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Wiener Morgenzeitung · 1922-07-01 · Heft 1227 (1.7.1922) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
4 (1922)
Issue
Heft 1227 (1.7.1922)
Date
1922-07-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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m 6rue 2 'Wut, oaiiist'fl'd Zu gehen oder in einer Maschinenfabrik zu arbeiten. Er entschloß sich für daS lehtcre und wurde im April dieses Jahres Schlosser in einer Dampfkessel? fabrlk. Er bewohnte mit einem ehemaligen Studien« kameraden zusammen ein kleines Zimmer, in dem f tf) noch jetzt seine Habseligkeiten befinden. Wie der „Vorwärts" milteilt, hat der Abgeordnete Helfferich Berlin plötzlich verlassen und die Polizei gebeten, für den Schutz seiner Wohnung zn sorgen. Der Reichspräsident hat weitere Aiisnahmcverordriungcn erlassen, die sich gegen die Gcheimorganisationen richten. So bestimmt unter anderem Artikel 1: Personen, die an einer Bereinigung teilnehmen, von der sie wissen, daß es zu ihrem Ziele gehört, Mitglieder einer im Amte befindlichen oder einer früheren republikanischen Regierung des Reiches oder eines Landes durch den Tod zu beseitigen, werden mit dem Tode oder lebenslangem Zuchthaus bestraft. Ebenso bestraft werden Personen, die eine solche Vereinigung wisientlich mit Geld unterstützen. Dritte Personen, die um daS Dasein einer solchen Bereinigung wissen, werden mit Zuchthaus bestraft, wenn sie es Unterlasten, vor dem Bestehen der Vereinigung, den ihnen bekannten Mitgliedern oder deren Verbleib den Behörden oder den durch das Verbrechen bedrohten Personen unverzüglich Kenntnis zu geben. In der Konferenz der Ministerpräsidenten der Länder mit der Reichsregierung sprach sich die Mehrheit der erschienenen Ländervertreter für eine gesetzliche Fassung der zum Teil durch die Verordnung des Reichspräsidenten geregelten Bestimmungen zum Schutze der Republik aus. Ferner erklärte sich die Mehrheit bereit, im Reichstag auf die geschästsordnungsmätzige Frist zn verzichten, die für die Behandlung von Gesetzentwürfen vorgesehen ist, und sofort in die Beratung des Gesetzentwurfes zum Schutze der Republik einzutreten. Es ist demgemäß zu erwarten, daß der Gesetzentwurf schon Anfang der nächsten Woche dem Reichstag zugehen wird. Der Besitzer des Autos verhaftet. Berlin, 29. Juni. (Wolfs.) In Oeh in Tirol wurde heute der Besitzer des bei der Ermordung Rathenaus benützten Kraftwagens, Fabriksbesitzer Johann Küchenmeister aus Freiberg in Sachsen, verhaftet. Er gehört rechtsradikalen Kreisen an «nd ist Mitglied des deutschnationalen KtubS. Anklagen gegen Kahr. München, 30. Juni. Der bayrische Landtag beendete heute die Debatte über die Interpellationen der Bayrischen Volkspartei und der Mittelpartei über die neuen Verordnungen des Reichspräsidenten aus Anlaß der Ermordung Rathenaus. Nachdem die Redner der Bayrischen Bolkspartei und der Mittelpartei in scharfer Weise sich gegen die Verordnung ausgesprochen hatten, wurde sie heute zunächst von den Vertretern der M e h r h e i t s s o z i a l i st e n und der Unabhängigen verteidigt und als notwendig bezeichnet. Ter Redner der unabhängigen Sozialisten N i ck i s ch verlangte die Ausweisung der Wittelsbacher und anderer Mitglieder ehemaliger deutscher Fürstenhäuset aus Deutschland. Im Namen der Demokraten nahm Abg. Dr. Dirr Stellung gegen die äußerste Rechte und führte unter anderem aus: In dem