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Wiener Morgenzeitung · 1922-07-11 · Heft 1237 (11.7.1922) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
4 (1922)
Issue
Heft 1237 (11.7.1922)
Date
1922-07-11
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 ' , Wien, Diensta- <*" -■-■ , 1 1 - - — — ■ - ■ ■ ■•—.— - -J " sehen; sie hat uns sehr vieles und großes gerettet: daS Mandat in seiner bekannten, für uns noch immer diel« sagenden Fassung, den völkerrechtlichen Charakter unserer Siedlungen in Palästina, unser Dortsein nicht als Geduldete, sondern von „rechtswegen" die Garantie, unseres Rechtes auf Weiterentwicklung unseres Volkstums und unseres Rechtes auf Vermehrung unserer Siedlungen durch Zuführung von neuer Einwanderung, die Anerkennung unserer zivilisatorischen Leistungen im Lande und des kuturellen Wertes derselben, die Anerkennung unserer „historischen Verknüpfung" mit Palästina, und zuletzt was ebenfalls von Wert für uns ist —: das Prestige des Zionismus, der jüdischen Nation. Das alles darf nicht vechannt werden. Und dennoch glaube ich, daß wir auch unserem Volke klipp und klar sagen muffen: die englische Regierungserklärung'hat eine " politische Situation für den Zionismus geschaffen, die weit - zurück liegt von den Zeiten der Balfonr-Erklärung. Sie bereutet eine erhebliche Einschränkung, unserer politischen Stellung und unserer Befugnisse am Werke des Palästina- Aufbaues und es ist — sagen wir es offen, ohne jede Um-, schleiernng eine Niederlage auf dem Wege unserer nationalen Bestrebungen! Die.Losung: „Pälästtna soll jüdisch werden wie England englisch", ist nicht etwa unsere Erfindung, eine Einbildung von Phantasien oder Radikalpolitikern. Sie ist die natürliche und überaus reale Vorstellung vom zionistischen Problem gewesen, die während des Krieges und noch in San Remo vorherrschendgewesen war. So hat man den Sinn der Balfour-Deklaration und des San Remo-Beschlüsses nicht bloß in Mischen, Kreisen, sondern auch in allen politischen Kreisen Europas, England Nicht ausgeschloffen, aufgefaßt. Manche wohlwollende und sonst eourtoffe Politiker haben sich sogar beeilt, dem jüdischen Volke zur Aufrichtung seines Staatslebens zu gratulieren. Die Einführung der Jewish Agency wurde allenthalben als die Zuerkennung des Rechtes eines Jntevessements ' des gesamten Weltjudentums an dem Aufbau Palästinas und zum Teile auch als Keim der zukünftigen Souveränität, die einst den Mandatar zu ersetzen haben wird, aufgefaßt: anders konnte sie auch nicht aufgefaßt werden. Das Zertifikatssystem in bezug auf die Emigration war ein weiteres Zugeständnis an diese Grundidee und stand in dollem Einklang mit der erwähnten Auffassung vom zronistischen Problem. Nun liegt das alles in Trümmern, oder, im beDn Falle, sind davon noch irgend einige entstellte Ueberreste zurückgeblieben. Was uns gegenwärtig noch in Palästina geboten wird, ist lediglich: a) eine nationale Autonomie im Lande, wie wir sie in manchen Oststaaten bereits besitzen, oder mit Erfolg anstreben, können; b) eine beschränkte Immigration, die durch Landesorgane kontrolliert werden soll, etwa wie sie auch anderswo in den Jmmigrationslandern praktiziert wird; c) die Zulassung. der Mitarbeit des Gesamtjudentums an dem Aufbau des Landes und an der Konstruktion der Ansiedlüng,. wie sie uns auch sonstwo nicht verweigert wird. ... Ich verkenne nicht die einzelnen Momente, die allen diesen Arbeiten in Palästina eine hervorragendere Bedeutung geben, im Vergleich zu anderen Ländern der jüdischen Siedlung, auch nicht die psychologischen Wirkungen in unserem Volke und in der ganzen Welt, die hier zutage treten müssen im Gegensatz zum Charakter dieser Tätigkeit anderwärts. Aber wir können nicht umhin, diese Parallellinie in prinzipieller Hinsicht zu ziehen, die uns einen Vergleich unserer Rechte im „Heimlande" mit den Rechten im Goluth vorführt. Wie himmelweit ist all dies