Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- Heft 1230 (4.7.1922)
- Date
- 1922-07-04
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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'»K'1280 ’W4—— 'Mn,- Dienstag Litauen. Di« jüdische Arltonomiefrage. /s Zürich, 2 .Juli. Der holländische Korrespondent der »bischen Preßzentrale Zürich bei der Konferenz im äag, wurde vom Leiter der litauischen Delegatton r der Haager Konferenz, Herrn Dr. Zaunius, der Puischer Gesandter in Lettland ist, empfangen. Im Laufe t Unterredung, die haupsächlich der brennenden Frage -r jüdischen Autonomie in Litauen galt, gab der Führer ,'x litauischen Delegation, D. Zaumus, dem Korespondenn der I. P. Z. folgende Erklärung: : „Man denkt in Litauen überhaupt nicht daran, die iechte der : jüdischen Autonomie irgendwie zu schmälern.!ie ganze Krisis bildet ein unliebsames Mißverständnis.!ch aknn Sie versichern, daß die jüdische Autonomie nd die Jnstitutiön eines jüdichen Ministeriums in die Konstitution Litauens einverleibt werden wird." Rrmdscharr. ryerrr fahotiert das Gesetz Zum Schutz : der Repubttk. ' ... München, 3.: Juli. Ministerpräsident Graf Lerche nrld hat nach seiner Rückkehr aus. Berlin einen Minist erq t etaberufen, in. dem er über die Verhandlungen über das -Plante Gesetz, zum Schutze her Republik Bericht cr-- «ttete.-Der Ministerrat hat sich mit dem vom Ministerräsidenten^ in Berlin eingenommenen Standpunkt einvcrnndea erklärt und beschlossen, daß das Gesetz prinzipiell ab- ».lehnen sei. Für den Fall, daß Bayern mit der Ablehnung es Gesetzes: im Reichsrat nicht durchdringen sollte, wird die (lyrische Regierung eine Reihe von formulierten Abändeugsanträgen einbringen. Zu diesem Zweck hat sich Minister etz Innern Sch Wey er nach Berlin begeben, um bei den Verhandlungen den bayrischen Standpunkt persönlich zu verrenn. - Auch der im Reichsrate eingebrachte Entwurf eines?, eichskriminalgesetzes wurde als unannehmbar bceichnet, weil es die Polizeihoheit der Länder vollständig aus- >ctvm lDürbe. ' Harde« von alldeutsche« Briganten Aberfallen. Berlin, 3. Juli. (Priv.) Heute abends wurde der be- «fmttc Schriftsteller Maximilian Harden unweit seiner Zilla in Grunewald von alldeutschen Wegelagerern überfallen, mißhandelt, und verletzt. Die feigen Burschen flohen, nachdem Harden ohnmächtig zu Boden fiel, vom Tatort und konnten nsher nicht dingsest gemacht werden, Die Untersuchung wurde üngeleitet. / Nachts wird gemeldet, daß einer der Täter verhaftet -urde. i Aufgelöste Mörderzentralen. vj y Berlin, 3. Juli. (Wolfs.) Minister des Innern Severing hat den Bund der Aufrechten mit allen seinen Landesverbänden, Bezirks- und Ortsgruppen heute aufgelöst, ebenso sämtliche in Preußen bestehenden Ortsgruppen des Völkischen Schutz- und Trußbundes (Sitz in Hamburg), ..... Tagesbericht. V . '4'1 Zionistisches Landeskomitee für Oesterrech. . DerEndtermin des Schekeljahres 5682 i ff mit dem 15. Fuli festgesetzt. U e,b e rweisungen, die nach diesem Datum erfolgen. können beiBestimmung derZahl der Delegierten zur Fahreskonferenz nicht berücksichtigt werden. Das Zionistische Londeskomitee ist verpflichtet, b i s z u m 10. Iuliatieausgeg e b e n e n S ch e k e l l) e f t e ei n zu z i e h e n und nach L o n d o n z u verrechnen. Es wollen daher d i e B e z i r k s f e k t i o n e n!. II, M. IV/V, Vl bis Vlir, Mittwoch den 5. d.. IX. X/Xl. XU bis XV. XVI./XVil., Donnerstag ö e n 6. d. XVIll. XlX. XX, XXI, Turn- und Sportoerband und Studentenschaft sowie Einzelpersonen Freitag den 7. d. in der Zeit von 10 bis U h r v o r nr i t 1 a g s u n d 4 b i s U h r nachmittags i n .u n f e r e m Bureau. II., Tabora tz e 20a, zuversichtlich verrechnen. ■■■■; . ■ ■;.