Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- Heft 1233 (7.7.1922)
- Date
- 1922-07-07
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1S83 Wien, Freitag Wrenev Movgenzeitung. ' ' ' . 7. Juli 192Z Gette r Wrenev Movaenzeitung Bezüglich der italienisch-englischen Erörterungen über' das P a l ast i n a - Mand a t melden die Blätter, daß sich Schanzer um die Modifizierung der Artikel 6 und 14 des Mandatsentwurfes bemühe, wodurch italienischen Handels- und Jndustrieunternehmungen eine größere Aktionsfreiheit zuerkannt und die Obhut über das sogeircmnte Cönakel (angeblicher Abendmahlssaal auf dem Berge. Zion) Italien zugesprochen werden soll. Wie der „Daily T e l e g r a p H" zu dieser letzten Frage schreibt, glaubt die englische Regierung, hier auf arabische und jüdische Interessen Rücksicht nehmen zu müssen, weil sich unter dem Cönakel das den Juden und Muselmanen heilige Grab Davids befinden soll. Die Konversationen über das türkische Problem tragen vorläufig einen lediglich informativen Charakter, da ohne die Mitarbeit Frankreichs keine Entscheidungen getroffen werden können. Italien bemühe sich, zwischen den beiden Standpunkten, dem englischen und dem französischen, zu vermitteln und B a lf o u r solle im Gegensatz zu dem erkrankten Außenminister Lord Curzon, der ein entschiedener Gegner der Türken ist, einem Kompromiß in der türkischen Frage nicht/ abgeneigt sein. Wie es heißt, haben die diplomatischen Unterhaltungen Schanzers mit den englischen Staatsmännern in manchem Punkte zu einer Einigung geführt. Amerikanischer Kredit für Äutzland. Haag, 6. Juli. (Tel. der „Wr. Morgenzeitung".) L i twinow kündigt en geheimnisvollen Worten ein noch sensationelleres Ereignis als den Vertrag von Rapollo an, das demnächst den ganzen Plan der n i ch t r u s s i s ch e n Sachverst andigen über den Hansen werfen werde. Er behauptet, daß man unmittelbar vor der Unterzeichnung eines■ Vertrages mit einer amerikanischen F inanzgruppe stände, die eine ganze Reihe einheimischer Industrien wieder aufbauen und besonders die russischen Petroleumfelder ausbeulen wolle. Gestern ist der russische Delegierte Krestinski nach Berlin abgereist. Wahrscheinlich wird er mit Krass in zusammen hierher zurückkehren. Die Petrolemnleute im .Haag machen alle Anstrengungen, um mit den Russen zu Abschlüssen zu gelangen. Mau spricht sogar davon, daß zwischen der R o y a l D u t ch, der S h e l C o. und der S t a n d a r d O i l C o mpany ein Vertrag zustande gekommen sei, nach dem die drei Gesellschaften künftig darauf verzichten würden, mit üuander in Wettbewerb zu treten und wonach sie die kaukasischen Petroleumfelder gemeinsam ausbeuten und gemeinsam die Petroleumausfuhr aus Rußland organisieren wollen. Die rLnterdrirekAng der Juden in SoWjetrußSernd. Moskau, 6. Juli. (Fuukspruch.) Aus Minsk wird gemeldet: In ganz Weißrußland sind die jüdischen . konfessionellen Schulen geschlossen worden. Die Schüler werden in die Sowjetschulen überführt. Die Inden in der NeynbLiK des fernen Ostens. Das jetzt in Washington weilende Mitglied der Hanöelsaoteilung der Rebubblik des fernen Ostens, B. Skviersky, erklärte in einem Gespräch mit dem Vertreter des I. C. B.: Die Zahl der Juden in der Republik des Fernen Ostens beträgt zirka 60.000. Es besteht in diesem Lande keine Bevorzugung einer Nationalität oder einer Religion vor einer anderen. Die Verfassung gewährt jeder Nationalität ihre Selbstverwaltung, dergestalt, daß alle einheimischen Nationalitäten aber nationalen Minderheiten der Republik eine breite autonome Basis besitzen, die in der Verfassung der Republik geregelt ist. Es existiert ein Ministerium für nationale Angelegenheiten, dem Abteilungen für die einzelnen Nationalitäten untergeordnet sind und das die nationale Selbstbestimmung leitet und kontrolliert. Die Verfassung erteilt den nationalen Minderheiten im Lande auch eine kulturelle Autonomie. Die Sprachen der autotomen kulturellen Gruppen sind die Sprachen der betreffenden Nationalitäten: ukrainisch, jüdisch, koreanisch und tatarisch. Der Staat gewährt allen nationalen Minderheiten Subsidien für kulturelle Zwecke. (I. C. B.) Abrüstungskonferenz der östlichen Staaten. Stockholm, 6. Juli. (Tel.