Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- Heft 1237 (11.7.1922)
- Date
- 1922-07-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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ElBXSinSJBDlSF K100 Vi« d : Zum Abhplen in der Ikpedition, II.,Taborßtr.l-3, oder in einerVerscUleisfteile ^Trafik) monatlich K 2900 Mit Poatversand für Wienu. Oesterreich monatl. K 2900 Tschecho-S lowalcei: Man. K20. Ungarn: Mon. K150. J ug o s lawi en; Mon. Dinar 25.. P o 1 e n: Mon. Mark 800. Deutschland: Mon. Mark ÖÖ. F r a n k-> r e i c h: Monatlich Frcs. 6 Wiener T *•<:?»; tsehech. K 1.20 I ‘ allen: Monatl. 6. Lire Rumänien: Mon. 40. Lei Schweiz und das übrig« - /Ausland monatlich Frc*. 3, Redaktion u. Administration 1 Wien, II., Taborstrasse i—S Telephone: 44*0-38,43-3-19, ab 6 Uhr abends 16-301. Tel.-Adr.: »Morgenzeitung', Oesterreichisches Postsparkassen - Konto Nr. 150.693 «■ri« Nr. 1237 Wie», Dienstag, 11. Juli 1922 4. Jahrgang - ' . f - ■ ■ - ■ ' - -- .. I M I ■■■ ' . . INI-1 Ilm—II ■■ ... , .. I ■■ ■ I ..rn., n i ■ Die Amnestie des Hejjas. —y. Wien. il. Juli I9S2. Es ist ein Kabinettstück christstch-nationalen-Rechtslebens, das jetzt in Ungarn praktiziert wird. Es betrifft wie alle derartigen-Akte die Juden als den leidenden Teil. Handelnd tritt Herr Hejjas auf und hinter ihm Horthy. Die Regierung Ungarns spielt die Rolle des Clowns. Dieser Hejjas hat bekanntlich schon fett längerer Zeit von Horthy die Ausgabe zuerteilt erhalten, das christlich-nationale Leben des Ungartums.wieder herzustellen. Zu diesem Behuf hat er Taten vollbracht, die ihm für alle Zeiten einen ehrenvollen Platz in der Räubergeschichte sichern. Er hat Juden ermordet und gefoltert und zwar in höchsteigener Person. Wo er das nicht selbst oesorgen konnte, taten das die Kumpane, die er zur höheren Ehre des Ungartums in eine nationale Armee vereinigt und durch ein paar Feldgeistliche vom Schlage des Pater Zadrawec hatte weihen lassen. Als der Morde zu viel wurden, geriet die Oesfentlichkeit in eine gewisse Erregung und es mußte etwas . geschehen. Mit Erlaubnis des Hejjas fing man aus einer seiner Rotten zwei Männer heraus und stellte sie vor ein Militärgericht in Budapest. Die Angeklagten waren einiger Morde an JzsakZr Juden geständig, konnten aber nach- ^weisen, daß sie über Befehl des Hejjas Die drei Juden gehängt hätten. Der Staatsanwalt ergänzte diese Aussage durch die Verlesung einer Note, welche den Sachverhalt bestätigte, jedoch hinzufügte, daß Hejjas zu seinem Befehl von Horthy selbst autorisiert gewesen und außerdem nachträglich amnestiert worden sei. Der Gerichtshof sprach die Mörder vom Mord frei. Was sich aber politisch abspielt, trägt das unverfälschte Kolorit Ungarns. In der Nationalversammlung rüstete die Opposition zu unangenehmen Anfragen,' die sich bei einem normalen Lauf der Dinge scharf auf den Herrn M Mgst vor üem MsMracd. England verlangt de« sofortigen Zusammentritt einer Konferenz der Finanzminister. MMg^des'.Wich'Mrlvchrs besorgt: Wer Herr Heuäs. laßt mit sich nicht spielen. Er veröffentlicht also, stolz wie ein magyarischer Held, eine Erklärung, wonach er für seinen Befehl selbst die.Verantwortung trage. Es. sei dies weder sein erster noch sein letzter Befehl solcherart gewesen. Und überhaupt pfeife er auf die Amnestie. Er sei nicht amnestiert worden, und er verlange keine Gnade. Was tut nun die ungarische Regierung? Sie erklärt, Hejjas habe , erstens nicht mehr das Recht auf den Oberleutnantstitel und zweitens sei er amnestiert