■■■;i}41 Das jüdische Z«ge«dhrim. Als vor sechs oder sieben Wochen von der „Sozialen lbilfsgemeinschaft" das jüdische Jltgendheim eröffnet wurde, da war diese Eröffnung eigentlich nur ein Versuch, es ivar gewissermaßen eine Frage, die man an die jüdische Jugend richtete: „Wollt ihr oder wollt ihr nicht?" Sie wollen. 360 junge Menschen, Mädchen und Burschen zwischen 15 ltnb' 22 Jahren, waren im Nu beisammen, 360junge Manschen, die, bewußt oder unbewußt, auf den Ruf gewartet hatten, die glücklich sind, einen Sammelpunkt, ein „Heim" für ihr geistiges Leben gefunden zu haben. Uich jeden Abend stecken ein paar neue Gäste den _Wiener rckorgimzertuirg. Kopf zur Türe herein und fragen ün, ob sie noch Aufnahme finden können. Im Heim gibt es kein Abschließen, kein Formen bestimmter Kreise, keine Gruppen- und Grüppchenbildung. Die Organisation ist auf „demokratischer Basis" aufgebaut und jede Veranstaltung, jeder Lehrkurs ist für jedes Mitglied zugänglich. Das war die einzige Bedingung, die die Gründerin des Heimes, Frau Aniita Müller-Cohen, ihren jungen Freunden gestellt hat. Im Uebrigen ist das Jugendheim natürlich in die Selbstverwaltung seiner Mitglieder übergegangen, die eine GruPPenorganisation durchgeführt haben, in der gar stramme Zucht tvaltet. Aber trotzdem geht es sehr munter und gemütlich zu. Bis auf die Straße dringt der Chorgesang und die Töne des (merkwürdig wenig verstimmten) Harmoniums. Tappt man sich, dem Klange folgend, durch einen düsteren Vorraum und stockfinsteren Gang, so steht man plötzlich inmitten des hellsten Glanzes. Strahlend hell die Beleuchtung des kleinen Zimmers, strahlend hell die jungen Augen. Um das Harmonium, an dem ein blinder Meister sitzt, haben sich die Burschen geschart, die Mädchen sitzen weiter rückwärts/und an den Wänden lehnen, ttefbetrübt und neiderfüllt mit trotzigen Gesichtern die „Mauerblümchen" des Chorgesanges — ein Paar junge Burschen, die gerade im Stimmwechsel begriffen sind und deshalb an den Uebüngen nicht teilnehmen dürfen. Sie machen sich dafür nützlich, indem sie ungebildeten Besuchern die Liebertexte übersetzen. Denn — es wird hebräisch gesungen. Ob alle die Wiener Kinder, die bn mitsingen, wirklich die Sprache verstehen, darf ja füglich bezweifelt werden. Aber jedenfalls verstehen sie genug, um durch die Sprache nicht gehindert zu sein und das Wanderlied „Wir tragen die Fahnen und Standarten" mit dem sehnsüchtigen Schluß „und kehren zurück in das Land unserer Väter, in unser teures Heimatland" klingt frisch und munter. Eitle bunte Schar hat sich zu dem Gesangskurs zusammen gefunden. Da sitzen drei blutjunge Mädchen mit Hängezöpfen — eine blonder als die andere.- Es sind Gymnasiastinnen, aber diese Würde hindert sie keineswegs, mit ihren beiden Nachbarinnen, einem Modisten- und cinenr Weißnäherlehrmadchen, nach echter/ unverfälschter Backfischart zu tuscheln und zu kichern. Den rechten Flügel bilden ein paar junge Erzieherinnen, die hier ihre leeren Abende in fröhlicher Geselligkeit verbringen, den Linken eine Verkäuferin. Der.lange Bursche mit dem schtvarzen LockeMvald und dem Asketengesicht, der wie ein schwärmerisches Dorfschulmeisterlein aussieht, ist Schlosserlehrling, der untersetzte Nachbar, Stolz der „Bässe", Privatlehrer, sein Nachbar zur Rechten Student, sein Nachbar zur Linken Handelsangestellter. So ungefähr. ist die Zusammensetzung ün ganzen Jugendheim. Die ernsthaften-jungen Burschen im zweiten Zimmer, die um den Tisch herumsitzen und ein sozialwissenschaftliches Blich lesen und besprechen, sind wohl alle Ostjuden (das Buch ist in jüdischer Sprache geschrieben),, aber sie entstammen den verschiedensten sozialen Schichten. Im „Führerkurs" der Pfadfinder treffen „Praktikanten", Studenten, Lehrlinge, junge Angestellte zusammen und die. Burschen, die im Lesezimmer über deutsche und hebräische Zeitungen gebückt sitzen, gehören, wie man auf den ersten Blick sieht, nach sozialer Hinsicht keirreswegs zusammen. Umso schöner, umso wichtiger, daß sie einander hier gefunden haben. Wie man ans dem Bericht ersieht, gibt es mancherlei Anregung und mancherlei Bildungsmöglichkeit im jüdischen Jugendheim. Auch die Handfertigkeiten werden nicht vernachlässigt — ein Bastflechtuitb ein Buchbinderkurs übt besondere Anziehungskraft aus. Natürlich aber — es ist ja eine Vereinigung junger Menschen — wird noch viel Größeres geplant. Im Herbst sollen sich zu dem deutschen, noch ein englischer und französischer Sprachkurs gesellen, Knnstexkursionen sind neben den Wanderungen und Ausflügen vorgesehen, ferner — winkt auch schon der Gedanke: Theater-Aufführung. Das Schönste und Wertvollste in diesem Heim der jüdischell Jugend ist doch der Geist fröhlicher Einigkeit ilnd herzlicher Brüderlichkeit. Es gibt keine „Standesnnterschiede", cs gibt keinen Bildungsdunkel und keine Befangenheit der Mindergebildeten. Hier sind nur junge Menschen beisammen, die eines Stammes sind und sich gesunden haben in dem Willen, einander zu helfen und miteinander ftoh zu sein. Hier ruht der zermürbende brudermörderische Kampf zwischen dem .Handitnb dem Kopfarbeiter, hier lernen die jungen Menschen, die aus den verschiedensten sozialen Schichten stammen, einander kennen, einander verstehen. Das Traumland einer : kommenden Zeit steigt herauf, das Tvaumland wahrer i Demokratie ohne sozialen Neid und ohne sozialen Haß. Das Jugendheim, in der Berggasse ist nur ein kleiner Anfang, eine, zarte Pflanze. Jüdische Jugend, sorge dafti^ daß sie wächst und erstarkt! . ivSte Klara Mautner. ReucrUche Verteuerung des Fleisches i« Sicht. 4' Die neuen Löhne für Fleischhauergehilfen. "vrmH- Nach langwierigen Verhandlungen sind dieser Tage die Lohnverhandlnngen mit'den Fleischhauergehilfen zum Abschluß gekommen. Die Löhne wurden um 80 Prozent erhöht, so daß 4. Juli 1922 ein Fleischhüuergchilfe einschließlich aller Naturalbezüge durchs, schnittlich einen Wotzcnlohn von 55.000 bis 62.060 Kronen erhalt. Die außer-Haus wohnenden Gehilfen Haben- Anspruch auf ein bestimmtes Quantum von Fleisch. Vom 1. d. gelten neue erhohte Sch^chtgebühren,' was natürlich zur weiteren , teuerung des Fleisches führen muß. - Die wirdererstandeRe SLratzerrbahW.-^ ■*«*: Der normale Straßenbahnverkehr begann.gestern früh um 8 Uhr. Las Aviso zur Ausfahrt wurde zwar überall schon um halb 6 Ahr gegeben, -auf einzelnen Bahnhöfen machte sich ober noch einiger Widerstand geltend, der erst überwunden werden mußte. Die Straßenbahner haben sich folgende Zugeständnisse erkämpft: Wöchentliche Durchrechnung der U.eberstunden. Erhöhung der Teuerungszulage von 30.000 auf 70.000 Kronen für den Monat - Juli. Festsetzung der Mittagspause mit mindestens anderthalb und höchstens zwei Stunden. Anhörung der Personalkommission bei Aufstellung der Tourenzahl.-Gewährleistung der vollen Bezüge für einen' im Dienst invalid gewordenen Bediensteten. Auch hoffen die Straßenbahner, daß ihnen die Streiktage bezahlt werden. Die Gemeindevertreter erklären sichin .prinzipieller Hinsicht wegen der Errechnung der Mehrleistung, die Bediensteten in m a t e r i e l l e r Beziehung als Sieger. Cs dürfen also .beide Teile triumphieren, und zwar mit um so größerem Recht, da die K r i e g s k o st e n natürlich von der Bevölkerung getragen werden. .. ■ »;.: Entschädigung von Zeitkartenbesitzern anläßlich des Straßen -.4 bahnerstreiks. " f.; Den Besitzern von Halbjahrsnetzkarten mit der Gültigkeit vom 2. Jänner bis 