-Komp.) Auf die kürzlich erfolgte Einladung der Sowjetregierung zu einer Abrüstungskonferenz zwischen Finnland, Estland, Lettland und Polen hat die finnische Regierung geantwortet, daß sie bereit sei, praktische Vorschläge zu erörtern, die geeignet wären, die Beziehungen zwischen dem finnischen ^tttb dem russischen Volke unter Beachtung der internationalen Abmachungen zu sichern. Bevor sich aber Finnland im eine sachliche Prüfung der russischen Vorschläge einläßt, wünscht es nähere Mitteilungen über das Arbeitsprogramm der Konferenz und die Namen der Mächte zu erhalten, die sich bereit erklärt Haben, an den Beratungen teilzunehmen. Der Zeitungsstreik 1« Deutschland. Berlin, 8. Juli. Di« „Freiheit", der .HorwärtS'' ^«nd die „Rote Fahne" sind heule wieder erschienen. Deutschlands finanzielle Lage. Lonhon, 6. Juli, (Tel. h, „Wr. Morgenzeitung".) Die „Daily Mail", die sich die Tendenz der rechtsradikalen französischen Blätter eigen zu machen scheint, schreibt, daß die deutsche Hochfinanz den betrügerischen Bankrott Deutschlands vorbereite. Das Blcitt verzeichnet in diesem Zusammenhänge verschiedene alarmierende Meldungen. Die „Morning Post" gibt zu, daß die Reparationszahlungen die Ursache des deutschen Marksturzes seien, und auch die „Daily News" können nicht leugnen, daß Deutschland durch die. gegenwärtigen Verhältnisse seinem Ruin zugetrieben werde. Der Generaldirektor der A. E. G., Felix Deutsch, äußerte sich einem Vertreter der „Westminster Gazette" gegenüber, daß er im gegenwärtigen Zeitpunkte zum ersten Male seit Kriegsbeginn an der Wiedergesundung Deutschlands ernste Zweifel hege und fürchte, daß es den Weg Oesterreichs gehen werde. §>ie Sitzung des Pölkerbsrrdrates. Genf, 6. Juli. Der Rat des Völkerbundes wird am 17. d. im St. James-Palast in London zusammentreten. Tagesbericht. Russische» Lebe«. Tage in Odessa. „Für den russischen Menschen war der Weltkrieg eine zweite Austreibung aus dem Paradiese." Das hörte ich eines Tages einen einfachen Dorfschulmeister sagen, einen von armer Herkunft, dazu einen, der schon damals stark zur kommunistischen Partei neigte, der er sich später anschloß. Er sagte es spontan, wie wenn eine neue Wahrheit, intuitiv verfaßt, plötzlich in ihm aufgeleuchtet wäre, und! auf mich wirkte das wie eine Offenbarung. Unter dem nachhaltigen Eindruck dieser Aeußerung lernte ich meine südrussische Umwelt mit neuen Augen betrachten. Dort ließ sich besonders gut beobachten, wie die russische Volksseele auf die bolschewistische Revolution reagierte. Die Wirkungen wiederholter Umschwünge erhielten lange Zeit einen ZusÄmd der Ungewißheit, in dem sich alle Schattierungen zwischen ausgesprochen revolutionärer und eben-, so bedingungslos konterrevolutionärer Gesinnung entwickelten. Der Verfall des russichen Wirtschaftslebens schreitet auch im Süden unerbittlich fort; es wird für die Bewohner schwerer und. schwerer, zu leben, aber die Not lehrt nur die wenigsten, zweckmäßig zu handeln. Wo es irgend geht, legt man nach wie vor die Hände in den Schoß und harrt auf das Eingreifen irgendwelcher Wundertäter, deren Zauber wieder so zu leben gestattete wie vor dem Kriege. Man verkauft irgendwie entbehrliche Wäsche, Kleider, Möbel, um von dem Ertrage zu leben. Betreten wir die Wohnung eines Mannes, der sich als Handlungsgehilfe mühsam zu einer leitenden Stelle in einem größeren Handelshause emporgearbeitet hatte. Die Frau, (einst so entzückend liebenswürdig und gastfreundlich, empfangt uns verdrießlich. Sie ächzt und stöhnt in einemfort und jammert der verschwundenen herrlichen .Zeit nach, wo das Gehalt des Mannes ausreichte, hochherrschaftlich zu wohnen, soviel Dienstpersonal zu halten, wie man Lust hatte, unbeschränkte Gastfreundschaft zu üben, jährlch eine Ferienreise nach der Schweiz oder in eine andere schöne Gegend des Auslandes zu machen und noch gehörig zurückzulegen. Nun sitzen sie schmollend in einer kleinen Wohnung und warten auf das Wunder der Wiederkunft der alten, guten Zeit. Die Frau wird nicht müde, uns deutlich zu erklären, wie mühselig es ist, täglich einen weiten Weg zu wachen, um auf dem Markte persönlich Einkäufe zu machen und dazu den ganzen Haushalt eigenhändig zu besorgen. Der Mann stimmt in das Klagelied ein, er hat nicht die geringste Neigung, eine Hand zu rühren, ehe nicht wieder eine andere Regierung da ist. Empfehlen wir uns schnell... Ern anderes Bild: Wir sind auf dem Nikol-Bonlevard spazieren gegangen. Jetzt setzen wir uns aus eine leere Pank. Da kommt, schlottrig, in zerrissenen Schuhen, schäbig, aber im Stil des Bürgertums gekleidet, ein weniger vom Alter als vom allzuraschen Verschleiß jugendlicher Kräfte gebeugter Herr und setzt sich zu uns und spricht mit uns. In der körperlichen Ruine steckt noch ein beweglicher, kultivierter Geist. Der Blick des Sonderlings ruht wehmütig auf dem fast tote« Hafen da unten, und er erzählt uns von den Zeiten, wo dort noch, alles in vollem Betrieb und vollem Gange war, und jede Regung eines vielgeschäftigen Treibens durchzuckt uns. Er war damals ein mittlerer Zollbeamter und konnte leben wie ein kleiner Fürst. Odessa war berühmt wegen seiner schönen und — lockeren Weiblichkeit, und er war nebenamtlich ein mit allen Geheimnissen des odessitischen Nachtlebens vertrauter Führer liebeshungriger Kapitäne und reicher Zugereister. Das, im Zusammenhänge mit dem einträglichen Bemühen, dem Zollfiskus unter Verletzung der Amtspflichten zugunsten seiner Gönner Schnippchen zu schlagen, brachte es mit sich, daß bei ihm die Vorräte in Küche und Keller, namentlich an besten Weinen, Likören und Zigarren, nie ausgingen. Wenn wir nnS in die umliegenden Dörfer begehen, so beobachten wir am alltäglichen Leben ähnliche Zuge wie in Odessa. Wir stoßen auf Bauern, die keine Not erfinderisch macht, die im altgewohnten Trott fortwursteln, weil auch sie auf das Wunder warten, das es möglich machen soll, „wieder so zu leben wie früher". Sie hören auf keinen noch so sachkundigen'Rai, wie sie ihr Betriebsweise rationeller gestalten, wie sie durch Gemüsebau, durch Bienenzucht, durch eine sorgfältigere Behandlung von Vieh und Gefliigel, worunter Seuchen fortgesetzt unschätzbare Werte vernichten, dem Wirtschaftsverfall entgegen wirken könnten. Myn begegnet überall dem einem verlorenen Paradiese nachträumenden matten Blick, der sich vor nichts mehr fürchtet, als zu klarer Erkenntnis der rnichternen Taffachen der Gegenwart zu erwachen. Im russischen Märchen spiegelt sich wider, wonach das Herz des russischen Volkes bisher am meisten verlangte: ein'Leben wie im Schlaraffenland. Der Held darin wird für seine Tugenden in der Regel damit belohnt, daß er sich bei dauerndem Müßiggang, leiblichen Genüssen hemmungslos widmen kann. Das alte Regime begünstigte diesen Zug zu mühelosem Genuß. Sein Wirffchaftssystem war vorwiegend okkupatorisch. Man ließ die fruchtbare russische Natur und die „Fremdstämmigen" für den echt russischen Menschen arbeiten. Auch die Mühe des öffentlichen Denkens überließ man vorwiegend den „fremdstämmigen". Auf russischen «Hochschulen ward eine Intelligenz gezüchtet, die über alle Wissensgebiete trefflich schwatzen, aber, von glänzenden Ausnahmen abgesehen, auf keinem ernsthaft arbeiten konte. Freilich: man war nicht untätig und 'gedankenlos aus bloßer Willensschwäche. Die Ideale, für die die Westeuropäer sich abrackerten, erschienen dem Russen nicht als erstrebenswert. Daher die nihllistisch-flawophile Gedankenrichtung, nach