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Wiener Morgenzeitung · 1922-07-09 · Heft 1235 (9.7.1922) · p. Seite 5

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
4 (1922)
Issue
Heft 1235 (9.7.1922)
Date
1922-07-09
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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: Nr. 1235 _Wien, Sonntag Weit-auch von dem Statut der neuen Bank de« Leits. Kenntnis haben. Dieses Statut soll Dienstag dem Nationalrat zugehen. Ich zweifle nicht daran, daß die Verabschiedung des Finanzplanes durch das Parlament ihre günstigen Wirkungen auch auf den Banknotenumlauf austiben ivird, und so sind dann auch alle Folgerungen, die aus einer vielleicht stärkeren Inanspruchnahme der Notenbank in den letzten Tagen gezogen werden, haltlos. Daß die Ansprüche an die Bank mit jedem Monatsersten große sind, ist begreiflich. Der Landtag des Burgenlarrdes. Der burgenländische Landtag wird am 15. d., 11 Uhr vormittags, in Eisenstadt zur ersten Sitzung zusanimentreten, Polen. Nach dem Sturz des Kabinetts. Warschau, 7. Juli. (Tel. d. „Wr. Morgenzeitung".) Der Sturz des Kabinetts S l i w i n s k i erfolgte dank einenr geschickten Manöver der Nationaldemokralen, denen es gelungen ist, im letzten Moment den „Klub für verfassungsmäßige Arbeit" für sich zu gewinnen. Wie in gut informierten Kreisen verlautet, kanr diese Vereinbarung unter folgenden Bedingungen zustande: 1. In O st g a l i z i c n sollen im Falle der Ausschreibung von Sejmlvahler: keine Wahlen statfinden, die Mandate der seinerzeit im Jahre 1911 in den österreichischen Reichsrat 'entsendeten ostgalizischen Abgeordneten polnischer Nationalität sollen verlängert werden. 2. In der nächsten Zeit soll eine Novelle zum Agrargesetz beschlossen werden, die das Tempo der Durchführung der A g r a r r e f o r m v e r l a n g s a m e n soll. 3. Im Wahlordnungsentwurf werden die Reichslistengestrichen. 4. Die Stadt Krakan erhält noch zwei Sejmmandate. Die Nationaldemokraten beabsichtigen, durch der: Sturz des Kabinetts die Zügel der Regierung in ihre Hand zu bekommen, um während der Wahlkampagne die Regierungsgeivalt inne zu haben. Wie in gut informierten diplomatischer: Kreisen verbautet,. dürfte der gewesene Außenminister Skirmünt zun: polnischen Gesandten in London ernannt werden. Die Ernennung Skirrnunts steht in 'engsten: Zusammenhang mit der polenfeindlichen Haltung Englands ir: der ostgalizischen Frage. In hiesigen Regierungskreisen beginnt .man allmählich die bisher begangenen Fehler in der ostgalizischen Frage einzusehen. Die im Auslande geführte ukrainische Agitation beginnt ernst genommen zu werden. Insbesondere ist man über'die ausgesprochen feinde selige HaltungEnglands stark beunruhigt. Durch die Ernennung Skirmunts zürn Gesandten in London hofft man England in der ostgalizischen Frage polenfreundlicher zu stimmen. Die Regierungskrise. Warschau, 8. Juli. (Tcl.-Komp.) In ernsten politischen Kreisen wird der Plan erörtert, die Ministerien für Aeußeres- Inneres und Finanzen mit unpolitischen Fachmännern zu besetzen.' Die anderen Portefeuilles würden den fiinf großen^ Landtagsklubs zufallen. Als Minister Präsidentschaftskandidaten werden genannt: Fürst Janos Radziwill, der 'ehemalige Ministerpräsident K e h a rzewskü der ehemalige Postnunister Dr. Steslowicz und der Rektor Dr. N o w a k. Steuerflucht der Bauern. Lemberg, 5. Juli. sTcl. der „Wiener Morgenzcitung".) Laut Feststellung der Finanzbehörden entziehen sich die Bauern der Steuerpflicht, auf jede mögliche. Weise. In: Gegensatz hierzu fordern sie von Tag zu Tag höhere Preise für die täglichen Bedarfsmittel. Angesichts der verhältnismäßig niederen Skala der direkten Steuern erachten cs die maßgebenden Kreise für dingend geboten, die indirekten Steuern so zu erhöhen, daß sie in erster Reihe-dem Bauernstand auserlegt werden. . Rundschau. Vom Völkerbund. Paris, 8. Juli. Wie „Petit Journal" erfährt, tritt ber Völkerbundrat am 19. d. in London zu seiner 19. Tagung zusammen. Ans dem Programm dieser Tagung stehen u. a. die Frage der nationalen Minderheiten in Polet:, Ungarn und Oberschlesien, ferner die Ziehung der neuen Grenze zwischen Oesterreich und Ungarn: und die Errichtung Zeines internationalen Gerichtshofes. Anschluß Amerikas an den Völkerbund. London, 8. Juli. (Tel.