Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- Heft 1239 (13.7.1922)
- Date
- 1922-07-13
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Wiener MorgettZeitung Mitteilungen ans dem PuAikinn stoeorg IN ALLEN Lift SCH LAG 16 EN GESCHÄFTEN ERHÄLTLICH > 'fei '1239 Wie», Donnerstag stzrenz abgelehnt. Vandervelde erklärte daraufhin, j>aß die Sozialisten aus der Gruppe austreten. Ergänzend wird gemeldet, daß die Sozialisten die Absicht haben, eine besondere Sektion zu bilden und nach Wien zu gehen. RaLhermns Mörder LmLKvMMLN? Berlin, 12. Juli. (Tel. der. „Wiener Morgenzeitung".) Bisher ist es der Berliner Polizei noch nicht gelungen, die Mörder Rathenaus zu verhaften. Der Leiter der Staatspolizei Oberregiernngsrat Weiß hat sich nach Gardelegett begeben, um selbst die Verfolgung zu leiten. Die Verfolgung wurde, wie von dort berichtet wird, insofern verzögert, als die Beamten der Berliner Polizei durch Angaben der Bevölkerung auf Spuren geleitet würden, die sich nachträglich als gänzlich irrtümlich herausstellten. Der dadurch entstandene Zeitverlust sowie die Zersplitterung der verfolgenden Polizeikräfte kamen natürlich den verfolgten Mördern zugute. Uever die Auffindung der Spur der Mörder wird noch folgendes berichtet: Nach ihrem Verschwinden ans Berlin tauchten Fischer und Kern am 4. d. zum ersten Male wieder auf, und zwar in Wismar in Mecklenburg bei einem früheren Leutnant zur See, jetzigen Kaufmann Richard Otto, htrr sie in der Nacht zum 5. d. in seiner Wohnung behielt. Beide hatte» damals schon kein Geld mehr. Am 5. d. abends begaben sich die beiden nach Neukloster zu einem Seminaristen Karl Bauer, einetn früheren Kriegsfreiwilligen, um bei ihm ein Unterkommen zu suchen und von ihm Geld zu erhalten. Bauer erklärte Kern, der während der kurzen Unterhaltung sich ein Stück von feinem Brot abschnitt, daß er ihn nicht nnterbringen könne und wies ihn an einen früheren Oberleutnant zur See, Wiese in Neukaleu. Kern und sein Begleiter gingen dann in der Richtung nach Neukalen weg. EP scheint, daß b rwe in das Ausland entkommen find. Jedenfalls ist ihre Spnr gegenwärtig verloren gegangen. Berlin, 12. Mi. (Tel.-Komp.) Die bis in die Gegend von Arendsee—Packebusch einwandfrei festgestellten Spuren der Mörder Rathenaus sind bisher nicht wiedergefunden worden. Die Verfolgung geschieht nach zwei Setten. Nach Zeugenaussagen sollen sich zwei Radfahrer in der Richtung auf Helmstadt bewegt und erklärt haben, daß sie sich nach dem Haag begeben wollen. Ein zweite Spur wird ans Grund der Aussage eines Arztes verfolgt, und führt in der Richtung ans Rathenow. Ans diesen an sich wiedersprechenden Aussagen scheint mit Sicherheit nur soviel hervorzugehen, daß die Flüchtlinge den Polizeikordon von Gardelegen durchbrochen haben. Die Polizei hat ihre Aktionen auf alle Gebiete ausgedehnt, die irgendwie als Zufluchtsstätte der Mörder in Frage kommen könnten. Weitere Waffenfunde. Berlin, 12. Juli. (Woflf.) Wie die Blätter melden, sind in Bremen im Lagerhaus eines Kaufmannes elf Kisten mit umgearbeiteten Militärgewehren, Modell 98, gefunden worden. Das Ehrenbürgerrecht Helfferichs. . Berlin, 12. Juli. (Wolfs.) Nach dem „Vorwärts" haben jt Fraktionen der Arbeiterparteien in der Stadtverordnetenversammlung von Neustadt a. d. Havel, dem Geburtsorte Helfferichs, beantragt, Helsferich das Ehrenbürgerrecht abzuerkennen. . ' Die Konferenz im Haap. Haag, 12. Juli. (Havas.) Nach längerer Beratung über die Frage, ob die Mitteilung an die Russen in die Form von Minimalbedingungen oder eines Fragebogens gekleidet werden solle, hat sich die Kommission für das Privateigentum für einen gemischten