1. Juli-1922 und vom 2. April bis 1. Ok- ’ voller 1922, ferner von Monats- und Streckenkarten' vonr Monat Juni 1922 werden vom 6. bis. einschließlich 14. d. bei der Kartenausgabskasie der städtischen Straßenbahnen, 6. Bez., Rahlgasse 3, und bei allen Vorverkaufs stellen gegen Vorlage der Zeitkarten folgende, auf die Streiktage entfallende Teilbeträge vom Kartenpreis znrückgczahlt: .Für Halbjahrsnetzkarten vom 2. Jänner bis 1. Juli 2540 K., vom 2. April bis 1. Oktober' 3060 K., für Monatsnetzkarten vom Juni 3090 K., für die drei Gattungen Streckenkarten vom Juni; , 1240 K., 1550 K. und 1850 K. , .'.HßM''' Ablenkung der Straßenbahnlinie 36. - Wegen eines Kanalbaues in der Liechtensteinstraße müsset die Wagen der Linie 36 bis auf weiteres in beiden Fahrtrichtungen auf der D-Strecke zur Liechtenstemstraße ges werden. . ".; -,4 ■•-k . - - , H Astronomische Nachtwanderung. Trotz der Einstellung des Straßenbahnverkehrs hattet sich, au's allen Bezirken Wiens, sogar äüs Mödling unl Klosterneuburg, den langen Weg nicht scheuend, am Sams tag, 10 llhr abends, in Pötzleinsdorf über, dreihundert Per sonen eingefunden, um über den' Sommerhardenweg zu.: astronomischen Beobachtung zu wandern. Es ist das Neue an der Art der Belehrung, die de' Astronom Professor Dr. Ostvald Thomas bietet, das er ohne Apparatur, ohne Buch, ohne Forme! nnd vo' allem in der eigensten Sprache des Hörers uns mit beu Sternenzelt und seinen Wundern bekannt macht. Es sin' die ganze Nacht hierdurch die verschiedensten Fragen de Himmelskunde erörtert und in großen Zügen die neuester Ansichten über den Bau der Welt entwickelt worden. Da- Schwergewicht des überaus lehrreichen Vortrages Ia< darin, den Versammelten die Sternbilder zu erklärerr. Ji der schönen wolkenfreien Julinacht konnte man sehen besser gesagt erleben, wi sich die Himmelskugel dreh! wie sich die Bilderlage,l ändern, wie Hirmnelsunrschwuu und Zeit identisch sind. Zahlreiche Sternschnuppen gäbedem Vortragenden Gelegenheit, auch über diese zu spreche, Ein tvarmer Tee oder Kaffee im Gasthof „Zum Dreimarl stein", der von der der Veranstaltung sehr entgegenkommeü den Behörde die Erlaubnis erhielt, die Teilnehnrer an de astronomischen Nachttvanderung in der Morgendämnrc rnng auszunehmen, und dann ein kleiner Marsch auf di nahe Höhe zur Begrüßung der Morgensonne, beschlösse die Veranstaltung. Sie wird am 15. d., 10 Uhr abends, fl derselben Stelle, oder wenn an diesem Tage der Himnu bewölkt ist, am 22., beziehungsweise 29 d. wiederholt. ... Erdmejs««g durch ÄrshtloseTelegraphi ■ Die Bestimmung der Größenverhältnisse der Erk geschah bisher in der Hauptsache durch direkte Vermessm - gen einzelner ihrer Teile. Aus den erhaltenen Ergebnisse wurde dann die gesamte Umfassung der Erdkugel berechne Derartige Vermessungen rnachten stets besondere Exp, ditionen nach den verschiedensten Weltgegenden nottvendü? - Sie erstreckten sitz über Jahre und waren mit ungeheure Kosten verknüpft. Eine der beri'chmtesten dieser Exped tionen war die der Jahre 1792 bis 1803, die dem Zwee diente, Grundlagen für die Größe des Meterumßes z , finden, das den zehnnüllionten Teil des Erdmeridiar quadranten darstellen sollte. Bei dieser Expedition wur! der an ihr beteiligte französische Physiker Arago ve marokkanischen Seeräubern gefangen.genommen, der dan ■ jahrelang in der Sklaverei stzmachten nmßte. Die Messm ~ gen selbst sind sehr' schwierig, und der Astronom Bess. hat später gezeigt, daß auch die der eben erwähnten große Expdition falsch waren. Wie einst im Mai nwattsssa xu altxn Preisen kaufen Sie Regen* mäntel, engl. Stoffe, Damen-u.Herrenwäsche, Leinen*u.Strickwaren etc.bei Schiffmann 11^ Teborstraße 8 Telephon 47-f»!1* ’ in gros Sn det« «wipp