-Komp.) Die „Times" erfahren >Sn ihren: Washingtoner Korrespondenten, daß die Demokraten beabsichtigen, den Abrüstungsplan Lord Eecils als Anlaß zu nehmen, im Senat eine Debatte über der: Anschluß Amerikas an den Völkerbund, zu eröffnen. TNe Krise der Haager Konferenz. Haag, 7. Juli. (Havas.) Die Erörterung dev Frage der Konzessionen in Rußland hat ergeben, daß die, Krise der Konferery offenkundig geworden ist. Auf die Forderung des holländischen Delegierten nach genauen Angaben über die den früheren Besitzern einzuräumenden Vorteile erwiderte Litwinow, das einzige Recht, das ihnen zuirkannt lm'tvbc, wäre ein Bor?.uasrecht. ftettia* (Bel- Wiener Morgeirzeitrmg.__9. Juli 1922 _• Seite 6 Die luden in $ow|etru$$lan<l. (Eigenbericht der „Wiener Morgenzeitung".) ■ Einer unserer Redakteure hatte Gelegenheit, mit Herrn Dr. Volsky, dem Sekretär der. sowjetrussischen Vertretung in Wien, über die Judenfrage zu sprechen. ObÄeich die Aeußerungen Doktor Volskys keinen offiziellen Eharakter besitzen, sind sie doch als Mitteilungen einer mit den Anschauungen der derzeitigen Herrscherin Rußland ‘ vertrauten Persönlichkeit von Interesse. Sie stehen. was wir besonders betonen wollen, in einem allzu starken Gegensatz zu der Wirklichkeit.. Die Lage der Juden ist :n dem Rußland von heute genau so traurig, wie in dem Rußland der Zaren. Her Dr. Volsky sagt: lieber die Lage der Juden in Sowjetrußland wurden in den zwei letzten Jahren viele tendenziöse Gerüchte in die Welt ausgestreut. Mit welchen: Erfolg, geht genügend! aus den absurden Fragen hervor, mit denen die russischen , Delegierten in Genua, vor allen Tschitscherin und I R a k o v s k y, seitens — sowohl zionistischer wie auch! nichtzionistischer — Journalisten förmlich, bestürmt wurj den. Schon Tschitscherin hat darauf hingewiesen, daß es für uns ktzineJudenfrage gibt. Die bürgerliche Republik hat schon den antisemitischen Anschauungen mit energischer Hand Einhalt geboten und diesbezüglich blieb der Sowjetregierung nicht viel zu tun übrig. Obgleich den Bestrebungen der kommunistischen Regierung eine völkische und sprachliche Absonderung — wie sie die russischen Juden in den meisten vorwiegend von Juden bewohnten Städten Rußlands darstellen — nicht förderlich ist. baben wir im vollsten Aiaße den Rechten der Juden auf ihre nationale Sprache und Kulturtraditionen Rechnung getragen. Wir machen kein Hehl daraus, daß unS ein assimilationsbereites Judentum — wie es in Zentralrußland zu finden ist — willkommen wäre, da wir aber jedem Gewaltmittel abgeneigt sind, haben wir Sprache und Kultur den jüdisch sprechenden Volksmassen nicht nur belassen, sondern sie ebenso gefördert, wie wir es — unserem Programm gemäß — mit der eigenen russischen Kultur gemacht haben. Die Verlagsabteilrmg des Volkskommissariats für Unterrichtswesen hat eine ganze Reihe von Kunstwerken der jüdischen Literatur neu herausgegeben und erst unlängst ist die erste vollständige Ausgabe der Gedichte Perez vom staatlichen Verlage besorgt worden. In Moskau - erscheint das große jüdische Tagblatt „Emes", von Raft s e s redigiert, das nicht nur der Politik dient, sondern zugleich ein Organ für die Pflege der. jüdischen Kunst und