von einer „Wiederaufrichtung des jüdischen Volkes als Staatsvolk"! Wenn wir diese bedauerlichen Tatsachen klar konstatiert haben wollen, beabsichtigen wir damit keineswegs neue Argumente für Kritik und Opposition herbeizuschaffen; auch wollen wir nicht das Wort von Betrug und , Verrat der hohen Politik in die Welt hinausschreien. Wir sind uns der unabwendbaren Schwierigkeiten der Lage beim besten Willen der Engländer und bei der Anwendung der ganzen Energie der Exekutive klar bewußt, obschon.es zuzulaffen gewesen wäre, daß wenigstens in Fragen, der Immigration der Jewish Agency als Vertreterin der an der Emigration interessierten jüdischen Massen eine aktivere Stellung eingeräumt werden konnte. Wir wollen aber, daß das Bewußtsein in die Tiefen unseres Volkes eindringe, daß es keinen größeren Feind hat als seine eigene Nachlässigkeit und Faulheit, und was es schon diesem Feinde zuliebe bisher emgetzüßt hat. Das soll zugleich auch ernste Warnung sein sür die Zukunft, sür die allernächste Zukunft Versuchen wir in dem Rahmen der neuen Verhältnisse positive Arh§it zu leisten, unseren Existenzkampf unermüdlich zu kämpfen und vertrauen wir darauf, daß uns diese Arbeit wieder auf die verlassenen Positionen zurückbringen und. uns zu einem weiteren Vordringen verhelfen wird. Auch die objektive Sachlage in Europa und in Amerika arbeitet für uns. Das Elend der Ghestis wächst, die Länder der Immigration verschließen sich mehr und mehr. Auf die Dauer wird diese Lage von der großen Politik nicht übersehen werden können. Das Judenproblem wird zu einem Zentralproblem der europäischen und. amerikanischen Politik werden müssen. Es müssen auch noch edle Geister in der Welt austauchen, die, wie Balfour,-dieses Problem von höheren menschlichen Gesichtspunkten behandeln werden. Und dann wich sich Herausstellen, daß jeweilige Deklarationen einer jeweiligen Regierung doch Aenderungen erleiden können; die Wahrheit aber, die Gerechtigkeit, das jahrtansende alte Streben eines Volkes, seine bebeitden Gehete, seine ewigen Ideale — niemals! ' Merrer M^vMSKiturr§. 11. Juli 1923 ,, Nr. .1237 Nachtphotographien. — Lnderrdorff LomproMLWert. -- Die russischen AegiLimisten Berlin, 10. Juli. '^Tel. der „Wiener Morgenzeitung".) Me bereits berichtet wurde, ist unter dem Verdachte der Urheberschaft des Attentats auf Harden in Oldenburg per Verlagsbuchhändler Albin Heinrich Grenz perhaftet worden. Grenz ist, Leiter und Vorsitzender eineß deutschvölkischen Vereines in Oldenburg und Organisator der deutschvölkischen Bewegung in Ostsriesland. Er ist auch. Vorsitzender eines jener gewissen Jugendttenbünde: Von welcher Qualität diese Treübünde sind, beweisen die bei Grenz gefundenen. v . NacktPhototMphien der Mitglieder des deutschvölkischen Treubundes. Außerdem fand sich eine Üiste, in der särnt liche Oldenburger Juden verzeichnet wären, und weiter ein Verzeichnis aller Anhänger der deutschvölkischen Bewegung, die sich zu „a k ti've rBe t e i l ig u n g" bereit erklärt hatten. Die ^Politisch-parlamentarischen Nachrichten" veröffentlichen zwei Briefe, die bei dem Studenten G ü nther, dem Mitbeteiligten än der Ermordung RäthenanS, gefunden worden sind.' Wie die bisherige Untersuchung ergeben hat, ist Günther ständig als Kurier zwischen Berlin und München hinünd hergesahren und hatte diese zwei Briefe bei sich. Der eine Brief ist vom Gr äsen Reventlow, dem Herausgeber des deutschvölkischen „Reichswart", an einen gewissen Dr. v, Sch aubner- Richter in München gerichtet. Schaubtter-Richter ist der Leiter eines angeblichen Wirtschaftsverbandes, der sich „Ausbau" rronnt> auch in München, der aber in Wirklichkeit eine Geheimverbindungsstelle zwischen deutschen und russischen Monarchisten darftettt. In diesem Briefe bedauert Reventlow, daß der „General" (das ist nämlich Ludendorsf) durch seine vorzeitige Abreise nicht mit dem Herrn v. Hetz (es ist noch nicht festgestellt, wer