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Wiener Morgenzeitung · 1922-07-15 · Heft 1241 (15.7.1922) · p. Seite 4

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
4 (1922)
Issue
Heft 1241 (15.7.1922)
Date
1922-07-15
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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— wm^m 'TW’ wv WMWU M Geiie 4 Wien. Samstag italienische Finanzleute würden ander Rettung Oesterreichs Zusammenwirken, aber der Vorsitzende dieser Fiuanzgruppe würde ein Amerikaner sein. Morgenthau schloß, diejenigen, die Geld zur Zivilisation vorstrecken, würden es nicht nur nicht verlieren, sondern sie würden daraus Vorteile ziehen. Paris, 14. Juli. Das vom „New-Zork Herald" ausgebene Interview mit dem ehemaligen Botschafter der Vereinigten Staaten in Konstantinopel, Morgenthau, enthält unter anderem noch die Mitteilung Morgenthaus, er beabsichtige, eine internationale Gruppe mit einem Kapital von 50 bis 60 Millionen Dollar sür die Wiederherstellung der österreichischen Industrie zu schassen. Wiener *•>♦«<*. (Sitzung a m 14. I u l i.) z-i Wiener Landtag hat in seiner gestrigen Sitzung nach einem Referat des Stadtrates Breitner in erster und zweiter Lesung das' Gesetz über die Beitragsleistung der Feuerversicherten zu den Kosten der Feuerwehr der Stadt Wien beschlossen. Unter großer Unruhe und Zwischenrufen der Sozialdemokraten begründete nun Gemeinderat Rummelhardt seine dringliche Anfrage an den Bürgermeister wegen Abschaffung des Schulgebetes, kn welcher der Interpellant, nachdem er die Aufregung schildert, in welche die katholische Bevölkerung durch deu Erlaß versetzt wurde, vom Bürgermeister als Landeshauptmänn und Präsidenten des Wiener Stadtschulrates verlangt, daß er durch eine Erklärung die Bevölkerung beruhige und durch ein Machtwort, das ihm zustehe, den Beschluß des Stadtschulrates außer Kraft setze. Der Vorsitzende erklärt, daß er die Anfrage an den Landeshauptmann weiterleiten werde, was bei' den Christlichsozialen, die eine sofortige Beantwortung der Interpellation erwarteten, großen Unwillen erregt. Die Sitzung wird hierauf geschlossen. . Andauernder Rückgang der Zahl der Arbeitslosen. Die Zahl der Arbeitslosen in Oesterreich hat erfreu« kicherweise in der letzten Berichstperiode neuerdings eine erhebliche Verringerung erfahren. Die Rückgänge des Monates Juni gegen Mai sind zum Teil sehr bedeutende. Gegenüber 38.563 unterstiitzten Arbeitslosen Ende Mai, standen Ende Juni 33.771 Arbeitslose in Unterstützung. Von diesen 33.771 Arbeitslosen entfallen auf Wien und Umgebung 26.678, also insgesamt rund 70 Prozent der Gesamtzahl der unterstützten Arbeitslosen des ganzen Bundesgebietes. Die Zahl , der durch Vermittlung vorgemerkten Arbeitslosen hat am 1. Juli 38.750 gegen 55.875 am 1. Juni betragen; diese Ziffer gibt die Gesamtzahl aller Arbeitslosen an, die sich gemeldet haben, ohne Rücksicht darauf, ob sie die Wartezeit noch nicht zurückgelegt haben, die Unterstützung beziehen oder schon ausgesteuert sind. Es ergibt sich also ein Ge samt rückgang der Arbeitslosen um 17.125 Personen. Dis Kurve der Arbeitslosigkeit,'die vom Jänner bis April angestiegen war, weist nunmehr einen konstant absteigenden Ast auf. so daß die Zahl der Arbeitslosen Ende Juni bereits geringer war als Ende Jänner dieses Jahres. Was die einzelnen Berufskategorien der Wiener Arbeitslosen anlangt, so ist die Zahl der Arbeitslosen in der Metallindustrie von 12.294 auf 11.612 zwar um einiges zurückgegangen, immerhin stellt diese Gruppe noch etwa ein Drittel der Gesamtzahl der Arbeitslosen dar. Die zweitgrößte Gruppe ist die der ungelernten Hilfsarbeiter, die. eine kleine Steigerung ausweist, und zwar von 8003 auf 8271. Als nächste Kategorie folgt jene der Angestellten mit 5057 in der ersten Junihälfte gegen 5063 am 