Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- Heft 1225 (29.6.1922)
- Date
- 1922-06-29
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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"r' 'r"-r; ‘SV..--^v^v^.;v*’*' ' '|iT'(|r>fi< Nr. 1225 Wien. Donnerstag Fierhut (Bund der Landwirte) Einspruch gegen das Durchpeitschen eines Gesetzentwurfes, ' der eine so komplizierte Materie betreffe. Der.Gesetzentwurf 'wurde u n v c r ä ndert angenommen. Hierauf teilte der Präsident mit, daß die Regierung die Vorlagen betreffend die Einlösung der Kriegsanleihen und betreffend die Erweiterung der Wehrpflicht zurückgezogen habe.' _ ■ Ungarn. Forderungen der Sozialdemokraten in der Aksttionalversammlung. - Lärmszenen. Budapest, 28. Juni. (Nationalversammlung. — Ung. T.-K.-B.) Das.Haus beschließt zunächst, das B u d g e t Provisorium dringlichst zu behandeln. Abg. Peidl gibt anläßlich des Einzuges der Sozialdemokratischen Partei' in die ungarische Gesetzgebung eine prinzipielle Erklärung ab. Er führt ans: Für das Unglück Ungarns ist die Klassenherrschaft verantwortlich, die die demokratische Entwicklung unmöglich gemacht hat: Schuld trägt auch der Krieg, an dem die arbeitenden Massen in stärkerem Maße teilgenommen haben als die übrigen. (Lebhafter Widerspruch rechts und in der Mitte.)-Die Rechtmäßigkeit der jetzigen Nationalversammlung wird von der Sozialdemokratischen Partei in Zweifel gezogen. (Präsident Gaal protestiert gegen diese Erklärung.) Die Partei wünscht, daß die Nationalversammlung ihr? Tätigkeit ans die Erledigung der allerwichtigsten aktuellen Aufgaben und die Schaffung des neuen demokratischen Wahlgesetzes beschränke. Die am dringendsten zu erledigenden Aufgaben sind: Niederringüng der Teuerung, Steuerreform, Sicherung der demokratischen Freiheitsrechte, Abschaf f u ng d e s numerus c l a u s n s a n den U n i v e rs i t ä t e n, die Bestrafung der Mörder S z o m o gy i s, Bela B a s o s und Nikolaus C s e r v e n k a s. (Großer Lärm im ganzen Hause. Rufe rechts: Was geschieht mit den Mördern Alexander Hollans? Hunderte wurden von den Kommunisten gemordet!): Abg. Peidl fordert ferner die Aufhebung der Ausnahmsgewalten, politische Amnestie (Rufe rechts: Ihr wollt Bela Kun und seine Henker zurück! Die Wiener Emigranten wollt ihr zurückbringen!) und weiters di: Einstellung der Internierungen. Im Namen der Parte: wünscht Redner die Revision des ungerechten Trianoner Friedens, eine weitgehende sozialpolitische Gesetzgebung, die volle Sicherung der Preßfreiheit, des Vereinsrechtes und der gewerkschaftlichen Freiheit, die Lösung der Bodenreform im Wege der Expropriation des weltlichen und des kirchlichen Großgrundbesitzes. (Lebhafter Widerspruch rechts und in der Mitte.) Schließlich verwahrt sich Redner dagegen, daß die sozialdemokratische' Partei am Bolschewismus schuld trage. (Großer Lärm,' lebhafter Widerspruch rechts: Ihr habt den Bolschewismus'gemacht!) ' Abg. Peidl: Es ist sehr eigeiitümliA, daß auf jener Seite, wo der Bolschewismus immer so verurteilt wird, mit den Methoden des Bolschewismus gearbeitet wird. (Lebhafter Widerspruch rechts und in der Mitte. Rufe: Das ist eine Verlonmdüng!)'Zum Schlüsse fordert Redner die Regierung und die Mehrheit auf, mit allen Parteien gemeinsam am' Wiederaufbau Ungarns zu arbeiten. (Beifall links.) Wiener Morseyzeitung.29. Juni 1922 Seite » ♦ Der dritte Streiktag. Der Streik der Straßenbahner dauert an, es wird nicht verhandelt. Wie lange die Großstadt Wien diesen Zustand, der bereits jetzt das Geschäftsleben um Milliarden geschädigt hat, ertragen kann, darüber scheint «tan sich in den leitenden Kreisen allzu optimistischen Anschauungen hinzugeben. Es mag für die sozialdemokratische Rathausmehrheit schwer sein, gegen ihre eigenen Parteigenossen anzukampfen. Aber die Regierung hätte doch in dem Einigungsamt das Mittel, beide Parteien an den Verhandlungstisch zu laden. Sie darf jedoch nicht den Zustand dulden, daß gerade die arbeitenden