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Wiener Morgenzeitung · 1922-07-05 · Heft 1231 (5.7.1922) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
4 (1922)
Issue
Heft 1231 (5.7.1922)
Date
1922-07-05
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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\ ''?,[V-l “f/t, '? , V ■ ’’! ,'?,Hliv| -/ jftr> r23l ";• . AM!, DTmwvcki '' rfcfjon deshalb, weil die Organisation, die Mm gMtyn Teil sich aus deutschvölkischeElementen Zusammen letzt. mit den Geheimorganisationen, die die Republik bedrohen, im engen Zusammenhang steht. Eine Bombe. Mannheim, 4. Juli. (Tel.-Komp.) Während einer Betriebsrätekonserenz im hiesigen Zeughaus 'wurde gegen das Gebäude eine Bombe geschleudert, die im Treppenhause explodierte. Es entstand ein erheblicher Sachschaden, -och wurden nur einige Personen leicht verletzt Der „Deutsche Aar" aufgelöst. Berlin, 4. Juli. (Te?.-Komp.) In verschiedenen Kreisen des Reiches wurde der Hochschulring „D eu tjscher Aar" auf Grund der Verordnung des Reichspräsidenten für aufgelöst erklärt. »Mörser• MoMUettnng. --TT---:------ Ein; Hemichregelter^ Meglerungspräftdent.! Be rli n, 4. Juli. Kel, d. „Wr. Morgenzeitung".) Die Regierung hat den Regierungspräsidenten von Marienwerder, Grafen Baudisfin, der durch die Resultate der Morduntersuchung belastet erscheint, zur Disposition gestellt. ' Wilhelm hofft. New - dorl, 3. Juli. (Tel. d. „Wr. Morgenzeiiung".) In den „New-Aorl Times" berichtet Radowitz über einen Besuch bei Wilhelm dem Zweiten in Doorn. Der Exkaiser sagte die Aufrichtung der Monarchie in Deutschland voraus, will aber selbst nicht mehr zurückkehren. Rathenau, sagt er, sei eine Gefahr für Deutschland gewesen, weil er ein Jude war. ,4>,- Die Organisation „C". Ern Steckbrief gegen Rathenaus Mörder. Berlin, 4. Juli. (Tel. d. „Wr. Morgenzeitung".) Die Polizei erlaßt einen S t e ck b r i e f h i n t e r den . bei d e n M ö r d e r n Rathen a u s, die bisher noch nicht verhaftet werden konnten. Aus dem Steckbrief geht hervor, daß. der eine Mörder, der Oberleutnant zur See a. D. Erwin Kern, 24 Jahre alt ist, aus Gumbinnen stammt und in der letzten Zeit in Kiel gewohnt hat. Der zweite Mörder, der Ingenieur Hermann Willibald F ischer, ist 26 Jahre alt, geborener Dachse, war zuletzt in sächsischen Fabriken tätig. Sein letzter Aufenthaltsort war Flöha in Sachsen, aus welchem Orte er in der ersten Hälfte des Monats Juni verschwunden ist. Der Steckbrief (preist auf die Möglichkeit hin, daß Fischer vielleicht in einem N o r d s c e b a d zu finden sein dürfte. Weimar, 4. Juli. (Wolfs.) Wie vom thüringischen Staatsministerium mitgcteilt wird, haben die Verhaftungen wegen des Mordes an Rathenau in einigen Fallen zweifelsfrei die Beteiligung der Verhafteten an dem Bersch wörcrkomplott gegen Rathenau ergeben. Küchenmeister nach Innsbruck überführt. Innsbruck, 4. Juli. Wie der „Allgemeine Tiroler Anzeiger" , meldet, ist der wegen Mitschuld an der Ermordung des deutschen Ministers N a t h e n a u in Oetz verhaftete deutsche.Fabrikant Küchenmeister entgegen der urprünglichen Mitteilung dem Bezirksgericht Silz eingeliesert und von dort dem L a n d e s g e r i ch t i n I n n sb r nä überstellt worden, wo er sich bis zur Erledigung des Ausliesernngsverfahrens in Hast befindet. * - •. Die Leitsätze der Mördergcsevschaft. .Die. „Prager Preise'.