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Wiener Morgenzeitung · 1922-06-28 · Heft 1224 (28.6.1922) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
4 (1922)
Issue
Heft 1224 (28.6.1922)
Date
1922-06-28
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 1224 Wim, Miiiwoch Mener Morgenzettung. §8. Juni 1922 Seite 3 Die €rnwrflung Ratbenatii. Abg. Seitz: Das ist die Wahrheit, aber herausgelockt Mußte sie werden! Bundeskanzler Dr. Seipel: Das Prestige des Staates ist ein ideales' Gut. (Neuerlicher stürmischer Beifall und Händeklatschen bei den Christlichsozialen und Großdeutschen/ — Andauernde Zwischenrufe und großer Lärm bei den Sozialdemokraten.) Abg. Tomschik: Das Prestige Seipels, nicht des, Staates! - ' Abg. Seitz: Es mußte endlich die Wahrheit gesagt werden! Abg. Glöckel: Seipel und Staat ist doch nicht dasselbe!' Die Galerie mischt sich ein. Bundeskanzler-Dr. Seipel: Eine Prestigepolitik im Sinne einer Politik um das Prestige des Staates werde ich immer führen, weil es sich eben dabei um ein ideales Gut handelt. (Stürmischer, anhaltender, sich wiederholender Beifall und Händeklatschen bei den Christlichsozialen und Großdeutschen. Beifall auf der Galerie. Stürmische Zwischenrufe und großer Lärm bei den Sozialdemokraten.) Präsident Dr. D.i n g h o f e r (wiederholt das Glockenzeichen gebend): Ich bitte um Ruhe! (Fortgesetzter Lärm.) Ich bitte um Ruhe, ich werde schon' selber Ordnung machen! (Andauernder Lärm.) Ich bitte, den Vorsitzenden sprechen zu lassen, sonst kommen wir zu keiner Ordnung. Es ist ganz unmöglich, daß ich einen Appell an die Galerie richte, wenn im Saale ein solcher Lärm ist. Es ist selbstverständlich, daß sich die Galerie jeder Beifalls- oder Mißfallskundgebung zu enthalten hat. Wer sich nicht daran hält, müßte entfernt werden. (Fortgesetzte Zwischenrufe bei den Sozialdemokraten. — Großer Lärm.) Für die Christlichsozialen versicherte dann, als sich der Lärm gelegt. hatte, Abg. Schonsteiner, daß die Beamtenorganisationen auch in Hinkunft nicht von der Mitbestimmung ausgeschlossen sein sollen. Abg. Seitz (Sozialdemokrat) behauptete, der Bundeskanzler sei in den Streik hineingetorkelt. Wenn Dr. Seipel die Autorität des Staates im Auge hatte, hätte er den Weg der Versöhnung und der Verhandlungen mit den Angestellten betreten müssen. In Oesterreich könne man nur eine Prestigepolitik, nämlich die der Vernunft, betreiben. Wir wollen diesen Staat und werden danach trachten, daß er nicht durch Mutwillen oder im Gewände der Autorität Schaden leide.' Es sprachen hierauf noch der Großdeutsche Dr. Zeidler und-der Christlichsoziale Fink, welch letzterer sehr versöhnliche Töne anschlug. Das Jndexgesetz wurde schließlich dem Finanzausschuß zugewieseu. - Nächste Sitzung: Heute 5 Uhr nachmittags. Eberts Nachruf. Berlin, 27. Juni. (Wolfs.) In einer Rede bei der heutigen Trauerfeier für Minister Dr. Nathenau im Reichstag führte Reichspräsident Eber t, nachdem er der Trauer der Nation Ausdruck gegeben und die hohen Charaktereigenschaften und Fähigkeiten des Ermordeter: gerühmt hatte, aus: Gehoben durch das Ansehen, das er als Führer deutscher Industrien nicht nur. im deutschen Wirtschaftsleben, sondern in der ganzen Welt schon früher genoß, gestützt auf den Eindruck und die Macht einer Persönlichkeit, galt sein Wort in der Welt und in den Kreisen, die sie zurzeit beherrschen. Er war es in erster Linie, dem die Aufgabe gestellt werden konnte, unser Volk wieder in eine politische und wirtschaftliche Beziehung der Völker einzufügen, zum Heil und. zur Gesundung" der ganzen Welt. Die Kugeln feiger Mordgesellen°haben^ihn aus diesem Wege, herausgeschlleudert. Aber hie vertuchte Tat traf nicht den Menschen Rathenau