worden. Damit scheint'die Sache für den Grafen Bethlen erledigt. Was die ungarische Oeffentlichkeit mit dieser Affäre anfangen wird, ist nicht schwer zu erraten. Da es hinter diesem Hejjas ein paar tausend-Mörder gibt, die gegebenenfalls zum Beweis ihrer Solidarität den Hejjas verteidigen würden, so wird gar nichts geschehen. Die Regierung wird die blutige Ohrfeige einstecken, und der Reichsverweser Horthy wird natürlich auch in Zukunft seinen Freund Hejjas besuchen und ihn als feinen besten Offizier feiern. Und da die ungarische Sozialdemokratie sich an ungarischem Patriotismus von niemandem übertreffen läßt, und da auch die sonstige Opposition patriotisch ist, so wird die ganze Affäre keine weiteren Folgen haben, als daß der britische Oberkommissär Hohler seiner Regierung wieder berichten wird: Horthy is a gentleman. Die fremden in Unaarn haben nämlich staunenswerte Gewandtheit darin, die Dinge, die rk^as um sie nif4 zu bemerken. Soweit dies die amerikanische betrifft, ist der Fehler bereits korrigiert. Die amerikanische Regierung hat vor kurzem ihren Mii'ionsle'.te" we«--n allzu großer Kurzsichtigkeit beimberufen. Die framösi^" , Mission steht schon aus Gründen der Staatsräson im intirnsten Kontakt mit-den Mördern .und ihrer Negierung. Die italienische ist schon seit langem Ungarn in warmer Freundschaft verbunden, selbstverständlich jenem -Ungarn, das ihr als Gegner der Jugoslawen von Wert ist. Die englische Mission hat den weißen Terror nicht zur Kenntnis genommen. Sie hat dies nicht getan, obzwar am 9. April 1920 eine Deputation von Kecskemeter Bürgern, die für die Familien der dort im November 5919. Ermordeten sprach, dem Präsidenten der Reparationskommission in Wien, Sir 'William Goode, eine eingehende Denkschrift über diesen Ausschnitt aus der ungarischen Mordgeschichte überreicht-hatte. Diese Denkschrift war am 19. April unter der Gescbäftszahl 33 von der-britischen Delegation des Obersten Wirtschaftsrates bestätigt worden, und zwar mit der Zusage, sie werde den englischen Behörden mitgeteilt werden. Wenn man au dse Vorfälle'denkt, die sich dann später in , Ungarn ereignet.haben,„ja rrmß. man barau..zweifeln,, daß. diese, Zusage. Müllt worden ist, . .Dis .Entente , hafte zu Parks, 10. Juli. (Tel.-Kömp.) Der „Jntransigeant" erfahrt aus London, daß das e n g lisch c Kabinett eine Konferenz der Finanzminister aller euto patschen Staaten und eines Vertreters der Bereinigten Staaten vorgeschlagen hat. Diese Konferenz hätte unverzüglich zusamwenzutreten. In englischen Finanzkreisen erklärt man, daß der unvermittelte Sturz der'deutschen'Mark nicht nur die Älliiertett, sondern alle Finanzmärkte der Welt interessiere. Der Standpunkt der Londoner Presse. London, 10. Juli. „Daily News" schreiben: Der neue sensationelle Z u s a m m ir n b r u ch der d e n.t s ch e n Mark ist nur auf die R eg l e r u n g s a n k 8 n f e a u siän bischer Zahlungsmittel zur Tilgung der R eparat ionsverpf l i ch tu n g en zu r ück zuführen. DaS ist selbstverständlich und den französischen Bankiers ebenso genau bekannt, wie irgend einem anderen Teilnehmer an der Bankierkonferenz. Aber eine nnbelehrte öffentliche Meinung, die nicht steht, daß das französische System durch Steuern ausbalantiert wird, verhindert die Regierung, dies zuzugeben. Es ist Sache der französischen Politiker, zu entscheiden, wann sie ihren'Wählern die Wahrheit sagen wollen. Es ist aber nicht einzusehen, warum der Rest von Europa ebenso darauf warten soll. Wir müssen uns entschließen, mit oder