Schichten der städtischen Bevölkerung betroffen werden, während die Reichen ihre Autos haben und die Mittelstandsbevölkerung Minister des Innern Rakovszki protestiert gegen die Behauptung des Abg. Peidl, daß sich jeder öffentliche Beamte seinerzeit dem Komunismus ergeben hätte, und daß die bürgerliche Klasse mit ihrer Passivität den Widerstand der Sozialdemokraten gegenüber dem Kommunismus gebrochen hätte. Er erklärt auch im Namen des abwesenden Ministerpräsidenten, daß er gegen diese unbewiesenen Behauptungen und ferner gegen die Zumutung, daß die Regierung mit den Mitteln und Methoden des Bolschewismus arbeite, auf das allerenergischeste protestieren müsse. (Entrüstung rechts und in der Mitte. Widerspruch bei den Sozialdemokraten.) Der Lärm steigert sich derart, daß Präsident Gaal die Sitzung' unterbricht. Nach Wiederaufnahme dxr Sitzung führte der Minister des Innern unter lebhafter Z u st i m m n n g der Regierungspartei aus, die Regierung sei ehrlich bestrebt, alle noch bestehenden Nachwehen der nachrevolutionären Periode auf das Schleunigste zu liquidieren. Auch die Internierung befinde sich im Stadium des endgültigen Abbaues. An politischen Internierten gebe es jetzt im ganzen „nur" 130. DaS Bersammlungsgefetz werde die Versammlungsfreiheit auf das wirksamste schützen utrb jedermann die Möglichkeit geben, in gesetzlich erlaubte Vereine ohne jeden Zwang einzutreten. Die Regierung werde auch für die Verteidigung der Arbeitsfreiheit hinreichend Sorge tragen. Der Minister schloß mit dem Ausdrucke der Hoffnung, daß sich die Sozialdemokraten nicht auf den sowjetistischen Standpunkt stellen werden. Die Antwort des Ministers wird zur Kenntnis genommen. Hierauf warnt Abg. Stephan Friedrich unter donnerndem Applaus der Regierungsparteien die Sozialdemokraten vor der Auffrischung der Erinnerungen an den Bolschewismus. Sie sollten sich besonders hüten, von den Rumänen zu sprechen, denn sie wären es eben gewesen, die mit den Rumänen die Gefängnisse durchsucht und die Kommunisten, freigelassen hätten. Abg. Hoffmann zu Zuchthaus verurteilt. Budapest, 28. Juni. (U. T. K. B.) Das Strafgericht von Fünfkirchen hat den eherttaligett ungarischen Reichstagsabgeordneten Dr. Otto Hoffmann wegen seines Verhaltens während der serbischen Okkupation des Komitats zum wehrlosen Opfer der Chauffeure geworben \% Die streikenden Straßenbahner marschierten gestern früh in einem langen geschlossenen Züge vom Schwarzenbergplatz aus vor dem Rathaus auf, um ihre Stärke zu beweisen. Die Demonstration, die militärische Ordnung zeigte, verlief in vollster Ruhe. Mit dem Bürgermeister traten die Streikenden nicht in Fühlung. Verschiedene Industrie- und Großhandlungsfirmel haben für ihr Personal Lastautos in den Dienst gestellt. Von einer Ausdehnung des Verkehrs der Stadtbahn und der Verbindungsbahn ist keine Rede. Diese Maßregel würde dem Publikum eine fühlbare Erleichterung schaffet» und unterbleibt deshalb. Baranya zu zwei Jahren Kerkers verurteilt, wovon acht Monate als durch die Untersuchungshaft, verbüß: betrachtet werden. Hoffmann wurde der Aufreizung zum Kl affen haß sowie der Verleitung zur Aust reiznng schuldig befunden. Die ungarischen Reparationen. Paris, 28. Juni. (Tel.-Komp.). Der Senat hat die aM 31. Jänner 1921 abgeschlossenen Vereinbarungen zwischen Frankreich und Ungarn bezüglich der Modalitäten der Durchführung der w i r t s ch a f t l i ch e n Klauseln des Trianoner Vertrages ratifiziert. Polen. Antisemitische Hetze in Polen. Ans Warschau schreibt man uns: Seit einigen Tage^ Weilt hier Sir Montesiore ans London zn Besuch. Aus diesem Anlaß veröffentlicht die notlonaldemokratrsche Presse scharfe antijüdisebe Artikel, in denen bchauplet wird, daß sei: längerer Zeit i.i Warschau geheime Beratungen bekannter jüdischer Führer Drucke Ausarbeitung mes Planes hinsichtlich der ökonomi'chen Beherrschung Polens abgehalten werden. Diese Pläne sollen nach den Informationen der Nationaldemok-at.n ui London