11. Juli. Eine geringe Abnahme weisen auch die Hoielangestellten mit 3605 gegen 3812 auf. In der Kategorie der Bauarbeiterschaft beträgt der Rückgang der Zahl der Arbeitslosen 20 Prozent. Es ist zu hoffen, daß der Arbeitsmarkt sich weiterhin günstig entwickelt und damit die Zahl der Arbeitslosen sich weiter verringern, wird. Auf die einzelnen Länder verteilen sich die in Unterstützung befindlichen Arbeitlosen Ende Juni wie folgt: Wien 26.239, Niederösterreich 4349, Oberösterreich 2522, Salzburg 450, Steiermark 973. Kärnten 129, Tirol 94 und Vorarlberg 15. Ungarn. Neue Drohungen des Aejjas. * Lärm in der Nationalversammlung. Budapest, 14. Juli. (Tel. d. „Wr. Morgenzeitung".) Der oppositionelle Abg. R a s s a y hatte für heute eine dringliche Interpellation angemeldet, die sich auf eine Rede bezieht, die Oberleutnant Ivan H e j j a s heute nachts im Vereinshaus der Er wachendenUngarn hielt. Hejjas sagte unter anderem, daß ein Land dann verloren sei, wenn es einen kranken Kopf habe. Ein solcher Kopf sei Budapest. Er fuhr dann fort: Man kann über meine jüngste Erklärung sagen, was man will, den letzten Befehl habe ich noch nicht erlassen. Meine Pflicht werde ich jetzt erfüllen. Eines kann ich euch sagen: Wenn es auch auf dem ungarischen Himmelsgewölbe wo immer blitzt und donnert, so werde ich für Budapest der Donnerkeil sein. Diese Erklärung erregt in politischen Kreisen begreifliches Aufsehen und die Opposition verlangte eine Aeußcrung der Regierung. - Eine solche Erklärung sollte heute erfolgen. Aber die Regierung überkgte sich, die. Sache und schwieg, Der Acker- Wiener Morgenzeitung. 15. Juli 1SZ8 «k. 1841 Die Juden in Griechenland. (Eigenbericht der „Wiener Morgenzeitung".) Einer unserer Redakteure hatte Gelegenheit, 'ber die Lage der Juden in Griechenland mit m Fürsten Wsilanti, dem griechischen Gemdten in Wien, zu sprechen. Die Mitteilungen es Gesandten sind um so interessanter, da er ^er Judenfrage eine bei einem griechischen Aristokraten nicht gewöhnliche Teilnahme entgegenbringt. Der Gesandte sagt: Griechenland ist der^ einzige Balkanstaat, der die Emanzipation der Juden aufrichtig und ohne jeden Vorbehalt dnrchgesührt hat. In jedem unserer Nachbarländer, die Türkei auch nicht ausgenommen, ist die Gleichberechtigung der jüdischen Staatsbürger — wenn nicht in der theoretischen Gesetzgebung, so doch jn der Praxis — nur eine mehr oder weniger ideale Forderung, deren bedingungslose Verwirklichung noch weit in der Zukunft liegt. Ganz anders verhält sich die Sache in Griechenland. Die griechischen Juden erfreuen sich nicht nur vor dem Gesetz, sondern auch auf sämtlichen Gebieten des öffentlichen Lebens derselben Rechte, wie jeder Grieche. Die Zahl der Juden in Griechenland betragt mehr als zweimalhunderttausend. Sie bewohnen hauptsächlich die Stadt Saloniki und ihre Umgebung. Jn der Hauptstadt sind nur einige jüdische Familien anzutreffen. Die fünf Vertreter per Juden in Saloniki sitzen in der griechischen Kammer und spielen dort eine Rolle, deren Wichtigkeit weniger ihrer Zahl, als ihren hohen individuellen Fähigkeiten entspricht. Wie ernst es uns Griechen mit der Gleichstellung der Juden ist, beweist der Umstand, daß der jüdische Abgeordnete Mal ach erst unlängst von der griechischen Negierung zur Teilnahme, an der Regierung aufgefordert wurde. Er hat die Aufforderung mit der Begründung abgelehnt, daß er außer der jüdischen Sprache nur noch die französische beherrscht und darum das Finanzportefeuille, das ihm angeboten wurde, nicht annehmen kann. Herr Malach konnte sich dennoch der Einladung des Ministerpräsidenten, Griechenland in Genua zu vertreten, nicht entziehen. Er hat der Regierung, als Finanzreferent der griechische Delegation in Genua, bedeutende Dienste geleistet. Jn welchem Maße der griechischen Regierung jede Hetze