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Wiener Morgenzeitung · 1922-07-01 · Heft 1227 (1.7.1922) · p. Seite 4

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
4 (1922)
Issue
Heft 1227 (1.7.1922)
Date
1922-07-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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iwj>N| uuintnuy (te lenden Ziös die Zahl der Christen gegenüber der der Juden erhöhe. Der bekannte JerusaleMr Geograph, Dr. A. I. Brawer, teilt M, däß^rhH^ie jetztHü der,.< Regierung veröffentlichten Ziffern bereM pv§ eineWKchre. an offizieller Stelle gezigt wurden, daß alfo die Statistik die Einwanderung. eines ganzen Jahres , verschweigt, welche die Zahl der Juden um 10 bis 12 Prozent erhöht hat. Brawer nimmt'die genau bekannte Zahl der jüpsichen Schulkinder — 18.000 — zur Grundlage seiner Schätzung und errechnet damit, daß die Zahl der Juden in Palästina ü^er 90.000 betragen müsse. (I. C. B.) ' Rundschau. Das Palästina-Mandat. Amerikanische Pressestimmen. New-Iork^ 27. Juni. (I. C. B.) Die hiesige englische Tagespreise widmet der antizionistischen Resolution im englischen Oberhause einen sehr breiten Raum. Die „Evening Po st" meint, daß es vielleicht unvermeidlich war, daß die zionistische Tätigkeit nach dem Kriege in Palästina' keinen politischen Anstrich bekomme. Das zionistische Problem sei in seiner Hauptsache kein politisches, sondern ein ökonomisches. ES sei daher schwer einzusehen. wie der wirtschaftliche Wiederaufbau Palästinas anders als zum Wohle der arabischen Bevölkerung erfolgen sollte. „The Glods" meint, daß der Beschlich des Oberhauses für die. zionistische Sache nur von N u tz c n sein kann, weil er die Frage, die in letzterer Zeit von ihrem hohen Niveau heruntergodrückt wurde, in ihrer Gänze wieder ausrollt. Die unbegründete, unnatürliche Aengstlichkeit der Araber komplizierte vorübergehend die palästinensische Frage, nun aber ist deren eingehende Diskussion wieder möglich geworden. Man wird neuerdings die Notwendigkeit dieses Arrangements, das von der öffentlichen Meinung in England und Amerika gutgeheißeq und sowohl von den Regierungen dieser beiden Länder als auch vom Völkerbünde bestätigt wurde, betonen müssen. Der Chefredakteur der He a r st --Blätter, Mr. Artur Brisbane, stellt in „N e w - N o r k American" die Frage: „Wenn 100.000 englische Soldaten 300 Millionen Asiaten^ in Indien beherrschen können, warum sollen zehn Prozent Juden in Palästina nicht 90 Prozent Araber friedlich kontrollieren dürfen?" Ein Brief des Vatikan. Paris, 30. Juni. (Funkspruch.) Kardinal Gaspari hat «n den Völkerbund über die Palästinafrage einen Brief folgendes Inhaltes gerichtet: Der Heilige Stuhl setzt sich dem nicht entgegen, daß den Juden in Palästina die.gleichen zivilen Rechte eingeräümt werden wie den Angehörigen anderer Völker und Glaubensbekenntnisse. Er' kann aber nicht dazu seine Zustimmung geben, .daß tfett Juden eine bevorzugte Stellung gegeben wird und daß die Rechte der christlichen Religion nur ungenügend geschütztz werden. Blutige Kämpfe zwischen Franzosen * und Deutschen. Oppeln, 30. Juni. (Wolfs.) In der Stadt Hindenburg ist es gestern zu heftigen Schießereien. zwischen Franzosen und Deutschen gekommen. Letztere hatten 17 Tote, darunter Frauen und Kinder, und 17 Verwundete. Die Franzosen hatten einen Toten und drei Verwundete.'Die Franzosen sollen blindlings in die Menge geschossen haben. VoLmar gestorben. München, 30. Juni. Der frühere langjährige Führer der bayrischen Sozialdemokratie und gewesene Reichstags¬ und Landtagsabgeordnete Georg v. Bollrnar ist heute früh nach langem »Leiden gestorben. Die Labour Party gegen die Friedens- Verträge. London, 29. Juni. (Wolfs.) Die englische Arbeiterpartei nahm aus ihrer Jahreskonferenz