s k r, bedeutete eine Kampfansage an die linken Parteien. Seine heutige Kandidatur ist ende ausgesprochene Kampftandldgtur. Abgesehen davon, daß Korsanty durch sein leidenschaftliches, unverantwortliches und geradezu pildes Temperament der polnischen Außenpolitik' Mehr als einmal Unannehmlichkeiten bereitete, bedeutet e seine 'Kandidatur eine Kampfansage an alle Minoritäten, die in Polen über 36 Prozent der Bevölkerung bilden. Wojeiech Korscmty, dieser Name allein enthält das PMrainm der künf- :tigen. Regierung, dh fals die Bekämpftrüg der fortschrittlichen Elemente und- 'die .Unterdrückung der nationalen Minderheitenanstreben wird. Kein Wunder, daß in der letzten Sitzmvg der, HauPtkommission die Vertreter der deutschen und der Wischen'Minorität erklärt habeil,- , die, Ernennung. Korfantys zum, Mlnisterpräsidenten sei-nichts weniger als eine „Ohrfeige an die nationalen Minderheiten". Irl ihrem Bestreben, während der Zeit der Wahlen die Zügel der Regierung in ihren.Händen zu haben, lassen sich die Nationaldemokraten durch solche Bedenken, wie Unterdrückung' der nÄionäleN. Minderheiten und' Kampf mit der Lullen, keineswegs beeinflussen. Die Nationaldenlokraten versölgen Menwärtig zwei Ziele: die Evoherung der Negieru.ngsMwalt und die Entfernung Pil- . sichskis.. 'Zur' BeWirÜichüntz'. Wer beideü Ziele ist ihnen jedes Mittel recht, selbst das, daß an die Spitze der Regierung ein Mann gestellt werden soll, der nichts anderes als eine Kompromitiierung Polens in den Augen der ganzen Kulturwelt bedeutet. 'Polen geht gegenwärtig schweren Tagen entgegen. Schon heute beschäftigt-die Führer der Parteien die Frage, wer im Falle einer Demission Pilsudskis die Regierungsgewalt übernehmen soll. Der Sturz -des Kabinetts Sliwmski hat bewiesen, daß auch der Staatschef nicht auf die Majorität des Sejms'zählen kann. - Unerklärlich ist jedoch die 'Tatsache, daß Re Nationaldemökraten gerade Korsanty ".zum Mjlnifterpräsidenteir machten. Wollten sie um jeden Preis die Regierungsgwvalt in die Hände bekommen, so konüten sie wohl gemäßigtere Personen, wie Dmowsti, Glombinski oder andere, mit der Leitung des Kabinetts betrauen. Böse Zungen meinen,.daß gerade die Kandidatur'^ Korfäntys ihre Spitze gegen . Pilsudski richte. Man hätte Vesürchtest daß sich Pilsudski' auf keinen Fall veranlaßt gesd'heü hätte, mit der Demission zu drohen, wenn num einen Gemäßigteren präsentiert hätte. Die Betrauung eines ausgesprochenen Abenteurers mit der Führung der Staats geschäfte mußte nolens Volens die Denrissltzn Pilsndskisi Hervorrufen. Auf jeden Fall ist die Vergangenheit Korfantys recht dunkel. Schon in der Hauptkommissiön erklärte der Vertreter der Sozialdemokraten, Daszynski, er besitze Beweise, daß Korsanty wahrend des Krieges Geld aus dein Dispositionsfonds Erzbergers und Bethmann-Höllwegs — also inr Dienste der deutschen Kriegspolitik — erhalten habe.' In' frischer' 'Ernmevrr-ntz sind noch die HelbLnstückchen Korfantys m Oberschlesien, die Beweise für seine Unberantwörtlichkeit bilden. Korsanty kann als Ministerpräsident Polen Nicht nur im Auslande die. größten Ueberxaschungen bereiten, sondern auch im Innern Kämpfe von Unabsehbaren Folgen hervormsell. Die Vertreter der linken Gruppen erklärten bereits/daß sie es.auf keinen Fall zulasten Weden, daß Korsanty die Regierung iünehaben soll- ' Die polnische Reaktion führt Polen an den Abgrund/ Die von ihr eing-elestete Abenteuverpolitik, die in vielen Hinsichten 'an das alte polnische Regiemngsshstem knapp vor den Teilungen Polens erinnert, , kann dem polnischen Staat Politisch und wirtschaftlich für lange Zeit hinaus schwere Schäden zufügen ' . Aus Matter Nathenaüs Mettanschauung. , Von Leopold Merzvach, Frankfurt a. M. Nathenaüs Werk „Von kommenden Dingen" begirmk mit den Worten: „Dieses Buch handelt von 'materiellen Dingen, jedoch um des Geistes willen. Es -handelt von Arbeit, Not und Erwerb, von Gütern, Rechten und Machst von technischem,, wirtschaftlichem und politischem Baudoch es setzt und schützt diese Begriffe nicht als Endwerte." Diese Einstellung'bildet den Schlüssel zu seiner Weltanschauung, aus ihr allein ist der Mensch Rathenau verständlich. Praktische'Erfahrungen und theoretische Studien ermöglichten -ihnr emeu tiefen Einblick in die sozialen und ökonomischen Zusammenhänge. Aber er. schätzte die ge.wonneuen Erkenntnisse nicht als Endwerte. Getragen ivar seine Forscherarbeit von seiner Weltanschauung. Er verneinte