gegen die nichtgriechische Bevölkerung verhaßt ist, beweist, daß erst vor kurzem ein Gesetzentwurf in d« Kammer eingebracht wurde, der die schärffte Ahndung jeder antisenntischdn Bewegung - vorschreibt. Dieses Gesetz ist mehr von theoretischer als von praktischer Bedeutung, denn der Antisemitismus gehört seit langen Jahren zu den seltensten Erscheinungen «t Griechenland. Die Sorge Griechenlands' um seine nichtgriechischen Staatsbürger weiß nur derjenige vollauf zu würdigen, der sich vor Augen hält, daß Griechenland um seine eigenen Stammesgenossen einen erbitterten Kampf mit der Türkei zu führen hat. In Kleinasien handelt es sich um das Leben der Griechen; eitte Zurückziehung der griechischen Truppen würde nicht nur mit der Ausrottung.der Griechen, sondern auch mit der die aller nichttürkischen Bewohner der kleinasiatischen Türkei gleichbedeutend sein. Die Kemalisten machen kein Hehl daraus, daß sie keinen der dort ansässigen Europäer, weder Franzosen noch Engländer, noch Italiener oder Juden, dulden wollen. Was das praktisch bedeutet, beweisen die Schritte, die nicht nur von der französischen und italienischen Handelskammer in. Smypna, sondern auch von jüdischer dene wiederholt" unternommen wurden. Es lebt noch in aller Erinnerung, wie die nichttürkischen Elemente in Karput vor den Augen, der amerikanischen Mission, die die Rolle des Protektors übernahm, niedergemetzelt wurden. Dapaus^ erklärt eS sich, daß die Juden Kleinasiens ebenso gut wie die griechische Bevölkerung dieses Gebietes nur in der griechischen Besetzung die Gewähr für sichere und geordnete Verhältnisse erblicken. Die Juden Griechenlands wollen als gleichberechtigte Staatsbürger einfür allemal in Griechenland verbleiben. Damit soll freilich nicht behauptet werden, daß den griechischen Juden der Siny für die ungeheure Tragweite der zionistischen Bewegung^. Auch die griechische Regierung verfolgt mit Sympäl^ die Bestrebungen des europäischen und amerikanischen' Judentums, sich in Palästina eine eigene Heimat zu bauen, und es bedarf wohl keiner weiteren Versicherung, daß die griechische Regierung Palästina bei weitem lieber in den Händen einer jüdischen Nationalregierung als unter der Herrschaft der türkischen oder arabischen Bevölkerung sehen würde. MardocheuS. bauminister Szabo-Nagyatad, der namens der Regierung in der Budgetdebatte das Wort ergriff, sprach nicht über Hejjas, sondern über seine eigene Person. Er gab zu, an der Revolution teilgenommen zu haben. Seine Rede rief arge Lärmszenen hervor, so. daß die Sitzung unterbrochen werden müßte. Privat hat sich der Minister des Innern, Rakovszky, dahin' geäußert, daß die Erklärung Hejjas' empöre u d sei. Er könne wohl Befehle erteilen, aber wer sie befolge, der werde die unbarncherzigtz Strenge des Gesetzes fühlen. Solche Aeußerungen dürfen nicht ungestraft bleiben. Die Äusteilurrg der gesperrten Depots. Budapest, 14. Juli. (Tel.-Komp.) Mitte August wird hier eine Konferenz sämtlicher Nachfolgestaaten stattfinden, deren Gegenstand die Beratung über das Schicksal der bn den verschiedenen Banken und öffentlichen Kassen hinterlegten und gesperrten Wertdepots, die vor dem Zusammenbruch deponiert wurden, bilden wird. Nach Berechnung der Fachleute der kleinen Entente sollen diese Depots den W-rt von einer Milliarde Kronen weit übersteigen. Die Teilnahme der Tschecho-Slowakei und Jugoslawiens ist gesichert, doch legt Ungary auf die Teilnahme Teste'retchs ha*1 größte Gewicht, da sich bei den burgenländtjcher. G^orMuten große ungarische Geldbeträge b> fiudeu. Polen. Korsanty svÄ Ministerpräsident werden. Warschau, 13. Juli. (Tel. d. „Wr. Morgenzeitung".) In der gestrigen Sitzung der Hauptkommission erklärte Abg. Skulski im Namen der rechten Parteien, daß die Sejmklubs, die dem Kabinett Sliwinski das Vertrauensvotum