allein, s i« ' t r isst Deutschland in seiner Gesamtheit: Sie ist ein Anschlag auf die deutsche Nation, der sie einen der besten Patrioten, der fähigsten Köpfe und Vorkämpfer des deutschen Aufbaues raubte. Sie ist ein Verbrechen an unserem arbeitsamen, duldenden und hoffenden Volk, das sie aufs neue in den zerfetzenden Kampf der Leidenschaften hineingezogen hat. Kondolenzen. Berlin, 26. Juni. (Wolff.) Der Reichskanzler hat folgende Beileidstelegramme erhalte::: Vom Premierminister Lloyd George: Mit tiefstem Bedauern habe ich die Nachricht'vom Tode Dr. Rathenaus erhalten, und möchte meinem Abscheu über das entsetzliche Verbrechen Ausdruck geben, durch das das deutsche Volk eines seiner ausgezeichnetsten Vertreter beraubt worden ist. Die ganze Welt muß MänNern ihren Dan? zollen, die, wie er es tat, im Dienste des Volkswohles den Gefahren eines öffentlichen Hasses trotzten. Uebermitteln Sie, bitte, seiner Familie mein tiefstes Mitgefühl. Vom italienischen Ministerpräsidenten Facta: Mit tiefstem Schmerze erhalte ich die Nachricht vom Tode des Herrn.-Rathenau. Deutschland verliert in ihm einen hervorragenden Mann, dessen Kultur und Geist alle bewundert haben. Ich erinnere mich der Zeit, die ich mit ihm in Genua verbrachte, und der Sympathien, die er einflößte. Ich bitte Sie, das -tiefempfundene Beileid entgegenzunehmen, das die italienische Regierung und ich mit lebhafter Anteilnahme übermitteln. : Vom italienischen Minister.des Aeußern Schanze r: Auf meiner Fahrt durch Deutschland nach London erfahre ich die traurige Nachricht von dem Verbrechen, dem Minister Rathenau zum Opfer fiel. In Genua habt ich die Eigenschaften dieses hervorragenden deutschen Staatsmannes schätzen gelernt, und ich mache mir klar, 'was Ihr Land durch diesen grausamer: und frühen Tod verloren hat. Ich bitte Sie, die Versicherung meiner -aufrichtigsten Teilnahme an Ihrem und des deutschen Volkes Schmerz entgegenzunehmen. Vom rumänischen Ministerpräsidenten Bra.tiann: Schmerzlich bewegt höre ich von dem entsetzlichen Attentat. Die Erinnerung, die ich von unserer Genueser Unterhaltung bewahre, läßt mich den großer: Verlust ermessen. Ich bitte Sie, den Ausdruck meines tiefsten Beileids entgegenzunehmen. Kundgebungen der Republikaner. Berlin, 27. Juni. (Tel.-Komp.) Die republikanische Parteien hatten für heute 3 Uhr nachmittags zu einer neuerlichen großen Demonstration aufgerufen. War schon die Kundgebung arn vergangenen Sonntag von großen Menschenmassen besucht, so . nahmen an der heutigen Menschenmassen teil, wie sie in gleich großer Menge noch selten zu beobachten waren. Von allen Seiten strömten Züge unter Borantragung schwarz-rot-goldener und roter Fahnen herbei, zum Teil direkt aus den Betrieben. Pünktlich um 3 Uhr verkündeten Trompetenstöße den Beginn der Ansprachen, die von zahlreichen Stellen des Lustgartens, vom Nationaldenkmal und auf den: Schlößplatz. durch bekannte Führer der auf dem Boden der Republik stehenden Parteien gehalten wurden. Die Reden wurden mit Hochrufen für die Republik ausgenommen: Durch neue Trompetenstöße wurde der Schluß der Ansprachen verkündet. Die Demonstration endete mit der Abfindung von Arbeiterliedern. "• Die große Kundgebung spielte sich in vollster Ruhe und ohne Zwischenfall ab. Auf dem Schloß wehte die. schwarz-rot-goldene und die preußische Fahne auf HaW mast. . / Anch^im Reich, wo die Arbeiterschaft die Arbeitsruhe allenthalben zu Demonstrationen benützte, kam es, soweit . sich bisher überblicken läßt, nirgends zu Zwischenfällen: Kundaebnnqerr in München. München, 27. Juni. (Süddeutsches Korcespondenzbureau.) Aus der Theresienwiese veranstalteten heute nachmittags die sozialdemokratischen Parteien eine Massenprotestkundgebung gegen den Mord an Rathenau, die einen ruhigen Verlauf nahm. Cs wurden verschiedene Roden.gehalten, die sich in der , Hauptsache gegen die geistigen Urheber des Mordes wandten, wobei besonders die Namen Helfferich, Roth und Pöhuer gc- . nennt wurden. Mit einem Hoch ans die deutsche Republik schlossen sämtliche Reden. Regenmäntel llOCl!