die zielsetzende Kraft der Wissenschaft: „Pvophetensinn -und Prophetenwort schreiten der Weltbewegung voran, nicht Programmatik." Praktischer Sinn, getragen von solchem Glauben, kam zu der Fordemng: „Der Fuß darf nie den Baden, das Arvge nicht die Gestirne verlieren."; . Vom Schicksal begnadet mit außergewöhnlichen Fähigkeiten und durch gljickliche Lebensuurstäude in die Lage versetzt, sie aufs .reichste zu. entfalten, tvar er Jndividnalisst der seine Gaben zu entwickeln und anzuwenden, als'Pflicht der Persönlichkeit betrachtete. Sein glühender Individualismus ließ ihn die Fordevuug erheben, daß j e'd<;'m die ' Möglichkeit zur Ails'bildung und Entsalürüg aller Kräfte gegeben werden müsse. Selbst bei gleich gewährten Entwicklungsmöglichkeiten bliebe noch die Ungerechtigkeit,' daß die Lebensumstände, die angeborene und ererbte Kulkl/aucli den Gleichberechtigten verschiedene Gesichtskreise mit auf/, den Lebensweg gäben. Das tvar der Ausgangspunkt seiner sozialistischen Weltanschauung. Mit nmterialistischer Dognraük, mit der These, daß^ Wirtschaftseinrichtungen den Gang der Welt beherrschen,', hatte Rathenaus Sozialisucus nichts gemem. Für ihn war Marx Gelehrter, nicht Prophet. Nur der Prophet kann Ziele setzen: „Ziele setzen heißt Glauben. Doch das ist kein echter Glaube,^ der, aus Wunschumkehruüg einer zeitlichen-Not'" ftommimb, das Bestchende verneinst um die Weltordnungin eine Maßregel zu verwandeln. Echter Glaube stammt ans der Schöpferkraft des Herzens, aus der Phantasie der Liebe./ er schafft 'Gesinstung, und ihr folgt' wilkenlö's 'das-' Geschehen. N'ieptals' witd Gesinnüng durch Einvichiintgeft ' erlistet; und Weil der Sozialismus um Einrichtungen kämpft, bleibt er Politik; er mag Kritik üben, Mißstärche beseitigen, Rechte gewinnen: niemals wird er das Erdenlebeir mngestqlten, denn diese Kmft gebührt allem der Welt-' anschaunng, -dem .Glauben, der transzen-denten Idee'."" An der Wende des. Jahrhimderts sah er als bedeltt- ^sanrste Signatur der Zeit: die beispiellose NolksveMchtuug des zivilisationsfähigen Teiles des Erdbodens. Die Bervollkommnmrg.der Technik und die industrielle Entwicklung - hatten als Fplge/die Mechanisierung der. zur. ErnährMg. . uttd Kleidung der vervielfachten Menschheit notwendigen - Organisation. So notwendig er auch diese.Mechanisierung' als organisatorische Maßnahme betrachtete, so sah er-n ihvdie -ins Ungeisiige-führende Richtung,'. die VeMnMMiug. / der menschlichen Freiheit, die Verewigung der Klaffenschichtnng. Dieser Entwicklung des Orga-nisätorischen gegenüber stellte er die Forderung, daß die Mechauisievrmg das Tor des inneren Lebens nicht überschreiten dürfe. Die menschliche Gemeinschaft!var ihm kein Zweckverband, sondern Heimat der Seele! .. Nathenaüs wirtschaftliches Postulat tvar, daß der Ertrag mir zum geringsten Teil konsumiert werden darf, in der Hauptsache ä'ber erneut investiert werden muß« So ist für ihn Wirtschaftspolitik vor allem Verbrauchs- ' Politik; so konunt er zur stark betonten Forderung: Einschränkung des Luxus und vor allem des' Imports von Genußgütern. Die idealste Form der Wirtschaft war für ihn eine" aus Gemein- und Privatwirtschaft kombinierte Gemischtwrrtschaft, die plannmßig zu arbeiten hat. Wesentlicher jedoch als die Mrtschaftsform war ihm Re soziale Wirkung der Käpitnlscmhäufnug: die Macht, die 'sie verleiht. Damm förderte er, ihr nngenreffenes Wachsen zu hemmen durch Beschränkung des Erbrechtes und Aufhebung der vorhandenen Monopolrechte einzelner Personen oder Schichten. In der Weltanschauung. Re die heutige Wirtschaftsform beherrschst sah er das Uebel. Der Wille zur Macht und die Leidenschaft des Besitzes müßten dem Willen ' zum Gemeinschaftsleben ' weichen. Verantwortung bilde alsdann die motorische Kraft, „die einzige, die Herrschaft fordern und rechtfertigen darf". Diese VerantworücNg als sittliches Postulat kann allerdings' nicht durch logisches Denken begründet werden, sie kann nur aus dem unantastbar Göttlichen, fießen. Dann aber befähigt VeraniworNtug zu einer den eigenen Interessen widersprechenden Lebensanschaunng; dann lehrt sie jeden Besitz als verliehenes Gut begreifen, für das Rechenschaft gefordert wird nach dem Matzstabe des Absoluten. Von dieser Lebensanschaming müssen Staat und Gesellschasst Parlamente, Parteien Und Politik getragen sein. ' In der Politik sah Rathenaü nicht die „Kunst des Möglichen", er liebte vielmeyr, wie Goethe, den, der Unmög-