Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- Heft 1235 (9.7.1922)
- Date
- 1922-07-09
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2979076-2980129-2980315--11650-2998113- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 4 Wien, Sonntag Wiener Motegenzettuizg. 9. Juli 1922 Ar. 1335 f Die fceiiifcfje Die Entente befürchtet den Bankrott \ Deutschlands. . , Mailand, 8. Juli. (Tel. der „Wiener Morgenzeituug.") Der Sonderkorrespondent des „Corriera della fera" berichtet über die Unterredung S ch an z e r s mit Lloyd George, daß beide Staatsmänner in ihrer Auffassung Lbereinstimmten, die gegenwärtige Lage Deutschlands fei so ernst, daß sie von den Machten der Entente unbedingt beachtet werden müsse. Die Lage Deutschlands werde in den nächsten internationalen Besprechungen den ersten Platz einnehmen. Das bedeute die Wiederaufrollung der schwierigsten Probleme Europas und Amerikas. Die Vereinigten Staaten müßten ihnen Rechnung tragen, da nur sie allein die gewünschte Lösung bringen könnten, indem sie die Kriegsschulden annullieren und so eine Herabsetzung der Wiedergutmachung erwirken könnten. In London äußert man jetzt offen die Befürchtung, daß Deutschland bankrott werde. Man vermutet sogar, das; sich Deutschland absichtlich in den Bankrott stürze und andere mitzureißen versuche. Lloyd George hat, Schanzer dringlich die Schwierigkeiten vor Äugen geführt, neue Heilmittel für die Krise zu finden, die infolge der ungelösten Schulden- und Wiedergütmachungsfrage entstanden sei. Der Sturz der Mark. London, 8. Juli. (Wolfs.) Der Berliner Korrespondent der „Dimes" schreibt zu dem erneuten Sturz der Mark, die Aussicht auf regelmäßige monatliche Repara- Amszahlungen schwinde immer 'mehr. Nur eine Prak- 'ische Aktion von außen her könne das Vertrauen wieder Herstellen. Die letzten französischen Vorschläge zur Beteiligung deutscher Arbeitskräfte bei dem Bau von Wasserstraßen in Frankreich könnten das Reparationssroblem erleichtern, wenn sie einen Ersatz der m o n a t- ,.i ch e n Barzahlungen darstellen oder bis zu einem gewissen Grade fördern. Deutschland verlangt ein Moratorium. Berlin, 8. Juli. Die deutsche Regierung hat beschlossen, ein Moratoriumsgesuch an die Reparationskommission einzureichen, welches bezweckt, den Zahlungstermin auf einen längeren Zeitraum hinauszuschieben. Fisch erfind Schroeder befinden sich in Paris. Auch Staatssekretär a. D. Bergmann nimmt an den Verhandlungen teil,^ London, 8. Juli. (Reuter.) „Evemng News" melden: Deutschland habe die Alliierten verständigt, daß es Nicht in der Lage sei, monatlich 2 Millionen Tonnen Kohle zu liefern; es verlange eine Herabsetzung auf 1,430.000 Tonnen. t 550 Milliarden Kronen. Der Ausweis der O est e rr ei ch i sch - u n'g arischen Bank nach dem Stande vom 30. Juni zeigt eine Zunahme des Banknotenumlauses in der vierten Juniwoche um. 80,7 Milliarden auf 549,9 Milliarden Krönest. Das Pchrtefemlle pn- S^taatsschatzscheinen weist eine Zunähme um 40,1 Milliarden auf 378,9, das kommerzielle Portefeuille um 13,2 auf 175,3 Milliarden auf. Von: Girokonto wurden 5,7 Milliarden abgehoben. * . Eine Notenproduktion von 80,7 Milliarden in einer Woche, das ist auch in der jetzigen Zeit ein Rekord, der höchstens noch in Rußland erreicht wird. Die Bescherung die der jüngste Ausweis der Notenbank brachte, kommt um so überraschender, als die Ausführungen des Finanz Ministers, die sich gegen seine Kritiker richteten, auf der Annahme eines Notenumlaufes von 450 Milliarden basierten, welche Summe nun um nicht weniger als um 100. Milliarden unterschätzt erscheint. Nach den Plänen über die Uebernahme des Banknotenumlaufes durch die neue Notenbank war allerdings eine Vermehrung der vom Minister erwähnten Notenmenge um 250 Milliarden vorgesehen,' wofür die Regierung mit einer Kreditermachtigung versorgt