Literatur ist. Die jüdische. dramatische Kunst — die in Rußland auch von der nichtjüdischen Bevölkerung äußerst hoch geschätzt wird und sich einer großen Popularität erfreut — hat eine neue Pflegestätte im Moskauer jüdischen Staatstheater gefunden, dem dieselbe Subvention, von der Regierung zuerkannt wurde, welche die russischen Staatsbühnen beziehen. An der Spitze dieses Theaters steht Drächmann, ein in ganz Rußland bekannter, hochbegabter Schauspieler. Auch mehrere jüdische Gymnasien wurden von der ukrainischen Sowjetregierung .errichtet. Unter solchen Umständen haben freilich die Angriffe von Schalorn A s ch — dem hochberühmten jüdischen Dichter — auf. die angeblich judenfeindliche Politik der Regierung großes - Befrernden hervorgerufen. Sie fragen, ob sich die Juden an gegenrevolutionären Bewegungen beteiligt haben? Ja, einige unter ihnen nehmen sogar bis heute eine führende Rolle in den antikommunistischen Bewegungen ein. Die beiden Führer der Menschewiken, die in Berlin gegen uns arbeiten, M a rtoff und Abrahamovits, sind Juden. Dem Zionismus gegenüber verhält sich Sowjetruß-. land entschieden feindlich. Eine ausgesprochene nationale Bewegung — wie es der Zionismus ist — kann uns unmöglich sympathisch sein, da wir nicht annehmen können, daß das jüdische Proletariat — und nur darauf kommt es an — im jüdischen Palästina auch seine wirtschaftliche Freiheit sinder: wird. Es ist uns Wohl bekannt,' daß der Wiederaufbau der jüdischen Heimat, nach dem Plane der zionistischen Führer, auf Grundlage der modernste n und humansten sozialen Prinzipien erfolgen soll — wir können aber dennoch in der Palästina-Politik der Westmächte unmöglich etwas anderes sehen als die Bestrebung, günstige östliche Absatzmärkte für ihre Produkte sich zu verschaffen. Von diesem Gesichtspunkt aus betrachtet, wird das jüdische Palästina — nach unserer Ansicht — kaum die jvirtschaftliche Freiheit den arbeitenden Massen des jüdischen Volkes zu sichern vermögen. Mardocheus. gien) wünschte daraufhin zu wissen, ob die Sowjetregierung nach wie vor dem.Eigentumsrecht die Anerkennung versage. L i t w i n o w erklärte es. als unmöglich, diese Anfrage zu beantworten, und fügte hinzu, daß von der Rückerstattung des Privateigentums niemals die Rede gewesen sei, noch auch sein werde. La Pradelle (Frankreich) stellte fest, daß die Kommission,. treu ihrem Programm, auf die Prüfung der Bedingungen zurückkomme, r:nter denen die Sowjetregierung die Wiederaufnahme, der Arbeit in Rußland zu organisieren gedenke. Sobald diese Bedingungen näher bezeichnet sein würden, werde mansch über die Lage derjenigen klar Werder: müssen, die nach wie. .vor nicht anders denn. als Eigentümer bezeichnet werden könnten. Die Sitzung'schloß unter lebhafter Bewegung. . Der Krieg irr Irland. Scharmützel in der Provinz. Dublin, 8. Juli. (Wolfs.) Der Feldzug gegen die irischen Aufftändischen in der Provinz hat nunmehr begönnen. Aus sechs Graffchaften werden Kämpfe gemeldet.. Eine Abteilung Aufständischer, die sich in Curraghtown in einem Haus stark verschanzt hatten, mußten sich nach einer Belagerung durch Truppen des »Freistaates bedingungslos ergeben. Es wurden 30 Gefangene gemacht. ( Die Polizeikaserne ir: S l i g o, die vor: Aufftändischen besetzt worden war, ist eingenommen worden. Hierbei wurden 5 Aufftändische gefangen. Aufftändische griffen die Kaserne in Lifford an, wurden aber zurückgeschlagen. Eine Schlacht bei Dublin. London, 8. Juli. (Tel.