einstimmig eine Entschließung an, die die Politik der Regierung bezüglich der Friedeusdertrage und des Völkerbundes verurteilt. Die Regierung wird aufgefordert, den Versailler Vertrag zu ändern, die deutschen Reparationszahlungen herabzusetzen, die militärische Besetzung zu beenden, Rußland politisch anzuerkennen und den Handel zu fördern. Außerdem wird in der Entschließung verlangt, daß keinerlei militärischer Pakt von der britischen Regierung eingegangen oder gefördert werde. Kämpfe in Irland. Dublin, 30. Juni. (Reuter.) Die Four Courts stehen kn Flammen. Eine starke Explosion hat einen Teil der ^tadt erschüttert. London, 30. Juni. (Wolfs.) Eine nachts von Dublin abgegangene MeAprng des Sonderberichterstatters des „Dciiw Expreß" besagt, daß' die Truppen deß irischen Freistaates heute morgens in Four Courts eingedrungen sind. Einer der Hauptteile der Festung. stand unter schwerem Artilleriefeuer. Der Kamps war eingestellt, um dem Befehlshaber der Aufständischen die zweite Möglichkeit zur Uebergabe zu bieten. Er lehnte ab. Hieraus wurde das Artilleriefeuer wieder auf genommen, bis eine der Hauptmauern niedergelegt war und die Freistaat- Truppen durch die Bresche eindringen konnten. Ein großer Teil der Aufständischen ergab sich bereits. Der übrige Teil verreidigt sich noch. Es wurden viele Gefangene eingebracht. Unter den irischen Freistaattruppen gab es eine Anzahl Toter. Die Stadt ist jetzt wieder ruhiger als vor 48 Stunden. . IüN -tm- Die EinigungsVerhandlMgen resMatlss. — Der Streik geht weiter. ' Die EiniguN'gsvcrhandlungen, die 'gestern Von 10 Uhr' Vonmftags bis 9 Uhr abends mit kurzer Unterbrechung von der Arbeiterkammer mit den Vertretern der Gemeinde Und dem Aktionskomitee der Streikenden geführt wurden, sind resultatlos verlaufen. Die Verhandlungen wurden um 9- Uhr abends als resultatlos abgebrochen, womit der Streik vorläufig weitergeht. Die Verhandlungen gestalteten sich mitunter recht lebhaft, da die Mitglieder des Aktionskomitees leidenschaftlich ihren Standpunkt vertreten, während die Vertreter der. Gemeinde wiederholt die Geneigtheit zeigten, auf die Vorschläge der Arbeiterkammer — den neuen Vertrag durch sechs Wochen provisorisch in. Geltung zu bringen und dann eventuell in neue Verhandlungen zu treten und die monatliche oder wöchentliche. Durchrechnung dürchzuführen — einzugehen. Für Pie Bevölkerung ist dieser ganze Streik, beziehungsweise seine Ursache ganz unverständlich. Mit zwei Komitees der Straßenbahner, also mit ihren VertrauenMännern, .hat' die Gemeinde einen neuen Vertrag abgeschlossen, den sie selbstverständlich einhält und von denr sie erwarten dürfte, daß er auch von der Gegenseite eingehalten wird. Da meldet sich ein drittes Komitee, das sogenannte Aktionskomitee,und stößt den ganzen Vertrag um, der vorher von zwei VertrauensMattnerkomitees der Bediensteten abgeschlossen wurde.. Die Gemeinde steht vor neuen Forderungen, die, wenn sie glattweg bewilligt werden, der Bevölkerung neue ungeheure . Lasten aufbürden würden- Trotzdem hat die Gemeinde emgewilligt, mit den Streikenden in Verhandlungen einzutreten. Mit . welchem Gci'folg, hat gleich der erste Verhandlungstag gezeigt, wo das Aktionskomitee aus seinem starren Standpunkt beharrte und weitere Verhandlungen Mit der Gemeinde äblehnte. Zwei Tage bemühte sich nun. die Ärbeiterkammer, zwischen beiden Parteien eine Einigung herbeizuführen.. Am Donnerstag währten die Verhandlungen von 10 Uhr vormittags mit kurzer Unterbrechung bis 11 Uhr nachts. Dos Aktionskomitee blieb intransigent, trotz der zwei oben erwähnten Vorschläge der Kämmer, zu denen die Gemeindevertreter ihre Zustimmung gäben. .; Gestern vormittags wurden unter Vorsitz des Kammerpräsidenten Domes die. Verhandlungen wieder ausgenommen, und zwar