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Wiener Morgenzeitung · 1922-07-02 · Heft 1228 (2.7.1922) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
4 (1922)
Issue
Heft 1228 (2.7.1922)
Date
1922-07-02
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Gelte * Wien, Sonntag Die Indenfrage in Lettland vor dem Völkerbund. Ein Memorandum des Komitees der jüdischen Delegationen.. Paris, 22. Juni 1922. Seit langer als einem halben .Jahre beschäftigt sich -er Völkerbund auch Mit der Frage der Mmderheitsrechtr in Letttand. Anläßlich des? Vorschlages der Aufnahme Lettlands in den Völkerbund h«He. sich die lettische Delegation wie die Delegationen der anderen Länder-durch eine allgemeine Erklärung dazu verpflichtet, daß Lettland , den Minder heiden, 'welche 87,6 Prozent der Bevölkerung bilden, Minderheitsrechte gewahren würde: Die Durchführung dieses Versprechens im Detail sollte Lettland dem Mat des Völkerbundes' während der letzten Sitzung im Mai 1922 Nachweisen. Vorläufig hat jedoch Lettland dieses Versprechen noch nicht - erfüllt, sondern in verschiedenen Memoranden den .Nachweis zu liefern versucht, daß es schon seit 1918 im Lande Minderheitsrechte durchgeführt habe. Diesen Erklärungen' gegen- - über hat das Komitee der jüdischen Delegationen: dem Bölkerbundrat anläßlich 'seiner Wen.' Sitzung ein auGührliches Memorandum über den Stand der' jüdischen Minderheit in Lettland unterbreitet. In diesem, auf.mannigfaltigen Urkunden, beruhenden Schrift-' stück hebt das Komitee der ' jüdischen Delegationen ' die judenfeindliche Haltung der lettischen Regierung hervor. Das Memorandum beschäftigt sich-insbesondere mit foU gendeu vier Fragen: . -1. drstr Gesetz über die E i n bü r g e r u n g, 2. die Repatriierung, - 3. der Prozentsatz der Juden in der Administration' «nd in der Justiz in Lettland, > - 4. die.Beschränkung der Juden, in der administrativen Praxis. . Msetz über die Einbürgerung ist im'offenbaren^ Widerspruch zU den Prinzipien, welche , wahrend der Fricheüskonserenz geherrscht, und die in den verschiedenen - zwischen^den Großmächten und den neuen oder .der-, größe'rten Staaten abgeschlossenen Verträgen ihren Ausdruck gefunden haben. Demzufolge bestimmen die Minoritätsklauseln des mit Polen geschlossenen-Vertrages, daß alle die am Tage des Inkrafttretens dieses Vertrages auf' einem Polen einverleibten Territorium domizilierten Personen als polnische Stacktsbürger mit vollem Rechte und: ohme welche Formalität zu güten haben.' In Lettland jedoch ist die Einbürgerung folgenden Bedingun- - gen mttergeordnet: 1. Beweis des lettländischen Ursprunges. (worunter der ethnische Begriff verstanden'wird)- oder 8. Besitz des Htzimatrechtes. Diese Bestinmvgen sM äußerst ungerecht, da - die durch die zaristichen Gesetze, verlangte lokale-Regiftrisrung - als eine einfache Formalität betrachtet war,.und Zehn- , tausende von' Juden, welche s eit Iah rzehn te'n im Lande wohnen, niemals auf den Gedanken kommen könnten, daß die lokale Registrierung für sie in der Zukunft BMutung: haben könnte. :; Das. lettische Einbürgerungsgesetz bestimmt, daß, nur diejenigen Personen lettische.Staatsbürger werden können,, welche.sich g e g est.tp ä r t i g in Lettland', befinden.Nie-' mankann jedoch 'die M a ff e n au 8 weis u n gen vergessen, welche am ' Anfänge des' Krieges'durch spezielle Verordnungen der. riffftschen Militärmacht vorgenommen wurden. Auf Grund kategorischer Aussagen verträuenswürdiger Vertreter der jüdischen Bevölkerung Lettlands beläuft sich dir Gesamtzahl der zwangsweise evakuierten Juden auf 40.606 Köpfe. Andere 40.000 sind während der Kriegszeit aus Furcht vor den Folgen der Besetzung freiwillig ausgewaudert. Diese große Bevölkerungsschicht sieht sich heutzutage von der lettischen Einbürgerung