Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- Heft 1225 (29.6.1922)
- Date
- 1922-06-29
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Dem 4 " rvren, KommunistenverhäfLungen. Warschau, 28. Juni. Die Polizei hat eine große Organi- ^tion der kommunistischen Jugend' ausgedeckt und 8V Personen verhaftet, darunter den Sohn eines Warschauer Stadtrates und die Tochter eines bekannten polnischen Dichter-. Man glaubt, daß dies die Mitglieder der Hauptorganisatio» der polnischen kommunistischen Jugend seien. Rundfchau. Mexiko und die jüdische Einwanderung. Aus Chicago meldet I. C. B.: Im Zusammenhang mit der Einladung des mexikanischen Präsidenten an die Inden, "Teile des mexikanischen Territoriums durch ostjüdiche Einwanderer zu besiedeln, wurde hier eine jüdische Kolon rs atro nsgesellschaft für Mexiko begründet, die an den Staat Illinois um die Erlangung eines Charters herangetreten ist. Eine Arrzahl hiesiger jüdischer Persönlichkeiten begibt sich in Begleitung von Geologen und industriellen Experten nach Mexiko, um die Verhältnisse zu.studieren und ein Abkommen mit der mexikanischen Regierung zu treffen. Die Abordnung wird vom amerikanischen Senator Schlaimer, der ein persönlicher Freund des mexikanischen Präsidenten ist, geführt werden. Nach deren Rückkehr wird sich die Gesellschaft mit dem Joint und dem American Jewish Committee zwecks Beschaffung finanzieller Mittel für die Durchführung der Kolonifationspläne in Verbindung fetzen. Wie verlautet, bekundet der bekannte amerikanisch-jüdische Millionär Julius Rosen Wald ein gewisses Interesse für diese Bewegung. Die Vereinigten SLasten und das Palästina-Mandat. Aus Washington meldet I. C. B.: Hohe Beamte des Staatsdepartements äußern sich in dem Sinne, daß das Einvernehmen zwischen den Vereinigten Staaten und England mit bezug aus das Palästina-Mandat in keinem Gegenseitigkeitsvertrag Ausdruck finden, und daß die amerikanische Regierung in dieser Beziehung keine weiteren Schritte unternehmen wird, solange nicht das Mandat vom BölkerLundrat ratifiziert ist. Es kann nämlich kein Vertrag abgeschlossen werden, der ein vom rechtlichen Standpunkt noch nicht existierendes Mandat betrifft. Kowmrmrstische Publikationen über die Pogrome.- Aus Moskau wird gemeldet: Das jüdische Kommissariat gibt jetzt in russischer und jüdischer Sprache folgende Materialien über die Pogrome heraus: 1. Die Pogrome aus Juden in W e i ß r irjj land. 2. Die polnischen Judenpogrome. 3. Balachowitz' und Savinkows Pogrome. 4. Der Banditismns. 5, Die jüdischen Flüchtlinge in Kiew, thtum, Bahuslaw, Charkow und Odessa. 6. Die'jüdischen Flüchtlinge in Weißrußland. 7. Statistisches über die ökonomische Lage in Sowjetrußland. Schluß der WelthilfsLonferenz in Heidelberg. Berlin, 25. Juni. (I. C. B.) Die in Heidelberg sagende Konferenz des Zentralrates der jüdsschen Welthilfskonferenz ist am 16. Juni geschlossen worden. Jtt die neue Hilssexekutive sind folgende Personen gewählt worden: M o tz k i n, Sliosberg, I. E f f r o i k i n (Paris), Minister Solowejtschik (Kowno), W. T e m k i n, führt die große Maste auf den Lippen, ihre Gedanken aber — travestiert sie höchstens. Was ist aus dem Christentum geworden, seitdem es von judäischen Fischern, Zöllnern und Sklaven auf die arischen Machchaber im heiligen römischen Reiche übergegangen ist? Eine Weltanschauung, in deren Namen manch „gottverfluchte Judensau" verbrannt wurde oder abgeknallt wivd. Im Mittelalter, da diese Weltanschauung hemmungslos die Geister beherrschte, galt die Vernichtung aller Nichtchristen als. verdienstvolle Tat, deren man sich rühmte. Wenn sich das heute so gründlich geändert hat, daß sogar Organe, die sonst selber im Dienste der besagten. Weltanschauung eifrig der Judenhetze dienen, von blutbefleckten Progromistcn wenigstens äußerlich abrücken, so ist dies kein Sieg des arisierten „christlichen" Empfindens, sondern ein Zeichen für die sieghafte Durchdringung selbst der widerspenstigsten Objekte durch die Rousseau scheu Humanitätsgefühle. Auch wir Juden haben eine Dankesschuld an ihn abzutragen. Daß sich der Zionismus aus der unfruchtbaren M.'ssiasschwarmerei des Ghettos zum politischen Streben nach' der heimatlichen Scholle gewandelt hat, ist auch nur eine der zahllosen Ausstrahlungen des Rousseauschen Gebots: „Rückkehr zur Natur'." Unter der Suggestion dieses Gebots hat Baron Hirsch seinen Plan gefaßt, die Juden wieder zu Ackerbauern zu erziehen. Aber erst Herzl hat die richtige Erziehungsmethode gefunden: es ist die Rousseausche, nicht durch Zwang, sondern durch die individuelle Neigung des Zöglings das pädagogische Ziel zu erreichen. Die individuelle Neigung des jüdischen Volkes gehört Palästina, mit dem es durch göttliche Verheißung und indische Geschichte ideell immer verbunden geblieben ist. Diese schwärmerische Neigung in den Dienst der jüdischen Rückkehr zur Natur und natürlichen Lebensform im eigenen Staate gestellt zu haben, ist das Verdienst unseres Herzl. Wir schmälern dieses Verdienst nicht, wenn wir die Genialität anerkennen, mit der der Begründer des politischen Zionismus seiner Schöpfung bewußt oder unbewußt erst Leben eingeflößt har, indem er sie mit dem wirksamen Fluidum der Zeit beseelte. Dieses Fluidum ist ganz unleugbar der Geist Jean Jacau-s Rouü-^ Dr. Hugo Svi - aler. _cmcncr rrcsgftgKftgmmfl* Dp. Alfred Klee, Latzki, Rabbiner S. Aronsohn (Berlin), Oberrabbiner Dr.. C haj e s, Anitta M it 11 c r (Wien) und Dr. I. Jochelman (London). Die Konferenz faßte unter anderem den Beschluß, eine neue jüdische Welthilfskonferenz zu Anfang des kommenden Frühjahrs einzuberufen, wobei der Wunsch der Delegierten aus Polen, die Konferenz in Warschau stättfinden zu lassen, zur Kenntnis genommen . wurde. Die Konferenz beschloß ferner, ihre Hilfstätigkeit in Rußland zu erweitern und eine weitere Reihe vonK i n d e rküchen in den' Hungergebieten zu gründen. Es wurde auch die Schaffung eines Anlerhes o n d s für bedürftige Emigranten beschlossen, ebenso sollen Maßnahmen getroffen werden, um die russischen Emigranten, die in Polen und in Rumänien steckengeblieben sind, in die überseeischen Länder zu befördern. Früytzreich in Syrien. Paris, 23. Juni. In der Kamnrer wurde hellte die ■ Orientpolitik der Regierung anläßlich der Heeresdebatte angegriffen. Chappedelaine verlangte tue* Herabsetzung der französischen Truppen in Syrien von 36.000 auf 12.000 M^nn. Der Kommrrnist B e r t h o n behauptete, daß General Gourand in Syrien wie in einer Kolonie schalle und die Jahrhunderte alte Freiheit der Bevölkerung des Landes unterdrücke. Redner behauptete, wenn die Vereinigten Staatell nicht eingegriffen hätten, würde heute Frankreich Syrien sicherlich ausbeuten. Schon während dieser Ausführungen hatten nicht nur Abgeordnete verschiedener Parteien, sondern auch Poincare selbst durch Zwischenrufe energisch protestiert. Nach dem Redner erhob sich Poincare sofort und beschwor die Kammer, die Truppen in Syrien nicht zu reduzieren, was eine Gefahr für die rnilitürische Sicherheit Frankreichs in Asien bedeuten würde und dazu eine Schädigung der Zivilverwaltung mit sich bringen würd'. Poincare verlangte, bis zur Rückkehr des Generals Gourand nach Paris, provisorisch die für die asiatische Arme^ verlangten Kredite von insgesamt 164 Millionen Franken anzunehmen. Der Ministerpräsident stellte im Zusammenhang mit dieser Vorlage die Vertrauensftage. Hierauf wurde der Antrag aus Reduzierung der Truppen mit 396 gegen 181 Stimmen abgelehnt. Kämpfe in Irland. London, 28. Juni. (Reuter.) „Evening Standard", Meldet aus Dublin: Die in den Four Courts angegriffenen Irregulären haben die Übergabe verweigert und leisten kräftigen Widerstand. Die regulären Truppen verwenden Grabenmörser und Maschincllgewehre. Das Kupserdach des Gebäudes ist eingestürzt. Trotzdem setzen die Irregulären ihren Widerstand fort. Sie scheinen schwere Verluste erlitten.zu haben.. •...