Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- Heft 1235 (9.7.1922)
- Date
- 1922-07-09
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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. Mr. 1835 Wien, Sonntag Beschlagnahme des „Szozal". Budapest, 8. Juli (U. T. K. B.) Der Untersuchungsrichter .hat die Beschlagnahme der heutigen Nummer des ,-Szozat" und des „Nep" wegen ihrer über den ehemaligen Oberleutnant Ivan Hejjas veröffentlichten Artikel, worin die Verherrlichung einer strafbaren Handlung erblickt wird, angeordnet. F esthatten der Regierungsparteien am Numerus elausns. Budapest, 8. Juli. Der geschäftsführende Präsident der Regierungspartei, Julius Gömbös,/erklärt im „Uj Nemzcdek", er glaube nicht, daß sich die in der Regierung befindlichen Männer im Interesse des Liberalismus zur Vertretung einer scheinchristlichen Richtung oder im Interesse des Christentums zur Verteidigung einer scheinliüeralen Richtung entschlossen hätten. Seiner Meinung nach könne von einer Abschaffung des Numerus clausus keine Rede sein, da dieser vom Gesichtspunkt des Rassenschutzes überaus wichtig sei und deshalb nicht abgeschafst, sondern eher noch entwickelt werden müsse. Die Beschuldigung der Andrassy-Partoi, daß ihr von seiten der Regierung anläßlich der Wahlen größere Hindernisse in den Weg gelegt worden seien als den Sozialdemokraten, weist Gömbös mit der Bemerkung zurück, daß die Legitimisten der Einheit spartet nä herständrn, als die auf einer anderen Weltanschauung fußenden Sozialdemokraten. Im übrigen hoffe er, daß durch die Anwesenheit der Sozialdemokraten in der Nationalversammlung der staatsrechtliche Gegensatz zwischen den bürgerlichen Parteien sich mildern werde. Beendigung der Südbahnkonferenz. Venedig, 8. Juli. (Stefan!.) Wie in einem offiziellen Kommunique mitgeteilt wird, hat die Südbahnkonferenz ihre Arbeiten beendet. Heute wird der Vorentwurf eines Abkommens zur Sicherung der Negelmäßig keit des Dienstes auf den über Oesterreich, Italien, Jugoslawien und Ungarn führenden Linien unterzeichnet werden. Ebenso wird der Entwurf eines Uebereinkommens zwischen den genannten Staaten unterzeichnet werden, um die Freiheit derDurchfuhr und des Verkehrs zu sichern.' Aus diesen Entwürfen ist die übereinstimmende Absicht der beteiligten Staaten zu ersehen, den regelmäßigen Betrieb auf der: südlichen Bahnlinien zu gewährleisten unb so den freien Grenzverkehr zu sichern. Wenn der Betrieb der gesellschaftlichen Linien von den Staatsverwaltungen übernommen werden sollte, würde in der Gesellschaft ein Organ beibehalten werden, das die gemeinsamen Interessen hinsichtlich des. gesellschaftlichen Betriebes auf allen Zweigen der Bahn zu regeln und insbesondere die für die internationalen Tarife unerläßliche Kontinuität der Tarife aufrecht zu erhalten hätte. Der Entwurf weist Italien die finanziellen Lasten zu, um das Zusammenströmen des Verkehrs im Triester Hafen sicherzustellen. Beide Entwürfe werden der Genehmigung der vier beteiligten Regierungen zu unterbreiten sein. Wiener: Morsenzettung. .9. FÜN 1922 Das fceti« I Die englisch-iLalienischerr Verhandlungen. London, 8. Juli. (Tel. der „Wiener Morgenzeitung".) Im Verlaufe der Unterhandlungen mit dem italienischen Außenminister Schanz e r über den Besitz der den Christen heiligen Stätte des letzten Abendmahles, hat die englische Regierung beschlossen,. den Entwurf des Palästina- Mandats in dem Sinne abzuändern, daß der VöHertz undrat die Kommission zur Erledigung der Angelegenheit einsetzen soll. Der Völkerbundrat soll in dieser Hinsicht die Instanz eines Appellationsperichtes darstellen. Verschiebung der Orient-Konferenz? London, 8. Jut. (Reuter.) Es