Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- Heft 1237 (11.7.1922)
- Date
- 1922-07-11
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Wie«, Dienstag Wiener Mor^Mzeituns. 11. Juli im Nr 1237 («mmlung sprachen verschiedene Delegierte aus den europäischen Ländern und auch aus Amerika.Der Engländer Mr B u-x t o n schilderte seine schrecklichen Erlebnisse,' die Hungerß-- not und das Elend in den armenischen Ländern, welken viele Tausende von Menschen erliegen. Wenn man von Hungersnot in Europa spreche, s» dürfe man neben dem russischen Elend das hungernde Armenien nicht vergessen, von welchem man in Europa viel zu wenig wisse. Der Schweizer K rafft-Bona rd berichtete über die bisherige Hilfstätigkeit der verschiedenen Hilfskomitees, deren Arbeit jedoch infolge der türkische« Verfolgungen der Armenier zuschanden geworden sei Und durch politische Hilfe ersetzt werden müßt«. Die Lage des armenischen Volkes sei durch die Uneinigkeit der West-Wachte in der türkischen Frage sehr verschlimmert worden und nur durch eine Verständigung dieser könne Armenien von'der Last seinesschrecklichen Joches befreit werden. Nachdem der Orientalist G r affin Äber die armenische Kulturgeschichte gesprochen hatte, welche man in Europa viel zu wenig kenne, richtete er einen Appell an die Solidarität Europas, diesem alten Kulturvolk zur Wiedererlcmgnng seiner Freiheit und seittes Menschenrechtes zu verhelfen. Zuletzt gab der Vorsitzende, Senator Ve ra r-d, einen Ueberblick über die Aufgaben'der proarmenifchen Liga, welche darin bestehen, den in der ganzen Welt verstreuten Armeniern bei der Bildung ihres „unabhängigen Nationälheims" beizustehen und für die unter türkischer Herrschaft verbliebenen Armenier Garantien zu sichern. Es sei zu hoffen, daß der Völkerbund, welcher das armenische Problem erledigen soll, diesem unglücklichen Volke die nötige Hilfe angsdeihen^, lassen werde. Die Lage Deut^Ärrrrrss. Paris, 1$ Juli. Der Berliner Korrespondent des „Excelsior" wurde vonr Reichskanzler Dr. Wirth empfangen, der als wünschenswert bezeichnet?, daß das gegenwärtige Kabinett allseits Unterstützung finde, damit in der Bevölkerung die Ueberzeügung befestigt werde, daß ihr eine Katastrophe erspart bleibe. Die Besetzung,der drei Städte des Ruhrgebietes werde allgemein als große Ungerechtigkeit empfunden, da die Regierung stets bestrebt sei, die Bedingungen des Vertrages von Versailles zu erfüllen. Der Dollar habe heute bereits den Kurs von 520 erreicht. Es sei fast u n m ö g l i ch, bei einem derartigen Kursstand die Reparationen zu bezahlen. Die Stunde der Gefahr sei gekommen. Der.Reichskanzler betonte, er sei jederzeit bereit, sich mit Frankreich zu verständigen. Leider habe aber die letzte. Rede Poineares keineswegs ermutigend geklungen und es sei unmöglich, auf dem Weltmärkte auch nur den geringsten Kredit unter der Nachwirkrmg solcher Worte zu finden. Er kenne Frankreich, und sei der festen Ueberzeügung, daß -sich die beiden Völker verständigen werden. Er glaube daran, daß die Mehrheit der französischen . Bevölkerung ebenso wie die Mehrheit Deutschlands diese Verständigung wünsche, da es unumgänglich notwendig sei, daß man zu einem Einvernehmen, komme. Er schlage daher'hor, daß Vertreter der beiden Regierungen über die Reparationsfrage vom rein wirtschaflichen und finanziellen Gesichtspunkte unter Ausschaltung aller politischen Fragen verhandeln sollten. Die amerikanischen Bankleute hätten erklärt, wenn Deutschland Kredite wolle, möge es zunächst ein Einvernehmen mit Frankreich Herstellen. Der Reichskanzler schloß: Wenn die demokratische Regierung mangels der Unterstützung, die sie braucht, gestürzt würde, wäre dies in Deutschland ein Zeichen zu einer sozialen Revolution und zum Bürgerkrieg mit allen seinen Folgen. Die Lage ist heute überaus gefahrdrohend. Die Sozisldeinokrst^n lehrren ab. Berlin, 10. Juli. (Tel.