•■ n , ' Ein alldeutscher VowLenwerfer in Hamburg. Hamburg, 26. Juni. (Wolfs.) Die polizeiliche Ermittlung in Angelegenheit der Sprengst off an schlage begründet die Annahme, daß die Täter einem Verband angehören, der unter die Verordnung des Reichspräsidenten dom 24. Mai 1921 -fällt. Ihr Führer war der 24jährige ' Warnecke, ein früherer aktiver Offizier. Nur der Ungeschicklichkeit, womit die Anschläge verübt wurden, ist zu danken, daß nicht größerer Sachschaden angerichtet wurde. (Das Attentat hatte sich gegen eine sozialistische Zeitung gerichtet.) Eine gestörte Vorlesung des Professors Lenard. Frankfurt a. M., 28. Juni. (Wolfs.) Wie die „Frankfurter Zeitung" aus Heidelberg meldet, hat sich dort gestern nachmittags, als der Nobel-Preisträger Professor Lenard eine Vorlesung hielt, ein ernster Zwischenfall ereignet. Als Arbeiter die Vorlesung zu stören versuchten, wurden sie mittelst der Hydranten bespritzt und seitens der Studenten mit Steinen beworfen. Geheimrat Lenard wurde mit einigen Studenten verhaftet. Arbeiter drängten ihnen über die Neuenheimer Brücke nach und machten Miene, sie in den Neckar zu werfen. Die Verhafteten wurden in das Gewerkschaftshaus und sodann in das Gerichtsgefängnis gebracht, worauf sich die Arbeitermassen zerstreuten. (Der Anlaß zu diesem Zwischenfall ist aus der Depesche nicht ersichtlich. — Die Red.) - Meuterei in einem französischen Regiment? Paris, 28. Juni. (HavaS.) Das 401. Infanterieregiment, das inStraßburg liegt, ist ansgelöst worden. Der italienische Kredit. Rom, 28. Juni. In der Kammer wurde heute nachmittags der Entwurf betreffend den Oesterreich zu gewährenden Kredit eingebracht. Der vom Finanzausschuß hierzu vorgelegte Bericht stellt fest, daß die Finanzlage Italiens eine Kreditgewährung eigentlich nicht gestatte. Auch seien 70 Millionen nicht ausreichend, um Oesterreich zu helfen. Vom finanziellen Gesichtspunkt aus bestünden die Bedenken des Ausschusses fort. Da aber der Ausschuß für auswärtige Angelegenheiten den Kredit vom Gesichtspunkt der äußeren Politik empfohlen habe, beantrage der Finanzausschuß, die Kammer möge dem Entwurf z u st i m m e n. Wie verlautet, wird die Kammer die Kreditvorlaac innerhalb der nächsten Woche erledigen. _gfr. ZUM 1V22 ' Nr. 1225:■ LKgesbericht. ^, Zionistischer Parteirat für Oesterreich. Montag den 3. Juli findet um 6 Uhr abends Im Zionistischen Bureau, 2. Bez., Taborstraße 20 a. eine außexordeutliche Sitzung des Zionistischen Parteirates mit der Tagesordnung: Bericht über die gegenwärtige Lage im Zio-, nismus statt. Zionistisches Landeskomitee für Oesterreich: Dr. N. M. Gelber. Ing. Robert Stricket Zionistische Konferenzen in London. London, 27. Juni. (Tel. der „Wr. Morgenzeitung" In den letzten Tagen fanden im Londoner Hauptbureau der zionistischen Organisation Besprechungen statt, an denen außer der Zionistischen Exekutive das Präsidium des Aktionskomitees, das Direktorium des Keren Hajessod und die Mitglieder des Zionistischen Finanz- und Wirtschaftsrates tcilnahmen. Anwesend waren von der Exekutive die Herren Prof. Weitzmann, Jabotinsky, Lichtyeim, Co wen, Solo Wests chik, Motzkin; vom Finanz- und Wirtschaftsrat die Herren: Naiditfch, Feiwel, Barth, Schocken und Kaplansky. Als Vizepräsidenten des Aktionskomitees waren die Herren Dr. H a n t k e und Ingenieur Stricker erschienen, während Julius Berger und Kurt Blumenfeld den Keren Hajessod für Zentraleuropa vertraten. Am 21. d. traf Dr. Schmarjahu L e w i n in London ein, um den Beratungen beizuwohnrn. Die Beschwerden des Vatikans werden geprüft werden. London, 28. Juni. (Tel.