Augenblick, wo die bayrische Regierung den Bestrebungen auf Zertrümmerung der freiftaatlichen Reichsverfassung auch nur in etwas nachgäbe, müßte seine Partei die Bitte aussprechen, die Verantwortung für eine solche Politik ohnedieDemokraten zu tragen. Seine Partei sei entschlossen, die Verfassung bis zum äußersten zu verteidigen, denn jeder Versuch der Wiederausrichtung der Monarchie würde Deutschland auf unabsehbare Zeit in den fürchterlichsten Bürgerkrieg stürzen. Die Demokraten wollen nicht, daß von Bayern aus nun ein Kampf geführt werde, der etwa zum Bruch der Reichsvcrsassung oder zuw Ausscheiden aus dem Reiche führen könnte. In dem gleichen Sinne sprach der Vertreter des Bauernbundes. Der Redner der Kommunisten Abg. Graf griff die Regierung heftig an, insbesondere ober den frühere» Ministerpräsidenten v. Kahr, von dem er behauptete, daß er ständig bei den Sitzungen der Geheimorganisation C anwesend sei. Er werde sein Material dem Staütsgerichtshof unterbreiten, Redner verlangte eine Untersuchung gegen den früheren Kronprinzen RMMt. Wiener MopgerWitung. 1. Juli 1922 Nr. 1287 mjTi Ui Gespräch mit einem türkischen Diplomaten. (Eigenbericht' der „Wiener Morgenzeitung".) Wie verhält sich die moderne Türkei zun: Problem des Wiederaufbaues der jüdischen Heimat? Ich hatte Gelegenheit, diese Frage an einen türkischen Diplomaten zu richten, der als hervorragender Gelehrter und populärer Schriftsteller ein Kenner ersten Ranges nicht nur seines Landes, sondern auch des zionistischen Problems ist. Seinen Ausführungen verleiht e§ ein ganz besonderes Interesse, daß sie die kulturellen Bcrhältnisse des Osmanenlandes der Nachkriegszeit scharf beleuchten. Jung-Türkei — erklärte er — ist ein Land, das für Europa erst entdeckt werden muß. Ich übertreibe keineswegs, wenn ich behaupte,- haß in Europa — auch die östlichen Länder nicht ausgenommen — ganz irrige Ansichten über die moderne Türkei herrschen. Trotz der regen Propagandatätigkelt des in./Genf residierenden türkischen Bundes, der seit dem großen Umsturz alles mögliche aufbietet, um die enormen Fortschritte, bic, .bic Türkei in den letzten Nachkriegsjahrcn durchgemacht hatte, vor den jetziger; Herren der Welt ins richtige Licht zu rücken, hat man cs noch immer'nicht gehörig begriffen, daß das alte Osmanenland mit seiner asiatischen Romantik schon seit laugen Jahren der Vergangenheit angehört. Die Verfassung ist nach englisch-französischem Muster gänzlich demokratisiert worden, und die Zahl der durchwegs nach westlichem Vorbild eingerichteten Volks- und Mittelschulen wurde seit dem Friedensschlüsse von Sevres aufs doppelte erhöht. Der Machtbereich des Scheikülislainats beschränkt sich lediglich auf religiöse Angelegenheiten und die türkischen Gerichte fällen schon längst unabhängig, ans Grund weltlicher Gesetze, ihre Urteile. Die Emanzipation der Frauen ist derart fortgeschritten, daß sie selbst an der Universität zugelassen werden und fast sämtliche Berufe — so' gut wie die Männer — ausnben dürfen. In der Türkei herrscht vollkommene Religionsfreiheit und Gleichberechtigung sämtlicher Staatsbürger, die kein papierenes Gesetz, wohl aber eine praktische Tatsache ist, wie sie nicht überall in beit europäischen Ländern zu finden ist. Den Türken stand , Ein Mörverkongretz in Budapest. Budapest, 29.. Juni. (Tel. d. „Wr. Morgenzeitung".) Der „Nemzeti Ujsag" meldet: Gestern sind als Vertreter der Münchner Zentrale der russischen