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Wiener Morgenzeitung · 1922-07-01 · Heft 1227 (1.7.1922) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
4 (1922)
Issue
Heft 1227 (1.7.1922)
Date
1922-07-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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E'nzelnuiaerKiOO V!«»: Znm Abholen in der Expedition, ll.,Taborstr. 1-3, oder in einerVerschleisstelle ^Trafik) monatlich K 2900 Mit Postversand für Wien u. Oesterreich monatl. K 2900 Tschech o-S1 owak ei: Mon. K20. Ungarn: Mon. K 150. Jugoslawien: Mon. Dinar 25. Polen: Mon. Mark 800. Deutschland: Mon. Mark 60. Frankreich: Monatlich Frcs. 6 rener Tj cit Ccno-dlowaRel' ‘ tschech« K 1.20 Italien: Monatl. 6. Lire Rumänien: Mon. 40. La* Schweiz und das übrige Ausland monatlich Free. S, . Redaktion u. Administration Wien, II., Taborstrasse 1—3 Telephone: 44-0-38,43-3-19, ab 6 Uhr abends 16-301. Tel.-Adr.: »Morgenxeitung*, Wien Oesterreichisches Postsparkassen-Konto Nr. 150.693 Nr. 1227 Wien, Samstag, 1. Juli 1922 4. Jahrgang i, ..I .1 "■ M .. .....■■■■.-. ... Die deutsche Republik. I —y. Wien, 1. Juli 1922. Die Politik der versteckten Waffenlager und der geheimen Organisationen Deutschlands kommt langsam auch in die Akten der Behörden. Bisher war es den Organen und Parteien der Republik Vorbehalten, von diesen Dingen zu sprechen. Kam die Angelegenheit auch in der Pariser Kammer aufs Tapet, dann erfand man in Deutschland schleunigst irgendeinen Fälscher, der dem Erbfeind zurechtgestutztes Material in die griffbereiten Hände zugespielt habe. Damit war man dann zufrieden. Das Attentat auf Erzbergcr unterbrach ein wenig diese Harmlosigkeit. Es lag zwar offen im Programm der von aller Welt, nur nicht von der Regierung gekannten Hakenkreuz-Vereine, allein die politische Welt tat überrascht. Sie war peinlich beriihrt, daß im Reich der Gottesfurcht und Sitte so etwas am Hellen Tage-sich ereignen könne. Und sie beschloß, sich für diese Uebereaschungen zu wappnen. Die Republik legte sich, ebenfalls nach gutem deutschen Rezept, seine Schablone zurecht, die in einem Fach eines Ministeriums säuberlich aufbewahrt wurde. Geschieht wieder ein solcher Mord, dann wird die Schablone ausgehoben und die darin niedergelegten Vorschriften werden ausgefiihrt: Trauerleier mit Reden des Reichspräsidenten und des Kanzlers, Bersantmlungen der Mehrheitssozialisten im Lustgarten — wer weiter geht, wird erschossen! — Heuchelartikel der Nationalen. Vor allem aber: Disziplin und Würde. Die Polizei hat nichts zu finden. Wenn sie aber infolge der Unachtsamkeit einer untergeordneten Stelle;a etwas findet, dann sind noch die Gerichte da. Die Kerle .uerden — wenn sie nicht etwa nach München (das ja als Ausland gilt) oder nach Budapest oder nach Schweden ausreißen — freigesprochen. So ist es bisher gegangen. Der Mord an Rathenau führt aber doch zu Enthüllungen, an denen selbst die schafmütigste Gesellschaft MW"MH^MMitzehen darf, Mnn' Pe^^rncht Mbsk die - Toteiralocke läuten will. Die Untersuchungsbehördeil haben jetzt einen geständigen Mörder, ein paar seiner Mithelfer in Händen. Sie haben aber auch Gelegenheit, amtlich in das Getriebe der anarchistischen Maschine zu