verlautet, Schanzer werde Poincare ersuchen, gemeinsam mit ihm eine Verschiebung der für Ende Juli anberaumten Konferenz über ln nahe n Orient zu verlangen. Die Ratifizierung des Mandats. Paris, 7. Juli. (Tel. der „Wiener Morgenzeitung".) Der „Temps" meldet aus London über die Abstimmung im . Unterhaus bezüglich der englischen Palästina-Politik: Durch diese Abstimmung sehe der Zionismus seine P o s i t i o n b e d e u 1 e n d g'e stärkt. Es seien nun zwei Punkte völlig sichergestellt. Der Zionismus strebe nicht nach der Schaffung eines jüdischen Staates, sondern nach einem nationalem Heim gemeinsam mit den Arabern; ferner daß der Zionismus das Element fei, welches die ökonomische Entwicklung Palästinas sichern und durch seinen Idealismus die Opfer aufbringen werde, welche die ersten Phasen dieser Entwicklung erfordern. Der Bericht weist darauf hin, daß die bevorstehende Tagung des Völkerbundes dem zionistischen Statut seine endgültige Form zu geben haben werde, er erinnert an die Forderungen Italiens und die Frage der heiligen Orte und erklärt, man habe nicht den mindesten Zweifel, daß, falls gewisse. Divergenzen vor der nächsten Tagung bereinigt sein werden, das Mandat die definitive Bestätigung erhalten werde. Damit werde Palästina ein Statut zugesichert werden, welches die erste Bedingung für die Ordnung bilde. I Der wirtschaftliche Aufschwung Palästinas. Budapest, 8. Juli. (Tel. d, „Wr. Morgenzeitung".) Der Direktor der Ungarischen Allgemeinen Kohlenwerke, Albrecht Spiegel, ist soeben aus Paläsüna zurückgekehrt, wo er im Aufträge des Hauses Rothschild die Möglichkeit der ErriUung em^ Z e nt e n t fäb'rik zu stu- . dieren hatte. . Er schilderte Pressevertretern gegenüber beit großen wirtschaftlichen Aufschwung Palästinas unter den Engländern,. die sich mit Eifer auf die Urbarmachung des Landes konzentrieren. Die englische Kolonialarmee hat die; glänzercksten Sicherheitsverhältnisse geschaffen und überall entstehen großzügige Unternehmungen. Die Petroleumbohr n n g e n versprechen beit schönsten Erfolg. Dft W a s s e r k r ä f t e d e s I o r d a n sollen zu' einem großer. Kraftwerk ausgenützt werden. Die. Landwirtschaft wurde durch Errichtung großer Bewässerungsanlagen auf eine'' derartige Höhe gebracht, daß man daran denkt, .jährlich zwei Ernten einznheimsen. Die durch das Haus Rothschild zu finanzierende Zementfabrik verspricht gleichfalls besten Erfolg. Im Vorjahr mußten 25.000 Tonnen Zement im Werte von 100.000 Pfund Sterling eingeführt werden, die neue Fabrik will jedoch den Bedarf des ganzen Landes allein decken. Proteste gegen die englische Mnndntspolitik. Haifa, 8. Juli. (Havas.) Eine muselmanische Abordnung ist nach Mekka abgereist, um den König von Hedfchas, die arabischen Grenzstaaten. und die Pilger von dein Protest Palästinas gegen die zionistischen Tendenzen und die Mandatspolitik in Kenntnis zu setzen. Eine christliche Abordnung, an deren Spitze Msgre. Haggiar steht, ist nach Rom abgegangen, um dem Papst den gleichen Protest zu übermitteln. Befriedigung der Araber über die neuenglische Erklärung. London, 6. Juli. (I. C. B.) Die „Times", welche von der Abstimmung des Unterhauses über die Palästina- Poliük sehr enttäuscht ist, veröffentlicht ein Telegramm aus Jerusalem, demzufolge die arabische öffentliche Meinung die neue Erklärung der britischen Regierung/ über ihre Palästina-Politik, namentlich mit Bezug auf die Definition des „Nationalheimes" mit Zufriedenheit Legrückt. Es wird jedoch verlangt, daß'gewisse Bestimmungen des Palästina-Mandats abgeündert werdest, da sie sich mit der in der Erklärung festgelegten -Politik nicht im Einklang befinden. Übereinstimmung dex Mächte. London, 