-Komp.) Wie soeben verlautet, hat die sozialdemokratische Reichstagssraktion heute nachmittags beschlossen, den Eintritt derDeutschenVolks- Partei in die Regierung abzulehnen. Bayern ssbstiert die Bepnblik. Berlin, 10. Juli. (Tel.-Komp.) In der heutigen Reichstagssitzung gab der bayrische Gesandte namens [ seiner Regierung eine Erklärung ab, wonach das Gesetz! zum Schutze der Republik nach den Aenderungen des Rechtsausschusses für die bayrische Regierung unannehmbar sei. Der Gesandte stellte eine Reihe von Abänderungsanträgen und bat um deren Annahme. Die Debatte über das Schutzgesetz wurde sodann abgebrochen und auf morgen vertagt. Waffenfunde im Kieler Arsenal. Kiel, 10. Juli. (Tel.-Komp.) Im hiesigen Marinekrsenal wurden von einer Ententekonirollkomnüssion große Mengen an Waffen und Munition in Kisten verpackt gefunden, unter anderem 136 leichte und 88 schwere Maschinengewehre, ferner 42 Maschinengewehre neuesten Systems und 18 Scherenfernrohre. Die verantwortliche Arsenalleitung, erklärte, von dem Vorhandensein der Waffen nicht gewußt zu haben. Zwei Mitglieder des Betriebsausschusses wurden sofort nach Berlin, entsendet, um mit der Reichsregiemng in dieser Angelegenheit zw verhandeln. Fortdauer desBerlinevIertnugsstreiks. Berlin, 10. Juli. Der Zeitungsstreik dauert fort. Die Unternehmer haben offizielle Verhandlungen abgelehnt, doch dauern die inoffiziellen Verhandlungen ununterbrochen an. Immerhin ist noch mit einer mehrtägigen Dauer des Streiks zu rechnen. Inzwischen erscheinen „Vorwärts" und „Freiheit" als Nächrichtenblätter. Tagesbericht. Wjener Schulstatistik. Weniger Schüler, mehr Lehrer. Soeben ist ein Bericht über die Wiener Schulen erschienen, der ein scharfes Licht auf die Kulturentwicklung Oesterreichs nach dem Krieg wirft, Was da besprochen wird, ist nicht das so oft behandelte Problem der Unterrichtsreform, sondern es handelt sich, um eine rein fiskalische Betrachtung, die angesichts des wachsenden Steuerdruckes vom großem und allgemeinem Interesse ist. Der Bericht enthält eineStatistik über dieAnzahl der Lehrpersonen und der Schüler in den Wiener städtischen Schulen für die Jahre 1910 bis 1921. Ein ganz merkwürdiges Bild, das wir da zu sehen bekommen, das zugleich reichlich Stoff zum Nachdenken gibt! So besuchten im Jahre 1910 2 42.386 Knaben und Mädchen die Volks- und Bürgerschulen; die Zahl der Lehrkräfte betrug 7228. Im letzten Friedensjahre — 1914 — tvaren es noch 2 3 7.7 5 0 S ch ü er und & ch ülerinnen, denen 7504 Lehrpersonen gegenüberstanden. Also schon in der sogenannten Vorkriegszeit war eine s in k e n d e Frequenz derSchüler un deine a nsteigende bei den Le.hrpersonen zu beobachten. Dieses Bild, hat sich in der Nachkriegszeit, seitdem sich der Geburtenrückgang immer deutlicher ausprägt, noch ganz Außerordentlich verschoben. Die Anzahl der Schüler war im Jahre 1919 noch 194.473, im Jahre 1920 um 12.257 weniger und im Jahre 1921 gar nur mehr 168.676. Die Zahl der Lehrer hingegen belief sich im Jahre 1921 auf 7162. Während also eine Verringerung der Schülerzahl um mehr als 3300 Prozent eingetreten ist, ist die der Lehrer nicht einmal um ein Prozent gesunken. Für das Jahr 1922 werden erst die demnächst beginnenden Einschreibungstermine ein genaues Bild liefern. Es ist jedoch nach der Geburtsstatistik vom Jahre 1916 vollkommen zweifellos, daß noch ein weiterer Rückg a n g in 'der Frequenz der Schulen zu gewärtigen ist. Wohl besteht bei der Gemeinde eine Anstellungssperre, und es ist sogar die Ueöerführung von Lehrkräften in den Verwaltungsdienst der Stadt Wien versucht worden,, doch beweist das vorliegende statistische Ziffernmäterial, daß der richtige Weg noch lange nicht gefunden ist. Technische GemeinschaftsarheiL im ZndustriehäW. Am 7. d. hielt der österreichische Nornrenausschuß für Industrie und Gewerbe „Oeflig". unter dem,Vorsitz seines Präsidentin, Ing. Dr.Wilhelm E x n c r, und im Beisein von aqsländischen Delegierten.- irn.