Text entschieden, der jenem der Genueser Memoranden analog ist. Man reiner damit, daß die Russen für ihre Antwort eine Frist verlangen ^werden. . In einem Interview erklärte Hraffin, wenn die Sowjets Kredite erhalten, würden sie über die Entschädigungen sprechen können, doch würden sie die Rückgabe des Privateigentums unbedingt verweigern. Im Falle der Verweigerung der Kredite würden die Sowjets mit Kapitalisten in Verbindung treten. H/wg, 12. IM. (Havas.) In der heutigen Sitzung der Kommission für das Privateigentum hat Litwrnow feinen ablehnenden Standpunkt bezüglich der Rückerstattung des- Privateigentumes und der Entschädigung der Eigentümer in verschärfter Form aufrechterhalten. Der Vorsitzende der Kommission, Wream, bezeichnete im Namen seiner Kollegen die Fortsetzung der Erörterung für unnütz. Die Russen erklärten, daß sie die Verantwortung für den Bruch den Mächten zuschieben. ' London, 12. Juli. Das Reutersche Burean erfährt aus dem Haag: Der Präsident der Konferenz teilt mit, daß es infolge der von Rußland eingenommenen Haltung nutzlos fei, die Verhandlungen fortzufetzen. Das Ende Les Berliner ZeitRRgssLreUrs. Berlin, 12. Jnli. (Wolfs.) Die > Berliner. bürgerliche Presse ist heute nachmittags nach zwölftägiger Unterbrechung durch den Buchdruckerstreik wieder erschienen. Der „B o r w ä r i's", der die materiellen Forderungen der Buchdrucker an sich billigt, macht ihnen p o l r t i s ch e E i nsichtslofigk.eit.zum Vorwnrf, indem er es.u. a. als einen unmöglichen Zttsrand bezeichnet, daß die gesamte deutsche Finanzwirffchcift durch Strcikverhängung über Pie S3N1ISEP,INGER ESSIG*, LIKÖR- UNO SEMFFÄBRIKEM wu Q. JHÄUTNEIt --IM A EIKHOF Gesellschaft h. b. h., Wien, xi. Neichsdruckerei und die Durchführung der republikanischen Schutzgesetzgebung durch die Stillegung des „Reichs"- und „Preußischen Staatsanzeiger" lahmgelegt wurde. Die ExpLosionskatsstrophe irr Cuxhaven. Hamburg, 12. Juni. (Wolfs.) Zur Cxplosionskatastrophe im MinendepoL von Groden wird gemeldet: Das Depot ist vollständig zerstört. In Cuxhaven und Umgebung sind fast sämtliche Schaufenster und Scheiben zerbrochen. Die verhältnismäßig geringe Zahl der Opfer ist darauf zurückzuführen, daß sich zur Zeit der Explosion niemand im Schuppen befand.- Bisher ij't ein Toter gesunden worden; vier Personen werden als vermißt gemeldet. In das Cuxhavener Krankenhaus sind insgesamt 13 Schwerverletzte und 34 Leichtverletzte gebracht wovdem Außerdem haben noch etwa 10o Personen Verletzungen davongetragen, darunter auch Kinder. Unter den Verletzten befindet sich auch ein Ententeofsizier, .der kurz vor der Explosion einer Besichtigung durch eine Ententekommission beigewohnt hatte. Der Sachschaden geht in die Millionen. DageMerieht. ■ Die KaMPsMethoden des ÄntiseMMsmus einst und jetzt. In der „Tribüne Juive" veröffentlicht I. D el e v s k i m.eit ebenso interessanten, wie lehrreichen Aussatz'über das Wesen und die. Kampftnethoden des Antisemitismus einst und jetzt. Delevski ist zweifelsohne ein Kulturhistoriker ersten Ranges, seine kritischen Apercus sind immer geistreich, wenn auch nicht -immer zutreffend. Er hält sich vor allem Frankreich und den' französischen Antisemitismus vor Augen, daher fehlt seiner Abhandlung der breite Hintergrund, den ihm die Geschichte des deutschen Antisemitismus der > Vergangenheit und noch mehr, die der antisemitischen Bewegungen der Gegenwart verleihen könnte. Nach Delevskis »Definition ist der Antisemitismus eine epidemische Krankheitserscheinung, die auch abnehmen und durch den Fortschritt der Sozialhygiene verschwinden könne, sowie die Lepra einst aus Europa verschwunden