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Wiener Morgenzeitung · 1922-07-13 · Heft 1239 (13.7.1922) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
4 (1922)
Issue
Heft 1239 (13.7.1922)
Date
1922-07-13
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Dänn erstattete der Vorsitzende der Keren Kajemeth- Zentmle, Dr. Ha u s n e.r, einen kurzen Bericht über den guten En»»?rMnMang. dieser-.Artzeit.''In'dieser Zeit sind M neue Kommissionen organisiert worden, so daß die Zahl derselben die Zisfer 160 erreicht hat. Die Eingänge sind im letzten Jahre beträchtlichgestiegen und belaufen sich zuletzt auf ungefähr drei Millionen Mark monatlich, wobei das Kontingent Pro 1922 in vielen Orten bereits überschritten wurde. Schließlich kommt der Präsident der Exekutive Doktor Reich in seiner Eigenschaft als politischer Referent zu Worte. Er bespricht zunächst den ganzen Komplex der Palästina-Fragen. Dann kommt er auf die innere Politik zu sprechen und verweist auf die intensive Aktion in der Kahalfrage, auf die mit dieser Aktion eng verbundene, sehr gut gelungene Konferenz der jüdischen Mandatare, auf die Bestrebungen wegen Erlangung der Persona lautonomie, die ja eigentlich nichts anderes sei..als die angestrebte Sicherung der leider vielfach noch auf dem Papiere stehenden Gleichberechtigung der jüdischen Bevölkerung. Im Vordergründe der Arbeit standen auch unaufhörliche Interventionen bei. den Behörden und. der Zentralregbrrung wegen Abstellung der Schikanen auf politischem kulturellem und ökonomischen Gebiete, so vor allem in Sachen der entlassenen jüdischen Beamten, in der Universitätsfrage, wegen der Mißbräuche bei' der Volkszählung, wegen der Ausweisung der ukrainischen Flüchtlinge, wegen der Durchführung der Agrarreform zu ungunsten der jüdischen Landwirte, wegen der ^willkürlichen Schließung zionistischer Vereine und Schulen, wie such wegen des Verbotes des Gebrauches der jüdischen Sprache. Der Referent faßt seine diesbezüglichen Forderungen in vier'Resolutionen zusammen, die der politischen Kommission überwiesen werden. Oesterreich. Der Finanzausschrrtz. In der gestrigen Vormittagssitzung deS Finanzausschusses des Nationalrates wurde eine Reihe kleinerer Vorlagen zum Beschlüsse erhoben, so daß das Gesetz betreffend die Unterstützung der im Auslände lebenden Kriegsbeschädigten, das Gesetz über die Veranstaltung einer Ferienaktion für die K r i e g e r w a i s e n. Ein Antrag W i t t e r n i g g, die öffentliche zweiklassige Handelsschule zu verstaatlichen, wurde nicht angenommen, da Bundesminister Dr. Schneider erklärte, ein solcher Beschluß würde die Regierung verpflichten, auch alle übrigen zweiklassigen Handelsschulen zu verstaatlichen. Man einigte sich auf . eine Entschließung, in der die Regierung anfgefordert wird/ der Salzburger Handelsschule eine entsprechende .Subvention zu gewähren. Der Ausschuß forderte ferner die Negierung aus, künftighin Nachtragskredite nicht mehr einzeln, sondern monatlich zusammengefäßt dem Hause zu nnterbreiten. ' Dann wurde das Gesetz betreffend den Anbau von Tabak in Hausgärten zur Deckung des Eigenbedarfes in Verhandlung gezogen. Abg. Schiegl verlangte, daß bäuerlichen Bevölkerung, sondern jauch den Schrebergärtnern gegeben werde..; Das Gesetz über die innere Anleihe. In der Nachmittagssitzung des Finanzausschusses legte Berichterstatter Dr. Gürtler die Beschlüsse des Unterausschusses über das Gesetz! betreffend die innnere Anleihe vor. Er betont, der Unterausschuß war bestrebt, den Grundsatz der Gleichheit der Belastung soweit als möglich durchzuführen, gewisse Sicherungen dafür zu schaffen, daß die Anleihe in einem möglichst großen Umfang eingezahlt wird und in jenen Fällen, in denen die Einzahlung nicht möglich ist, dafür zu sorgen, daß der Staat auf ander'. Weise in den Besitz der Anleihebeträge gelange. In der Generaldebatte führt Abg. Doktor Bauer aus: Die Sozialdemokraten hätten es vorgezogen, wenn der durch dieses Gesetz verfolgte