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Wiener Morgenzeitung · 1922-07-16 · Heft 1242 (16.7.1922) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
4 (1922)
Issue
Heft 1242 (16.7.1922)
Date
1922-07-16
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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MWMWUMMWMUW^'MMWWWMWMWWMWMUW^WWW'DWWWW^ €iitc 2 Wien, Sonntag Wiener 16. Juli 1922 Nr. 1242 Adolf Fischhof und die europäische Krise. (Zum vierzigjährigen Gedenktage der Sprengung der deutschen Volkspartei.) - Von Dr. Hermann Kadisch. Am 16. Juli fährt sich zum vierzigstenmal der für Oesterreichs Entwicklung und Bestand foime für die antisemitischen Parteibildungen der Vergangenheit so entscheidende Tag, an welchem dieJanitscharen des chauvinistischen Pseudoliberalismus und Antisemitismus die konstituierende Versammlung der von Dr. Adolf Fisch- I)'of und seinen damaligen demokratischen Parteifreunden Robert Walterskirchen, Dr. Theodor Hertzka, Dr. Ferdinand Kronawetter und — Dr. Karl Lueger geplanten deutschen Volkspartei im Kleinen Musikvereinssaale sprengten. Wenn jemals, dann war man damals und heute nach vierzig Jahren mehr denn je berechtigt, von einem Pyrrhussiege zu sprechen, der sich' allmählich zu einem Zusammenbruch der österreichischen Idee der Völkerverständigung, zu einer Vereitelung der Neuorganisation eines föderativen, völkerversohnten Groß-Oesterrcich,' und schließlich P |iuet: Bernichtmlgbet; Wtenden Stellung der Deutschen in Gesamteuropa gestaltete. Die Erinnerung an Adolf F i s ch h o f, den Veteranen der unverfälschten Demokratie, dem auch der spätere Führer der Christlichsozialen, Dr. Karl Lueger, auch als solcher noch den Tribut seiner Verdienste um Völkerverständigung, Völkersreiheit und Völkerwohlfahrt anläßlich seiner 70 jährigen Geburtsfeier zollte — ist heute umso aktueller, als der Weltkrieg und die darauffolgenden Umwälzungen der prophetischen Voraussage Adolf Fischhofs recht gaben. Es zeigte sich seit 1866 und speziell seit dem 16. Juli 1882 immer von neuem, daß die wirklichen nationalen Schädlinge des gesamten deutschen Volkes nicht die von den Chauvinisten als „nationale Verräter" stigmatisierten Gruppen sind, sondern vielmehr die haßsprühenden Gegner Adolf Fischhoss und seiner Ideen. Adolf Fisch Hof war ein überzeugter Föderalist, der von der.Undurchführbarkeit des Zentralismus seit 1867 überzeugt war. Er laborierte aber nur an dem verhängnisvollen Irrtum, Föderalismus und Dualismus vereinbaren zu wollen, genau sowie umgekehrt seine deutschliberalen und deutschnationalen Gegnet bis zum Zusammenbruch des Donaureiches von der Wahnidee nicht abließen, im Nahmen des Dualismus nach Schaffung einer Sonderstellung Galiziens eine deutsche z e n t r a l i st i s che Hegemonie etablieren zu können. Der österreichisch--ungarische Dualismus aber bildete das ■ Haupthindernis sowohl einer zweckentsprechenden Orienipolitik als auch ihrer obersten Voraussetzung, einer rationellen Lösung des G e s a m t. k o m PI e x e s der Sfatüonali täte »fragen im alten' Donaureiche die auch durch seine Zertrümmerung keiner Lösung zugeführt wurde. Die Hegemonie der Deutschen in Oesterreich würde an dem Tage, vernichtet, an/ welchem durch die Bildung des preußisch-deutschen Reiches mit hohenzollerischer Spitze die Deutschöfterreicher von der deutschen Gesamtnation losgelöst Und zu einem Minoritätsstamm gegenüber der slawisch-magyarischen Majorität herabsanken. Von Berlin aus i st a l s o d e r erste Schritt zur Schwächung der Position der Deutschö st er reicher ausgegangen. Ihm. folgte als zweiter die Opferung der zwei Millionen ungarisch-siebenbürgischen Deutschen durch die Zweiteilung des Reiches sowie die Preisgebung der galizischen Deutschen an die polnischen Machthaber, um mit Hilfe der magyarischen und polnischen Oligarchen, eventuell noch mit Hilfe der italienischen Signori, im übrißen