ausg'«rbeitet und durch Delegierte des amerikanischen Joint, der „Jca", des Verbandes der ukrainischen Jui.en in London und der jüdischen Welt-, h ilfsz en ' r a lin Polen vertreten werden. Die nationaldemokratische Pr ffse weiß sogar zu erzählen, daß zu diesem Zweck von dm oberwöhnten Organisationen der Betrag vo i •' einer - Milli-rd? polnischer. Mark bestimmt worden sei. Ferne.! solle über Jnw:o?ol-on des Komitees der jüdischen. Delegationen in Pa-:-, England in polnischen Angelegenheiten ein' international J:-.tt.rvention einleiken, und . zwar soll dahi-i gewirkt werden, daß den jüdischen Kaufleuten, gestattet, werden soll, an allen christlichen Feiertagen die Geschäfte offen zu halten, und sämtlichen jüdischen Heimatlosen äuS Rußland solle die polnische Staatsbürgerschaft zuerkannt werden. Alle diese Jnfor ma. onen tvxibanlt die natumalden rkratische Preis: ihrem Judenexperten, .dem Täufling O r u st? i n. hoch engl. Stoffe, Herren- und Damenwäsche, Leinen-und Strickwaren, alles erstklassig und billigst bei Schiffmann II., Taborstraße 48 Telephon 47-1*79 En gros En detail Jean Zarques Rousseau. Geboren am 28. Inn i 1712. Wenn ein Maturant künftiger Jahrhunderte das fite Schularbeiten prädestinierte Thema zu bearbeiten haben wiro: „Europa nach dem Weltkrieg", kann er das Thema nicht erschöpfender behandeln als durch den Hinweis auf die historische Tatsache, daß just am 210. Geburtstage Jean Jaqucs Rousseau s das Leichenbegängnis Walter R a t h e n a u s stattgefunden haben. Rathenau, den die Reaktionären von 1922 die Ideen des „contrat social" von 1762 entgelten ließen, die er ihnen als Jude und Demokrat zu repräsentieren schien. Jene Ideen nämlich, durch die Frankreich defaitistischr Gehirne zn ködern verstand, um sie seinen imperialistischen Plänen gefügig zn machen. Das Entente-Frankreich, das mit dem „Bürger von Gen f" nur mehr die Sprache gemeinsam hat, die Sprache aber, nach dem Geständnis eines seiner Diplomaten, nur als ein Mitcl benützt, seine Gedanken zu verbergen. Nichts kann wahrlich für das Europa von 1922 charakteristischer sein, als sein desparates Verhältnis zu Jean Jacques Rousseau: Verlogenes Bekentnis zu ihm in den alten Demokratien, verbitterter Haß gegen die von ihm imprägnierte Geistigkeit in den neuen Republiken. Die Gefahr, daß sich besagter Maturant dieses ausgezeichnet? Kriterium unserer Zeit wird entgehen lassen, halte ich für ganz ausgeschlossen. Den ich kann es mir nicht vorstellen, daß man in den künftigen Jahrhunderten Staaten, Persönlichkeiten, Ideen und Ereignisse anders werten sollte, als nach ihrem Verhältnisse zu Jean JacqneS Rousseau. Noch sind wir nicht so weit. Noch beherrschen andrre Namen die Terminologie des Historikers. Noch zählt man die Jahre von der Geburt Christi her. Aber Jahrhunderte vor der extrem-radikalen l Restauration des mosaischen Sittengesetzes, diesich an diesen Namen knüpft, verkündete der Heide Sophokles: „Nicht mitzuhasten, m i t z ü l i e b e n sind wir da." Und Jahrhunderte nach Christus wuvden in seinem Namen die Scheiterhaufen' der heiligen- Inquisition entflammt und die Mordwaffen der Kriege und Pogrome geweiht. Einen anderen > Einschnitt hat die Geschichtsschreibung um 1500 angesetzt. Es ist die Zeit der großen Entdeckungen und der Reformation. Aber jene erweiterten zunächst nur den physischen Horizont der europäischen Menschheit, nicht den geistigen. Derselbe Monarch, der sich rühmte, daß in seinem, um überseeische Kolonien vergrößerten Reiche die Sonne nicht untcrgche, traf alle Maßnahmen, es geistig in ewiger Finsternis zu erhalten. Aber auch dort, wo sich die Reformation siegreich durchsetzte, erwies sie sich nicht als die erträumte Sonne, die alle im Sumpfe des Mittelalters üppig, zur Entfaltung gelangten Miasmen restlos zu tilgen fähig war. Als die Bauern, pochend auf die von Luther verkündete „evangelische Freiheit", sich -gegen ihre tyrannischen Ausbeuter erhoben, tvurde ihnen von dem Reformator selbst die