blicken, die seit schon ziemlich langer Zeit der Demokratie die Knochen kleinmahlt. Sie haben ein Verzeichnis aller völkischen Edelmenschen, die Bülows auf die russischen Juden ge- , münztes Wort von den Schnorrern und Verschwörern in die Sprache Ludendorffs umsetzen. Sie haben eine Liste von Personen, denen das Urteil schon gesprochen war, und deren Leben sich dank des Zufalls des Rathenau-Mordes und des dadurch erregten Aufsehens um einige.Tage verlängert. Was wird jetzt geschehen? Wird die Republik den Mut aufbringen, and) die intellektuellen Urheber zu sichern und vor die Richter zu stellen? (Der sie dann auf Grund der Wahrnehmung berechtigter Interessen.freispricht?) Die Demokratie will nichts ,von Ausnahmsgesetzen wissen und sie lehnt die Anwendung von Gewalt im politischen Kcnnpf ab. Aber hier handelt es sich gar nicht um Politische Ideen. Es sind .Leute da, die zum Mord auffordern, um mit dem Gegner nicht diskutieren $u müssen. Wieder muß man Bü- ,low zitieren: „Willst du nicht mein Bruder sein, so schlag' ich dir den Schädel ein!" Er hat es auf die Sozialdemokraten gezielt und die gut preußischen Männer fetzten das Monokel recht fest ein und applaudierten: Es sind weiter Leute da, die bei Stinnes oder bei Thyssen schnorren und sich dann gegen Rathenau und die sonstigen Semiten verschwören. Es sind Leute da, die ihnen Autos geben und die für die antijüdische Presse viel, viel Geld auf den Tisch werfen. Es ist also von Politik keine Rede. Die jungen Offiziere und Studenten, die als Zeitfreiwillige die Kommunisten. an die Wand gestellt haben, Müßten von Politik nichts. Man hatte sie gelehrt, vor irgend jemand stramm ,zn stehen und sich befehlen zu lassen. Ihr Kaiser hatte ihnen zujeschmettert, sie müßten auf Vater und Mutter schießeg. So hat sich dieser heutige Zustand herausgebildet. Die eigen schießen, die anderen trauern: Aber die Resultate Äet Untersuchung sind, jetzt doch so, geartet, .daß zumindest so getan werden muß, als ob. Der eine Jbcr Mörder war Sekretär Ludendorffs, der ändere hatte 'Briefe intimen Charakters von Helfferich, von dein braten Traugott Jagow — ich. warne Neugierige — und von dem guten. Westarp, der .überhaupt ein Engel , ist. jiifib alles stramm und gotteMirchtig erzogene Militaristen, denen die Waffe alles'gilt. Und um die-sich, bisher.wenigftens, niemand. gekümmert hat, Tirpitz . schreibt seine ' Denkwürdigkeiten,' Lndendorff desgleichen. Ueher allen Hihseln ist Ruhe. Helsserich konnte Berlin veplaüe'ni Unbekannt wnbiv-; ‘’ Der alldeutsche mörderverband aufgelöst Anwachsen der Liste der Aathenan-Mörder. Berlin, 30. Juni. (Molff.) Wie der amtliche Preußische Pressedienst mitteilt, hat der Minister des Innern Severing heute folgende Verfügung erlassen: Auf Grund der 88 1 und 2 der Verordnung zum Schutze der Republik vom 26. Juni 1922 habe ich den Verband nationalgesinnter Soldaten mit allen seinen Landesverbänden, Bezirks- und Ortsgruppen heute aufgelöst. Kundgebungen gegen Helfferich und Glenoffem Berlin, 30. Juni. (Wolfs.) Der Reichstag nahm heute endgültig einen Gesetzentwurf betreffend Teuerungsmatznahmen für Militarrentner an. Während der Abstimmung' über die einzelnen Paragraphen dieses Gesetzentwurfes betraten