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Wiener Morgenzeitung · 1922-06-28 · Heft 1224 (28.6.1922) · p. Seite 4

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
4 (1922)
Issue
Heft 1224 (28.6.1922)
Date
1922-06-28
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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•^eite 4 _Bien, MUWoch Die Suche nach den Mördern. Berlin, 26. Juni. (Wolfs.) Von den aus Anlaß der ErmordungRathenaus verhafteten zehn Mitgliedern der Organisation „C" (Consul) sind neun wieder e nt-- lassen worden. Hamburg, 27. Juni. (Wolfs.) Der in der Angelegenheit der Ermordung Rosa Luxemburgs mehrfach genannte Leutnant Krull wurde heute in seiner Wohnung in Wandsbeck, wo. er sich verborgen aufhielt, über Ersuchen der Reichsregierung unter dem Verdacht der Teilnahme an der Ermordung RathcnanZ verhaftet. Leutnant Krull behauptet, daß er Wandsbeck während der letzten acht Tage nicht verlassen habe, und bietet einen Alibibeweis an. Die Mandsbecker Polizei setzte die Berliner Regieruung von der Verhaftung Krulls in Kenntnis. Es wird oeschsssen. Hamburg, 26. Juni. (Wolfs.) Die heutigen Demonstrationen auf dem Heiligen Geistfeld verliefen im allgemeinen programmgemäß. Rach Schluß der Demonstrationen kam es beim Abmarsch der Massen zu einem Zusammenstoß zwischen Demonstranten und kleineren Abteilungen von Schutzpolizei, die beim Bismarck- Denkmal Abwehrdienste versah. Die Schutzpolizei hatte, A>tc verlautet, entgegen den Anweisungen des Senats, mit Gewehren und Maschinengewehren Aufstellung genommen und ein Plakat aufgestellt mit. der Inschrift: „Wer weitergeht, wird erschossen." Die Demonstranten fühlten sich durch das Plakat provoziert und versuchten es zu entfernen, wobei es zu dem Zusammenstoß kam. Die Schutzpolizei hatte zunächst Schreckschüsse abgegeben, wo-, durch sich die Demonstranten jedoch nicht aufhalten ließen. Der Zusammenstoß forderte auf seiten der Demonstranten einen Toten und sechs Verwundete. , Lloyd George über RaLherrSAP Ermordung. London, 26. Juni. (R"uter.) Zu Beginn der Rede, worin Lloyd George über die Frage der Zulassung Deutschlands zum Völkerbund sprach, wobei er übrigens auch dem Wunsche Ausdruck gab, daß Rußland ebenfalls in den Völkerbund ausgenommen werde, sobald es die entsprechende Geistesverfassung an den Tag lege, gab der Premierminister seinem Abscheu ob des feigen Mordes Ausdruck, dem Rat Henau zum Opfer gefallen sei, der, wie er sagte, deshalb getötet wurde, weil er die Beziehungen zwischen den Verbündeten und Deutschland verbessern wollte. Eine Folge des Mordes. London, 27. Juni. (Wolfs.) „Evening Stauda r d" führt das neuerliche Fa llenderMark auf die Ermordung Rathenaus zurück. Infolge der Befürchtungen wegen der politischen Folgen der Mmvtdmig des deutschen Außenministers sei die Valutabörse nervös. Wenn politische Beweggründe hinter dem Verbrechen ständen, könnte. dres weitgeherche Erschüttemngen bringen,.? die eine ernstliche Bedrohung für die Finanzen,-und ,die Industrie zur Folge haben könnten. In' N e ch --D p l scheinen wegen der politischen Lage in Europa BesoWisse - zu bestehen, was auch zum Fallen des englischen- PsttÄ- und des französischen-Franken, beigetragen habe? Eine französische Stimme für die deutsche Demokratie. Paris, 25. Juni. (Havas.) Der „Temps" spricht die Hoffnung aus, daß die deutsche Regierung jene Maßnahmen zu treffen wissen werde, die durch die Gefährdung der deutschen Republik geboten seien. Deren Schicksal könne Frankreich nicht gleichgültig lassen, das den freiheitlichen Grundsätzen, für die es gekämpft habe, treu bleibe, und dessen Sicherheit von der Freiheit der Völker wesentlich abhänge. Mai: wolle, daß Friede in Europa herrsche. Es sei nicht gleichgültig, ob Deutschland unter einem Regime lebe, daä im Hellen Licht des Tages arbeite, oder ob cs unter der Herrschaft einer Dynastie, einer Kamarilla und des