ausgeschaltet, da die lettische Regierrmg nur den lettischen Staatsbürgern die Rückkehr nach Lettland genehmigt So trifft es sich, daß die Situation der Juden im jetzigen Lettland viel schlimmer ist, als unter dem zaristischem Regime. Die lettische Regierung behauptet in einen: dem Völkerbunde eingereichten Memorandum, daß die Juden in der jungen Republik' Lettland die volle Gleich- ' berechtigung genießen. Das Komttee der jüdischen Dele-. gationcn beweist jedoch durch unwiderlegbare Dokumente, daß diese Behauptung der Wirklichkeit nicht entspricht. Einige typische Beispiele werden auch im genannten. Memorandum aufgezählt. So ergibt es sich, daß die Juden in der Administration und in der Justiz unter insgesamt 11.458 Beamten nur mit zirka 15 Funktionären, vertreten sind. Die lettische Regierung findet Umwege, um sehr fühlbare Beschrändmgen für die Juden eiyzuführen. So lstt sie durch, eine Verordnung Veräußerung und Kauf.von Immobilien, ohne Erlaubnis der Regiemng verboten. Es ist aber offtnkundig, baß die Juden düft ErlaubM niemals erlangen können. Die jüdische Minorität wie auch die anderen Minoritäten Lettlands wurden anläßlich der Verteilung .der staatlichen Bodenbesitztümer in ihren Rechten schwer beeinträchtigt. Die lettische konstituierende Versammlung hat in ihrer Sitzung vom 6. April 1922 itt d r i t.te r L e s u n g alle sich aus die Bürgerrechte beziehenden Paragraphen des Berfassungsentwurfes verworfen. Das Komitee der jüdischen Delegationen zählt in diesem Memorandum alle den Inden zugefügten Rechtsverletzungen auf. Und formuliert die Forderungen, welche den Schutz der Minderheiten in Lettland sichern sollen. Mo?sienre.ttu«a. 2. Juli 192s «r iss» WKtter Morgenzeitunn. 2. Juli 1922 Nr. 1991 Korrespondenten. Von unserem Montag den 3. Juli beginnt unter der..Leitung des Maiorauditors Lädlslaus Györfsy die Gerichtsverhandlung gegen eine Anzahl von Angeklagten, die des Raubmordes/ beziehungsweise der Mitschuld an der Ermordung einer Anzahl von Iuden in Orgovany und der Nachbargemein dm angeklagt sind. Lange Zeit hat es gedauert- bis sich , eine Gerichtsbehörde in Ungarn fand, welche der Orgovanher und- ^Jzsaker Massenmorde, die seinerzgft ENffetzen. erregten, mnd dßren Täter öffentlich genannt worden waren, in Behandlung zog: Wohl steht jetzt nur ein kleiner Teil der Täter Und Anführer vor seiner; Richtem, aber immerhin ist es ein verheißungsvoller Anfang auf dem Wege zur Wiederherstellung der Rechtsordnung, MH.- die, Verhandlung des. Militärgerichtes in voller Oeffeutlichkeit stattftnderr wird, wenn man. heoenkt, :daß den ungarischen Blättern noch vor nicht allzrrlayger Zeit bei strengster Strafe jede'Mitteilung über die grauenhaften Bluttatenvon Orgovany untersagt war.' Nun liefert uns die Anklageschrift des MMarcknwaktS einen Ausschnitt aus . der Tragödie Srgovimys. In der Anklägeschrist wird unter astderem sestgestellt: Als Zur, Zeit des Kommunismus, die in K e c s - kemek und Umgebung organtsrerteGegenrevolution von den Roten niedergeschlagen>wurde, waren die Führer gezwungen, die Flucht zu ergreifen, Die meisten gingen nach S z e g e d i n, wo sie ihre Dienste der nationalen Regierung anboten.Mach Niederschlagung der unter Führung DormandyS gestandenen Gegenrevolution im Juni 1919.. kgm auch der Reserveleutnant - Ivan HejjaS nach Szegedin. Dieser erhielt vom Szegediner Kriegs» Ministerium den Auftrag, in Kecskemet zur Einsammluttg der von den Roten zurückgelassenen, sowie der von den, Gegenrevölütionären verborgenen Äaffest eine B r achialfö r m at i o n zu organisieren. Ivan Hejjas hat dann ht den letzten Tagen die B'rachialformatiost auch tüffächlich organisiert. Ihr fiel unter anderem auch dir Aufgabe zu, die Ordnung.aufrecht zu erhalten und den. etwa von neuem guflebenden