8. Juli. (Wolfs.) In einer offiziellen Mit* teilung über die Besprechungen zwischen dem italienischen Minister des Aeußern Schanz er, dem Premierminister - Lloyd George und dem Staatssekretär des Aus war- - ttgen Balfour heißt es, die verschiedenen Fragen be- ' züglich des Mitte lmeeres und des Oste ns .sowie die italienischen Fragen in A f r i k a, Klein-", asien ustd im mittleren Osten seien eingehend erobert und in offener und herzlicher Weise besprochen' worden. Hierbei hatte sich gezeigt, daß zwischen den beiden Regierungen in zahlreichen Punkten U eb er ein st immun g bestehe. Die Besprechungen würden sobald wie '' möglich wieder ausgenommen werden. Inzwischen könne die technische Prüfung verschiedener Fragen fortgesetzt werden. Wie lange noch wollen Sie warten? Kaufen Sie jetzt Ia Regenmantel, engl. Stoffe,, Leib- und Bettwaschei Stricku. Wirkwaren, noch zu allen Preisen bei [Schiff mann II., TaborstraGe 48 Telephon 47-1-70 En En detail Karl Goldmark. „Erinnerungen ans meinen Leben." In seinem achtzigsten Lebensjahre begann.Goldmark rvkt der Niederschrift seiner Memoiren, die nunmehr im Nikola-Berlag mit'einem gehaltvollem Vorwort Ferdinand Scherbers erschienen sind. Fast ohne Aufzeichnungen erzählt der Tondichter frei aus dem Gedächtnis von Begebenheiten, die weit in den Vormärz zurückreichen und so mag hier mitunter Dichtung und Wahrheit ineinanderfließen. Aus den Erinnerungen des Achtzigjährigen spricht ungebrochene Lebenskraft, Leidenschaftlichkeit und scharfe Kritik. Mitunter sprüht jugendliche Lebhaftigkeit aus den Worten des Greises, dem nach einer Jugend der furchtbarsten Entbehrungen ein erfolgreiches Mannesalter und der schönste Lebensabend beschieden waren. Der Achtzigjährige war innerlich jung geblieben; bis zum siebzigsten Lebensjahre hatte' er, allen Unbilden der Witterung trotzend, die Regionen des ewigen Eises bestiegen — angesichts der majestätischen Alpenwelt des Großglockners, die er durch 30 Jahr aufsuchte, waren seine „Fuscher-Chöre" ' entstanden — und der Komponist Richard Mandl traf den 77jährigen Goldmark in Abbazia um vier Uhr nachts auf der Straße und bewunderte „seine Geistesfrische und die Elastizität seines Leibes, er wirke geradezu erfrischend". Noch im -neunten Jahrzent seines Lebens lernte er, der niemals eine rechte Schulbildung genossen' hatte, Englisch und vervollkommnete sein.Französisch durch Lektüre von Beaumarchais' Figaros Hochzeit. Wohl schrieb er in seinem letzten Lebensjahre in einer pessimistischen Anwandlung an H e r m i n e Schwär z, deren eben im R i t o l a- Verlag über ihren Bruder I gnaz Brüll erschienenem Büchlein wir auch allerlei Wissenswertes über Goldmark verdanken: „Von der steilen Höhe meiner Fünfundachtzig seh' ich betrübt herab auf den reichen, blühenden Garten der Jugend und — trauere". Aber bald darauf fan.d er in der Arbeit an seinem letzten Klavierquintett seine Lebensfreude wieder und zwei Wochen später schreibt er an HrMM: - »Das .Scherzo .hat noch .^MiMckniierzen, » oder backen Sie die Scherzi heraus wie die Krapfen?" —- Erst der Tod seines Enkels im Felde vernichtete seinen Lebensnerv, von da an wurde er wortkarg und verschied sanft am 30. Dezember 1915 mit dem Blicke auf Beethovens Bildnis. Eine gewaltige Zeitspanne und ein riesiger Weg kultureller Entwicklung liegen zwischen der Kindheit Goldmarks, in der man kaum noch die Eisenbahn recht kannte, und feinem Ende, da der Schrecken der Unterseeboote im Dienste des Welttrieges tobte, zwischen seinen musikalischen Anfängen, da es noch den Kampf um Schumann galt und der letzte Beethoven ein Buch mit sieben Siegeln war —konnte doch Gottfried Preye r noch sagen, daß Beethoven bei der Schaffung