-JrchMiehastse..ayr Schwaxzenberg.' plah seine.Haupiversammlung -.'ab. Die Tätigkeitsberichte des Geschäftsführers Dr. Tomaides und. der Abteilungsobmänner zeigten, daß die österreichische Normenarbeit im-Berichtsjahre, dem zweiten sert der Gründung des „Oenig", insbesondere auf den Gebieten des Maschinenbaues, des Bauwesens und der Elektrotechnik wesentliche Fortschritte gemacht hat. Nach den Erklärungen, welche die Vertreter des.-schweizerischen und holländischen Normenausschusses, .Ing. Zöllinger (Schweiz) und Ing. Goudrisan (Holland), abgäben, erfreut sich die/ österreichische NormungsarLeit in den ausländischen Ausschüssen, uneingeschränkter Anerkenming. Die im April vorigen Jahres in London stattgefundene Konferenz der Sekretäre des größten bestehenden Normenausschusses — damals noch mit Ausschluß Deutschlands — hat dazu geführt, daß seither nahezu zwischen allen Ausschüssen ein reger, die Angleichung der einzelstaätlichen Normen fördernder Verkehr herrscht. Ing. Dr. Wilhelm Exner, der neuerlich einstimmig zum Präsidenten des „Oenig" gewählt wurde, bezeichnete i«. seiner .Schlußrede dieweiteren Aussichten internationaler technischer Gemeinschaftsarbeit als sehr hoffnungsvoll. Er schloß mit dem Ausdruck seiner Bewunderung für die Mitarbeiter der österreichischen Normung, die einem erst in einer weiteren Ferne zu erreichendem Ziele von wirtfchäftlichcr und kultureller Bedeutung ihre hingebungsvolle Arbeit widmen. SchulreforMbestrebungerr in Deutsch- Land. Von einer hervorragenden - pädagogischen Persönlichkeit erhalten wir den nachfolgenden Bericht über die Mainzer Tagung der größten Organisation der Schulreformer Deutschlands. Abgesehen davon, daß die gleichen Probleme auch . •. die Mitarbeiter an unserem f ü b i s chcn Schul- Werk innerhalb und außerhalb Palästinas beschäftigen, ist für uns die Tagung durch die Be- , Leiligung von jüdischer Seite von besonderem Interesse. Gelassen floß der Rhein an'diesen sonnigen und.frischen Psingsttagen und gab den Blick, auf die Linien der Taunusberge frei.' Durch die Straßen.von Mainz mit seinen Mächtigen alten Bauten aus rotem Sandstein schleuderten Franzosen in Zivil und Uniform, fast mehr als Deutsche. In diese einst so friedliche Rheinstadt kamen aus allen Teilen des Reiches und des Auslandes Mitglieder, Freunde und Gäste des Bunde s e n t s chiedener Schul-, re form er zu einer Tagung: „Meuschenbildung und Lebensgestci11uug". Das Häuflein revolutionärer Oberlehrer, das sich vor drei Jahren in Berlin zusammengeschlossen hat, ist weit über die Fachkreise hinausgewachsen. Hatte man sich auf den vorangegangenett 'UäÜMlnJIl Tagungen mit Einzelfragen der Produktionsschule, bf Kunsterziehung, der Berufschule befaßt, so wollte man dies mal ein« große Umschau abhalten: Wo stehen wir-- waschesttzen wir —7.was wollen wir? Ol Fragen, die so tief gehen und so stark.die Zerrissenheit des hentigen Menschen ausdeckeü vor eine Versammlung bö» achthundert bis tausend Personen gehören, wenn sie auci immer in der e i n e n Forderung nach einer Schttlreforn! einig sind, das schien sogleich zweifelhaft. Margarete Susmann-Säckingen führte n dem eröffnenden Vortrag über Menschund Religioi etwa aus: Wir sind zu bewußt und zu intellektuell ge worden, um uns in dem heutigen Geschehen zurechtfinder zu können. Symbole und einsame Träume können uns ft unserer Not nicht helfen, nur eine Wirklichkeit könnt« es, eine uns allen gemeinsam aus unserer Zeit neu sich gestaltende Wahrheit. Sie nur, die sich über den einzelnen erhebt, vermag ihn zu erlösen, ihn, als richtende Macht in seine Grenzen zurückzuschleudern und ihn züm Opfer zu befähigen. Mag auch die Romantik heut«. bei vielen im Spiel sein: Zu solchen Opfern.sehen, wir heut« schon große Kreise von Menschen bereit, von den strengen Protestanten an, die das diesseitige Leben bis zur Vernichtung aufgeben können und alles der Gnade überlassen, bis hin zu dem anderen Pol, zu den Kommunisten, die alles im Diesseits zu wirken hoffen. Es ist religiöse Sehnsucht und religiöses Leben, das in ihnen sich regt. In der Aus- . spräche, an der sich nur die vorher aufgeforderten Redner beteiligen durften, kam Honigsein.