-Komp.) B a l f o u r und S ch a n z c r hatten gestern noch eine zweite Unterredung über das englische Mandat in Palästina. Die beiden Staatsmänner beschlossen, die Vorschläge und Forderungen Italiens einer englischen Sachverständigenkommission zu unterbreiten. Die Italienische Volkspartei hat Schanzer den Auftrag gegeben, energisch gegen das britische Regime in Palästina Einspruch zu erheben, damst dem Vatikan Genugtuung gegeben werde. Nutznießer des Stratzenbahnerstreiks. Anläßlich des Verkehrs st reiks auf den Eisenbahnen konnte man bereits beobachten, wie die Chauffeure die Situation zu ihren Gunsten in der unerhörtesten Weise ausnützten. Ihr Weizen blühte, denn es gab genug Personen, die notgedrungen, da sie anders nicht an ihren Bestimmungsort kommen konnten, Hundertlausende, ja sogar mehr als eine Million Kronen für eine Fahrt zahlten. Dieses Beispiel' hat nun die Genossenschaft der Wiener Automobilfuhrwerker verlockt, den Straßenbahnerstreik und die Notlage der Bevölkerung zu benützen, um im Trüben zu fischen. Gestern vormittags erschien in der Abteilung für gewerbliche Angelegenheiten des Magistrats eine Abordnung des Vorstandes der Genossenschaft und ersuchte um eine abermalige Erhöhung der Taxe. Der magistratische Referent erklärte ihr aber, daß er n i ch t i n d e r L a g e s e i, ihrem Ersuchen Folge zu geben, und dies um so mehr, als er außerstande sei, die Gründe für eine gerechtfertigte Erhöhung zu prüfen und zu erkennen. Es ist interessant, daran zu erinnern^ daß die Genossenschaft schon anläßlich der letzten Erhöhung der Taxe auf das Tausendfache schon eine größere Erhöhung verlangte, aber vom Magistrat mit diesem Verlangen abgewieseu wurde. Nun scheuen sich die Herren nicht, die durch den Streik herbeigeführte Notlage der Bevölkerung ausnützen zu wollen und verlangen gerade jetzt die früher verweigerte Erhöhung. Der Magistrat hat ihnen die einzig richtige Antwort gegeben. * Rektorswahl in Graz. Zum Rektor der technischen Hochschule in Graz wurde für das Studienjahr 1922—1923 gestern der stssor für Wasserbau Ingenieur Hans Paul gewählt. * Sterbefall. In Lemberg ist der Redakteur der Polnischen Telegraphenagentur Joachim Wind im Alter von 58 Jahren plötzlich gestorben. Der Verstorbene stand bis zu Kriegsbeginn an der Spitze des Stenographenbureaus des ^aliz^chNr Landtages. Vor drei Jahren trat er in den Dienst * Jüdisches Religionslehrerseminar. Die Einschreibungen in den neuen vierjährigen Lehrkurs finden Sonntag den 2/ Juli, von 10 bis 12 Uhr, in der Seminarkanzlei, 2. Bez., Tempelgasse 3, 3. Stock, statt. * Hinterziehungen der Automobilabgabe. Die letzten Erhebungen über Hinterziehung der Automobilsteuer bei der Gemeinde Wien ergaben eine ganze Anzahl von Mißbräuchen. Verspätete Anmeldungen, unterlassene Anbringung der Steuerzeichen, nicht erfolgte Anmeldung von Probezeicheu usw. Mit ganz besonderem Nachdruck wurde aber jener Art von Hinterziehung nachgespürt, die darin besteht, das; Wagen zwar in Wien ständig garagieren, natürlich auch nahezu ausschließlich in Wien verkehren, aber die Erkennungsnummer eines der anderen österreichischen Länder benützen. Besonders bevorzugt ist in dieser Richtung das benachbarte Niederösterreich. Der Anreiz liegt darin, daß eben die Wiener Automobilsteuer vielfach höher ist, als die von Niederösterreich. Wer das Wiener Straßenbild ein bißchen beobachtet, kann leicht feststellen, daß außer den A-Nummern, die Wien zugehören, sehr viele B-Nummern die Bezeichnung Niederösterreich und noch eine bunte Reihe anderer Kennzeichen an den. Automobilen angebracht sind. Schon die vollkommen tadellose Beschaffenheit des Wagens läßt zumeist erkennen, daß diese Automobile ihren Standort keineswegs außerhalb Wiens haben. Auf Grund solcher erhobener Mißbräuche wurde über den Lederfäbrikanten Josef Stach, wegen mißbräuchlicher Verwendung des Kennzeichens B oina Gl>ldst,-nkp 3 Millionen Kronen, aeaen den Antiouit