^ veröffentlicht die folgenden, von einem bayrischen Politiker, stammenden Mitteilungen über die unter dem Namen Organisation „C" bekannten. Geheimgesellschaften welche die Morde an Erzberger und Rathenau durchgeführt, das mißlungene Blausäure-Attentat aus Scheidemann vorbereitet hat und jetzt durch die Maßnahmen der Polizei einstweilen an ihrer nationalen Tätigkeit gehindert ist. Der Hauptsührer ist der ehemalige Kapitänleutnant Ehrhardt, ein Mann von eiserner Energie und rücksichtsloser Brutalität, der infolge hervorragender Kriegstaten und als Führer eines Freikorps nach der. Revolution in Deutschland übel bekannt wurde. Ihm stehen eine große Anzahl früherer Offiziere und Stüden-; tcn zur Seite, die unter dem Einfluß seiner Persönlichkeit jede eigene Zielsetzung vergessen und sich ganz denr Willen des Führers unterordnen. So wurde uns ein Fall bekannt, in dem ein junger Mann feinen Beruf aufgab, jeder Unterstützung seines vermögenden Vaters sich verlustig machte; um für einen geringen Sold bei Ehrhardt Dienste zu tun. Durch Zufall war es uns möglich,' die ■ . - Zielsätze der Organisation Consul zu erlangen, die unter der Aufschrift „S t r e n g g e h e i m, Abschrist ver bo t e n", nur an die zuverlässigsten Vertrauensleute abgegeben werden. Nach dem uns vorliegenden Dokument will die Vereinigung „offensiv sein und aktuelle Ziele haben. Diese Ziele", so drückt man sich ays, „sind Kampf mit jedem Mittel gegen alle Elemente, die auf internationalem Boden stehen." Dazu gehören nach Ansicht der Verschwörer neben den Linksradikaleü und Sozialdemokraten auch v die entschiehtznM Demokraten./ Der Bund eistrebt ‘bfe- 'SiMfüttsi'"e'iyev 'Truppe, die bei unerwarteten : Mßenp-oli tischen Ereig- 5. Juki 1992 , Seite Nissen sich einer nationalen (lies:! inonarchisüschen)' Negierung zur Verfügung stellt. Ferner erwartet er von seinen Mitgliedern die Änftmnnung von Kräften zur Erfindung neuer Kampfmittel, zu -etwas „Unwiderstehlichem": - wie z. B. elekirische Fernwirkung aus Ex-/ plosivstoffe. In die Truppe dürfen nur Männer ausgenommen werden, so heißt es in dem Dokument weiter, die entschlossen sind, keinerlei Hemmungen irgendwelcher Art in sich m tragen und , bedingungslos gehorchen, und die ferner brutal genug sind, rücksichtslos einzn« greifen, wo sie eingesetzt sind. Als Unterführer kommen nur Offiziere in Frage, die K r i e g s e r s a h r u n g und Erfahrung im Bürgerkrieg haben, vor allem, die eine Haupterfahrung. beherzigen: kein Verhandeln, sondern schießen und rücksichtslos befehlen. , ' Ein Satz aus dem klar ersichtlich ist, daß die Qrgcuü-: sation „C" unter Umständen von ihren Mitgliedern fordert, Meuchelmorde zu begehen, ist der folgende: „Diejenigen, denen ihre Tätigkeit jederzeit ein Abkommen gestattet, sind listenmäßig besonders zu führen. Es können Fälle cinireten, wo entschlossene Männer vorübergehend gebraucht werden. Als solche Fälle werden angeführt: „Rädelsführern und Hetzern ihr Handwerk für alle Zukunft zu legen und sie bei Skandalen . beiseite zu schaffen". In seiner außenpolitischen Zielsetzung ift: der Bund nat unserer Information im wesentlichen separatistisch gerichtet; er strebt die Richtung einer, bayerischen Monarchie mit Einschluß. Tirols an uno würde sich im Hinblick auf seine reaktionären Pläne nichts scheuen, sich für e i n e Z e r tr ü m m e r n n g d e s" Reiches einzusetzen. Die Verlerzmdrmgerr gegen Genera! Segre.. . . \ Rom, 3. Juli. (Stefanl.) In Beantwortung einer Jn-i terpellation des Deputierten Greeo über die mili-! t.