Zweck statt durch eine Zwangsanleihe durch eine einmalige Abgabe vom Vermögen erreicht werden wäre. Dadurch hätte der Staat für die Zukunft jährlich 24 .Milliarden an Zinsen und außerdem die Tilgungsbeträge erspart. Das Gesetz über die innere Anleihe beurteilen die Sozialdemokraten in erster Linie von dem Gesichtspunkt ob die Mittel, die durch die Anleihe cinfließen werden, wirklich die Möglichkeit bieten, daß die Notenpresse auf anderthalb Jahre stillgelegt wird. Bei dem heutigen Stand der Geldentwertung sind die zu erwartenden Beträge weitaus unzureichend. Aus diesem Grunde haben die Sozialdemokraten den. Antrag gestellt, die Anleihe zu valorisieren. Infolge Ablehnung dieses Antrages wird das Gesetz seinen Zweck überhaupt nicht erreichen können. Die Verantwortlichkeit dafür, daß der Staat dadurch in die schwersten Verlegen-, hriten geraten kann, lehnen die Sozialdemokraten ab, sie trifft jene, die die Valorifation äblehnten. Abg. Dr. Schönbauer bemerkt in einer Erwiderung auf die Ausführungen des Abg. Dr. Bauer, daß die Landwirte von allem Anfang an bereit gewesen seien, schwere Opfer auf sich zu nehmen, wenn sie die Ueberzeugnng hätten, daß diese Opfer nicht umsonst gebracht werden. Gerade in dieser Beziehung sind aber manche Bedenken ank Platze. Redner weist sodann darauf hin, daß sich bei anderen Bernsen die Angleichung an die Goldparität viel rascher als bei der Landwirtschaft vollziehe und bemerkt, daß seine Partei aus diesem Grunde den Antrag auf Valorisation ablehnen müsse. Was ferner die Forderungen anlangt, die von den Bauernorgamsationen als Junktim aufgestellt toorden sind, so handelt es sich dabei keineswegs unl eine mutwillige Kampfansage an die Arbeiterschaft. Die Bauern sind bereit, Opfer zu bringen, wenn alle anderen - Schichten auch Opfer bringen. Unsere Produktion muß vergrößert werden, der Konsum mutz eingeschränkt werden. Wir haben eine Abänderung' des Achtstundentages verlangt, indem wir dem Beispiel der Schweiz folgen, die in Krisenzeiten die 54-Stunden-Woche gestattet. Auch im Deutschen Reiche sind alle, mit Einschluß der Mehrheitssozialisten, der Meinung, daß in öffentlichen Betrieben die Arbeitszeit umschrieben werden muß. Wir halten unsere Forderungen für durchführbar. , Da wir nicht wissen, wie sich das Hau? zu unseren Forderungen stellt, können wir keine bindend» Erklärung zum Gesetz abgeben, Der Redner erklärt daher, daß er sich der Abstimmung über das Gesetz enthalten werde. ... Bundesfinanzminister Segur führt aus, die Regierung hat bei der Abfassung des Gesetzes über die innere Anleihe es als ihre selbstverständliche Pflicht angesehen, die wirtschaftliche Kraft des Volkes nicht außer acht zu lassen. Denn das Gesetz müßte einen Mißerfolg aufweisen, wenn die Leistungsfähigkeit des einzelnen bei der Uebernahme der inneren Anleihe überspannt worden wäre. Aus diesem Grunde wurde unter Hervorhebung. des Grundsatzes der Opfergleichheit des Besitzes eine 7prozentige Belastung .festgelegt. Natürlicherweise konnte Lei der Verschiedenheit des Besitzes und seiner Ertragsfähigkeit ein absolut gerechter Maßstab nicht gesunden werden, immerhin lassen die vom Finanzministerium ausgestellten Berechnungen. den Schluß zu, daß. die oben angeführte Belastung - als eine gerechte bezeichnet werden muß. Berichterstatter Dr. G ü r t l e r kommt auf den Vylorisationsgedanken des Abg. Dr. Bauer zurück und bemerkt, ein Unterschied zwischen dem Gesetz und den Ideen des Abg. Dr. Bauer liege nur darin, daß dieser auch eine Jnterkalarvalorisation verlange. Denn die Rückstände werden auch nach dem. Gesetz valorisiert. Der Valorisationsgedanke wäre dann ganz schlüssig, wenn. eine Universalvalorisation durchführbar wäre. Das ist.aber, ausgeschlossen. Andererseits soll durch die Notenbank eine Stabilisierung der Krone herbeigeführt werden. Der Valorisationsgcdanke würde in die Anleihe eine solche Unbestimmtheit hineintragen, daß der Berichterstatter ihm seine Zustimmung nicht geben