Aufklärung zuteil, daß sie seine Lehre mißverstanden hätten. Und sie mußten dieses Mißverständnis blutig'büßen. Das Morgenrot -er Bauernsrerheit, dokumentiert durch die Aufhebung der Leibeigenschaft, brach erst mit der Proklamierung der allgemeinen Menschenrechte an. Und der geistige Vater dieser auf Freiheit und Gleichheit gegründeten Menschenrechte ist Jean Jacques Rousseau. Er hat der französischen Revolution ihren positiv sittlichen Inhalt gegeben, während ihr Voltaire durch die rein negative Arbeit der Entgötterung all des „Ehrwürdigen", das bis dahin die Geister im Banne gehalten hatte, den Weg ebnete. Allerdings hat die französische Revolution die Roufseanschen Ideale nicht zu verwirklichen vermocht, daß diese aber deswegen endgültig als Utopien entlarvt sind, ist die Auslegung einer kurzsichtigen Geschichtskritik. Denn wohl suchte die Revolution von 1789 die Ideen des „Gesellschafts- Vertrags" zu realisieren, aber das Experiment geschah cmf Kosten des Roufseanschen Prziehungsideals, das er im „Emile" (1761) niedergelegt hat. Rousseau predigt imrt die „negative" Erziehung: man beschränke sich auf Ferrchaltung von Hemmnissen undschlimmen Einflüssen, warte ab, bis die erwachenden Anlagen von selbst zur Betätigung drängen und lasse den Zögling seine Kenntnisse mittels eigene- Erfahrung und eigener Arbeit gewinnen, ihn durch die Dinge selbst belehrt werden. Es ist klar, daß hier ein Erziehungsideal nicht bloß für das einzelne Individuum, sondern auch für die Völker vorliegt, und der Versuch, die Ideen eines so ausgeprägten Verfechters der Evolution durch eine Revolution au realisieren, bedeutete einen Widerspruch im Begriff, dessen Mißlingen nichts gegen den Autor beweist. Für diesen aber spricht mit gar nicht mißzuverstchender Deutlichkeit die Evolution zweier Jahrhunderte. In diesem Zeitraum haben die Ideen Rousseaus so sehr unsere ganze Lebensatmosphäve durchträntt, daß wir sie gleichsam mit jedem Lufchauch einatmen und sie als ein auf unseren psychischen Organismus eingestelltes und diesem so unentbehrliches Elixier halten, wie die Lust für unsere Lungen. Ja, wir empfinden diese Ideen als etwas uns so Homogenes, daß wir sie als etwas Eingeborenes betrachten und uns fast gewaltsam die Taffache ins Gedächtnis rufen müssen, daß ihr Autor ein Mensch von Fleisch und Blut gewesen ist: der Bürger von Gens. Seit anderthalb Jahrhunderten ist die Menschheit unablässig damit' beschäftigt, die Roussecmschen „Utopien" zu verwirklichen. Mehr unbewußt als bewußt, bald in stetiger Entwicklung, bald sprunghaft gewaltsame Verzögerungen ansgleichend. Der 210. Geburtstag Rousseaus steht im Zeichen der Festigung des demokratischen Gedankens in Mitteleuropa, wo die Unnatur des unaufgeklärten Absolutismus sich m der Maske eines scheinkonstitutionellen Monarchismus am längsten behauptet hat. Er steht im Zeichen von Schulx c f o r m e n, deren Methodik im „Emile" festgelegt worden ist, er steht imZeichen eines allgemeinen Enthusiasmus für den Körp-ersport, den Rousseau fast über die Ausbildung de-? Geistes gestellt hat und der, wieder ganz im Sinne Rousseaus. an Stelle des militärischen Zwangsdrills getreten ist. Aber mit ** diesen Beispielen ist der Einfluß Rousseaus auf unsere gesamle Lebensführung noch lange nicht erschöpft. Ein ganz banales Exempcl kann diesen vielleicht viel besser illustrieren: Der Tourist, der am Samstag sein Bündel schnürt, um am Sonntag die Rax zu besteigen, der Snob, der-seine freien Stunden auf dem Semmering, verbringt, sie beide befolgen nur ein Gebot Rousseaus: Rückkehr zur Natur! Und wenn dein Snob nicht der wunderbare Ausblick vom Sonnwendstein in die reinen Höhen lockff sondern nur der vielleicht sogar nnangenchm empfundene Zwang der Mode, so dient er erst rech' dem Ruhme Rousseaus. Denn wie viele große Denker gibt es die zweihundert Jahre nach ihrem Erdenwallen noch^so „m o dern" sind'?^,Vielteicht die Religionsstifter? Ach. ihren Namer Mi aSE-W."..! i -I »MH—MWH.