ä r i s che Mission in Wien erklärte. der - Kriegs- Minister, eine Untersuchungsaktion von'Seite der Ne-, gierung sei nötig gewesen; es sei. unbillig, sie mit Argwohn! und politischen Verdächtigungen, zu umgeben, weil Ossi- /' ziere der Militärmission vor den Disziplinarrat gestellt! worden seien. Der Minister hob hervor, daß Generale S e g r e selbst verlangt habe, vor den Disziplinarrat ge- : stellt zu werden. (General Segre, der Jude ist, war im, Vorjahre von persönlichen Feinden . der Schieberei ' und ’ Korruption, begangen in Wien, bezichtigt worden. Er; wurde verhaftet, konnte sich jedoch rehabilitieren. Bei seiner' Angelegenheit hat der Antisemitismus eine große Rolle gespieltobzwar-er sich auf das;: von.:/einem russischen Juden, namens S ch w e i d e gelieferte Material stützte, das dieser. im „Avanti" veröffentlicht'hat. Die Red.) bis Banken geben Ihnen 6 Prozent Zinsen. Mehrfach höhere Verzinsung erzielen Sie durch Ankauf vpn .Waren in dem als billigst und reell bekannten Warenhaus TabcrsfraOe 4g Telephon 47-1-78 En gres En daial! Zotzannes Reuchlin—ein Vor- KÜMpfer der geistigen Rechte des ZuSentums. Zur 400. Jahreswende seines TodeStageS. Seitdem es in deutschen Landen Brauch geworden, &c Meilev.steirre der Unsterblichkeit mit Feuilletonkränzen zu . umwinden,. geht jedesmal, wenn die Erinnerung an irgend eine Geistesgröße der Vergangenheit die.Schwelle eines neuen Jahrhunderts überschreitet, ein Rauschen durch den dichtbelaubten deutschen Blättertvald. Die Jubiläen werden mit Wollust begangen und mit einer nur dem deutschen Geiste eigerlen Sentimentalität werden feurige Lobhymnen, vergessener Verdienste angestimmt. Das vierhundertste Mal jährte sich vor kurzem der Tag — all bcnt der ante Iohannes Reuchlin verschied — und siehe, famn ein leiser Hauch lvar in dem sonst so regen Eichenwald zu verspüren. Nur die zünftigen Literaten, Leute von Fach, dachten des ersten derltschen Humanisten — die Tagespresse blieb stumm. Und dennoch, wenn schon vor vier Jahrhunderten das selbstherrliche Heine-Wort geprägt worden wäre: „Nennt man die bestell Namen, so wird auch der rneine genannt" — keiner hätte es im Lande der deiltschen Renaissance mit größerem Rechte ' wiederholen dürfen, als der Me, ftiedliche. Schivabe — Johannes Renchlnl. Ja, sein Name war in dieser Epoche der sich bekälnpfendeü, wirrerr, chaotischen Gegensätze — halb Mittelalter, halb Neuzeit — gewiß einer der am schönsten klingenden; düs festzustellen, ist es uns Juden Pflicht und Fr^llde zllgleich. Denn Johannes Reuchlin — obgleich selbst fetu .Sohn Israels — war ein tapferer Kämpfer dey Rechte unseres unterdrückten Stammes und ein froher Vorbote der geistigen Emanzipation des Judentums. > Seine lateinischen Schulkomödien — vorbildliche Leistungenun ihrer 2lrt — sind Wohl längst der Vergesien- -hcit anheimgefallene Versuche einer entschwundenen literarischen Gatüulg und auch seine berühmte griechische Grammatik — die erste hellenische Sprachlehre auf deutschem Boden — ist nur mehr ein Kuriosum für gelehrte Köpfe.. Er.verstand, wohlklingende lateinische Verse zu drechseln, dieser. Reuchlin, doch übten andere mit größerem Erfolg diese Kunst aus; er war auch ztveiselsahne ein Ledeutender Hellenist, doch übertrafen ihn an Kenntnis der homerischen Sprache seine tiefgelehrten Zeitgenosien: Erasrmls ulld Melanchton. Ihm sollte ein ganz anderer Ruhmestitel Vorbehalten sein; ein Weick sollte seinen Namen auf die kommenden Jahrhunderte überliefern, ein Werk, dessen Urheber nicht er, sondern ein Unbekannter gewesen, und das doch für immer mit seinem Namen verschmolzen bleiben sollte: die beriihmten und berüchtigten Dunkelmmännerbriese. Dieser ruhige, stille Denker -vdem nichts ferner lag, als der streitbare Geist seines Jahrhunderts — steht durch eine eigenartige Fügung des Schicksals im Mittelpunkte des größten Kulturstreites der deutschen Renaiffanee. „O Jahrhundert der Wunder — es ist eine Wonne, in dir zu leben". Dieser begeisterte Aufruf stanunt von Ulrich Hutten, dessen eigener Lebenslauf die Wonne des Daseins im Säkulnm der erwachenden Antike Lügen straft. Nein, es war keinestvegs so wonniglich zu leben unter den goldenen Strahlen der