zunächst nur zwischen der Arbeiterkammer und dem neuen Akttonskomitee. In Verhandlung stand neuerlich die Frage der wöchentlichen oder monatlichen Dur.ch re ch nung der Arbeitszeit. Hierbei ergaben sich wieder große Schwierigkeiten, da die Toureneinteilung an einzelnen Tagen eine volle Tages-, bejchästtgung von acht Stunden nicht ermöglicht, dagegen an anderen Tagen wieder Mehrleistungen erfordert. Eine Lösung dieser Frage war nach vierstündiger Dauer der Beratung noch nicht gefunden, so daß die Verhandlungen auf kurze Zeit unterbrochen wurden. Nachmittags wurden dieselben zunächst mit dem Aktionskomitee allein, ohne Beisein der. Gemeindevertreter, geführt, und vor allem die Frage der P ausen erörtert. Hierbei aber kam man immer wieder auf die Frage der Durchrechnung zurück. Vom Kammersekretär Dr. Palla wurden verschiedene Vermittlungsvorschläge gemacht, die aber vom Aktionskomitee durchwegs ab gelehnt wurden, itiib zwar mit der Begründung, daß sie die D u r ch r e chnuug grundsätzlich verwerfen. ' . Nach dieser Erklärung Ivurden die Verhandlungen mit dem Aktionskomitee unterbrochen und jene mit den Vertretern der Gemeinde ausgenommen. Diese 'erklärten, wenn das Aktionskomitee immer wieder auf seiner Resolution beharre und kein I-Tüpfelchen Nachlasse, eine Vev» Handlung eben unmöglich sei. Selbst wenn man einen T a r i f v o n 2 6 0 K r o n e n in Aussicht nehme, so würde dieser nur die finanziellen Mehrleistungen der Gemeinde' an die Straßenbahner unter der Voraussetzung decken, daß die Durchrechnung angenommen wird. Wie hoch der Tarif ohne Durchrechnung käme, müsse erst berechnet werden. Eine Intervention beim Bürgermeister wegen Abzug dcS Vorschusses. Mährend dieser Verhandlungen erschienen die Funk tionäre des Handels- und Transportarbeiterverbandes beim Bürgermeister und machten ihn aus die Erregung aufmerksam, die unter den Straßenbahnern herrsche, da ein Vorschuß von 20.000 K.,'deN man im Laufe des Monates Juni in der Erwartung der durch den Vertrag zu erhöhenden Bezüge gegeben habe, jetzt gelegentlich der Lohn-1 ciuszahlung an die ständigen Bediensteten, daS sind die mit noch nicht fünf Dienstjahren, die bekanntlich den Lohn im nachhinein erhalten, mit der Begründung abgezogen wurde, daß der neue Vertrag nicht angenommen und dadurch die Voraussetzung dieses Vorschusses hinfällig geworden sei. Die Vertreter des Handels- und Transportarbeiterverbandes ersuchten, den Abzug jetzt nicht zu machen, bezw. den Vorschuß sofort zu erneuern, weil Man ja doch anüehmen müsst, daß in den nächsten Tagen ein Vertrag abgeschlossen werde. Der Bürgermeister gab den Auftrag, beit abgezogenen Vorschuß sofort wieder ausznzahle'n. Hierauf wurden die Beratungen gemeinsam mit dem Aktionskomitee und den Gemeindevertretern Wieder aus-, genommen. Sie gestalteten sich äußerst schwierig, da . die Gegensätze scharf hervortraten. Das Aktionskomitee beharrte auf seiner Forderung bezüglich der Durchrechnung der Arbeitszeit und Dienstfolgedie Gemeindevertreter hingegen erklärten nochmals, daß sie trotz der schweren Opfer bereit seien, auf die zwei Vorschläge der Kammer einzugehen, obwohl ihr Entgegenkommen eine starke finanzielle Belastung bedeutet, die sich überdies bei Erstellung des Tarises auswirken Werde. Aber im Interesse dev- Bevölkerung miiffe das Opfer gebracht werden. Die Parteien standen sich schroffer denn je gegenüber. Da erklärte der Präsident Domes — es war schon gegen die neunte Abendstunde —, daß er, da die Verhandlung ohne E r g e b n i s verlaust, an das Akttonskomitee v neuerlich die Frage stelle, ob es geneigt sei, über die beiden Vorschläge der Kammer zu verhandeln. Die Mitglieder aber erklärten, daß sie auf ihrem Standpunkte beharren. Der Präsident ersuchte sie nun, sich nicht voy