ist. Wenn aber die Notenproduktion weiter in solchem Tempo fortschreitet, so kann man sich leicht ausrechnen, wie lange es dauern wird, bis die 250 Milliarden erschöpft sein werden; in zwei Wochen wären die Staatskassen leer, statt daß man mit den 250 Milliarden,, wie bei Einbringung der Kreditermächtigungsvorlage versichert wurde, bis Septem h e r. das Auslangen gesunden hätte. - Im Parlament waren bereits am Freitag, Gerüchte über die Zunahme des Banknotenumlauses um 80 Milliarden verbreitet. Innere Anleihe und Valorisation. Entsprechend der Aufforderung des Finanzministers Segur, den Finanzplan so rasch als möglich zu verabschieden, um so der Balutenhaüsse entgegenzuwirken, beeilen sich die mit den einzelnen Materien des Sanierungsplanes befaßten S u b k o m i t e e s, mit ihren Beratungen zu Ende zu kommen. Das Subkomitee des Finanzausschusses für die i n n e r e Anlei h e hat gestern seine Beratungen beendigtwird aber erst morgen abends die Schlußredaktion vornehmen. Der Valor i.si er nngsantrag der Sozialdemokraten kann schon jetzt als gefallen gelten. Die Mitglieder des Finanzausschusses wurden für Montag telegraphisch nach Wien berufen, Um den Bericht des Subkomitees über die innere Anleihe sofort in Verhandlung zu ziehen. ■ Dienstag vormittags findet eine Obmännerkonferenz . statt, in der das Programm für.die Behandlung der Finanzvorlagen , im Hause festgestellt' werden wird. Es ist nicht ausgeschlossen, daß bereits, in der Dienstagnachmittagssitzung - des Rati.onalra.tes das Gesetz üöer . die Z wa n g s a n lei h e zur. zwÄten Lesung gelangt. Das N o t e n b am k g e s etz ist. im Unterausschuß bereits> erledigt und das Bankstatut wird Ende der nächsten Woche bereits'vorliegen, so daß es noch vom Hause genehmigt werden kann. Sollten Verzögerungen eintreten, so wird der H auptau s s ch "u ß das Statut zu genehmigen haben. In Regierungskreisen ist beabsichtigt, gleichzeitig oder womöglich noch vor Behandlung der umfangreicheren Gesetze des. Finanzplanes dem Hause Men Bericht über die von.der Regierung ins Werk gesetzten Abbau- und Erspar:: ngs Maßnahmen vorzulegen. Dean Vernehmen nach.sollen die Abstriche den von der Regierung m Aussicht genommen Betrag von 60 Milliarden übersteigen. Die Deputation der Handelskammern, die am Freitag vom Bundeskanzler empfangen wurde, hat es m der Aussprache als eine Katastrophe erklärt, wenn man die innere Anleihe zur Bestreitung laufender Ausgaben verwenden sollte. Eingehend wurden alle Möglichkeiten erörtert/welche.zur Hebung der inländischen Produktion herangezogen werden könnten. Die Vertreter der Handelskammern haben besonders darauf verwiesen, in welch schwierige finanzielle Lage die Mehrzahl der kaufmännischen Unternehmungen versetzt würde, wenn die Notwendigkeit an sie heranträte, den großen Soll-Betrag der Zwangsanleihe aufzubringen. Die Börsekammer wird mit Rücksicht auf die Ausführungen des Finanz Ministers über die Devisenhausse die Mitglieder. des Präsidiums zum Minister entsenden, um ihn über die Ursachen dieser Bewegung, der die Börse fernstehe/ und die gewissermaßen nur der Boden sei, auf dem sich jene Vorgänge abspielen, aufzuklären. Einschränkung des Börsenverkehrs. Die Wiener Börsenkammer teilt uns mit: In der gestern abgehaltenen Plenarsitzung wurde beschlossen, in der Woche vom 9. bis 15. Juli die Börsenversammlungen, bloß Montag, Mittwoch und Freitag abzuhalten, um die technische Abwicklung der Geschäfte zu ermöglichen. Der Finanzminister über die Finanzlage. Finanzminister Segur erklärte gestern dem Herausgeber der Korrespondenz Herzog: „Ich möchte hier zunächst hervorheben, daß mit der Bestellung von Dr. Hornit zum Ersparungskommissär erst der einleitende Schritt zu der geplanten großen Ersparungsaktion gemacht war. Wir sind jetzt so weit, daß seinWirkungskreis bereits