Oesterreich, beziehungsweise in Gesamteuropa, ein sogenanntes alldeutsches, beziehungsweise großdeutsches, de facto aber klein deutsches Programm, realisieren zu können. Deutschösterreich ist nicht nur nicht mit Deutschland vereinigt, sondern es steht — genau so wie Deutschland selbst — vor seinem ökonomischen Ruin und vor eiyem politischen Chaos. Anstatt durch eine rechtzeitige Verständigung mit Tschechen, Ruthenen (Ukrainern), Kroaten mW Rumänen das Prinzip der V ö l k e r a u t o n o m i e zu realisieren, auch im Interesse der su de tischen, galizischen und ungarischen Deutschen hat die pseüdodeuffchnattouale Politik zur Bildung des.tschecho-slotvakischen, polnischen, jugoslawischen und großrumänischen Staates geführt, in welchen sie —• nun genau so wie früher in Oesterreich-Ungarn, aber unter weit ungünstigeren Bedingungen aus eine nationale Verständigung angewiesen sind. Adolf F i s ch h o f — in lieberem stimmung mit der weit später erschienenen Schrift durch Popovicis — hat es voransgesagt, daß, wenn Oesterreich vor Ordnung feiner inneren Nationalitärenfeagen in den Kampf mit dem russischen Zarismus und dessen Bunde -genoss m gericre. zur tatsächlich eingetreteuen Katastrophe führen würde. Historisch aber fiir alle Zeiten muß es festgestellt werden, daß diese Katastrophe nicht die Folge von Niederlagen des Donaureiches auf den auswärtigen Schlachtfeldern ivar, sondern vielmehr die Konsequenz des Zusammenbruches der irrig verstandenen Reichsidee und ihrer Unvereinbarkeit mit dem 59 u a l i s m u s. Tie alte Krankheit Ocsicrreich-Unza-'üS hat sich testamentarisch. weiter vexerbt in jämMe AukMichMaM Bethlen will nicht einschreiten. Budapest, 15. Juli., .(Nationalvexsammlung.. U. T. K. B.)'Jn fortgesetzter Debatte über dasHudgetprovisyrium führte Abg. G.y ö rki (Sozialdemokrat) Klage darüber, daß noch viele Personen unter P o l izeiaussicht stehen. Redner unterbreitete Anträge betreffend die Aufhebung der polizeilichen Anmeldungspflicht und die Auflassung der JnLernierungslager. Er verlangt, daß der Justizminister angewiesen werde, einen ausfichrlichen Ausweis über die Zahl und die Delikte der Amnestierten 'vorzulegen. Im weiteren Verlaufe seiner Ausführungen bemängelt es Redner, daß das jüngst abgeschlossene österreichisch-ungarische Handels-' abkommen die Ausfuhr von Lebendvich gestatte, die entsprechende Einfuhr von R o h l e b e t aber nicht bedinge. Infolgedessen sei ein großer Mangel an Rohleder entstanden und die Schü^hpreise für die arbeitende Klasse unerschwinglich geworden. - Nachdem die nächste Sitzung auf Montag anberaumt worden war, nahm'das Haus mehrere Interpellationen entgegen. Abg. Ras sah (liberaler Oppositioneller) wies auf die jüngst von Ivan Hejjas gemachte Aeußerung hin, wonach er seinen letzten Befehl noch nicht erteilt hätte. Diese Aeußerung sei aus die abnormale Atmosphäre' zurückzusühren, die u. a. auchdadurch entstanden sei> daß strafbare Handlungen wie z B. das Bombenattentat gegen den Elrsnbethstädter Klub. , ohne Ahndung geblieben seiend Redner verlas privat aufgenommene Protokolle über , das Bombenattentat und empfahl seine Daten der Beachtung des Ministerpräsidenten. Er stellte an den Minister des Innern die Frage, ob er es für zulässig halte, daß. innerhalb des Vereines der-E rwachenden Ungarn gegen politische Parteien und einzelne Konfessionen eine st ä n d i g e H e tz e betrieben werde, und ob der Minister geneigt sei, dem Verein der Erwach an d en Ungarn zu susp end ieren und gegen ihn eine Untersuchung einzuleiten. Schließlich wünschte Redner, daß die Untersuchungsakte, die auf das gegen den Elisabethstädter Klub verübte Bombenattentat Bezug haben, dem Hause vorgelegt werde. Ministerpräsident Graf Bethlen erklärte in Abwesenheit des Ministers des Innern, die Regierung suhle sich genügend stark, um gegen alle Erscheinungen sind Handlungen, di^ mit dem Gesetz'nicht zu vereinbaren