mit anderen deütschnationalen Abgeordneten die Abgeordneten Dr. Helsserich, Henning und U l l e den Saal. Sie wurden von Abgeordneten der Linken mit stürmischen Zurufen: „Mörder, heraus! Mördergehilfen, heraus!" empfangen. Ergebnisse der Antersuchurrg. Berlin, 30. Juni. (Tel. d. „Wr. Morgenzeiümg".) Die Untersuchung der Polizei hat bereits jetzt zu der Feststellung geführt, daß die unter dem Namen „Organi-" fation C" bekannte Erhardt-Gesellschast den Mord an Rathenau und «Ken in der denpkrati. Ichen Desfentlichkeit fiehWe«, v -;Nifth«<?PerKtzktthWW^- beschlossen und vorbereitet hat. DieseGesellschäft^gab sich als „bayrische Holzvertrieks-A.-G." den Anschein einer Jndustriefirma, in Wirklichkeit ist sie eine den Horthhschen „Erwachendes verwandte Organisation, deren Gründung in dem Freundeskreis des Forstrates Escheri ch zuerst geplant worden zu sein scheint. Es, stehen noch weitere sensationelle Enthüllungen bevor. Ob die Polizei alle Personen, auf deren Spuren sie stötzt, festnehmen wird, kattn man bezweifeln. Es sind Träger sehrvornehmerNamen darunter. Die Geheimverbände, die so geheim sind, dgtz man sie schon seit mehr als Jahresfrist kennt, find so angelegt, datz sie politische und Mordarheit leisten können. Sie unterhalten einen umfangreichen Spitzeldienst und stehen durch reisende Kuriere mit den Zentralen der russischen und magyarischen Monarchisten in Verbindung. Besonders lebhaft ist die Fühlung , mit Oesterreich, der Tschecho-Slowakei und den verschiedenen deutschnationalen Emigrantenzirkcln aus den Sukzessionsstaaten. Alle Aktionen find den pplNischen Parteiführern zumindest bekannt gewesen. Emissäre dieser Verbände und der Freikorps waren in alle wichtigen Aemter der Republik dirigiert, so -atz die geheimsten Matznahmen der Regierung rechtzeitig verraten werden konnten. Es mutz. aber immer festgehalten werden, datz die Oeffentlichkeit alle diese Dinge kannte. Die zur Feme oder zum Tod verurteilten Personen wareU stets unmittelbar vor der Urteilserfüllung das Zentrum einer matzlofen Hetze seitens der Rechtspresse, die auf ein gegebenes Signal losging. Was diese'unterdrückte, das konnte man in' dew Blättchen „A u s B o r p o st e n", in der bayrischen und österreichischen nationalen Presse zu lesen bekommen. ' Dje detltsche Republik vergißt von einem Mord zum . anderen an eine Grundregel der Politik: Wer sich be- - hanpten will, muß sich Respekt schaffen. Wer das nicht kann, geht vop die Hunde und fei er der- Beste und Edelste. Die deutschen Republikaner wollen keinen Krieg, aber auch keinen Konflikt.'Sie wertrauen -ein bißchen zu stark auf die Macht der'.Zeit und auf-die Evolution. Sie versuchen, ihren Gegnern zu beweisen, daß Pie Republik uMWg ist du den RepürativneN' die vont Der als Mittäter an der Ermordung Dr. Rathenauin Frage kommende Ernst Werner Techow ist im Berliner Polizeipräsidium am Mittwoch und Don» nerstag einem eingehenden Verhör unterzogen worden« Im wesentlichen ist er geständig. Er gibt zu, von dem Mordplan gewußt und bei der Mordtat den Kraftwagen gelenkt zu haben. Anfänglich leugnete der Verhaftete. Erst als ihm seine in Schutzhaft befindliche greise Mutter gegenübergestellt wurde, gelang es, aus dem Sohne ein