könne. Die in der Generaldebatte erörterten Gesichtspunkte zusammenfassend, hebt der Berichterstatter hervor, daß das österreichische Problem kein rein staatsfinanzielles Problem sei. Gewiß wird die österreichische Wirtschaft durch die staatsfinanzielle Politik beeinflußt, aber es nützt nichts, die Staatsfinanzen allein zu.sanieren, ohne zugleich auf eine Beseitigung des Mißverhältnisses zwischen Produktion und Konsum hinzuwirken. Unter anderem würde es außerordentlich produktionsfördernd wirken, wenn für die landwirtschaftlichen Produkte'die volle. Freiheit des inneren Verkehrs hergestellt und alle inneren Verkehrsbeschränkungen aufgehoben wiirden, Eine Intensivierung der Arbeit muß nicht notwendig eine Vermehrung der -Arbeitslosigkeit zur Folge haben, sondern kann, wenn sie produktionsverbilligend wirkt, die Arbeitslosigkeit vermeiden. Der Berichterstatter^beantragt schließlich, in die SpezialdeLatte einzugehen. Der Antrag des Berichterstatters wird angenommen. - Der AbÄKU der NeMter. Im Verkehrsausschuß des Nationalrates berichten: gestern Bnndesminister Dr. Odehnal über' die Bemühungen der Bundesbahnverwaltung, durch Auslassung von Amtsräumen E r s p'a r n i s s e zu erzielen und W o h- 1239 Wien,'Donnerstag_Wiener MoraenzeiLung.__ 13. Juli 1922 . Seite 3 die Bewilligung zum Anbau von Tabak nicht nur der infoixe xünstixer Abschlüsse verkaufen w.ir zu alten Preisen la Regenmäntel, engl.Stoffe, Leibu. Bettwäsche, Strick* u. Wirkwaren etc. I Schiffmann II., Taborstraße 48 Telephon 47-1-79 En gros Eh detail Reisebriefe Wien—Palästina. Von Wolfgang Weisl.*) In Saloniki. In Griechenland leben ungefähr^100.000 Juden — Vke Gemeinden Thraziens, die zwar politisch zu Griechenland gehören oder gehören werden, zionistisch aber der Federation Sioniste d'Orient unterstellt sind — nicht mitgerechnet. Bon diesen 100.000 Juden leben ungefähr 90.000 in Mazedonien, außer in Saloniki hauptsächlich in Kavalla, Seres und Drama, so daß das Schwergewicht die zionistischen Arbeit aus Mgriechenland nach der Hauptstadt Mazedoniens, nach Saloniki, verlegt wurde. Hier hat die: Federation Sioniste de Grece ihren Sitz, hier ist auch'die Hauptarbeit des Keren Kajemeth zu leisten; in Saloniki erscheinen die zionistischen Zeitungen Griechenlands, hier gibt es ein Dutzend zionistischer Vereine und Klubs —. aber trotz den günstigen Vorbedingungen für eine intensive zionistische Arbeit ist die Organisation in Griechenland noch sehr schwach. Die Zahl der organisierten Zionisten Salonikis z. B. bewegt sich zwischen 1500 und 2000 und in den kleinen Orten ist es nicht viel besser. Auch die pekuniären Leistungen Griechenlands für das Aufbauwerk Palästinas sind sehr gering. Der K e r en H a j e s s o d hat erst vor wenigen Wochen die Arbeit begonnen und der Jüdische Rationalfonds müßte ebenfalls vor einigen Wionateu neu organisiert werden. Die Spendensumme des I. N. F. in Griechenland betrug z. B. im Jahre 1921 pur etwa 500 Pfund Sterling (gegenüber zirka 2300 Pfunds in Oesterreich!) und dabei kostet ein Drachme etwa 300 Kronen. Von einer straffen Organisation ist im ganzen Orient noch keine Rede. In allen Orientstaaten ist der Jüdische Nationalfonds überhaupt nicht legalisiert und die Arbeit dementsprechend planlos. Die sephärdischen Juden haben eine ausgesprochene Begabung für die wirksame Veranstaltung von Massenkundgebungen, füb Demonstrationen und Feste.. Bei solchen Gelegenheiten — etwa bei einem Fähnchentag, wo-Fahnen zugunsten des Keren Kajemeth *) Siebe „Wiener Morgenzeitung" vom 2. > verkauft werden — sammelt man gewöhnlich recht ansehnliche Beträge, entfacht eine ungeheure Begeisterung •—> und schläft dann wieder ein. Daß eine zielbewußte, planmäßige Arbeit, vor allem aber eine wirklich demokratische Organisation aller Mitarbeiter viel mehr leisten muß, als gelegentliche Manifestationen, verstand man bis jetzt noch nicht. Ich habe für meine Person hier viel gelernt: vor allem erkannte ich erst hier im Orient