abgesteckt ist, seine Instruktionen schon fertig sind, so daß Dr. Hornik in der allerkürzesten Zeit mit voll, st er Legitimation an seine Arbeit wird gehen können. Trotz dieser internen Verhandlungen über die Siel, lung und den Wirkungsbereich des Ersparungskommissärs sind aber gleichzeitig die einleitenden Aktionen für wirkliche Ersparungsmaß nahmen vorgenommen worden. Ich werde in wenigen Tagen in der Lage sein, dem Parlament und der Oeffentlichkeit über, die allgemeinen und namentlich die finanziellen Ergebnisse, der bisherigen. Abbau- . und Ersparungsmaßnahmen konkrete Mitteilungen zu machen. , Die W a r e n u m s a tz st e u e t steht gegenwärtig noch in der Verhandlung des Ausschusses. Ich kann aber bereits sagen, daß die Vorlage eine Umarbeitung erfahren hat, oie insbesondere auf einer geringer en Bel a st u n g der lebensnotw endigen Art ik-e l: ausgebauk-iist^ Voraussichtlich witt> auch nicht jede Phase, die beim Verkaufe eines Artikels in Erscheinung trittder Besteuerung unterliegen, sondern nur eine Phase. Ich glaube, daß schon durch die Aenderung dieses Grundsatzes eine Herabsetzung der Lasten für die wichtigsten Lebensmittel eintreten dürfte.! Es ist alle Aussicht vorhanden, daß der ganze F i n a n z p l a n Ende der nächsten Woche unter Dach und Fach gebracht, sein wird. Bis dahin wird die Oeffentnifsenennaus burrden war, brachte die erste Erleichterung in seinem schweren Existenzkampf. Das kleine Mädchen, das bald eine'tüchtige Pianistin wurde, kam bereits mit 15 Jahren als Sängerin au die Wiener Hofoper. Dort tat Oberregisseur Schober gelegentlich den Ausspruch: „Das Mädl! das Gesicht! die reine. Königin von Saba." Er dachte offenbar an die Aehnlichkeit mit dem Porträt des französischen Malers Chopin. So 'am Goldmark ganz zufällig auf die Idee seiner „KL nigin von Sab a". Im Jahr«; 1863 entwarf er das Szenarium, erst im Jahre 1875 'sollte die Oper aufgeführt werden, nach langem Kampfe gegendunkle Mächte und nachdem ser Goldmark gewogene Obersthofmeister Fürst Hohenlohe gedroht hatte: „Ich breche dem Herbeck den Hals, wenn er die Oper nicht gibt." Bis dahin mußte Goldmark weiter darben, auf die zehn Jahre Orchestergeiger folgten 15. Jahre Klavierlehrer. Schon im Jahre 1852 gab Goldmark in Wien auf eigene Kosten sein erstes erfolgreiches Kompositionskonzert: Ouvertüre, Psalm (ganz Mendelsohn), Klavierquartett mit Prof. Dachs und Ballade. Hanslick begutachtete die Ouvertüre mit den Worten: Talent, aber noch unreif." Um das Jahr 1863 lernte Rubin st ein sein Klaviertrio, op. 4, kennen, es schien ihn: zu modern, denn er riet Goldmark: „Spielen Sie fleißig Mozart." Zu gleicher Zeit Wrte Hellmesb erg er sein B-Dur-Streichquartett auf und ebnete ihm so den Weg in den Konzertsaal. Der Physiker Mach machte ihn auf die „Sakuntala" von Kalidasa aufmerksam, und so entstand die prächtige Ouvertüre, in der sich Goldmark zum ersttn Male in die Schönheit des Orients versenkte. Gelegentlich einer Aufführung sagte Dingelstedt, damals Operndirektor, zu Dessoff: „Da hängt wohl auch so eine Oper d'ran?" . . . Inzwischen hatte Goldmark noch immer kein TexMch zu seiner „Königin von Saba". Ein. unmögliches Elaborat eines jungen Mediziners lag seit Jahr und Tag in seinem Schreibtisch, da überraschte ihn der. findige .Bühnendichter Mosenthal im Jahre 1865 mit der Frage: „Hätten Sie nicht Lust, eine Oper zu schreiben?" So übergab ihm Goldmark seinen Saba-Entwurf und schon nach 14 Tagest hatte Myfentzal die beiden ersten Akt« vollendet. Den dritten Akt vermochte er nicht nach Goldmarks dramatischen Bedürfnissen zu gestalten, so behalf sich der Tondichter, indem er selbst die Handlung änderte und den dritten Akt in zwei Hälften zerlegte. Mit Rührung liest man in den Erinnerungen, wie Goldmark sich als Autodidakt in fünffahriger Arbeit erst seine Orchestertechnik