ist. Diese Parallele mag ein geistreiches Apercu sein, sie trifft aber den Kern der Sache gewiß nicht. Der Antisemitismus ist vielmehr als ein Seelenzustand, eine Psychose aufznfassen, die von der anderen nationalchauvinistischen Psychoseanfällen nur grad-, aber nicht a t t verschieden ist. Sie hat letzten Endes dieselben, Wurzeln, wie sie jene Psychose im Jahre 1914 gehabt hat, die Deutsche gegen Franzosen und Franzosen' gegen Deutsche trieb. Delevski stellt scharf den Antisemitismus des Mittelalters den: neuzeitlichen Judenhasse gegenüber. Das Mittelalter war die plastische Epoche des „aufrichtigen Antisemitismus". Zu einer Zeit, wo Fanatismus und Barbarei herrschten, als man an Fatum und Zauberei glaubte, als Hexen und Ketzer verbrannt wurden, war der Haß gegen „die Mörder. Christi" natürlich und selbstverständlich. Damals kam das fürchterliche Schauermärchen vom Nitualmord auf. Fanatisch und grausam, wies jene Zeit all ihre bösartigen charakteristischen Züge auch int Antisemitismus auf. Die französische Revolution schien ein für allemal die fürchterlichen Gespenster jener schrecklichen Epoche zu verscheuchen. Sie predigte die weitgehendste Gleichheit aller Erdensöhne und schrieb die Freiheit des Gewissens und der UeberzeUgung auf ihre siegreiche Fahne. Sie vermochte aber dennoch dem Judenhaß keinen Einhalt zu gebieten und der Antisemitismus flackerte an der Schwelle des neunzehnten Jahrhunderts mit neuen Flammen' empor. Zweifelsohne stand jetzt die Demokratie, die überall als das einzigmögliche Fundament der Zukunft galt, int schroffsten Widerspruch zu diesem wilden Haß, der nach wie vor dem zerstreuten Volke Israels cntgegengeüracht wurde. / 13. Juli 1922 Seite 5 Delevski forscht nun den verschiedenen Formen nach, mit denen sich der Antisemitismus als eine Erbschaft des Mittelalters der, neuzeitlichen Demokratie anzupassen versuchte. Die Wissenschaft sollte den Mantel hergeben, unter dessen Hülle die verdächtige Ware in die andersgewordenen Zeitläufte eingeschmuggelt werden sollte. Delevski erinnert uns an die wohlbekannten Theorien des Rassenantisemitismus und des wirtschaftlichen Antisemitismus. Ihm scheint der letztere näher zu liegen, da er französischen Ursprungs ist. War doch Toussanel, der berüchtigte Schüler des französischen Sozialisten Fourier, der Verkünder der neuen Lehre, deren Grundlagen er in seinem vielgelesenen Buche „Die Juden als Könige der Epoche" niedergelegt hat. Äer Nassenantisemitismus ist bekanntlich deutschen Ursprungs, obgleich er von den französischen antisemitischen Theoretikern, wie dem Abbe Chabanth und Gougenot des Mousseaux auch nicht verschmäht, wurde. Der wirtschaftliche Antisemit will in denr Inden den gefährlichen Konkurrenten treffen, der, da „seine Handlungen keine ethischen Hemmungen einschränken," eine ständige und nicht zu bekämpfende Gefahr für das christliche Wirtschasts- - system bildet. Den Beweis der Richtigkeit seiner These sieht diese Art des Antisemitismus in den großen Erfolgen des jüdische» Großkapitals. Der Nassenantisemitismus istoffener und aufrichtiger. Er schert sich nicht viel um wissenschaftliche Schönheitspslaster und bekennt sich offen zur mittelalterlichen Lehre der Ungleichheit der Rasse. Einer inferioren Rasse soll der Jude angehören, er muß daher entweder entrechtet, in die Ghettos zurückgedrängt, oder niedergemacht werden. Die Verwandtschaft dieser Lehre mit der römischen Doktrin der Sklaverei, die über das Mittelalter hinaus in das-antike Altertum zurückweist, liegt klar auf der Hand. Delevski versteht es, die beiden Arten des Antisemitismus, die übrigens nirgends gesondert, sondern