Monarchisten in Budapest eingotroffen: v. Scheune«» Ritter, Direktor der „Aufbau", General B isknpskh, Ingenieur Butyenko, der gewesene Berkehrsminister der Gegenrevolution, und der ukrainische Beauftragte P o l t a v e e. Die Herren haben an einer Konferenz der in Ungarn und in den Baltanstaaten weilenden russischen Monarchisten in Budapest teilgenommen. Scheubner-Richter erklärte: „Wir sind gekommen, um die hurch den Tod Rathenaus geänderte politische Lage zu beraten und die Uebernahme der Macht durch die Monarchisten vorzubereiten." Er betonte in seiner Rede, daß die Lage „wie ja vorauszusehen war" — durch den Tod Rathenaus derart verändert sei, daß Deutschland „wieder seine natürliche Politik zu betreiben" imstande sein werde. Der Tod Rathenaus habe auch für die russischen Monarchisten „eine günstr g e r e Lag e" geschaffen, die jetzt das „herannahende Ende des Sowjets" abwarten könnten. Die allrussischen Monarchisten werden im August einen Weltkongr.eß abhalten. Oberst Bauer, dessen Adjutant Willi Günther gestern verhaftet worden ist, war selbst wiederholt in Budapest und unterhält rege Brrbindungen mit den russischen und ungarischen Monarchisten, besonders aber mit H o r t h y, G ö m b ö s und den „Erwache n« den Ungarn". ' Rathenau über die deutsche Reaktion. der Antisemitismus stets fern, und wenn hier und da noch fanatische Abek. teurer auftanchcn, die die zweifellos bedeutetiden, materiellen Erfolge der in der Türkei angesiedelten jüdischen Kanflente zum Zwecke von Jndenhetzeit ansbeuten wollen, um am Judenhaß ihr eigenes Süppchen zn kochen, vermag der Antisemitismus — wie er in Europa zu Hause ist — iin Osmanenrciche dennoch keine Wurzel zu fassen. Die Stellungnahme der Türkei zu der zionistischen Bewegung geht ans dein jüngsten Abschnitte der türkischen Geschichte und der gegenwärtigen außenpolitischen Situation des Landes klar hervor. Die Türkei hat schwer um die eigene nationale Selbständigkeit zu ringen. Ter große Kamps M it ft a f <t K e m a l s mit den Griechen ist noch immer nicht zu Ende, obgleich in der letzten Zeit bei den Herren der Welt die bessere Einsicht — wenn auch langsam — sich durchzusetzen scheint. Die Türkei steht und fällt mit der Wilsonschen Forderung des S e. l b st b e st i mm u n g s r e ch t e s für alle Völker. Dasselbe Recht zum Leben, das sie für sich beansprucht, will sie für die anderen Nationen — also auch für die Inden — gesichert sehen. Ein Volt, das selbst für den Wiederaufbau seines Landes kämpft, kann das Bestreben eines anderen unterdrückten und zerstreuten Volkes zur Wiederaufrichtung seiner Heimat nur sympathisch ansehen. Diese Sympathie der zionistischen Bewegung gegenüber ist in der Türkei nicht allgemein, — es gibt gegnerische Stimmen, die den Verlust Palästinas für den Islam befürchten — sie ist aber bei der Mehrheit des türkischen Volkes gewiß vorhanden. Freilich muß betont werden, daß der Ausbau des jüdischen Palästinas keineswegs den Rechten der dort ansässigen mohammedanischen Bevölkerung Abbruch tun darf, vielmehr müssen die Rechte dieser völkischen Minderheiten — auf Grundlage weitgehendster Autonomie — parallel mit den Fortschritten der Verwirklichung des zionistischen Gedankens gesichert werden. M a r d o ch e u s. ^^^^E^NEWWlWW»WMW>W»W>WM»>»WW>ll»WW»WW>MW>M Rathencru und der Aufbau Palästinas. Berlin, 28. Juni. (I. C. B.) Wie wir erfahren, bekundete Dr. Rathenau in der letzten Zeit großes