aufsteigenden hellenischen Sonne — wie es die schwärmerischen Lobredner antiker Kultur sangen; es gab breite Volksschichten, deren Dasein alles eher, denn wonniglich gewesen; daß die Juden diesen Volksschichten angehörten, bedarf wohl keiner näheren Versicherung. Lesiings berühmter ' Patriarch war kein Bühnenheld — er war noch eine grausame, faktische Wahrheit — und sein berühmtes Sprüchlein: „Macht nichts, der Jude wird verbrannt", entfloh nur gar zu oft fanatischen Lippen, die auch das Machhnittel besaßen, diesem Sprüchlein Geltung zu verschafien. Ejner der. eiftigsten Hetzemacher — ein würdiges Vorbild des Lessingschen Patriarchen war Johann Pfefferkorn, ein getaufter Jude, der dem alten Brauch der Proselhten gemäß seine Stammesbrüder mit glühendem Haß verfolgte und dem Renaisiancekaiser Maxmilian dem Ersten den Vorschlag machte,, sich mil der einfachen Verbrennung der Juden nicht zu begnügen. Es sollen auch sämtliche jüdischen Bücher — mit Ausnahme der Bibel — verbrannt werden, denn solange der hebräische Buchstabe und die jüdische Weisheit lefct, ist Israel nicht gestorben. Der -Vorschlag des gottessürchtigen Jesuitenpaters machte dem Kaiser viel Kopfzerbrechen.' Er war. ihm nicht sympathisch, andererseits traute er sich nicht recht, ihn glatt (LbyitJr Er legte beu Hann Reuchlin vor, der für Deutschlands berümtesten Hebräisten galt. Reuchlin lernte von seinem jüdischen Leibärzte die Sprache der Bibel kennen und drang selbst in die Geheimnisse der talMudistischen Literatur ein. Ihm fiel auch das Verdienst der ÜrhÄ erschüft des ältesten hebräi-. sihen Druckes auf deutschem Boden zu. Er, als anerkannte Autorität in jüdischen Sachen, sollte über Pfefferkorns Vorschlag entscheiden. Sein Brief an den Kaiser war eine Apotheose der hebräischen Weisheit; ein edler Zorn gegen/' die Bildzertrümmerer schaffte sich darin Lust.-Wütend lies: nun der Verräter zu seinen Helfershelfern, den Domini--, kanern zu Köln. Sie sollten Reuchlin zuschanden machen: und den Kaiser bewegen, im Sinne Pfefferkorns Vorschlags die Enffcheidung zu treffen. Jan Hogstaaten — der allein mehr .Hetzer und Hexen verbrennen ließ als die ganzem -Madrider San Hermandcrd — donnerte von der Kanzel: Fluch auf Reuchlin herab, und-Schmähschriften von bekanten und unbekannten Fanattkern schossen wie Pilze her-! vor. Der Papst wurde aufgefordert, gegen den Unglücklichen, der kühn genug gewesen, für die Juden einzutreten/ sein Anathema zu schlendern. Die Sache Reuchlins galt; schon für verloren, und ihm selbst begann schon bange zu. werden, da geschah plötzlich etlvas Unerwartetes. Es. erschienen die ersten. Dunkelmänuerbriefe und drei Mo- Mte später lachte das ganze christliche Europa über das. Kölner Jesnitenkollegium und die hochlöbliche Inquisition. Die ätzerrdste Satire des Jahrhunderts — eines Sällrlums, dem es an Ironie wirklich nicht gebrach — gab die Judenverörenner, all die habgierigen Proselytey, geistliche Ignorante»: und Wüstlinge in der Jesuitenkutte — dem allgemeinen Gelächter preis. Ihre Sache war unwiderruflich' verloren, das giftige Lachen tötete sie schneller und sicherer,- als es je irgend eine kaiserliche Entscheidung vermocht hätte. Wer tvar der Verfasser dieser giftigen und siegreichen Epistel? Vielleicht der Erfurter Erotus Rubeanus, wie es hervorragende Kulturhiftoriker beharrpeten? .Man weiß es nicht. Der Autor ist unbekannt, aber die geistige Urheber-! schüft der.Dunkelmännerbriefe — ein rarer Sieg der satirischen Vernunft über die plmnpe Dummheit — bleibt für! alle Zeiten als ein unvergänglicher Ruhmestitel dem ge-, lehrten und tav?<n-e» ^Mh****"*-%w<ftltit erhalten. Mä c b o d) e li S.

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