Generalstabes zurückfalle. Oesterreich. Der Segursche Abbauplan und die Wirtschaft i« denStaatsbetrieb e« Eine Zuschrift aus Bramtenireffen. Wir erhalten aus Beamtenkceisen eine bemerkenswerte Zuschrift, der wir nachstehendes entnehmen: „Der Segursche Abbauplan birgt für die jüdischen Beamten eine eminente Gefahr in sich. Denn es heißt dort, daß der Abbau nur im Einvernehmen mit den Organisationen vorgenommen werden wird. In den Be amtenorganisationnen haben die Dutschnationalen die überwiegende Majorität und es ist nur selbstverständlich, daß sie zunächst die ihnen unliebsamsten Beamten, das sind die Juden, abbauen werden. Denn diese haben in keiner Organisation, ihre bewußten Vertreter. Ich möchte dem noch zu ernennenden Abbaukommissär einige Winke für den sicherlich berechtigten und im eminentesten . Interesse der Sanierung unserer Volkswirtschaft gelegenen Abbau geben: , Schon nach dem Zusammenbruch, als es hieß, daß die Bahnen in Privatbesitz übergehen sollen, konnte der aufmerksame Fachmann beobachten, daß die einzelnen Departements im Bundesministerium für Verkehrswesen auf das Eifrigste bestrebt waren, sich ihren Wirkungsbereich künstlich zu erweitern und, entgegen aller gegenteiligen Verordnungen über die Vereinfachung des Geschäftsganges, den Wirkungsbereich der Bnndesbahndirektionen immer mehr und mehr einzuenaen. SYchenijelbst dem Lalbeinaeweibten. war es klar. LNener Moegenzeiturrg._ Mitteilungen uns dem Publikum. Sabine Griffel Siegfried Atoeles empfehlen sich als Verlobte Wien, im Juni 1922 tooo Zu der Promotion des Herrn Jakab SJteStc? zum Doktor der Medizin gratuliert herzlichst <n'i JOSEF ENGELMANN dzt. Wien daß man sich dadurch die Unentbehrlichkeit schaffen und dem Abgebautwerden Vorbeugen wollte. Während eS den Bahndirektionen im Frieden gestattet war, Handeinkäufe bis zum Beträge von 10-000 K. im eigenell Wirkungsbereiche durchzuführen, hat das B. Dt. B. diese oberste Grenze nur widerstrebend auf 100.000 K-, Mitte 1921’ auf 300.000 K. und erst am lo. Juni 1922 ans 1,000.000 K. erhöht, so daß die Direktionen bei der Goldparität vom 10. Juni 1922 mit 3500 K. bloß (1,000.000 : ScoO gleich 288 K.) den fünfunddreißigsten Teil ihres Friedensmachtbefugnisscs haben. Die Folge ist, daß jede einzelne 1,000.000 K. übersteigende Handeinkaufsbestellnng der Genehmigung des Ministeriums bedarf und dort mindestens ein bis sechs Wochen liegen hlekbt, bevor die Direktion im Besitze der Genehmigung ist. Aber selbst bei beschränkten Ausschreibungen, die bis zu einer Hohe von 6,000.000 K. seit lO. Juni 1922 und bei öffentlichen Ausschreibungen, die bis 20,000.000 K. seit diesem Datum den einzelnen Direktionen gestattet sind, ist der Vorgang ähnlich. Welcher Schaden der Volkswirtschaft ans dieser kü nsilich her bei geführten Verschleppung entsteht, läßt sich daraus beurteilen, daß bei Rücklangen der Genehmigungen 99 Prozent aller Firmen die angebotenen Preise nicht mehr aufrecht hielten und daß in der Regel mit Rücksicht auf die nahezu täglich sprunghaft steigenden Preise stets doppelt so teuer eingekaust wurde, als bei Erweiterung der Selbständigkeit der Direktionen möglich gewesen wäre. Ja die Verschleppungstaktik des Ministeriums ging oft so weit, daß bereits vollzogene Ausschreibungen nur deshalb anulliert und neuerlich vorgenommen werden mußten, weil bei der ersten Ausschreibung eine oder die andere vom Ministerium gewünschte Firma nicht beteiligt war. So wurden zum Beispiel Drahtstifte statt mit 300 St. pro Kilogramm, dann mit 680 K. pro Kilogramm bezahlt. So geschah es bei der Vergebung des Bedarfes der Bundesbahnen an Glas, Leder, verzinktem Eisenblech u. a. Der Schaden g e h t i n d i e h n n d e r t M i l l i o n e n. Er wird.noch vervielfacht durch die sonderbare Art der Holzvergebunge n. Die Bundesbahnen haben einen ungefähren jährlichen Verbrauch von 30.000 Kubikmeter weichen und 15.000 Kubikmeter