Leiden» , schaft und falschem Empfinden leiten zu lassen. Die Kammer, habe sich bemüht, von Partei zu Partei eine Annäherung herbeizuführen. Er ersuchte die Mitglieder des Aktionskomitees, in den Versammlungen der Betriebsstätten leidenschaftslos und objektiv zu berichten. Obgleich die Verhandlungen völlig ergebnislos verlausen seien, werde dennoch der Verband der Handels- und. Transportarbeiter, die Gemeinde Wien und die Kammer in Fühlung bleiben, um den Streik so bald als möglich zu beenden. Damit waren die Verhandlungen ergebnislos abgebrochen. Es wird angenommen, daß dev Streik nun doch zusammen brechen wird, oder daß seitens der. Streikenden die Verhandlungen ausgenommen und im Interesse der Be völkeruug zu einer Einigung führen werden. Der jetzig» Zustand ist unmöglich und einer Großstadt unwürdig.' .. „Daily Mail" meldet aus Dublin von I.Uhr nachts, daß die Truppen der irischen ReArrung in den Ostflügel von Four Courts eingedrungen sind, »v sie, wie man annimmt, die Fricdcnsvorschläge übeArachlen. Die Besatzung verließ Four Courts während des zwei Minuten dauernden Waffenstillstandes. Moskau -mü Angora. Dem „Daily Telegrckptz" wird von einem Diplomaten geschrieben: Die politische Allianz zwischen Moskau und Angora ist noch verstärkt worden durch ein sehr urnfarigreiches wirtschaftliches Abkommen. In der ganzen kemalistischen Türke: errichten die Sowjets K ousurnvereine und ernennen Konsule und '.Handelsagenten. In Mersina wurde nach einer Inspektion der Naturschätze in Zilizien durch ein Komitee von drei russischen Wirtschaftlern ein bolschewikisches Generalkonsulat errichtet. Die Konzessionen, die Pen Franzosen hier versprochen wurden, sind augenscheinlich in Gefahr. Die Bolschewiken verlangestfür sich den halben Anteil an allen türkischen Unternehmen, ein eigenartiges Verlangen von einenr antikapitalistischen Staat. Kein Wunder, daß die sranko-kemalisttsche Kommission, die die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Syrien und Zilizieü regulieren soll, noch nicht in Tätigkeit getreten ist. Von Interesse ist ferner, zu hören, daß auf Anregung von Moskau die bolschewikischkemalistische Entente einen besonderen Hafenzoll von Schiffen erhebt, die die Flagge solcher Staaten tragen, die noch keine wirtschaftlichen Abkommen mit Rußland getroffen haben. 'Glyrie rrird Geschäft. .. Ein Mitarbeiter der Berliner „B, Z. am.Mittag' hatte eine Unterredung mit dem in Berlin weilenden Direktor des amerikanischen Verlagshausts Har Per, auder hervorgeht, daß es auch Wilhelm der Zweite versteht, seine Memoiren zu einem famosen Dollargeschäst auszumünzen. Danach soll der Exkaiser für sein Werk eine Viertelmillion Dollar fest und außerdem.eine Tantieme erhalten, die vermutlich eine halbe Million Dollar ergeben werde. Das' Werk soll in fünfzehn Zeitungen erscheinen, erst n a ch t r ä g l 7ch soll eine deutsch e Ausgabe heicauskommcu. Mit anderen Worten, ,,stin Volk" soll erst dann seine Memoiren genießen dürfen, bis der Exkaiser sein Geschäft gemacht hat. Offenbar kann Wilhelm hinter Ludendorff nicht Zurückbleiben, der in demselben Verlag, welcher übrigens keineswegs deutschfreundlich ist, 40.000 Dollar und 15 Prozent Tantiemen erhalten hat. Die Herren verstehen sich, wie man sieht, recht gut aufs Geschäft und. liefern den deutlichsten Nachweis, daß man auch in diesen < Kreisen, zu denen ein gedrilltes Volk ehrsurchterschauernd emporblickte, aus dem Ruin, den man jenem bereitet hat, tüchtig zu verdienen versteht. Die Kassenfanattker um den „Semi-Gotha" werden durch Wllhelms Transaktion einen neuen Anlaß finden können, diese würdelose Geschaftstüchtigkeit auf die von ihnen behauptete jüdische Versippung zu übcrwälzen. . IMMWW "IM .a

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