verweigerten, bereit sind, der Hauptkomntission einen Kandidaten für den Ministerpräsidenten vorzuschlagen. Sie ersuchten den Sejmmarschall, dem Staatschef zu erklären, daß die Hauptkommission zur Bildung des Kabinetts die Initiative ergreifen werde. Dieser Antrag wurde mit 217 Stimmen bei Stimmenenthaltung der linken Parteien angenommen. Die rechten Parteien hielten bereits eine gemeinsame Besprechung > äb, bei der, wie in den hiesigen Sejmcouloirs verlautet, der Abgeordnete Korfanty zum Ministerpräsidentschaftskandidaten proklamiert wurde. Di« Untersuchungskommisfivn von Wilna. Wilna, 13. Juli. (Tel. d. „Wr. Morgenzeitung".) Trotz der letzten Vorfälle in Wilna hat die Rozwoj-Organisation eine neuerliche Versamnllung einberufen, auf welcher der aus seiner Briefdiebstahlsaffäre bekannte Abgeordnete Dhnowski sprach. Oberrabbiner Rubinstein intervenierte deswegen beim Delegierten der polnischen Regierung Roma n, der ihm versicherte, daß von den Behörden alle Mittel ergriffen werden, um Hie Ochm'.ng aufrecht zu erhalten. Die Sejmkommission zur Untersuchung der letzten.Exzesse hat bereits ihre Untersuchung eingeleitet. Ueber 50 Zeugen sollen einvernommen werden. Interessant ist die Tatsache, daß alle Zeugen Christen sind und kein Jude einvernommen wird. Die Kommission wird von dem bekannten Judenhetzer Redakteur Jan Obst begleitet. Die jüdische Oeffentlichkeit befürchtet, daß die Kommission sehr, parteiisch Vorgehen wird Hd schon die Taffache, daß kein jüdischer Zeuge vorgeladen wurde, hat in der hiesigen Judenschaft berechtigterweise Beunruhigung hervorgetufen. „Unzer Frajnd" veröffentlicht die Liste der während der Vorfälle am 2. und 3. Juli in Wilna verwundeten Juden. Danach wurden 51 Personen schwer und leicht verwundet. Außerdem soll es noch eine größere Anzahl von verwundeten Juden geben, die sich nirgends gemeldet haben. Rundschau. viach der Ermordunq Rathenaus. Die politisch- Krise.' Berlin, 14. Juli. (Tel. d. „Wr. Morgenzeitung".) Eines der wichtigsten und umstrittensten von den Gesetzen zum Schutze der Republik, das Reichskrimin alg e s e tz, ist vom Reichsrat mit 56 gegen 10 Stimmen an- > genommen worden. Das Gesetz bezweckt, unbeschadet der Hoheit der Länder, gewisse polizeiliche Funktionen und polizeiliche Kräfte beim Reiche zu vereinigen. Die neue Reichskriminalpolizei soll in effter Line der Bekämpfung des gemeinenVerbrechertums dienen. Darüber hinaus soll die Reichsregierung das Recht erhalten, auch gewisse Befugnisse der politischen Polizei in den einzelnen Ländern auszuüben. Nach dem Gesetze kann das Neichskrimmalamt durch 'seine Vollzugsbeamten Ermittlungen im ganzen Reichsgebiete anstellen und Weisungen an die betreffenden Polizeibehörden erteilen. Der Gesetzentwurf stieß im Reichsrat zuerst auf Widerspruch bei mehreren Landesregierungen. Besonders heftigen Widerspruch erhob die bayrische Regierung, die auch bei der Abstimmung im Reichsrat gegen das. Gesetz gestimmt hat. Wie verlautet, soll der ehemalige Minister d:s Aeußern Dr. Sin ons zum Präsidenten des Reichsg-e- " richtes ernannt werden. Der bisherige Reichsgerichts- Präsident Delbrück ist vor kurzem verstorben. Die Mördervereine. Berlin, 14. Juli. (Tel. d^„Wr. Morgenzeitung., Ueber die Maßnahmen, die in Durchführung der Anordnungen des Reichspräsidenten zum Schutze der Republik in Preußen getroffen sind, wird von preußischer anttlicher Seite folgendes berichtet: In Preußen sind bisher vier Organisationen aufgelöst worden, der „Verband nationalgestnnter Soldaten", der „Bund der Aufrechten", der „Deuffche Volksschutz- und Trutzbuttd" und der „Stahlhelmbund der Frontsoldaten". Außerdem ist eine Anzahl Personaläuderungen verfügt worden. In der S ch u tz- Kolizei ist eine Reihe Berliner. Wizeiosfiziere kürzlich

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