harten Werkstättenschnittholzes. Während - dys Verkehrsministerium allen inländischen.Firmen 63.000 K. für. einen Kubikmeter polnisches Eichenschnittholz bezahlt, kauft '%% gleichzeitig bei Lemberger Firmen zum sonderbaren Preise Äon 48.000 Polenmark den Kubikmeter desselben Materials, b. i beim Abschlußkurse von 420 und der Menge von 10.000 Kubikmeter ein nutzlos hinaus ge wo rfener Betrag von 1.386,000.000 K. Wobei noch berücksichtigt werden muß, daß die Lemberger Firmen dem österreichischen Staate nicht einen Heller Steuern bezahlen und demnach das Ministerium den Staat durch solche Geschäfte um hunderte Millionen an Steuern verkürzt. Wodurch erklären sich solche Geschäfte? Einzig dagurch, daß statt der kaufmännischen eine durch und durch b u r e a ukratische Leitung da ist. Beamte, die keinen Tau kaufmännisch«: Begabung und praktischer Fähigkeiten haben, die mit ihren Scheuklappen nur den Horizont ihres Schreibtisches überblicken und niemals ihre Nase in einen wirklichen Betrieb gesteckt haben, sind die Entscheidenden an derart volkswirtschaftlich wichtigen Stellen. Die Bundesbahnen sind der größte Konsument im Staate. Als Treuhändler der Bevölkerung hat der Staat die Pflicht, dieses Unternehmen kaufmännisch zu leiten. Er hat die volkswirtschaftliche Pflicht, tüchtige und kaufmännisch begabte Angestellte auf derart verantwortungsvolle Posten zu geben und 80; Prozent aller jetzigen Bureaukraten können mit Leichtigkeit abgebaut werden." Abschluß der wirtschaftliche« Verhandlungen mit Ungar« Me», 27. Juni. (Warenaustauschabkommen mit Ungarn.) Im Sinne des mit Ungarn abgeschlossenen Handelsvertrages, der demnächst der parlamentarischen Behandlung unterzogen werden wird, wurden wegen Abschlusses eines Warenaustauschübereinkommens Verhandlungen mit der ungarischen Regierung geführt, die nach bängerer Dauer nunmehr ihren A bschluß gefunden haben. Das Abkommen wurde heute im Bundesministerium für Aeußeres unterzeichnet und wird nach Genehmigung der Regierungen in acht Tagen in Kraft treten. Das Abkommen enthält beiderseits Kontingente für die Ausfuhr sowie für die Einfuhr. Für den Bezug Oesterreichs aus Ungarn sind insbesondere folgende Kontingente hervorzuheben: Monatlich 8000 Stück Vieh, vier Waggons Eier, halbjährig IM Stück Fettschweine, täglich 16.000 Liter Milch. Hinsichtlich des Transtts von Wien wurden ungarischersertS Erleichterungen in Aussicht gestellt, über deren Durchführung voy den beiderseitigen Eisenbahnverwaltugen bereits Verhandlungen gepflogen werden. „ Für den Bezug Ungarns aus Oesterreich wurden, festgesetzt unter anderen: Kontingente für Hob, Papier. Senkenstahl.. ’ ~ _28. Sunt 1922 Nr. 1225. Für den Export Oesterreichs nach Ungarn wurden Kontingente vereinbart, insbesondere in Textilien, Holzwaren, Eisen- und Metallwarcn, Maschinen und einzelnen Ehemikalien, Der Export Uügarns nach Oesterreich erhält insbesondere Kontingente in Teigwaren, Salami, Konserven und für eine Anzahl tyn Jndustrieartikeln. Der ungarischen Weineinfuhr wurden weitgehende Erleichterungen zugestanden. Amtsantritt -es neuen -iintschen Gesandten. Der neucrnannte Gesandte des Königreiches Dänemark Paul Viktor Bi gl er ist gestern um 12 Uhr mittags beim Bundespräsidenten Dr. H a i n i s ch erschienen, um sein Beglaubigungsschreiben zu überreichen. Tschecho-Slowakei. Die Vorgänge in Leitmeritz. Prag, 27. Juni. Das Abgeordnetenhaus setzte heute dir, Debatte über das Schulgesetz fort. Abg. Schollich (deutschnational) schilderte die Vorfälle in Leitmeritz gelegentlich des Turnersestes am Sonntag. Die Behörden hätten die Benützung der Fahnen des Turnvereins gestattet. Trotzdem seien zuerst vereinzelte, später Massenangriffe von tschechischer Seite auf die Teilnehmer des Festes erfolgt, die ihren Höhepunkt mit einem Ueberfall von Soldaten und Zivilisten auf einen Kinderzug erreichten. Dem Befehl des Stationskommandanten, Generals R ad da, in die Kaserne zurückzukehren, hätten die Soldaten keine Folge geleistet. 