nur im schönen Bunde miteinander Vorkommen, gehörig zu analysieren und auf ihren wissenschaftlichen Wert hin zu Prüfen. Er vergißt aber darauf hinzuweisen, daß — wie ' auch diese Antisemitismen immer genannt werden, welche Ziele sie sich auch stecken mögen — sie dennoch mit dem Antisemitismus des Mittelalters wesensgleich sind. Auch ihre Kampftnethoden^ unterscheiden sich mit Nichten vom wild lodernden Judenhaß der Hexenrichter und Ketzerverbrenner. Freilich sind die Namen, die den Waffen der jetoeiligen Antisemitismen beigelegt werden, verschieden. Ihre Beschaffenheit bleibt aber stets dieselbe. Was einst Inquisition, San Hermandad usw. war, ist heute deutschvölkische Mordorganisation oder magyarisches Offiziersdetachement, Die Inquisition arbeitete mit Scheiterhaufen, die Mordorganisation mit Handgranaten. Die Technik macht eben Fortschritte und der Antisemitismus auch. Wenn im Mittelalter dcch. Lügenmärchen vom Ritualmord in die Welt gestreut wurde/um Pogromhetzen anzubahnen, so tun jetzt dasselbe die hochgelehrten „Protokolle der Weisen von Zion" von der Weltverschörung des jüdischen Imperialismus gegen das christliche Europa, die an geistigem Niveau und Wahrheitsgehalt mit nichten hinter dem Ritualmordmärchen Zurückbleiben. Mardocheus. EiserrLahIMnglüik in Sprmierr. 20 Tote» 80 Schwerverletzte. Paris» 12. Lull. (Kavas.) Das .Journal" melde! aus Madrid: Bei P a r a d a s hat sich ein Eisenbahnunglück ereignet, bei dem 30 Personen den Tod fanden und 50 meist schwer verletzt wurden. Unter den Toten befinden sich der Präsident des Appellgerichtshofes O t r e d o. Een-llor L e m a und Deputierter B a e r a. Bisher sind 23 S??UH o»« den Trümmern hervvrgezogen worden.! * Das Neuest: ist . . . Das Neueste ist -nämlich/ daß dre Finanzverwaltung ein Einsehen hat urch die Fahrpreise der Bundesbahnen noch nicht mit jener Rücksichtslosigkeit erhöht, die sonst in diesen: gesegneten Lande üblich ist. Selbstverständlich erfolgt die Schonung für jene Klasse, die der Förderung und Hilfe am meisten bedarf, nämlich die erste Klasse. Dort, so dachten die Pflicht- und programmgemäß erleuchteten RegierunBhänPter, fällt es den Reisenden am schwersten, die Mehrlasten mtf sich zu nehmen, denn in der ersten Klasse reisen erfahrungsgemäß jene M'ltteidenswi'wdigen, die sich die Reisekosten kreuzerweise mühselig int Schweiße ihres oder fremden Angesichts verdienen, falls sie nämlich nicht eine Freikarte besitzen. Da bekanntlich unsere Regierung auch mit einem Tröpfchen demokratischen Oeles c>;falbt ist, wenn es gerade daraus anfommf, |o entdeckte sie ihr Herz fürs Volk, allerdings zunächst für das Volk "» den rotgepolstevten Wagen. Leder und Holz dürfen nach wie vor zahlen und da das so ziemlich das einzige Recht ist, das ihnen zusteht, will man es ihnen in lairdesvaterl-lcher Huld weder streitig machen noch schmälern. Der Mittelständler hört die Kunde von der Neuordnung der Tinge mit einem nassen, mit einenn lachenden Ohr. Erbittert ihn der Gedanke, das; die Fahrgäste der Ersten weniger gezaust wer-eir sollen als ihre Reisegefährten der unteren Regionen, so Entzückt ihn andererseits die Vorstellung, wie viel er durch das Aufgeben der Somwerrerse als Drittklaßler erspart. Trostlos ist nur der Oberstaätsbahnrät. Wenn man schon das Vwgirügen hat, bei 46 Grad im Schatten zu einer Bahnkonscrcrrz in Pardubitz zn fahren, so möchte man doch wenigstens wisftn, daß die Fahrt einem gewöhnlichen Sterblichen sechsmal so viel lostet wie dem ganz gewöhnlichen Sterblichen, der ln der Holzklasse reist. Nur viermal die dritte Klasse — das ist ganz einfach Bolschewismus. Kater Murr. SL ««ÄDEA M IM WW