« engl. Stoffe, Herren.- und Damenwäsche, Leinen- und Strickwaren, alles erstklassig und billigst bei [Schiffmann ■ II., TaborstraBe 48 Telephon 47-1-79 En gros En detail imiai wtBttEBU. Das Haus der zehntausend Blumen. . Von Paul Block (Paris). Das Haus der zehntausend Blumen liegt im ältesten Paris, in einer e:^en und dunklen Straße, ganz nahe dem Boulevard St. Michel. Wie die goldene Arabeske das rote Lackschild über der Tür» so ziert der poetische Name nüchternen Alltag mit einem zarten Schimmer fremdländischer Kultur:, das Haus der zehntausend Blumen ist ein chinesisches Restaurant. Nicht das einzige in Paris. Es gibt noch andere Speisewirtschasten für Chinesen am linken Ufer, zu denen Fremde niemals hinsinden, weil kein Reisebuch über sie berichtet. Dies ' Haus aber ist das feinste/ das sich in einigen Äußerlichkeiten auch dem Geschmack europäischer Besucher anpaßt. Im chinesischen Restaurant erhält der Gast kein Brot und kein Messer. Statt der Teller werden Schalen und Schälchen aus seinem Porzellan aus den Tisch gestellt. Wer es nicht anders anordnet, bekommt die Speisen nicht in der gewohnten Reihenfolge, sondern zusammen serviert und muß lernen, die klein geschnittenen und zerhackten Merkwürdigkeiten Mit dem als Brotersatz in beliebiger: Quantitäten gespendeten ausgezeichneten Reis zu einem schmackhaften Brei zu mischen. Barbaren und weiße Teufel essen dies ar: Gewürz und Ueberrsachungen reiche Ragout mit der Gabel-, oder gar furchtbar zu sagen, mit den: Lössel. Menschen mit feinerer Kultur bedienen sich, zu dieser Verrichtung der Eßftäbchen, die jedem Gast gereicht werden r:nd die für den, der sie zu gebrauchen weiß, als eine zierliche Erfindung gelten dürfen, Die Eßstäbchen sind aus Elfenbein hergestellt, haben die Länge und das Aussehen korpulenter Stricknadeln und werden, nicht, wie Messer und Gabel, mit beiden Händen, sondern mit einer Hand benutzt. Ich habe beim ersten Versuch eine ganze Reisplantage auf dem Tischtuch angelegt, Porzellanschüsseln und Nasenlöcher ernstlich gefährdet und doch nichts in den Mund bekommen, als einen Elfenbeinstab, der, schrecklich enttäuscht, sofort wieder hevausrutschte.- * 1 Außer Chow-Chow und Lhchees hat der Gast der zehntausend Blumen noch 113 andere Genüsse zur Auswahl, die alle auf einer sauber gedruckten Speisekarte in drei Sprachen verzeichnet sind: französisch, englisch , und chinesisch. Da gibt es „Suppe von Vogelnestern mit zerstoßenem Huhn" oder „Schweinefleisch mit Bambusgemüse" oder „Ragout mit Fischeingeweiden mit Gelügelpüree" oder „Nudel mit Krebsen" oder „Ente mit Ananas". Es stehen auch konservierte Eier auf dem Menü, diese berühmten faulen. Eier, die in Europa der Schrecken durchgefallener und in China der Hochgenuß raffinierter Feinschmecker sind. Obwohl mir ein Kenner versichert hat, daß diese Eier nicht anders schmecken, als ein guter Weichkäse, Hab' ich mich an diesen Schlemmerbissen nicht herangetraut. Ich hatte das unbestimmte Gefühl, daß die Eier vielleicht in Paris faul geworden sein könnten. Hingegen vermag ich die gleichfalls berühmten Hcrisischslossen zu empfehlen. Sie schmecken wie Fisch mit Makkaroni; der Haifisch ist nicht mehr gefährlich. Alle diese Leckereien gibt eö in Miniaturschüsseln. Wer jedoch Appetit auf Speisen von ganz besonderer Art hat, darf zwischen vierundzwanzig großen Gerichten wählen, die einen