sind, a u f . d a & allerenergis ch e st e b o r z.u gehen. Die Interpellation sei nicht dazu geeignet, die Konsolidierung üd Beruhigung der Gemüter zu fördern. Der Ministerpräsident richtete an die.Opposition die Bitte, an offene Wunden nicht zu rühren, da dies nicht zu deren Heilung führen könne. Er bitte, konkrete Beschwerden nicht zu politischen Zwecken zu benutzen/ sondern sie den zuständigen Behörden zu unterbreiten,, die :sofort alle gesetzmäßige n Schritte tun würden. Es liege nicht im Interesse der Wiederherstellung des Politischen und des konfessionellen Friedens, gewisse Tatsachen aufzubauschen und eventuell in ein falsches Licht zu stellen. Bezüglich des Bombenattentat s erklärte der Ministerpräsident, daß die Regierung nichts sehnlicher als die Eruierung der Täter gewünscht habe, da hierdurch, die Opposition eines ihrer besten Agitationsmittel verloren hätte. Leidet sei die Untersuchung ergebnislos verlaufen, tvas auf die überaus zahlreichen falschen Spuren zurückzuführen sei. Der Ministerpräsident erklärte sich, gerne bereit, alle Daten, die ihm unterbreitet würden, zum Gegenstand einer gewissenhaften Untersuchung zu machen.' Es sei gänzlich unwahr, daß die Regierung gegenüber den Erwachenden Ungarn, Weil diese der Regierung anläßlich der Wahlen ihre Unterstützung zukommen ließen, eine gewisse Nachgiebigkeit bekundet habe. Was die Aeußerung Hejjas' betrifft, so sei der Ministerpräsident, ' nachdem ihm der genaue Text der Aeußerung bekannt geworden sei, zur Ueberzeugung gelangt, daß ein Verfahren gegen HejjaZ vielleicht am Platze wäre. Er habe der Staatsänwaltschaft bedeutet, diese Frage zum Gegenstand'ihrer- Erwägung zu machen. Der Ministerpräsident ging hierauf aus eine von drin Abg. Rassay gleichfalls bemängelte Aeußerung des LandesoberstMhaüptmannes Adossy über und brachte die Aeußerung zur Verlesung, woraus hervorgeht, daß Adossy anläßlich der Installation des neuen Budapester Oberstadthauptmannes nicht gegen die Juden im allgemeinen, sondern mit Bezug auf die Revolution und den Kommunismus erklärt habe, er garantiere, daß es nicht wieder möglich sei, baj^ ein, zwei komnrunistische Judenbubcn uns die Iiationalfahne aus den Händen winden. Kultusminister Gras Klebelsberg, der seinerzeit als Minister des Innern die Untersuchung in der Angelegenheit 'des Bombenattentats überwacht hat', verwahrte sich gegen die Darstellung, als ob ein solches Attentat ein Unikum wäre. Der Minister verwies auf die gegen Erzberg e r u n d R a 1 h e n a u v e r ü b t e n A t t e n t a t e, die gleichfalls ein Produkt des durch den Krieg, in ganz Europa gezeitigten Geistes der Gewalt seien. Diejenigen, die ein solches Attentat wie das gegen den Elisabethstädter Klub verübte, als'eine beispiellose Tat hinstellen, leisten dem Vaterlande einen üblen Dienst. Es sei auch nicht ivahr, daß im Auslände die Attentäter in allen Fällen eruiert werden. Der Minister müsse bekunden, daß die Budapester Staatspolizei in der Untersuchung betreffs des Bombeuattentats ihr Bestmögliches geleistet habe. Das Sold des Horthy. Budapest, 15. Juli. (Tel. d. „Wr. Morgeiizeitung".) „Magyar Orszag" teilt Einzelheiten über das Verschwinden der 40 Kilogramm Gold des Neichsverwesers Hort Hy mit. Dieses Gold hatte Horthy in' seiner ÄiÜa in P o l a, wo er es. mit anderen Wertsachen durch den Limenschiffslcuinant H a r d Y, einen Flügetadjudanten Horthys, und der Marineoffizier Bas nach Budapest schaffen , ließ. Als die Sendung, die in drei; Eisenbahnwaggons untergebracht war, in Budapest einlangte, fehlten die 40 Kilogramm Gold, und Vas ist mm angeklagt, > das Gold veruntreut zu haben. Er soll in einem unbewachten Augenblick sich der Schlüssel bemächtigt Haben. Da Zweifel an dem Eigentumsrechte des R e i ch s v e r w e se r s b e st e h e n, hat das Gericht weitere Erhebungen und insbesondere das Verhör eines italienischen Admirals, der nach dem Umstürze die Billa