70 Personen, darunter 40 Kinder, seien teils schwer, teils leicht verletzt worden. Die Rede Schollichs wurde vielfach von lärmenden Zustimmungskundgebungen und Zwischenrufen der Deutschnationalen unterbrochen. Als der Redner erklärte, daß das Militär zur Ermordung von Kindern verwendet werde, wurde er zur Ordnung gerufen. Der Redner schloß: Treiben Sie unsere Geduld nicht zum Ileußersten, sonst werden Sie den Bürgerkrieg Hervorrufen. Hier wurde Schollich abermals zur Ordnung gerufen. Unstimmigkeiten im deutschen Verband. Prag, 27. Juni. Der Bund der Landwirte, die Christlichsoziale Partei und die Deutschdemokratische Arbeitspartei veröffentlichen eine Erklärung, worin sie darauf Hinweisen, daß durch die ohne vorherige Kenntnis der anderen Parteien erfolgte Bildung der deutschen Kampfgemeinschaft seitens der Deutschnationalen und der Deutschen nationalsozialistischen Partei vor der Oeffentlichkeit eine Sonderstellung bezogen wurde, was um so weniger verständlich sei, als sich der Verband erst kürzlich über die gemeinsamen taktischen Richtlinien geeinigt habe. Die Bildung der Kampfgemeinschaft , bedeute daher eine e r n st -e und s ch w e r G efährdung der deutschen Einheit und die genannten Parteien lehnen die Verantwortung für die daraus erwachkcnden Nachteile ab. Ungar«. Nationalversammlung. Ein verhasteter Abgeordneter. Budapest, 27. Juni. (U. T. K. B.) -In der heutige» Sitzmlg den Nationalversammlung meldete der sozialdemokratische Abgeordnete Peter die Verletzung seines Jmmunitäts recht es an, die dadurch begangen worden sei, daß man ihn, als er schon gewählter Abgeordneter war, in Oroshaza verhaftet, fünf Stunden lang gefangen gehalten und dann auf fünf Jahre aus der Gemeinde ausgewiesen chabe. Die Anmeldung wurde an den Jmmunitätsausschuß geleitet.' Abg. Umetth unterbreitete den Bericht des Wirtschaftsausschusses betreffend die Bezüge der Abgeordneten. Der Ausschuß beantragt, daß die Abgeordneten ■. hinsichtlich ihrer Bezüge den in die sechste Gchaltsklasse eingereihten Staatsbeamten gleichgestellt werden, in welchem Falle sich ihre Bezüge auf 8000 Kronen stellen würden. Abg. Farkas (Einheitspartei) lehnt den Antrag aus juridischen, wirtschaftlichen und moralischen Gründen ° ab und betont, daß, solange die wirtschaftliche Lage sich nicht bessere, alle zur Verfügung stehenden Beträge der Linderung der allgemeinen Not zugewendet werden müssen. Das Haus nimmt hierauf den Antrag des Wirtschaftsausschusses an, Graf Klebelsberg will fei« Wort halte«. Aü§ Budapest wird uns berichtet: Allem Anscheine nach bemüht sich der neue Minister str Kultus und Unterricht, Graf Kuno Klebelsberg, Beweise dafür zu liefern, daß er entsprechend seiner Zusicherung bei seinem Amtsantritte in seinem Ressort den konfessionellen und Rassenhaß abbauen willl Seine erste Verordnung als Kultus- und Unterrichtsminister richtet sich gegen die seinerzeit vom Schöpfer des Numerus clausus, Stephan Haller, erlaffenen Verordnung, nach der in allen Mittelschulen des Landes die absolvierten Zöglinge der vierten Klasse einer So n der Prüfung zu unterziehen seien, von deren Ergebnis erst der Aufstieg in die fünfte Klasse abhängig gemacht wurde. Diese Verordnung, die unter dem Deckmantel einer neuen Berufsschichtung in Ungarn die Handhabe bot, die jüdischen Schüler selbst im Rahmen des Numerus clausus aus den Mittelschulen zu verdrängen, hat bereits im verflossenen Herbst den Abgeordneten Rassay zu einer scharfen Interpellation veranlaßt. Der damalige Unterrichtsminister Dr. V a ß, der bekanntlich dem geistlichen Stande angehört, versprach Wohl die Widerrufung dieser Verordnung, doch hat er sein Versprechen nicht-eingehalten. Nunmehr erließ der neue Unterrichts- \ Minister Gras MebeWerg eine Pe.ro.rd.nun6. die den

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