-Köln auf den ersten Bortrag zurück. Die Wissenschaft, sagte er, in die man eine Zeit lang so unbegrenzte Hoffnungen gesetzt hat, kann uns nicht alles geben und ist für viele eine Ent-; täuschung geworden. Diese leihen Heilsbotschaften aller Art ihr Ohr: Sie wollen zurückkehren ins Mittelalter, oder glauben an asiatische Lehren oder an den Okkultismus. Wir können aber nicht als Romantiker fremden Kulturen nachstreben, wir können nicht unsere Persönlichkeiten auSlvschen und einen Herden-Sozialismus aufrichten. Für uns ist nur möglich, -daß wir als moderne Europäer, die sich der Einzigartigkeit ihrer Persönlichkeiten bewußt sind, neue A n s ä tz e z u r G e m e i n s ch a s t suchen. — Der nächste Tag war wirtschaftlichen Fragen gewidmet. Wir heben den Vortrag. von H e i m a nn - Köln herauf der ausführte, wie unsere wirtschaftliche Verbundenheit als solche niemals Gemeinschaftsgeist erzeugen, kann. Privatwirtschaftliche Ordnung bringt vielmehr Wettbewerb und Jnteressenkanrpf und damit zwangsläufige Verfeindung der Menschen mit sich. Man kann wohl die Interessen so. gegeneinander wirken lassen, daß sie einander womöglich von selbst schlichten;. Gemeinschaftsgeist muß aber von .innen her entstehen, durch Erziehung zum religiösen Sozialismus. . Bundeskanzler a. D. Karl Renner-Wien vertrat demgegenüber die , Ansicht, , daß uns die moderne Wirtschaft fester als eine frühere aneinander Linde, durch Solidarität und Kampf, , denn auch Kampf sei ja eine menschliche Beziehung. Goldstern-Darmstadt betonte, daß die Technik den Menschen in feinem Wert nicht herabsetze, sondern erhöhe, da doch auf seiner Verantwortung alles beruhe, und Renner versuchte zum Schluß, die allzusehr ins Theoretische geratene Diskussion auf praktische MögMkeiten der Vergesellschaftung (Konsumvereine usw.) zu kämen. IN eine Welt praktischer Tätigkeit versetzte uns der folgende Morgen: in edler italienischer Rhetorik, von einer Uebersetzerin verdeutscht, sprach die römische Aerztin Maria Montessori über ihre Erziehungsmethode. Wir wissen, 'daß sie vor Jahren für schwachsinnige Kinder neue Wege zur Entwicklung der Sinne gesucht und das Gewonnene, — ein weiblicher Pestalozzi — dann auch für normale Kinder angewendet hat. Sie zauberte uns das Leben der Kleinen in ihrem Kinderheim in Rom vor die Augen. Sie versetzt nicht Kinder in eine Welt von Riesen, sie läßt sie nicht mit den Geräten der Erwachsenen leben, sondern von kleinen zierlichen Möbeln und Geräten umgeben, können sie nach Herzenslust, alle Arbeiten deS täglichen Lebens verrichten, Tischlein decken und abräumeu. Teller spülen und abtrocknen und alles hin und her tragen. Das Gemeinschaftsleben und die gegenseitige Rück-: sicht, die Verrichtung der. notwendigen Geschäfte im Hause wird s 0 erzogenen Menschen „kein Opfer mehr und kein Problem". An diese einfachen Arbeiten schließen sich Uebuugen der Sinne an, und so geht das Kind, ge- . steigert und entwickelt, bei gänzlichem Zurücktreten des Lehrers, s e l b st ä n d i.g^ und -tatenlustig zum Lernen über, in dem es rascher vorankommt und mehr erreicht als andere Kinder. Mochte diese Art, Problme aus der Welt ,zu schaffen, vielen deutschen Zuhörern gar zu einfach scheinen: Persönlichkeit und Werk und der schön aufgebaute Vortrag riefen eine verdiente Huldigung für Maria .Montessori hervor. Nun näherte man sich den Erziehnngsfragen von der politischen Seite. F. W. Förster-Zürich, dessen mutige Persönlichkeit, einen besonders großen Hörerkreis herangezogen hätte, sprach im Sinne seiner politischen Ethik über die Kunst, mit Andersdenkenden und Anderswollenden zusammen zu leben. Dagegen wendeten sich diejenigen, die fürchteten, über den „politischen Gentleman" möchte der Mensch, der rücksichtslos nach hohen Zielen strebt, hergefsen wurden. Auch würde der DuLllng Anderer . der .% evol u tronä re Gei st entgegengesetzt, der immer wieder verhindern muss«, daß man nicht cm/GtwnMt HirschCüiihus