Bölschewismus im , K.eime zu ersttcken. Die Brachrälforrstatiön bestand aus'. Reserveoffizieren und. Mannschaften, die. in .die. Nationalarmee aufgenvmmen stmrden/. sowie - aiG.Mndwtzten aus-Keeskemöt und Umgebung, ßa' wäM auch oie Angeklagten Johann Z b üstck und GeuoffensWWWr der ' Bra'chialformation. ' k . Feldwebel Zb o n.a Machte beim Kommando der; Brachjalformation als rrüyänijcher Dolmetsch Ttenst.. Er. hielt mit dem rumänischen. Besätzüngskommanho eine erste ständige Berbindlttig' äüfkech6 Gistes Tctge^ We e'r,s wie -er im- Verlaufe -der 'Untersuchung unausgesetzt angab,' vym.Adjudauten des rümättischett' Komnnui-ckntett- Oberleutnant . Consta n t i n e s k o erfahren, daß . der Schneibermeister Arpad. Schmidt, dsr Kaufmann ^Mexänder B e ck Und 'der 'MuDänst Zostan Pastezer,. .alle' wöhtihaft in Jzsak, den in KeeÄemet befindlichen Rumänen eineinhalb WÜionen KroneN änböten, damit'sie die Besetzung um drei Wochen verlängern. Zborra habe hierüber berichtet, worauf er nach seiner Angabe in Gegenwart seines Kollegen Michael D a nies den . Befehl erhalten habe, Schmidt und Genossen zu verhaften und hlnzürichte«. Zbona hat nun am 17. November im Stalle des staatlichen Gestüts von Kecskemet dem Hilssgendarm Julius Csabai-Toth den Befehl. erMt, sofort eiUzuspattnen und ihn nach Orgovany. zu bringen. In Orgovany ließ Zböua den Gendarmen Stephan I u h a s z zu sich kommen und' forderte ihn aus, sich ihm anzuschlietzen, da sie dieselbe Nacht nach Jzsak hinaus fahren, umSchmidtuiid Genossen, in Hast zu nehmen. Am selben Tage teilte Zbona den Orgövaner Landwirten A. mw E. Toth gleichfalls mit,., daß.er iü der Nacht Häftlinge auS Jzsak bringen, werde,. weshalb sie sich' für die H i n r ich t ün g dieser Häftlinge vorbereiten mögen. Abends zwischen acht und neust Uhr fuhren Zbona, Juhasz und Lsabai-,Toth vor dem Wirtshaus der Frau Moro vor, wo sie den Michael Danies bereits vorfanden. Bis zehn Ähr trank die Äesellschast im Wirtshaus, worauf sie sich auf hen Weg machte. Zbona.Wch.^.Danies.chaLtewKvotver und Isthas hatte, ein Manllchergewehr bei. sich. r Gegen Mitternacht kamen sie in. Jzsak. an, wo sie unter Führung des JuhaG zur. Wohnung, des Zoltan Pancztzl kamen. Unter den RiMt: „Oeffne, Jude, ungarische Gendarmen sind hier! Wir wollen feststellen, ob du Jicke ' List!" klopften sie. heftig an den Fenstern der richig schlasestden Familie Panczel. Bevor noch die zu Tode Erschrockenen Ne Türe zu öffnen vermochten,, wurdd sie schon von. außest mit einer Hacke eingeschlagen. Zbona schrie Panczel an: „Jude, gib dein ganzes Geld heraus!"'und begann ihm gleichzeitig zn prügeln. In dem kleinen Krämerlade« — führt, die. Anklageschrift aus — haben die Angeklagten '120.000 Krönest Bargeld,.Schmuck und.^^Kleidustgsstücke sm Werte von 60.000 Kronen zusammengerast,' während sie den- Panczel gefesselt aufden Wagen, hoben. Vom hier ■ begäbest sie sich zu. Arpad Schmidt. Ms Schmidt die Türe öffnete, brüllte ihm .Zbona wütend au: „Kleide'dich nicht . an, - Jude, den n du w i r st h^e u te oh n eh in!kreP i e r e n! Geld ' her Jude!" Danieswarfsich auf die "Frau Schmidt, welche die goldene -Uhr -und Ketteihres; Mannes-sowie ihre Ersparnisse von 10.000 Kronen sofort Danics einhändigte. Die Angeklagten: raubten überdies .15 .Stück Stoffe und eine Anzahl fertiger Kleider. Dem- ' Schmidt wurde dasselbe Schicksal wie Panczel zuteil, er wurde-gefesselt und mit den geraubten 'Gegenständen auf -den Wagen geladen. Das nächste Ziel lvar die Wohnung! des.Alexander Beck. Mit dem Rufe: „Wir sind Gendarmen der weißen Armee!" wurde Beck aus dem Schlafe geweckt.' Beck öffnete die Tür seines Geschäftsladens, worauf' Zbona mit vorgehaltenem Revolver ihn anschrie: .' ,,Du bist Alexander Beck! Komm ins Zimmer herein!" Als jedoch. Beck