der neunten Symphonie nicht mehr ganz klaren Geistes war — und seinen letzten Jahren, da Richard Strauß die Schrecken der modernen musikalischen Technik bereits in die versöhnlichen Bahnen des Wohlklanges'lenkte. .Eine Welt trennt auch das Milien, in dem der Meister als Sohn eines kleinen indischen Gemetndectngestellten im ungarischen Dorfe Keszthely das Licht der Welt erblickte, von dem Kreise hochkultivierter Kunstfreunde, in dem cr den Winter seines Lebens verbrachte. Mit 21 oder 24 Kindern, von denen 12 am Leben blieben, war die Ehe seiner Eltern gesegnet, der Vater bezog einen fixen Jahresgehalt von 200 Gulden, der gerade zur Bestreitung der kärglichen Mahlzeiten langen mochte. Von Erziehung und Schulbesuch war keine Rede, noch weniger von musikalischer Ausbildung; gleichwohl entpuppte sich frühzeitig des kleinen Karl musikalisches Talent. Nach einem Hochzeitsschmaus blieben die Gläser mit Weinresten auf dem Tische zurück und bald entdeckte der Knabe, daß sie je nach der Höhe der Flüssigkeit einen verschieden hohen Ton gaben, worauf er den Versuch unternahm, mit Hilfe eines Stäbchens ihm bekannte Weifen auf den Gläsern zu spielen. An dieses erste Experiment schloß sich eine Art Geigenunterricht bei einem Tempelsänger ohne jede Kenntnis von Takt und. Noten. Mit zwölf Jahren erfolgte sodann ein geregelter Unterricht bei einem Oedenburger Musiklehrer, die ersten Theaterbesuche bei RaimMds »Berschwender" Mp Weigls „Schweizerfamilie", die im empfänglichen Kindergemüt unauslöschliche Spuren zurückließen. Mit 13 Jahren erstes Auftreten in einem Vereinskonzert und ein.überwältigendes. Ereignis: Goldmark sah und hörte zum ersten Male ein — Klavier! Im Jahre 1844 folgte er seinem Bruder, der sich später an der 48er-Revolution beteiligte und nach Amerika flüchten mußte, nach Wien, wo er beim berühmten Qnartettspieler Janfa Geigenunterricht erhielt. Für seinen Bruder mußte er alle niedrigen häuslichen Arbeiten verrichten, wie Aolz und Wasser tragen, Kleider und Schuhe reinigen; bei dessen chemischen Kursen, für die er. die verschiedenen Fläschchen, Gläser und Retorten ordnen mutzte, hockte er hinter einer spanischen Wand und schrieb Geigenduette. Mittags hatte er Freitisch bei verschiedene wohltätigen Familien, im Kreise seines Bruders verkehrte er mit hochgebildeten Männern, 'er lernte reines Deutsch sprechen, bekam als erstes Bilch ,Knigges Umgang mit. Menschen", sodann den „Götz von Berlichingen" in die .Hand und fühlte sich so wohl, wie Vater Haydn, der. an seinem alten ivurmstichigen Klavier, keinen König beneidete. Vom Jahve 1848 an saß Gold-, mark, nachdem er kürze Zeit am Konservatorium und noch viel kürzere Zeit an der Technik studiert, hatte, durch volle zehn Jahre am Geigenpult verschiedener Theater. In Ofen bewohnte er zusammen mit einenr Orchesterkollegen Zimmer und Küche. „Ein Klavier und ein Stuhl, waren die einzigen Möbel des sonst gänzlich leeren Zimmers. In der Küche,, schliefen wir auf einem Strohsack, dem es auch, an überaus zahlreichen. Mitbewohnern nicht fehlte." Die Not wurde immer bitterer. Als Goldmark im Jahre 1852 ins Carl-Theater übersiedelte, war sein Körper durch die langen.Hungerjahre — einen Winter bloß Erdäpfel ohne Brot, den darauffolgenden Sommer Topfeu -und rohe Gurken — vollständig entkräftet. „Mein Blut war verdorben, die Drüsen angeschwollen, die Augen blutrot und in namenloser Schwäche war ich fast denr Siechtum verfallen. Von der Alserstraße,. wo ich wohnte, brauchte, ich zu der halben Stunde ins Carl-Theater — zwei Stunden." Im Spital fand sein kräftiger Körper bald Erholung und der Klavierunterricht der siebenjährigen Karoline BettMeiut, mit dem ein guter MittaMfch 'Per-