ohne Frankreich zur Lösung des Problems zu schreiten, damit endlich her Friede und die Sicherheit eine feste Grundlage erhalten. „Daily Expreß" verlangt-. daß an Stelle des Vertrages von Versailles ein neuer F r i e d em stz er t pag .geschhosiewWerde.DieMLüy^tz^iW^Mtenft^ Wiederholten Malen ist der tzano gehabt, die Bewohner Ungarns von dem Alpdruck zu-befreien, der aus ihnen lastet. Daß sie das nicht getan hat und Ungarn als ein ordentlich verwaltetes Gebiet betrachtet hat, in dessen innere Dinge man sich nicht einmengen dürfe, hat zur Folge gehabt, daß der Druck noch weiter verschärft werden, konnte. Die Regierung des Grafen Bethlen verhält sich genau so wie. ihre Vorgänger. Sie billigt die Schandtaten nicht und läßt ihre Mißbilligung durch den geduMgen Telegraphen und durch gefällige oder gezwungene Journalisten dem Ausland Mitteilen. Sie erklärt sogar in der Nationalversammlung, es werde sich in Ungarn niemand finden, der einem Mordbefehl des Hejjas in Zukunft Folge leisten werde. Das ist immerhin ein Fortschritt. Die Amtsvorgänger des Grafen Bethlen haben es nicht gewagt, eine solche Erklärung auszusprechen. Aber von diesen Zusagen bis zur Erfüllung ist noch ein langer Weg.- Und um das Ziel zu erreichen, würde eine europäische Negierung zunächst der Person das Handwerk legen, von der solche Befehle zu erwarten wären. Die ungarische Regierung 'tul das nicht. Sie läßt sich nicht zwingen und erniedrigt sich lieber zum Clown, als daß sie es auf einen Konflikt mit Hejjas ankommen ließe. Denn der Hejjas deckt den Horthy und der Horthy deckt den Hejjas. Es besteht die possierliche Rechtslage, daß sich, wenn man genauer zusieht, der Horthy für feine Aufträge an den Hejas selbst amnestiert hat. Das ist eine Taffache, an der auch die ungarische Opposition nicht rütteln kann. Sie hat allerdings im Verlauf des Wahlkampfes versprochen, daß sie die Ordnung wiederherstellen und alles dazu tun wird, Ungarn wieder, in die Gesellschaft der europäischen Nationen einzuführen. Sie hat alles Mögliche versprochen. Aber wenn das Mögliche zum Unmöglichen wird, wenn sie Mannesmut und Energie gegen die Offlzierssippschaft beweisen soll, dann fallen alle Versprechungen in das große Massengrab der Opfer christlich-nationaler Politik. keln gearbeitet, sie hatten nicht wissen können, wie. das Nachkriegseuropa aussehen werde. Heute aber wissen sie es. Das Blatt gibt, ver Hoffnung Ausdruck, daß Präsident Harding nach den Sommerwahle» die Signatarmächte des Versailler Vertrages zu einet Konferenz nach Washington einladen werde, um einen neuen Vertrag abzuschließen. Italien will die deutsche Demokratie stutzen. Mailand, 10. Juli. (Tel.-Komp.) Der - „Corriere della Sera" schreibt, daß sich der im Marksturz znm Ausdruck kommende deutsche Pessimismus auf den ganzen Kontinent übertrage. Die Erstarkung Deutschlands könne nur in einer Form erfolgen, die das gerade Gegenteil jenes Deutschland sei, das vom Krieg zerstört wurde. Deshalb habe auch Italien ein sehr großes Interesse daran, das; sich in dieser Krise die deutsche Demokratie als die einzige für das neue Deutschland mögliche Form behaupte. Amerikas^JytepsK. Lon do n, 10. Juli. (Tel.-Komp.)' Die „Westminster Gazette" will aus gut informierter Quelle erfahren haben, daß die amerikanische Regierung die Entwicklung' der Dinge m Deutschland mit größtem JnteMe verfolge. Man erkläre, daß, wenn Frankreich seine Haltung in der Reparationsfrage nicht im Sinne von Konzessionen ändere, um es Deutschland zu ermöglichen^, gute Garantien für eine Anleihe zu bieten, Amerika sich an einer solchen Anleihe nicht beteiligen werde. Die amerikanische- Presse erklärt, daß. die gegenwärtige Lage in Europa schließlich dein Mangel an klarer Einsicht der YMerzrWner des Vrrsaillch: Pertrages zuzuschreiben - sei. w.