Interesse für den w i rtschaftlichenAufbau Pa last i na s. Prof. E in stein, der mit ihm über diese Fragwiederholte Besprechungen hatte, äußerte sich dem Ber» treter des I. C. B. gegenüber, Rathenau habe ihn bei verschiedenen Anlässen versichert, daß er sich, sobald es ihm möglich sein werde, sich von seinen ministeriellen Verpflichtungen zu befreien, am Wiederaufbau Palästinas voraussichtlich beteiligen werde. Oesterreich. Die innere Anleihe. Noch keine Vorlage an den Nationalrat. Von u n s e r e m P a r l a m entsbericht erstatte lieber die innere Anleihe sind neue Verhandlungen zwischen den Parteien im Gange. Die Vorlage wurde daher gestern dem Nationalrat noch nicht unterbreitet. Die ans der Tagesordnung stehenden Beratnngsgcgenstände wurden von den sehr schwach vertretenen Parteien — es waren kaum 40 Abgeordnete anwesend — fast debätteloS erledigt, so'daß das 18 Punkte umfassende Tagesprogramm sehr rasch äbgehaspelt wurde. Darunter das Gesetz über die Bundeskommission für Kri c gs gr äberfürso r g e, die Vorlagen über die. Beteiligung des Bundes an den gemein-wirtschaftlichen Anstalten, „Steirische Fahrzeugwerke", „Bereinigte Leder- und .Schuhfabriken", betreffend Förderung der. Wiener Messe-A.-G., betreffend Förderung der K i n ,d e r e r h o lu n g s a k t i o n im heurigen Sommer, und das Uebcreinkmnmcn betreffend das endgültige Donaust a t u t. Der bekannte ungarische Publizist Ludwig Ha 1zeitung „J ö v ö" eine interesiante Unterredung, die er vanhi veröffentlicht in der Wiener ungarischen Tages« mit Walter Rathenau in seiner Villa in Grunewald kurz vor der Ermordung hatte. Rathenau drückte bei dieser Gelegenheit feine tiefste Entrüstung über die Zustände in Ungarn aus und sagte: „Glauben Sie mir, daß auch an unseren deutschen Universitäten die schwärzeste Reaktion herrscht. Auch bei uns gibt es Terroristen, die die Prügelstrafe und den Numerus rlausus herbeisrhnen. — Rathenan war sich des Hasses, den ihm die Reaktion entgegenbrachte, vollkommen bewußt und äußerte den Wünsch, nach Durchführung seines Wiederausbauwerkes für Deutschland nach der S ch w eiz zu üüersi e de ln, um fein Leben dorthin Ruhe und fern von allen Gehässig« keiten abzuschliehen, da in „Deutschland ein anständiger Mensch sticht mehr leben sann", Keine Gratisaktien. Gestern fanden im Finanzministerium unter dem Vorsitz des Finanzmin.isters S e g n r Besprechungen mit den Vertretern der Banken über die Notenbankfrage und die innere Anleihe statt. Die Finanzverwaltnng unterrichtete die Vertreter der Banken über ihre Pläne, denen gegenüber die Bankdirektoren ihren Standpunkt zum Ausdruck brachten. In der Sitzung Wurde bekannt, daß entgegen verbreiteten Gerüchten an die Ausgabe von Gratisaktien nach den bestehenden Dispositionen nicht gedacht wird. Die Heranz'chung der Aktiengesellschaften ist in der Form geplant, daß die Unternehmungen 15. Prozent ihres Aktienkapitals in Gold an eitlem noch.zn bestimmenden Stichtage an die Regierung abzu führen haben wenden. Dafür ist die Regierung gewillt, den Aktiengesellschaften das Recht aus die Aufwertung ihrer Aktien zuzuerkennen, um sie auf diese Weise in die Loge zu versetzen, die zn leistende Abgabe durch entsprechende Nachzählungen ans die Aktionäre zn über wälzen. Die Bcitragsleistnng der städtischen Hausbesitzer soll durch .eme eigenes Wetz Metzelt werden^ wobei hex. AoMlag ge-! i

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