unter dem Deckmantel Heß gemeint ist) zusammengekommen. Es wird weiter von einem geplanten Monarchistenkongreß der' Russen gesprochen, der in Bad R e i ch e n h a l l stattfinden sollte und zu dem gleichfalls Ludendorsf in irgendeiner Verbindung steht. Der zweite Brief stammt von einem gewissen Peters e n, einem Mitarbeiter der Zeitschrift des Reventlow, der an Herrn Pittinger gerichtet ist, dem Nachfolger E scherichs. Pittinger hatte seinerzeit die Organisation Escherichs neu zusümmengestellt und war deswegen verhaftet worden. Er ist atzet Krzlich aus der Haft entflohen/ Aus daß KMÄnleutnant Ehrhardt, gegen den ein Haftbefehl erlassen wurde, mit Reventlow und dem bekannten, dentschnationalen Radaumacher Wulle in standiget Verbindung gestanden ist. Weiter ersieht man ans dem Briese, daß Ehrhardt so gar mit der > Räteregierung in Moskau Fühlung gesucht habe, und die polizeiliche Nachforschung hat diesen Kontakt mit Moskau authentisch sichergestellt In diesem Briese sollte Ehrhardt gewarnt werden, der Russen allzu williges Gehör zu schenken. Bei dem Studenten Günther fand sich anch ein Zettel, aus dem ersichtlich ist, daß ein gewisser. H e m e t e r Herrv w Ja gow in seiner Festungshaft besuchte und ihn fragte ob er eine Wiederaufnahme des K ap p - P r o z e s s c s wünsche. Dabei wird aber vermerkt, daß Ludendorsf be zeichnenderweise von einer Neuaufnahme des Kapp-Putsch Prozesses absolut nichts wissen will. Interessant ist, da? in dem Briefe sowie in allen übrigen Schriftstücken Luden, dorff mit „Onkel Ludwig" und Helfferich mit „Onke'' Erich" bezeichnet wird. ' Im Zusammenhang mit diesen Enthüllungen Haber umfangreiche Haussuchungen in Berlin, Elberfeld und München» stättgefnnden. Auch neu5 Verhaftungen steher bevor. Bekanntlich hat der Abgeordnete Wels in einer-Reichstagsrede nach der Ermordung Nathenaus einen Agenten genannt, der schon vor dem Attentat auf Scheidemann Mitteilungen über den geplanten Mordversuch auf -Scheide, mann und Rathenäu machte. Wie nun die „frankfurter Zeitung" meldet, ist dieser Agent in der Person des Gärtners Theodot Bruedigam aus Hanau sestgeftellt und jetzt in Trier verhaftet worden. Er wurde bereits Nach Berlin überstellt. Bruedigam war mit dem Bruder des Erzverger-Mörders, dem Käpitänleutnant Kar! TiIlessen, bekannt. Mit.diesem traf er in Frankfurt zufällig zusammen. Tillessen überredete ihn, in die „Or. ganisation C" einzutreten. Bruedigam siedelte nach Frank, furt über, und betätigte sich innerhalb der „Organisation C" als Kurier. Es steht Noch nicht fest, aus welchen Motiven Bruedigam über seine Tätigkeit in der „Organisation C" und über die Beseitigung Scheidemanns und Rathenaus Mitteilungen gemacht hat. Es ist wahrscheinlich, daß Bruedigam durch Spitzeldienst gegen die „Organisation C" Geld verdienen wollte. Es besteht begründeter Verdacht, daß Bruedigam bei dein Attentat auf Scheidemann beteiligt gewesen ist, da er am Tage des Mordversuches auf Scheidemann fick in Kassel aushielt und kurze Zeit hieraus zugleich mit Tillesen aus Frankfurt verschwand. Das Amtsgericht il> Kassel hatte seine Verhaftung angeordnet. Vor einigen Tagen ist ein Brief Bruedigams an feint Fr.a u ausgesangen worden, in dem er diese ersucht, ein« Verteidigung für ihn zu bestellen, da gegen ihn eine Unter« suchung in der Mordsache auf Ratyenan schwebe. Oesterreich. Die innere Anleihe? . In der gestrigen Sitzung -des Unteransschufles des Finanzausschusses zur Beratung des Gesetzes über: die. innere Anleihe, die bis in die späten Abendstunden währte, wurden alle noch aüsständigeü Paragraphen des Gesetzes vollkommen erledigt, mit Ausnahme jener Bestimmungen; welche die Sicherung und Einbringung rückständiger Zahlungen regeln. Hierüber wird die Regierung in der heute um 2 Uhr nachmittags stattfindenden Sitzung des Unterausschusses Formuliernng-en vorlegen, womit der Unterausschuß seine-Arbeiten abschließen