in Polen bewohnte, angeordnet. Der Nationalitätenhader und der von ihm untrennbare Nassenantisemitlsmus blüht weiter irr Mitteleuropa, Osteuropa und am Balkan. Nicht nur die deutschen, sondern quch die tschecho-slowakischen,' polnischen, ukrainischen, magyarischen, jugoslawischen, rumänischen und italienischen' Politiker könnten aitg den Schriften Adolf F i s ch h o f s, seiner Polemik gegen den Zentralismus in N a t i o n a l i t ä t e n st a a t e n, heute noch manche beherzigenswerte Lehre ziehen, ehe die sich, zuspitzenden innerstaatlichen Zrationalitätenkämpse zu einer neuen europäischen Katastrophe führen. Dr. Adolf Fjschhof war zum Unterschiede von. seinen Gegnern kein fanatischer Parteiulann, kein Kirchturmpolitiker. Er betrachtete alle Probleme, und daher auch die österreichische Frage, von der hohen Warte der gesamteuropäischen Situation. Diesen großzügigen Standpunkt nahm er auch in der Judensrage ein, und so kommt es, , paß er, ohne Nationaljude, zu sein, nicht in die Fehler der jüdischen Assimilanten verfiel, und es, wenn auch nicht ausgesprochen, als eine historische Ausgabe, des Judentums ansah, für die Ideen der Völkerverständigung. und sozialen Erneuerung allzeit einzutreten. - Als ihm unter dem Ministerium Potocki, um an dem nationalen Ausgleich positiv mitzuarbeiten,. ein Ministerportefeuille angeboten wurde, lehnte es Adolf Fischhof vorwiegend darum ab, weil er Jude bleiben wollte. Mit tiefer Verbitterung erfüllte ihn die Stellungnahme der damals-in Oesterreich tonangebenden jüdischen Politiker im öffentlichen Leben. Er prophezeite-ihnen, daß ihre Verbohrtheit in nationalen. Fragen die Förderung der nationalradikalen Polititk, zum Hinauswurfe der Juden aus sämtlichen nationalen Lagern führen - werde. Dieser Gegensatz trat auch zutage anläßlich der früher erwähnten Beglückwünschung Adolf Fischhofs zu seinem -70. Geburtstagedurch Dr. Karl Lueger. Der liberalen Gemeinderatsnrajorität, die im Bunde usit den Schönerianern unter Führung der „Neuen Freien Presse" .die .Beglück- WMW Hm. zu: „Keiner von'den Herren hier im Saale kann Fischhof das Wasser reichert, und keiner lebt, der sich mit ihm,,au politischer Vergangenheit, au Verdierrsten um die Stadt Wien und au Charakterintegrität messen kann!" Nur .18 Männer sanderr sich, die für die Beglückwünschung Adolf Fischhofs stimmten. Auf das Dankschreiben Adolf Fisch- Hofs an Dc. Karl Lueger antwortete dieser: „Wenn insbesondere ich mich über Ihre Worte freute, so tvar es deswegen, weil ich mir, wenn ich die Zeitungen las, oft die Frage vorlegtes was wird der Mann in Emmersdors von dir derrken?" Adolf Fischhof ist tot; aber feine Ideen werden verwirklicht werden müsserr, trenn die Donauvölker untereinander zu einem dauernden Frieden gelangen sollen, wenn Gesamteuropa zur Ruhe kourmen soll. Was zu Lebzelten Adolf Fischhofs' mehr oder weniger nur die Parlamentarier und Publizisten dies- und jenseits der Leitha beschäftigte, ist heute untrennbar verbunden mit den gesamteuropäischen Problemen. Die österreichische Krise ist zu einem wichtigen Brennpunkt der europäischen gewordeir. Botschaft an die Franzosen. Von Anatol France. Der Geist, des Krieges hat den Krieg Überlebt. Der Staat ist in seiner Leitung'der Affären diesem Geiste nocy untertan; unsere diplomatischen Methoden haben sich seit 1918 nicht gewandelt. Wir wahren noch inrmer das Geheimnis der Fürsten. Es umhüllt unsere acvswärtige Politik mit düsteren Wolken als je —> ein Anlaß zur Verzweiflung für nachdenkliche Köpfe. Aber so nachdenkliche Köpfe gibt es wenige, und das Land als Ganzes folgt willig den Weg, den man es leitet. Nichts hat ihm bisher wls Warnung gedient. Ebenso wie in der Zeit, als dev Feind üoch Teile unseres Landes besetzt hielt, gehen die großen Zeitungen auch 'heute noch ins Milnsterimn, um die Kommunizues .des Tages zg eMtzNM M W

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