- . - - Vsv, - —:v :. Die Budapest, 10. Juli.; (Ung.. Tel.-Korr-Bur.); Im Orgovanyer Mordprozeß wurde heute dasU rte i l gefällt. Johann Z bo,na (wurde zu 7 Jahren, Michael D anie zzu 6 Jahren, Stefan Iuhasz zu 5 Jahren und Cs,D.oth sowie Emmerich Toth zu je 2 Jahren Gefängnis' verurteilt. Von der Anklage des Mordes wurden sämtliche Angeklagten freigesprochen. , Budapest, 10. Juli. Die Korrespondenz Magyar - Hirado meldet, daß die Familienmitglieder der Ermordeten! von Jzsak die Absicht haben, gegen den gewesenen Ober- [ I»ntna'nt Ivan.Hffjas, der LekaunMch -die-.HinriüMMN- I angeordnet ||qttet eine ÄHadenetjatzklage änzuregevs-, neue polttische Situation '■/■■■ öss; ZionisMus. ■ Von M. Kleinmann, Berlin. In der durch die letzte englische Regierungserklärung geschaffenen Situation haben, wir fto»: reits in genügender Weise Stellung genommen^ so daß der Hinweis daraus, daß der hier folgende Aufsatz, nicht unserer eigenen Auffassung entspricht, sich erübrigen könnte. Wir stehen jedoch nicht an, diese kritische Beurteilung des bekannten . zionistischen Publizisten zu veröffentlichen, um auch Anschauungen, die von den unseren abweichen, sestznhEen. —. Die Red. - Die Erklärung der englischen Regierung über ihre Palästina-Politik, der die zionistische Exekutive-unit guter Miene „zugestiwmt" hat, war als Folge der gespannten Lage in Palästina und außerhalb Palästinas irr der europäischem Gesamtpolitik sowie im Innern des jirdischen Volkes selbst längst zu erwarten. Eine Reihe von Faktoren, nicht zuletzt' auch aus dem jüdischen Volke heraus, haben in den letzten zwei Jahren 'unaufhörlich die politische Position des Zionismus geschwächt und ihn gezwungen, einen Rückzug anzutreten. Wie immer wird auch hier der Rückzug mit den dazu passenden Rederlsarten bemäntelt. Man muß der britischen Regierung und auch der zionistischen Exekutive Anerkennung zollen: die erstere hat sich bemüht, uns die bittere Pille zu veffüßen, indenr sie auf eine Resolution des Karlsbader Zionistenkongresses Bezug nimmt, um nachzuweisen, daß ihre Auffassung des zionistischen Problems ganz den Intentionen der Zionisten des jüdischen Volkes, entspricht; die zweite^hat es Wohl verstanden, der unabwendbaren Tatsache erne Wendung zn geben,, daß ihre Peinlichkeit boch ettvas gelindert wird. Die Worte in der Erklärung, von der Wertschätzung des jüdischen nationalen Bestandes in Palästina,' die Feststellung unserer i n t e r n a t i o n a l e n Rechtsstellung daselbst, wirken erquickend. Die darauf erfolgte Abstimmung im llnterhause über die Mandatsfrage bereitete uns eine wirkliche moralische Genugtuung und flößt Ermunterung und frischen Glmrben ein. ( Sie sclM: Ich bin nicht geneigt, Ersolqe zu unterschätzen. Ich höre schon, wie man bei uns agt: das sind bloß moralische Erfolge! Aber in der Politik, zumal in der eines so hilflosen Volkes, wie wir' es sind, gibt cs ja nur moralische Erfolge, kann nur solche geben. Und eben diese Erfolge sind cs, die Imponderabilien schaffen, und mit Hilfe dieser kann, man einst auch zu positiven Erfolgen gelangen. Wir sollen nie der: .Wert auch r.ur moralischer Erfolge verkennen. In unserem Falle ist auch eine große positive Leistung der Exekuttve keinesfalls zu über-