wird. Frankreich rrud Italien unterstützen das österreichische Ansuchen. Paris, 10. Juli. Nach dein „Echo de Paris" sei bei den Besprechungen zwischen Schanz er und Poincare ill der öfter reich i s ch e n F r a g e vereinb a.t 1 worden, daß, die französische und die italienische Regierung das gegenwärtig der Neparatlonskommiffion vorliegende A n suchen der österreichischen Regierung u n te rstützen werde. Der itsrUeMche Kredit. Pom, 10. Juli. Die Regierung hat heute im Senat den Gesetzentwurf, .betreffend den Oesterreich zu gewährenden Kredit eingebracht. Polen. Die Pogromhetze des „Slowo pvlsLie". (Bon unstttin Lemberger Korrespondenten.) Die Posener Nitualmor-daffäre läßt auch die hiesigen Ällpolen nicht ruhen.. Cs scheint ihnen zu gemütlich in .Ostgalizien, dessen Bevölkerung nach ' mehreren schweren, wechselvollen Kriegs- und Uinstürzjahren ein wenig aufgeaUnet hat. Da nun die Sejmwahlen vor der Tür stehen und die Herren Allpolen gern ihre etwas gelichteten Reihen durch lichtscheue Individuen stärken möchten, rufen sie aufs Neue die blutigen Schatten der iraurigeu Novembertage des Jahres 1918 aus ihrem Massengrabe hervor, um so im Anschlüsse an die letzten, durch die brutale Agitation des „Nozwoj" hervyrgerüfenen Ereignisse in Wilna auch die hiesige polnische Be- . MkerunA Men die Mische Gasse zu revoltieren. . In einem leidenschaftlichen Leitartikel vergleicht da/ „Slowo Polskie"' das polenfeindliche Verhalten der Wilnaer Juden im Stadium der Angliederung dieses Gebietes mit der angeblich aktiven Parteinahme der Lemberger Juden für di« ukrainischen Trilppen im November 19181 wie auch die blutig« Unterdrückung der Wilnaer Demonstrationen mit der seinerzeü bekundeten Passivität^ der Lemberger Behörden gegenüber dev „jüdischen Hochverrätern" von dazumal. . . . Die Regienmg hätte, damals auf Drängen der Juden eine strenge Untersuchung gegen die Anstifter des Mischerscits geflissentlich mifgebauschten Pogroms dnr'chgcführt, der nach der zynischen Behauptung i>e§- „Slowo polskie" überhaupt nie stattgefrmden hatte.. Auf die Wilnaer Vorgänge zurückkommend, attackiert da! Hetzblatt die inzwischen zurückgetretene Regierung S l i w i n s k in heftigster. Weise und hält ihr vor, daß sie durch Ausnahrw des jüdischen Sejmklubs in die Regievungsmajoritat alle mili tärischen und politischen Behörden dem Einfluß der Judenhei untergeordnet Habe, in deren Dienst die polnische Polizei unte dem Beifall der jüdischen Gasse die unschuldige polnische Bo völkeruug massakrierte. „Slowo polskie" verschweigt natürlich, daß die von de« Negierung verbotenen Disküssionsabende die Ritualmordaffäre behandeln sollten, und will der Oeffentlichkeit vor spiegeln, daß es sich bloß um unschuldige Vorträge über di> ökonomische Lage in Polen gehnadelt habe. Der Artikel schließ mit der Feststellung, daß die Regiernng Sliwinski keines weite ren Mißtrauensvotums bedürfe,- da sie sich ein solches durch bl blutigen Vorgänge von Wilna selbst erteilt habe. Die p»lnische Bölkerbundliga und di« Iudenfrage. Warschau, 8. Juli. (Tel. der „Wiener Morgenzeitung". Der J^idische Nationalrat. richtete an die polnische Völkerbund liga einen Brief, in-dem ans eine vor kurzem in der Polurschei Presse erschienöne Na'chvicht über die Entsendung-eines Memo rials der gcnantllen Geselsichaft an die Präget Tagung in An gelegenheit der I n d e n f r a g e in. Polen Bezug genommei wird. In diesem Memorial der Gesellschaft an die Prager Ta gung war behauptet worden, daß in Polen die Judenfrag^ bereitL gelöst und als Beweis dafür die Tatsache ange 'führt, daß an der Tagung als polnischer Delegierter der Prä sidönt der Gesellschaft, der Jude Dr. P o -l l a ck, . teilnehme.'Ji dem Schreiben des Irischen Nationalrates wich festgcstell: daß Dr. Pollack weder sexyer Konfession noch se-i, - nex Büt-ionali.tät .naK Hutze. jrj. Fernex wich W r•

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