halben Tag vorher bestellt werden müssen und für die von unbekannten Gästen eine Vorausbezahlung jn entrichten ist. Dafür hat man aber auch etwas! Wen reizt nicht Nr. 94: eine in Dampf gesottene ganze Ente,, die mit Mandarinenlikör parfümiert ist? Oder Nr. 93: Ragout von weißen Oliven, Seegras, Bambussprossen, Hühnerflügeln usw., wobei nur das Undsoweiter zu denken gibt, das aus Chinesisch vielleicht Regenwürmer heißt. Nr. 110 und Nr. 105 verdienen die Einführung in die europäische Küche: Hummer in Bpot gebacken und Champignons mit Bohnenumhüllung. Auch die »Miserpastete" ist sehr gut: feine in Oel gesottene Teigrollen mit einer Füllung von gehacktem Fleisch und Pilzen. ' Fast alles, was man erhält, sieht auf den ersten Blick aus wie ein Gemüsesalat oder eine Ragvutmischung. Der Abendländer schaut verlegen aus vier in eine Reihe gestellte Schüsselchen, in denen schwärzliche, grünliche, gelbliche, rötliche und weißliche Brocken bemerkbar sind, und vermag nicht zu erraten, was Fleisch oder Fisch oder Gemüse ist. Bei gewissenhafter Prüfung zeigt sich dann freilich, daß die Nuancen, des Wohlgeschmacks, sehr verschieden sind und daß sie durch die Beimischung größerer oder geringerer Mengen von Reis . noch mehr . variiert werden können. In dubio hilft die Flasche mit Soyasauee, die aui dem Tisch steht, über kleine Bedenken des Magens hinweg. Auch ist es niemanden verwehrt, im chinesischen. Restaurant einen französischen Kognak zu trinken. Jedes kleine Zaudern schwindet aber bei wiederholtem Besuch. Dann weiß der Gast,, daß alles sauber zubeveitet ist und vertraut sich willig den zehntausend Überraschungen an, die ihn im Haus der zehntausend Blumen erwarten. In: übrigen sind die Chinesen viel zu höflich und wohl erzogen, als daß sie auf die anwesenden Europäer so neugierig hinstarren sollten, wie die Pariser Damen und Herren auf die chinesischen Tische. Seht euch die Familie am Fenster an:' der Vater, die Mutter und vier Kinder, drei Jungen und ein kleines Mädchen. Eine reiche Familie, yine glückliche Familie — viele Kinder gelten in China als Glück. Alle tragen europäische Tracht und die Eltern wissen sicherlich auch Lei Larue oder Prunier Bescheid. Hier aber sind diese Chinesen zu Hanse-. Sie esseir fast täglich im Restaurant der zehntausend Blumen und die Kinder klettern, kaum, daß sie gekommen sind, fröhlich aus die hohen Stühle. Der größte Junge trägt eine runde goldene Brille, wie der Vater, das kleine Mädchen ist gar nicht schüchtern und klappert schon mit -den Eßstäbchen, bevor der Reis auf den: Tisch steht. Denn hier erkennt man, wie leicht mit den Eßstäbchen mnzugehen ist, wenn ein kluger Chinese und nicht ein dummer Europäer sie in der Hand hat. Alle Kinder verstehen sie zu gebrauchen, und sie gebrauchen sie auch. Da kommt die silberne Schüssel mit Suppe und die große Schale mit Reis und ein halbes Dutzend kleiner Schüsseln mit allerlei Herrlichkeiten ans der Zahl der 115 Gerichte, und die Eßstäbe gehen von allen Seiten zum Angriff über. Jedes Mitglied der Familie, die. Großen wie die Kleinen, mischt sich seinen Brei zusammen und holt während des Essens neue Ergänzungen ans den duftenden Schüsseln. Alle sind ernsthaft dabei, halten mit den linken Händen das Schälchen in der Nähe des Mundes und führen den Kampf um den täglichen Reis mit der Rechten. Die Mama spricht kein Wort; der Papa scherzt mit den Kindern. Und der kleine Mandarin guckt durch die runde Brille mißbilligend die amüsierten Europäer an: was wollt ihr von n:ir, ihr Leute' ohne Kultur? Ihr seid, fünfmal so alt wie ich und habt noch nicht-einmal gelernt, mit Eßstäbchen zu speisen, wie meine kleine Schwester! s

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