der ein neuer slawischer Kulturtyp meist den „faulenden" germanischromanischen in der Herrschaft ablösen soll. Für eine solche Aufgabe sollte sich das Ruffentum als slawisches Führertnm seelisch frisch, erhalten. Aber man kann.keinen neuen Kulturtyp darstellen, ohne zunächst gelernt zu haben, hark und nachhaltig zu arbeiten. Dazu soll dem Russen die Schule des revolutionären Leidens dienen. Das alte Regirne, das gestattete im Schlendrian zu wirffchaften, einen.. aus unerschlossenen natürlichen Reichtümern gegründeten Kredit Lei fremden Kapitalisten bis zur Neige auszurosten, ist unwiederbringlich dahin. Das neue Regime hat sich den Bedingungen der neuen Weltwirtschaft unterworfen, wenigstens insofern, als diese auch dem russischen Menschen einen lebhafteren Arbeitsrhythmus zunmten, als er ihn von «Hause aus gewöhnt ist. . Der Bolschewismus m seiner ursprünglichen Gestalt bedeutete die letzte Metamorphose des auch im Nihilismus und Panslawismus heimlich wirksamen russischen Strebens, sich um die Notwendigkeit einer stärkeren Anspannung der Arbeitskräfte des russischen Volkes zum Nutzen der modernen Kulturmenschheit herumzudrücken. Der russische Mensch muß sich damit abfinden, daß das. alte Paradies, in dem es möglich war, bei tverng Arbeit üppig zu leben,, unwiederbringlich dahin ist, und daß ein neues Paradies — und sei es ein kommunistisches -- erst hinter gründlicher Gewöhnung ar harte, nachhaltige Arbeit Winken kann. Otto Cor buch« Jüdische Lehrer gege« die jüdische Schule. In Deutschland bestehen aus besseren Zeiten, da das jüdische Bewußtsein und das Streben nach Erhaltung der jüdischen Tradition noch stärker war, verschiedene jüdische Schulen. Wie e§ aber um den jiidischen Geist der Lehrerschaft bestellt ist, beweist der nunmehr zur Veröffentlichung gelangende Bericht über eine vor kurzem abgehaltene Tagung des Verbandes der jüdischen Lehrervereine, die sich mich mit der Stellung der jüdischen Lehrer zum Problem der j ü d i s ch e n S ch u l e beschäftigte. Der Referent trat für die Simultanschnle ein, hielt jedoch mit Rücksicht auf lokale Verhältniffe auch die jüdische Schule siir zulässig. Die jüdische Schule erscheint hier also nicht als Selbstzweck, als das vornchmlichste Mittel zur Erziehung eines starten und bewußten jüdischen Nachwuchses, sondern als notwendiges Uebel mit Rücksicht auf den mehr oder weniger christlichen Charakter der bestehenden Simultanschulen. Welcher Art die jüdische Erziehung in diesen Anstalten sein muß, kann man sich nach dieser geistigen Einstellung unschiver vorstellen. Eine' mit 24 gegen 16 Stimmen angenommene Resolution besagt: „Der Verbandstag steht grundsätzlich auf dem Boden der Gemeinschaftsschule, in welcher ohne Rücksicht auf das Bekenntnis mit gleichen Rechten und Pflichten Lehrer aller Bekenntnisse Anstellung finden. Die gegenwärugen Volksschulen in Preußen und Bayern, auch die sogenannten Simultanschulen, tragen den Charakter christlicher Schulen. So lange die Gemeinschaftsschule in unserem Sinne.nicht verwirklicht ist, treten' wir für die Erhaltung der bestehenden und für die Neugründung jüdischer Volksschulen em. Träger der Schullasten ist die Kommune/' Die TabakhamstereZ. Die Gerüchte über eine neuerlich bevorstehende Erhöhung der Tabakpreise haben bewirkt, Laß seit einigen Tagen Tabakfabrikate in den Trafiken nur in sehr kleinen Mengen oder überhaupt nicht erhältlich sind. Der Tabakmangel nach einer längeren Zeit des Ucberflusses ist. teils eine Folge des Bestrebens vieler von Trafik zu Trafik wandernder Rancher, sich mit Tabakfabrikaten f ü r l ä n g e r e Zeit e i n z ritz ecken, teils Wohl auch eine Folge des Zurückhaltens der Billiger Einkauf, kleine Regien, geringer Nutzen machen es uns möglich, engl. Stoffe, Textilien ied. Art zu unerreicht ÖUtig.Preisen zu verkaufen I Schiffmann II., Taborstraße 48 Telephon 47-1-79 En gros En detail