-Komp.) Eine bedeutende Schlacht hat auf einer Front von 80 Kilometern südlich von Dublin begonnen. Die Regierungstruppen haben die Republikaner zr:rückgedrängt, die nunmehr ihre Hauptstellung in der Stadt Bl essin gton eingenommen haben, wo De Balera persönlich kommandiert. In den nördlichen Grafschaften sind' die' RegierNngstruPPen auf der ganzer: Linie siegreich geblieben. Raeflle und seine Studenten. Der Kampf gegen den jüdischen Rektor. Ueber die im gestrigen Morgenblatt besprochene. Skudentenversämmlüng liegt folgender Bericht des „Prager Tagblatt" vor: . Auf dem Akademikertag in A u s s i g, dem der Senator, Priester und Hochschulprofessor Dr. N a e g l.e präsidierte, haben die deutscharischen Studenten der Prager Universität zur Wahl des Professors Steinherz als Rektor für das kommerrde Süchienjahr Stellung genommen. Einstimmig wurde beschlossen, gegen die Tatsache, daß ein Jude Rektor werden solle, zu protestieren. Es wurde eine Deputation gewählt,, die Verhandlungen beginnen soll, um den „freiwilligen" Rücktritt Prof. Steinherz' zu erzwingen. Falls diese zu ieiucr Einigung führen sollten, wurden in der Versammlung, in welcher die deutschvölkischer: und die deutlckklli-.ikalen Studenten dererniat lvaren, bereits Beschlüsse gefaßt, die hauptsächlich darauf abzielendie Tätigkeit des neuen Rektors zu sabotieren. Die Studenten wollen gegen die feierliche. .Installation des neuen Rektors demonstrieren, wahrscheinlich mit . denselben Mitteln die sie seinerzeit im Kampf gegen die klerikale Gefahr verwendet haben. Auch wollen sie sich nicht von ihm promovieren lassen und lieber noch zwei Semester v e r b u m mein, als in die Hand -des neuen Rektors das Treuegelöbnis ablegen. Ferner wird uns berichtet, daß sie zum B o y k o t t der Prager deutscher: Universität auffordern wollen. Bisher haben alle zu Rektoren gewählten jüdischen Prosessorerr (einem stillschweigenden Uebereinkommen gehorchend) sofort nach der Wahl dankend abgelehm, Professor'Frankl tat dies erst nach einer kurzen Bedenkzeit—. man darf begierig sein, ob Professor.Stei n- ,h e r z dem Terror seiner Schüler weichen wird. Professor Dr. Phil, und jur. Samuel Steinherz ist Ordinarius der Geschichte an der philosophischen Fakultät und steht im 65. Lebensjahre. Er wirkt seit 21 Jahren in Prag. q- Die „Reichspost" versucht in ihren: gestrigen Abend» blatt den Herrn Naegle abzuschütteln. Sie erklärt ihn als. Deutschdemokraten. Das geht nicht. Herr Naegle, dessen Wahl sie seinerzeit so gefreut hatte, gehört zu ihr. Wir geben aber zu, daß er ganz gr:t auch dieser Sorte von Demokraten zugezählt werden könnte. PapiergeLdmaugel irrfolge Streiks. Berlin, 8. Juli. (Tel.-Konch.) Infolge des Streiks det Buchdrucker der Reichsdruckerei ist eine große Papiergeldknappheit entstanden. Die Reichsbank war gestern gezwungen, Millionenbeträge in 20 Mark-Scheinen .auszuzahlen. Die Leitung der Berliner Straßenbahn befindet sich in großer Sorge, iveil der Vorrat an Fahrscheinen sehr schnell zu Ende geht. Freihandel oder Schutzzoll. London, 7. Juli. (Wolff.) Unter Vorsitz Lloyd Ge» orges wurde heute im Unterhaus eine Kabinettssitzung abgehalten, in der, wie „Evening News" melden, Versuche gemacht wurden, tiefgehende Meinungsverschiedenheiten zwischen den Liberalen und dem konservativen Flügel auszugleichen. Nach dem Blatte bestehe zur Zeit eine Auseinandersetzung innerhalb der Koalition über die Frage: Freihandel oder Schutzzoll? Den Ausgangspunkt für die neue Spannung bildet, die Frage, ob deutscher Kattun und deutsche Handschrche mit einem Abwehrzoll von §3,33 Prozent belegt werden sollen. Die Anerkennung Litauen». Kowno, 6. Juli. (Tel.'d. „Wr. Morgenzeitung".) De, hiesigen Regierung ist die authentiche Nachricht zugekom. inen, daß der Botschafterrat in seiner letzten Sitzung beschlossen hat, Litauen de jureanzuerkennen. Für die Anerkennung stimmten der Vertreter Englands, Frank' reichs, Japans und Italiens. Die Vertreter Amerikas enthielten sich der Abstimmung-.

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