die gewaltige Bedeutung der Nationalfonds-Landeskonferenzen. Wir Juden sind ein sehr mißtrauisches Volk und sehr wenig zu Konzessionen an andere, besonders an Gesinnungsgenossen geneigt. Auch in Oesterreich gab und gibt es Reibungen und Differenzen innerhalb unserer Organisationen, auch innerhalb der Organisation des Nationalsönds selbst, aber für diese Mißstimmung existiert ein Ventil: die Landeskonferenz. Hier im Orient fehlt dieses Forum und dcch Resultat ist bisweilen eine Lahmlegung der ganzen Arbeit. durch die kleinlichsten Disharmonien. * Gilt Oesterreich durch . seine Nationalfondsorgan isation als mustergültig, so haben wir in Wien noch eine zweite Muster-Orgcmffation, deren ganze Bedeutung ich übrigens erst hier im Süden richtig schätzen lernte: die Hakaoh. Ich sprach bei den Scout boys, den „D r o r i m" Salonikis über die verschiedenen Arten jüdischer Jugendarbeit in Oesterreich und erzählte ihnen dabei natiirlich von der „Hakoah", die hier, wo kein Mensch deutsch versteht und daher auch keine deutschen Zeitungen liest, leider ganz unbekannt ist. Ich erzählte vom „Blau-Weiß" und vom Nationalfonds, von dem jüdischen.Bataillon aus den Tagen der Revolution — aber als ich den Jungen das Match „Hakaoh—Rapid" schilderte, das letzte, das ich in Wien-gesehen habe, da waren die Burschen außer Rand und Band vor Begeisterung und lachten und schrien vor Freude. Und dasselbe Schauspiel erlebte ich bei den „Makkabi" in Konstantinopel und bei den Schulkindern von Smyrna und Rhodns . . . Leider hat es bisher völlig an Propaganda gefehlt. In Saloniki z. B. sagte man mir, ich sei der erste zionistische Emissär, der seit Bestand .der griechischen Organisation aus „Europa" dorthin gekommen sei. (Der Balkan'gilt nicht als „Europa" und die besten Redner Konstantinopels: oder Bulgariens wirken nicht halb so viel als ein Gast aus der Fremde.) Aber nicht nur der persönliche Kontakt zwischen der Judenschast Salonikis und den zionistischen Behörden fehlt, auch die Propagandaliteratur in französischer und vor allem in spaniolischer Sprache ist höchst dürftig,! d. h. eine sephardische zionistische Literatur existiert überhaupt nicht. Der „Judenstaat" z. B. ist noch nicht ins Spaniolische übersetzt worden und „Altneuland" wurde , erst vor einigen Monaten von einem Buchdrucker in Smyrna auf eigene Faust übersetzt nnd verlegt. Von unseren großen Denkern hat man keine Ahnung. Eine wirkliche zionistische Betätigung der einen Million sephardischer Juden kann solange nicht erhofft werden, solange man der spaniolischen Welt nichts Besseres bieten kann, als — Reden. Bücher existieren nicht. Filme — der Orientale liebt das Kino leidenschaftlich, beinahe ebenso wie der Wiener — gibt es bis jetzt zwei'oder drei, die jüdische Themen behandeln, Lichtbilder: nach zwanzig Jahren Arbeit ist endlich die erste Serie von Lichtbildern in den Orient abgegangen — kein Wunder, wenn die Ergebnisse, einer solchen „Propaganda" entsprechend dürftig sind. Das HauptVmreau des Jüdischen Nationalsonds hat daher die. Initiative zur Gründung eines spaniolischzionistischen Berlages ergriffen, und besonders der Großrabbiner von Saloniki, Uziel, ein gebürtiger Palästinenser, früherer Großrabbiner von Jaffa, interessiert sich sehr für diese Angelegenheit; noch mehr aber liegt ihm eine andere Frage am Herzen: Das jüdische Schulwesen , in Orient. Er , plant zunächst die Errichtung eines hebräischen Lehrers c m i n ars zur speziellen Ausbildung sephardischer Lehrer. Diese sollen dann ihrerseits das.kulturelle Niveau ihrer Landsleute heben, das zum Teil noch ziemlich niedrig ist., Großrabbiner U z i e l, . ein begeisterter Zionist, hat sich auch schon an, die zionistische Exekutive mit der-Bitte um Unterstützung gewendet und'steht auch mit Aegypten diesbezüglich in Verhandlungen. r. ■— * Die politische Lage der Inden in Griechenland Ist im großen und ganzen zufriedenstellend. M dm; Kam-

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