schaffen mußte, wie er den ersten mtb zweiten Akt fast zweimal komponierte, unter welchen Schwierigkeiten er sich seinen Stil schuf für die orientalische Pracht am Hofe des Königs Salomo, für die Wesensart der „Königin von Saba", für den Lockruf der Astavot. Mit besonderer Liebe behandelt er die'Tempelgesänge, hier hals ihm, wie er sagt, die Intuition über das Prdblematische hinweg. Er verbindet die ganze Tiefe und Schwermut der jüdffchen Seele mit der berauschenden Pracht ans tausendundeine Nacht, deren Märchenzauber ihn schon frühzeitig gefesselt hat. Magische Düfte steigen auf, trunkene Liebe und berückende Sinnlichkeit schwelgen in den heißesten Tonfarben, bezwingend ist die Rhythmik der Tänze, überwältigend die Pracht der Aufzüge. Trotz Ablehnung durch die Kritik —. Hanslick und Speidel vernichteten die Oper völlig und Brahms meinte vor der Generalprobe: „Ach was, die ersten Hunde eriränkt man" — hatte die Oper einen nachhaltigen Erfolg, erlebte in Wien in 20 Jahren 95 Aufführungen und ging über die großen Bühnen Deutschlands und Italiens. Goldmark war mit einem Schlag in die erste Reihe der Opernkomponisten gerückt, ein glückliches und zugleich tragisches Geschick, denn er hat den Erfolg seiner Königin nie wieder erreicht. Hier war ihm in Anlehnung an die große Oper Meyerbeers unter Verwendung von Richard Wagners dramatischen Errungenschaften der große Wurf gelungen, hier konnte sich sein Prachtbedürfnis, sein lebhaftes Tenrperament, seine Sehnsucht nach dem. Orient an einem geeigneten Stoffe entzünden, lvas ihm nie wieder gelang. Er hatte nicht die wunderbare Geschlossenheit Richard 'Wagners oder Brahms. Wie Meherbeer unruhig au!'der Suckle iöfc/wt« *<>* x;'—■ >—»»» , Hirn wawwBOTP-wWm > Meister der großen französischen Oper wird und sich schließlich als preußischer Hofkomponist versucht, so bemüht sich' Goldmark nach Wagners Parsifal um den christlichen Merlin, nach dem Erfolg von Humperdinks „Hansel und. Gretel" um den Märchenstoff des „Heimchen am Herd". „Die Kriegsgefangenen", „Götz von Berlichingen" und das „Wintermärchen" folgten nach, ihr Erfolg galt vorwiegend dem Komponisten der „Königin von Saba", die noch lange auf der Opernbühne bestehen wird. ' Mit ihrer Erstaufführung beschließt Goldmark den historischen Teil seiner Memoiren, die sonst noch allerlei Lesenswertes über berühmte Zeitgenossen enthaltet:. Vergebens sucht man die Namen Mahler und Bruckner, auch Richard Wagner, für den er gelegentlich als Musikkritiker eintrat, wird nur kurz erwähnt, einen breiteren SRauin nehmen seine Erinnerungen an Brahms ein. Im gastlichen Hause Ignaz Brülls, wo Brahms mit Wonne nachmittags zu einer Schale Kaffee einen Häring verzehrte, träfet: sie einander durch viele Jahre und da äußerte sich Brahms gelegentlich: ,^Jch liebe Goldmarks Musik nicht, aber ich schätze ihn um seiner Tüchtigkeit willen. Eine Vorliebe hatte er für Goldmarks „Ländliche Hochzeit". „Das ist Ihr Bestes", sagte er einmal. In der Tat bietet das Werk mit de::: feurigen Hochzeitsmarsch, den: Brautlied voll Schubertscher Melodik, der charakteristischen Serenade, den: schöner: Gesang „im Garten" und dem srohbewegten „Tanz" eine Fülle des Schönen und Volkstümlichen. Auch manches seiner Kammermusikwerke zählt zu den besten dieser Gattung und mit Rührung vertieft man sich in seine Klavierstücke, vergleicht sein Jugendwerk „Aus Sturm und Drang", mit seinen herbstlichen „Georginen", die am Ende stehen. Im Zeichen Mendelsohns hat der Meister begonnen, über Wagner und Brahms konnte und wollte er nicht Hinausgehen und so vereinsamte er im neuen Jahrhundert. Mit ihn: ist die letzte Gestalt der Wggner- Brahmsschen Kampfepoche dahingegangen, ein gefeierter Opernkomponist, 'der von Geist und Temperament sprühte, zugleich ein Stück Lebensknnst und Lebensfreude. Dr. Erwin Felber.