die bedrohliche Situation erkannte, versuchte er,' durch das Fenster zu fliehen, worauf Zbona . ihm eiste- Kugelnachsandte. Die Kugel traf den Beck, der b l u t - überströmmt ins Geschäft zurückgebracht - wurde. „Dein Geld her, Jud e!" schrien sie und zwangen den Verwundeten, die Wertheimkasse zu öffmn. Sie' raubten 20.000 bis 30.000 Kronen Bargeld und Kleidungs- ' stücke,' fesselten Beck, luden ihn neben seine Schicksalsgenossen auf den Wagen und fuhren davon. Gegen zwei' Uhr nach Mitternacht kamen sie in Orgovany'an, wo sie sich' sofort auf die Puszta des Emmerich Toth begaben. ' Hier nahmen Ambros und Emerrch Toth Stricke, 'Schaufel und eine AKt mit, sichren dann in den etwa vier KiköMeter foeit' gelegenen Wald, wo sie Panczel, Schmidt und Beck der Reihe nach - --- -- ans Weidenbäumen aufhängten. . ' ' Dort wurde, auch' eine Grube gegrabenin welchergegeK .. Morgenanbruch die, Leichen, der ■ Hingerichteten verscharrtwurden. Vor der Einscharrung zogen die beiden Toth die- .Eh e rin g e von den Fingern der Ermordeten und.: : steckten sie zn sich. Nachher wurde das geraubte Gut mti» geteilt. Interessant ist nundaß, als gelegentlich der ersten , Nachforschungen durch, hie.Gendämerie. ein. Teil, der zu?,, standegebrachten Beute in der Jzsaker VolkSbastk' ' deponiert wurde-Danics und Juhasz diese'Corpora delicti gegen ihre Bestäügung - aus d er VolksLayk^M-. holtest. Schließlich bemerkt die Anklageschriftdaß, als - : Ivan Hejjas im . Lause der Untersuchung. bestätigte,. daß, ' er, Hejjas, dem. Zbona die Verhaftung des Panczel,'Beck- und Schmidt auftrugweil er " darüber empört gewesen sei, daß diese nach Mitttilustg des Zbona den Rumänen Geld astboten, damit sie die Besetzung verlängern. Er habe ihnen jedoch strengstens verboten, sich aus Gewinnsucht irgendetwas anzueignen. - - Däß Hejjas den Mordbuben auch die Mordtat bev.'. boten hätte, wird selbst von ihm nicht behauptet. Trotzdem geht Hejjas noch immer f re i herum. Die Militärastwaltschüft beantragte die Vorladung von 22 Zertgen, doch be-' riefen sich auch die Verteidiger auf Zeugen, so daß die Zahl der zu vernehmenden Personen sich auf etwa sündig belaufen durfte. Dr. Geza Dom b o Vary, der bekanntlich als Leiter des Rechtsschu^bureaus der Pester Kultusgemeinde im Besitze reichen Betveismaterials ist, hat als' Vertreter der Witwen der Ermordeten auch die Einverstehmmcg des Grafen Jul i u s A n d r a s s y und des gewesenen Ministers des Innern Edmund Besticzky sowie ddr verjagten Jzsaker Juden als Zeugen beantragt. Die von Jzsak vertriebenen Juden sollen die Behauptungen 'der Angeklagten widerlegen, daß die Ermordeten mit den Rumänen irgendivelche Beziehungen unterhalten hätten. Es soll bewiesen werden, daß die Inden von Jzsak durch die Rumänen den größten Vexationen ausgesetzk waren und daß gerade der gleichfalls ermordete Alexander . B e ck einige Wochen vor seiner Erntordung von den rumänischen Soldaten blutig geschlagen wurde. Hie Verhandlung 1 dürste eiste Woche in Anspruch nehmen.. iimBKtmammmmeummmmmsamtttm Rupert geg«« die Regierm«g. Budapest, 1.,-Jnli.' ^ätionalversMmluntz. —, U. T. Kt B.) In Fortsetzung der Debatte über däs Büdgetprövisorium erklärte der opposittonelle Abgeordnete Rupert, daß it die NatioMversamMsUng Nicht als gesetzgebende Körperschaft betrachten könne, da er die Wahlordnung für unL-setzljch halte. Es können daher keiste Metze, geschaffen, sondern bloß Beschlüsse gefaßt werden^ Die Absicht des Ministerpräsidentendas O b e rh aus wiederherzrcstellen, bedeute für die Demokratie eine Gefahr. Redner forderte: weiter gänzliche Atzschaffung der Istternierung e nl Schließlich erklärte er, daß er die- Vorlage ablehne, da er zur Regietung kein Vertrauen'hege. ,

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