Geständnis herauszubringen. Er weigerte sich jedoch, irgendwelche Angaben über die weiteren Täter zu machen. Wie der „Vorwärts" mitteul, soll der in Berlin ver» haftete Student Willi Günther, der an den Vorbereitungen zur Ermordung Dr. Rathenaus beteiligt war, PrivalseLretär General Ludendorffs und Mitarbeiter der „Deutschen Tageszeitung" geweseit fein. Günther steht ebenfalls im Verdacht, seine Hand bei der Ermordung Erzbergers im Spiele gehabt zu haben. Gestern ist der in Düsseldorf angestellte Ingenieur Kauertz unter dem Verdachte der Mittäterschaft verhaftet worden. Kauertz soll der Täter sein, der unter dem Namen Knauer gesucht wird. Er ist am Mordtage nicht in Düsseldorf gewesen. Als die Fahndung nach einem gewissen Knauer begann, äußerte er sich: „Jetzt ist es Zeit, er verhaftet. Auch in Hirschberg ' ist ein Ingenieur v. Waltzdors unter dem Verdachte der Mittäterschaft verhaftet worden. Waltzdors, der Mitglied der Organisation Roßbach ist, war am Freitag abends nach Berlin gefahren.und Sonntag von dort wieder zurückgekehrt. Der Chef der p-fitischen Polizei Oberregierungsrat Dr. Weiß teilte dem., „Berliner Tageblatt" uw Mitternacht mit,?daß es einem von ihm nach Stettin entsandten Fahndungskommando, gelungen fei, einen der Mittäter an dem Ministermord 'namens Votz zu verhaften. Der Verhaftete ist ein früheres Mitglied der Marine und war der -.Polizei seit Dienstag nachmittags als Mittäter bekannt. Als der Verhaftete erfuhr, datz von der Polizei aus ihn gefahndet werde, verließ' er am Dienstag nachmittags Berlin und floh nach- Stettin, wo er jetzt verhaftet wurde. In der Pension, in welcher die drei Mörder Rathenans vor der Verübung der Tat gewohnt hatten, hatten sie Pistolen und Eierhandgranaten, die sie in einem Rucksack verborgen hielten, in einen Schrank verschlossen. Freitag abends hatten sie dann die Rechnung bezahlt und die Pension verlassen. In der Nacht vom Freitag znm Samstag müssen sie dann noch die letzten Vorbereitungen zu dem Verbrechen und zur Flucht getroffen haben. Aus Dresden wird gemeldet: Der zweite gesuchte Mörder Rathenaus ist ein gewisser Hermann Fischer. Heber die Persönlichkeit dieses Mannes wird folgendes mitgeteilt: Fischer ist im Jahre 1896 in Florenz geboren, wo sein Väter als Bildhauer lebte. Dieser war ein bekannter KünWr, von dessen Hand der große Monumentalbrunnen E Chemnitz stammt. Der junge Fischer hat seine Ausbildung auf der Gewerbeakademie in Chemnitz genommen uunds^n Studium zu Ostern beendet. Da es ihm nicht gleich möglich war, eine Anstellung zu finden, er abet andererseits gezwungen war, sein Brot selbst zu verdienen, 'war er vor die Wahl gestellt, entweder in ein Bergwerk Kaiser und seinen Paladinewerzeugt wurden. Sie wollen die Freikorps, die Liitzower^W Rohrbacher, die Brigade 'Ehrhardt überzeugen. Sie Wollen ihnen mifteKn, daß choch der Rathenau eigenrlrch ein gilt deutscher Mann war. Aber die anderen hören das nicht. Sje.nehmen den Revolver. Und dann beWten im.Ausland alle die recht , die Deutschland schwach Zehen wollen^ hält Pvincar» seine Rcdeu.Mcnrl sichMe Reptlblik nicht basd aufmfft - wiM sie nach Doorn itWolländijche. Uyl nMsstNx

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